„Tag der Deutschen Einheit“ – welcher Einheit, bitte?

Das Kunstdatum 3. Oktober löst keine Gefühle der Ergriffenheit aus. Wie auch in einem Land, das die Classe Politique geistig so tief gespalten hat, wie es nicht einmal die Existenz zweier deutscher Staaten vermocht hatte.

Keine rechte Feierstimmung - Kundgebung vor dem Berliner Reichstag am 3. Oktober 1990 - Bundesarchiv, Bild 183-1990-1003-400 / Grimm, Peer / CC-BY-SA 3.0

Vom 2. auf den 3. Oktober, so die offiziöse Lesart, traten die neugegründeten Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie Berlin als Ganzes dem Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 GG bei, wurden somit Teil der Bundesrepublik Deutschland.

Damit ist der 3. Oktober lediglich das Datum des bürokratischen Vorganges, den die Bonner Chefbürokraten Wolfgang Schäuble und Klaus Kinkel ohne jedes Gespür für die historische Stunde, die das hätte sein können, in viele zu viele Worte gegossen hatten. Als ich in jenen Tagen zu Klaus Kinkel sagte, das ist die Stunde der FDP, alles auf den Prüfstand, was sich in der Bonner Republik fehlentwickelt hat, zurück zu Ludwig Erhard und eine mutige Reform an Haupt und Gliedern, sah er mich an, als zweifelte er an meinem Verstand.

Es war dann auch keine „Wiedervereinigung“, sondern ein Anschluss – dem eine goldene Zeit folgte für Beamte, öffentlich Bedienstete, Politiker, Anwälte und so weiter, die im Westen nicht so recht voran kamen, weil sie nicht die Besten waren, oder weil zu viele von ihnen in der Warteschlange standen. Die sogenannte Wiedervereinigung war die Stunde der Anschluss-Gewinnler und rettete Helmut Kohl, Otto Lambsdorff und ihre Parteien völlig unverdient vor dem sicheren Verlust der bevorstehenden regulären Bundestagswahl.

Frohen Tag der Deutschen Einheit!
Der Mensch entfaltet sich am besten in der Freiheit
Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni in der echten Bundesrepublik Deutschland im Gedenken an den Volksaufstand 1953 in der DDR gesetzlicher Feiertag mit dem Namen „Tag der deutschen Einheit“. Der Beschluss, den Bürokratentermin 3. Oktober in der nur noch so genannten Bundesrepublik Deutschland an die Stelle des 17. Juni zu setzen, wurde dadurch „gekrönt“, dass im neuen Staatsfeiertag das Wörtchen „deutschen“ nicht mehr klein geschrieben wird, sondern groß: „Deutschen“.

Da in der Bonner Republik so gut wie niemand mehr an eine „Wiedervereinigung“ geglaubt hatte – auch in CDU und FDP – und viele bei SPD, FDP und Grünen keine wollten, als sie plötzlich möglich erschien, rollte die bürokratische Anschlusswalze über sie alle hinweg, bevor sie so richtig begriffen, was da geschah.

Der Anschluss 1990 verschob nicht nur die damals längst überfällige Grunderneuerung des deutschen Parteienstaats bis heute, sondern gab den Mandarinen und Eunuchen dieses Parteienstaats die Möglichkeit, von noch mehr Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Medien Besitz zu ergreifen.

Hatten bereits in der Bonner Republik die Allermeisten den echten „Tag der deutschen Einheit“ am 17. Juni nur noch als arbeitsfreien Tag genutzt, löst der „Tag der Deutschen Einheit“ am Kunstdatum 3. Oktober erst recht keine Gefühle der Ergriffenheit aus. Wie auch in einem Land, das die Classe Politique unter opportunistischem Voranschreiten der Person M. so tief gespalten hat, wie es geistig nicht einmal die Existenz zweier deutscher Staaten vermocht hatte.

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Kommentare ( 50 )

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Anna-Maria
9 Tage her

Ein guter Artikel von Herrn Boris Kálnoky
https://corvinak.hu/de/vilag/2020/10/23/erinnerungskultur-in-deutschland-und-ungarn-wer-sind-wir-az-vagyunk-amire-emlekszunk-nemet-es-magyar-emlekezetkultura
3.10 Nationalfeiertag Deutschlands, 23.10 Nationalfeiertag Ungars.

Berlindiesel
12 Tage her

Ein Land, das keine Nation mehr sein will, benötigt keinen Nationalfeiertag – und das sehen die Bewohner dieses Staates genauso. Wie Fritz Goergen sehr richtig schreibt, wollten die Westdeutschen 1989 in der Mehrheit KEINE Wiedervereinigung mehr – die Weichen in Richtung europäischer Bundesstaat per Euro waren längst gestelt und beim westdeutschen Bürgertum allgemein goutiert. Kohl, ganz in der Tradition Adenauers, ein rheinischer Separatist mit der Blickrichtung Paris und Washington, allenfalls weniger ein Preußenhasser als wie Adenauer, der im Gründungsakt 1949 insgeheim und sehr zufrieden nur das Nachholen von 1923 sah. Deswegen auch die Feindschaft mit Kurt Schumacher, der sehr wohl… Mehr

Ensign Marcel
12 Tage her

3. Oktober 1990 – wiedervereinigt nach über 40 Jahren.
Wir sind zwar wieder ein Volk, aber die Einheit Deutschlands ist weiterhin unvollendet.
Gib noch Hoffnung?
Deutschland 1949 in zwei Staaten geteilt,
1989 der Mauerfall,
2029 ECHTE WIEDERVEREINIGUNG?
40 Jahre sind in der Bibel eine feste Zeit von Demütigung, Läuterung und Besinnung.
Ich hoffe, dass die Besinnung im Land langsam mal kommt!😮

Deutscher
12 Tage her
Antworten an  Ensign Marcel

„Wir sind zwar wieder ein Volk, aber die Einheit Deutschlands ist weiterhin unvollendet.“

Naja, wohl eher ein multikulturelles Patchworkvolk inzwischen.

Last edited 12 Tage her by Deutscher
Protestwaehler
12 Tage her

Und da warnt ausgerechnet Merkel heute wieder das in Deutschland die Demokratie in Gefahr sei hahaha… naja, ein Baustein dieser Gefahr ist ja zum Glück bald verschwunden, Merkel 😉

Kassandra
11 Tage her
Antworten an  Protestwaehler

Sie bekam „standing ovations“ von ihren Politikerkollegen. Für was auch immer.
Wenn man aufmerksame Psychotherapeuten, Analytiker, Pädagogen oder Soziologen fragte, müssten die ob selbst offenbarender Passagen in dieser Rede ein schlimmes Urteil fällen. https://www.bundeskanzlerin.de/bkin-de/aktuelles/rede-von-bundeskanzlerin-merkel-anlaesslich-des-festakts-zum-tag-der-deutschen-einheit-am-3-oktober-2021-in-halle-saale-1964938
Was sie beschreibt, hat mit der von ihr geschaffenen „Realität“ wenig bis nichts zu tun.
Der Blazer war in der Farbe der Unschuld diesmal wieder weiß.

Last edited 11 Tage her by Kassandra
Gerd Sommer
12 Tage her

Am 17.Juni ist wenigstens das Wetter besser, das ganze Volk könnte feiern, aber ob sich die Herrscherclique sich im Juni oder im Oktober befideln läss,t ist mir völlig wurscht..

Eddie
12 Tage her

Die Wiedervereinigung war kein Anschluss, wie er von Hitler in Hinblick auf Österreich praktiziert wurde und Kohl war deswegen auch kein Anschlussgewinnler. Kohl hat im Alleingang gegen alle Widerstände, besonders von links, die Wiedervereinigung durchgesetzt. Das ist sein Werk und sein historischer Verdienst. Wir sollten ihm dankbar sein. Eine Merkel könnte ihm nie das Wasser reichen und auch nicht die Merkel-CDU.

eisenherz
12 Tage her

Ich will meinen 17. Juni als deutschen Feiertag wiederhaben. Der 17. Juni im Angedenken an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, der kein Tag der Trauer war, auch wenn er angesichts der vereinigten deutschen Kommunisten, die SED, die sich heute „Die Linke nennt“, vereint mit den sowjetischen Kommunisten und Panzern niedergeschlagen wurde. Ein Aufstand, der in der Sowjetischen Besatzungszone gegen eine kommunistische Diktatur gerichtet war. Und alle, die von den DDR – Schergen verfolgt wurden, die konnten es schaffen, als deutsche Flüchtlinge in Deutschland den Weg nach Westdeutschland anzutreten. Die wurden hier wie deutsche Flüchtlinge erst einmal mit Nötigsten versorgt,… Mehr

Peter Pascht
12 Tage her

Vor der Merkel Ära hatte das Hambacher fest noch seine gebührende besondere Ehrung erhalten, da wo die heutige Bundesflagge geboren wurde.
Heutzutage kent die junge Generation, insbesonder die Grüne und Linke, gar nicht mehr die historischen Bedeutung des Hambacher Festes, sowie der bürgerlichen Revolution von 1848.
Heutzutage wirft diese Merkel diese Flagge der Deutschen, verächtlich auf den Boden in die Ecke geschmissen, „Das brauchen wird jetzt nicht mehr“ (eigentlich eine Strafat, „Verunglimpfung der Symbole des Staates“)

dherr
12 Tage her

Ja, ich sah heut früh das ‚Theater‘ in der Paulus Kirche . Eine fast leere Kirche . Eine Art Matinee , im preußischen Stil. Eher ein Bühnenauftritt von kirchlichen Figuren. In prächtigen Kostümen und im Bühnenbild einer Kirche. Dazu noch eine Art ‚KirchenBand‘ mit modernjazziger Musik, von der Empore rhythmisch aus der Ferne abgespielt.  Ein düstere Vision einer völlig zerteilten Gesellschaft, wo der Friede und Zusammenhalt nur beschworen, symbolisch dargestellt wird, wo aber alle in Abstand voneinander sind. Regierende ziehen in Halle ein, lassen ein ganzes Viertel Absperren, aus Angst vor wem? Kalt ist’s. Hohl tönen die Fanfaren. Die Stadt… Mehr

Peter Pascht
12 Tage her

Der Stacheldraht in den Köpfen existiert auch heute noch, Dank spalterischer Maßnahmen und Gesetzen, die 32 Jahre danach, noch immer rechtlichen und geseelschaftlichen Unterschied zwischen Ost und West machen
32 Jahre danach, noch immer spalterische Gesetze und Maßnahmen
und eine dadurch gespaltene Gesellschaft in „DDR“ und den Rest

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Last edited 12 Tage her by Peter Pascht