Auch Daniela Seidel hat kritisch über Jason Arday berichtet. Nun bildet sich eine Front, die Journalisten, Kritiker und Zweifler für den Tod des Hochstaplers verantwortlich macht. Doch Legendenbildung ist ebenso unangemessen wie mediale Kampagnen.
picture alliance / Anadolu | Rasid Necati Aslim
Jason Arday, jüngster schwarzer Professor Cambridges aller Zeiten, das Lieblings-Wunder-und Vorzeigekind der „Diversity, Equity and Inclusion“-Bewegung, ist tot.
Und bevor überhaupt abschließend geklärt ist, wie und woran dieser Mann im Alter von nur 41 Jahren starb, der am 14. August leblos in seiner Londoner Wohnung aufgefunden wurde, sind die Schuldigen vielerorts schon ausgemacht: Diejenigen, die nachgefragt, recherchiert und das Lügengebäude schließlich zum Einsturz gebracht haben. „Stop Racist Media“ war auf vielen Plakaten der Mahnwache zu lesen, an der am Montagabend zehntausende Menschen in London teilnahmen.
Ich selbst habe erst kurz vor Ardays Tod bei Tichys Einblick kritisch über ihn geschrieben. Und ich kann nicht behaupten, die Nachricht seines Todes habe mich kaltgelassen. Für einen Moment war da ein eigenartiges Gefühl der Beklemmung. Nicht Schuld, nicht Mitverantwortung. Eher das jähe Bewusstsein, dass hinter der grotesken Geschichte, über deren Absurditäten ich anfangs selbst gelacht und die ich fünf Tage zuvor öffentlich auseinandergenommen hatte, immer noch ein Mensch stand.
Mit einem Schlag hatte diese Geschichte jede Komik verloren, eine Frau ihren Mann, zwei Kinder ihren Vater. Und was auch immer genau geschehen ist: Es ist eine Tragödie.
Aber die allein macht aus einem Betrüger keinen Helden.
Verantwortlich für sein eigenes Tun
Arday war, als er in den akademischen Betrieb einstieg, kein Kind mehr und auch kein willenloses Werkzeug. Er war ein erwachsener Mann und für seine Täuschungen und Falschbehauptungen trug in erster Linie er die Verantwortung.
Und sollte sich tatsächlich herausstellen, dass er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat, dann war auch dies seine eigene Entscheidung. Über die genauen Gründe ist bislang wenig bekannt. Die Metropolitan Police bezeichnet seinen Tod weiterhin als „unerwartet“, behandelt ihn aber nicht als verdächtig, was bedeutet, dass kein Verdacht auf Fremdeinwirkung vorliegt.
Dass der öffentliche Druck ihn schwer belastete, ist hingegen unstrittig. Arday selbst schrieb in seiner Rücktrittserklärung, die Anschuldigungen, Spekulationen und öffentlichen Kommentare hätten ihn und die Menschen, die er liebte, schwer getroffen. Seine Familie spricht nach seinem Tod von Desinformationen, Belästigung und einer Hetzkampagne, deren Opfer Arday wurde und die zu viel für ihn war.
Selbstverständlich kann Kritik entgleisen. Menschen können hämisch, grausam und niederträchtig werden. Aus notwendiger Nachforschung kann ein persönlicher Vernichtungswille werden, aus berechtigter Kritik Spott, Hohn und sogar Entmenschlichung. Auch das ist hier, zumindest teilweise, geschehen und man muss es nicht schönreden.
Der Shootingstar
Aber wenn wir schon unbedingt darüber diskutieren wollen, wer Jason Arday überhaupt erst in eine Situation gebracht haben könnte, die er zuletzt offenbar kaum noch ertrug und aus der er womöglich keinen Ausweg mehr sah, möchte ich nicht bei den Menschen anfangen, die irgendwann skeptisch wurden.
Je länger ich über diesen Fall nachdenke, desto weniger erinnert mich Arday nämlich an den abgefeimten Hochstapler vom Schlage eines Gert Postel und desto mehr erinnert mich das Verhalten, insbesondere seines Umfelds, an die Maschinerie, die man aus den tragischen Biografien mancher Kinderstars kennt.
Ein Kind besitzt etwas, das Erwachsene verwerten können: Talent, Schönheit, Niedlichkeit, eine außergewöhnliche Geschichte. Also wird es aufgebaut. Man sagt ihm, wie einzigartig es sei. Es bekommt Aufmerksamkeit, Applaus und Anerkennung, vielleicht wird es irgendwann dazu ermuntert, stets noch ein bisschen außergewöhnlicher, schriller und exzentrischer zu werden. Und irgendwann hängt die komplette Existenz und Identität einer Person an dieser Kunst- und Kultfigur.
Ich weiß nicht, wie berechnend oder reflektiert Arday seine eigene Legende geschaffen hat, wie viel er selbst davon glaubte, ob er ausschließlich ihr Urheber oder irgendwann auch ihr Gefangener war. Ich kannte diesen Mann nicht und werde ihm nach seinem Tod auch keine psychiatrische Diagnose verpassen.
Aber ich sehe eine Biografie, die für ihre Zeit und ihr institutionelles Umfeld geradezu maßgeschneidert erschien. Schwarz, Arbeiterkind, autistisch. Ein Mann, der alle denkbaren Barrieren überwunden hatte und zugleich von immer neuen rassistischen Anfeindungen berichtete. Und aus Jason Arday wurde langsam aber sicher Jason Arday™: Symbol des Bildungsaufstiegs, des überwundenen Handicaps, des Kampfes gegen strukturellen Rassismus und lebender Beweis für die Diversity-Erzählung einer Institution.
Das Umfeld: Arglose Komplizen?
Und spätestens hier endet für mich auch die Kinderstar-Analogie. Denn Cambridge ist keine Castingagentur und ihre Mitarbeiter sind keine überambitionierten Eltern, die ihren Nachwuchs ohne Rücksicht auf Verluste groß rausbringen wollen.
Von der Unterhaltungsindustrie erwarte ich nicht viel. Dort gibt es Produzenten, Manager und Promoter, deren Beruf darin besteht, Menschen zu vermarkten. Dass dabei gelegentlich der Mensch hinter dem Produkt verlorengeht und psychisch auf der Strecke bleibt, ist schlimm genug.
Doch Arday saßen hochqualifizierte Wissenschaftler gegenüber. Professoren und Kollegen aus Fachgebieten wie Pädagogik, Soziologie, Medizin und Psychologie. Menschen also, die berufsmäßig über soziale Dynamiken, Vulnerabilität, menschliche Entwicklung und institutionelle Verantwortung nachdenken oder das zumindest tun sollten.
Und ausgerechnet diese übernahmen begierig die Sensationserzählung vom sozial schwer benachteiligten schwarzen Jungen mit den großen Kulleraugen, der erst mit elf gesprochen und erst mit achtzehn lesen und schreiben gelernt habe. All das wurde ausdrücklich Bestandteil seines öffentlichen Cambridge-Auftritts und zum Aushängeschild.
Daraus ergibt sich ein Dilemma. Entweder Cambridge glaubte diese Geschichte selbst nicht so recht. Dann hätte man sie aber keinesfalls zur Vermarktung des neuen Starprofessors und zur Imagepflege benutzen und ihn zum Säulenheiligen verklären dürfen.
Oder Cambridge glaubte sie. Dann hätte sie umso sorgfältiger examinieren müssen. Nicht weil Autisten grundsätzlich intellektuell eingeschränkt oder psychisch labil wären. Sondern weil eine Institution, die selbst die besondere Vulnerabilität eines Menschen zu einem integralen Bestandteil seiner öffentlichen Identität herausstellt, eine besondere Verantwortung übernimmt, bevor sie ihn auf dieser Grundlage zur Symbolfigur erhebt.
Dann müssen alle Qualifikationen stimmen, dann muss jede wissenschaftliche Arbeit oder biografische Behauptung besonders gründlich geprüft werden. Vor allem darf man nicht erst einen Menschen zur Ikone erheben und sich anschließend verwundert die Augen reiben, welche Fallhöhe man geschaffen hat.
Doch wie praktisch, drehte sich so zuverlässig wie das Amen in der Kirche sogleich der Wind von ganz allein und lenkte von der eigentlichen Problematik ab.
Die Umdeutung des Falles Arday: Vom Betrüger zum Opfer
Am Montag versammelten sich Tausende Menschen auf dem Trafalgar Square zu einer Mahnwache. Landauf, landab wird der Umgang mit Ardays schwindelerregenden Unwahrheiten nun als hasserfüllter, diskriminierender Feldzug gebrandmarkt; Politiker und Aktivisten fordern Aufarbeitung; Cambridge-Kanzler Chris Smith spricht von einer„rassistischen Fressorgie“; eine Petition für eine öffentliche Untersuchung der Medienberichterstattung hat Zehntausende Unterstützer; in einem Spendenfond, gedacht für die Beerdigung und Unterstützung der Familie, sind innerhalb weniger Tage sind inzwischen rund 192.000 Pfund zusammengekommen, Tendenz steigend.
Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen, dass es zu einem George-Floyd-ähnlichen Staatsbegräbnis und einer tränenrührigen, medialen Trauerinszenierung kommen wird- und man somit ein Lügner und Hochstapler ehrt, der allzu offensichtlich nicht damit klar kam, aufgeflogen zu sein. Man einen Betrüger kraft seines (Frei)Todes zum Märtyrer erklärt.
„Haltet den Dieb!“ rufen aus vollem Halse eben jene am lautesten, die Arday zu Lebzeiten für ihre Ideologie instrumentalisiert und wie eine Monstranz der eigenen, moralischen Überlegenheit vor sich hergetragen haben. Voll des geheuchelten Zornes wird mit dem Finger auf diejenigen gezeigt, die sich erdreisteten, diesen Skandal aufgedeckt zu haben.
Die Aufklärer am Pranger
Nun, was genau soll daraus eigentlich die Lehre sein? Dass Journalisten in solchen Fällen künftig besser nicht mehr so genau recherchieren, man einem Wissenschaftler ein Plagiat besser nicht nachweisen und wilde Behauptungen weniger gründlich überprüft werden sollten? Dass für Angehörige marginalisierter Gruppen andere Standards gelten, weil die Folgen psychisch zu belastend sein könnten und die Konsequenzen nicht zumutbar sind?
Dass jeder, der sich investigativ ans Werk macht, große Sünde auf sich lädt?
Und diese so paternalistische wie unfaire Herangehensweise soll dann die vehement eingeforderte Gerechtigkeit und Gleichbehandlung auf Augenhöhe sein?
Ich denke, der Fall Arday sollte einige mal scharf ins Nachdenken bringen.
Zum Beispiel darüber, ob es hier wirklich um die eigenen, ach so erhabenen Werte oder vielleicht eher um ein Maskottchen geht, dem man noch dazu die Mündigkeit abspricht.
Aber das würde ja bedeuten, sich selbst in frage zu stellen- und dieses Märchen wäre dann ebenfalls zu schön, um wahr zu sein.





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Nicht nur Jason Arday, sondern die ganze „Diversity, Equity and Inclusion“-Bewegung ist tot. Sie wissen es nur noch nicht.