Der Fall von Ceuta als europäische Stadt und der Sturz des Hochstaplers Jason Arday als Wissenschaftler sind Chiffren: Riesige Täuschungskonstruktionen scheitern an der freien Kommunikation. Nemesis wohnt heute im Netz.
picture alliance/M. Moron /JNA Press, PA Images | Joe Giddens - Collage: TE
Am Schluss des Romans „Alexis Sorbas“ von Nikos Kazantzakis scheint das kretische Bergbauprojekt des Engländers in Gang zu kommen, dank der vom Titelhelden erdachten Seilbahn, die das Ausbauholz von einem Klosterwald auf dem Berg in die Tiefe bringen soll. Aber schon die ersten drei Stämme, abgeschickt unter Anrufung der Dreifaltigkeit, zerschmettern die Konstruktion, die in Minuten von oben nach unten einstürzt. Da gibt es nichts zu retten, der Kollaps beendet das gesamte Projekt.
Sowohl Basil als auch Sorbas begreifen das sofort. Alexis Sorbas, in der Verfilmung gespielt von Anthony Quinn, tut das Einzige, was noch übrigbleibt: Er breitet die Arme aus, lacht, und ruft Basil zu: „Hey Boss, hast du jemals erlebt, dass etwas so bildschön zusammenkracht?“ Bekanntlich legen die beiden dann am Strand ein kleines Tänzchen hin.
„Alexis Sorbas“ endet versöhnlich, trotz der blutigen Szenen eines anderen Handlungsstrangs. Die Hauptfiguren machen es dem Publikum leicht, sie zu mögen. Außerdem handelt es sich um Prosa beziehungsweise großes Kino.
Das dritte und letzte nimmt sich im Vergleich nicht ganz so dramatisch: Zunächst die Vorfreude der Gutklugen darüber, den sachsen-anhaltischen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund schon fast als Titelschwindler entlarvt zu haben, dann, als das nicht funktionierte, der Hohn über seine Bachelorarbeit zum Thema Raumduft.
Mit ihrem Hohn für eine Person, die nach einem kleinen Abschluss an einer Fernuni eine Firma aufbaute, lieferte die Berliner S-Bahn-Kaste mit ihren hunderten High-Performer-Schwätzern, Studienabbrechern, Funktionären mit Pol-Wi-Abschluss und überhaupt ihren Nettostaatsprofiteuren eine Selbstkarikatur, wie sie sonst wahrscheinlich nur ein neuer Molière schreiben könnte.
Diese Kaste lenkte damit die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Thema, von dem sie hoffte, es würde nie wieder an die Oberfläche treiben: etwa den aufgeplusterten Lebenslauf einer Annalena Baerbock samt ihrer bis heute in irgendwelchen Tiefen verschwundenen Abschlussarbeit an der London School of Economics and Political Science (LSE), wo sie auch den letzten Schliff für ihr Business-Englisch bekam.
Apropos, was kam eigentlich bei der Untersuchung der Masterarbeit des Energiewendemeisterdenkers Patrick Graichen heraus, der sich in seiner Masterarbeit per Copy & Paste und natürlich ohne Quellennennung aus anderen wissenschaftlichen Aufsätzen bediente? Und wie steht es um die Sache mit den etwa 160 teilweise falsch von anderen abgeschriebenen Quellenhinweisen in Robert Habecks Dissertation? Davon hört man so gar nichts mehr.
Sicherlich, die drei Narrativ- und Nervenzusammenbrüche sind nicht nur komisch. Manche der bärtigen Minderjährigen, die entgegen allen Versicherungen auf das spanische Festland und von da aus vermutlich in vielen Fällen nach Deutschland und in seine Nachbarländer gelangen, tauchen womöglich bald in Polizeiberichten auf; eine größere Anzahl dürfte den Kundenstamm der Bürgergeldauszahlstellen zwischen Flensburg und Traunstein verstärken.
Trotzdem: Wenn die große progressive Narrativmühle gleich an drei Stellen spektakulär zu Bruch geht – darauf kann man schon einmal mit einem inneren Sirtaki reagieren. Zumal er ja nicht auf den Trümmern des eigenen Projekts stattfindet wie in „Alexis Sorbas“, sondern auf den Überresten einer Maschinerie, deren Kollaps praktisch jeder halbwegs klar gebliebene Mensch als Befreiung empfindet.
Ohne die Suchmöglichkeiten im Netz wäre es möglich, aber vermutlich sehr mühsam gewesen, die aberhundert Plagiate Jason Ardays aufzuspüren; ohne die Wayback-Maschine hätte sich nicht so sauber belegen lassen, wie er seine Wundererzählungen nachträglich immer wieder änderte. Die gescheiterten Siegmund-Jäger verfluchen genauso wie die Granden von Cambridge das digitale Archiv: Zum einen bewahrt das Netz den grundlosen Standesdünkel der gefühlten Berlinelite für immer auf, zum anderen steigt aus seinen Tiefen anlassbedingt auch Baerbocks „Ich komme aus dem Völkerrecht“-Video wieder nach oben.
Nemesis – zu Deutsch übrigens „Zuteilung des Gebührenden“ – wohnt heute in der Digitalwelt.
Aus den allgemein zugänglichen Quellen kann man sich die Vorgeschichte der Ceuta-Invasion ohne Mühe herleiten. Ganz am Anfang stand die Legalisierung illegaler Einwanderer durch die Minderheitsregierung des Sozialisten Pedro Sánchez. Gut eine Million Papierlose beantragten den offiziellen Aufenthaltsstatus, gut eine halbe Million aus dieser Gruppe sollten ihn mittlerweile besitzen. Mit seiner am Parlament vorbeigefädelten Aktion schickte er das Signal an ganz Afrika und speziell nach Marokko: Wer ungesetzlich über die Grenze nach Spanien gelangt, muss nur eine bestimmte Zeit aushalten, darf er bleiben, auch wenn er – wie fast alle Ankömmlinge – weder unter das Asylrecht noch unter die Flüchtlingskonvention fällt.
Da die beiden Exklaven Ceuta und Melilla zwar zu Spanien, aber nicht zum Schengenraum zählen, galt dort bis vor kurzem, dass Grenzüberschreiter nicht einfach weiterreisen durften. Bis am 29. Juni 2026 ein Urteil des Obersten Gerichtshofs etwas anderes sagte: Nämlich, dass Migranten, welche die Exklaven schwimmend erreichen, nicht mehr sofort nach Marokko zurückgewiesen werden dürfen, sondern ein individuelles Asylverfahren erhalten müssten. Nach diesem zweiten Signal sammelten sich Zehntausende in dem Grenzstädtchen auf der marokkanischen Seite, entsprechende Aufrufe, die EU stehe jetzt sperrangelweit offen, liefen über TikTok. Es spricht auch viel dafür, dass Marokkos Regierung den absehbaren Ansturm nutzen wollte, um Druck auf Spanien auszuüben und sich die Rücknahme einiger, aber längst nicht aller seiner Bürger gut bezahlen zu lassen.
Ganz nebenbei sah die Führung in Rabat wohl auch eine goldene Gelegenheit, tausende Kleinkriminelle und Beschäftigungslose aus dem Land zu befördern. Es steckte ganz offensichtlich Organisation und Logistik hinter der Aktion. Das bekräftigt allerdings nur, dass nicht Marokko oder TikTok die Verantwortung für den Schutz der spanischen EU-Außengrenze tragen, auch nicht die USA und Israel, die laut einem WDR-Scharlatan angeblich dahinterstecken – sondern einzig und ausschließlich die Regierung Sánchez. Natürlich gab es Hinweise von Sicherheitsbehörden auf den Grenzsturm. So blind, die Vorgänge gleich vor der Haustür nicht zu bemerken, kann sich gar kein Polizei- und Geheimdienstapparat stellen. Für jeden, der nicht gerade bei ZDF, ARD und anderen Narrativfabriken arbeitet, führt nichts an der Tatsache vorbei, dass die Verantwortlichen in Madrid die Dinge sehenden Auges laufen ließen. Aber sie taten von Anfang an viel – wenn auch eben nicht genug –, um sie zu vertuschen.
Zum 1. August feuerte die Regierung die Kommunikationschefin des Departamento de Seguridad Nacional (DSN) – eine Organisation, die direkt dem Büro des Premierministers untersteht –, weil sie die am Ende viel zu tief gegriffene Zahl von 49.000 in Ceuta eingedrungenen Ausländern auf der Webseite der Behörde veröffentlichte. Die Zahl verschwand von dort wieder, die Beamtin durfte nach übereinstimmenden Berichten nur noch einmal in ihr Büro, um ihre persönlichen Sachen zu holen.
Die Zahl der in Ceuta eingedrungenen Personen gab die Zentralregierung in der Folge immer geringer an als der örtliche Regierungspräsident. Sánchez‘ Leute verbreiteten Bilder, die das Publikum sehen sollte: Beamte der Guardia Civil, die Gruppen der Eindringlinge wieder zum Grenzübergang bringen. Genau diese Vorführung sollte den Vorgang in der öffentlichen Wahrnehmung abschließen. Die Mediennarrativmaschine surrte drauflos: „Nach Angaben der Regierung sind die meisten der Migranten inzwischen wieder nach Marokko zurückgekehrt“, verkündete ZDF-heute schon am 31. Juli. „Fast alle Migranten haben Ceuta verlassen“, verbreitete die Zeit. Deren Redakteur Mark Schieritz lobte das „entschlossene Durchgreifen“ Spaniens.
Auf einmal zählte nämlich das Urteil des Obersten Gerichtshofs gar nichts mehr, während Entscheidungen dieser Art sonst in der linksgeneigten Presse als unantastbar gelten. Schieritz schrieb auf X, „Rechtstwitter“ – also alle, die sich nicht wie ARD, ZDF und Zeit zu Ceuta äußerten – hätte sich „komplett blamiert“.
— Mark Schieritz (@schieritz) July 31, 2026
Die Desinformationsschleuder t-online schaffte es am 3. August nicht nur, das Märchen vom längst wieder geräumten Städtchen zu kolportieren, sondern die Geschichte auch noch auf den Kopf zu stellen. In der Erfindung des Portals bedrohten nicht etwa die Massen aus Marokko die Einwohner von Ceuta und plünderten Läden – sondern die Spanier „attackierten“ diejenigen, die den Ort überrannt hatten.
„Binnen Stunden kommen Zehntausende Menschen in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta“, so der Originaltext auf t-online: „Einige Bewohner verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Andere bedrohen und attackieren die oft sehr jungen Ankömmlinge. Diese irren zunächst ziellos und halb nackt durch die Straßen – und kehren wenig später nach Marokko zurück.“ Den relotiuswürdigen Beitrag illustrierte die Plattform fast schon erwartungsgemäß mit einem Foto, das eine junge Frau in der Bildmitte zeigt.
Die deutschen Öffentlich-Rechtlichen und andere verwandte Medien schickten durchaus Reporter nach Ceuta, allerdings mit einem klaren Arbeitsauftrag. Die Botschaft an ihr Publikum lautete: Sie sehen, dass es nichts mehr zu sehen gibt. Also liefen die Aufnahmen der Marokkaner, die zu diesem Zeitpunkt fast alle schon verschwunden sein sollten, aber in der durchaus sicht- und filmbaren Wirklichkeit durch die Straßen der Exklave marschierten und „Allahu akbar“ skandierten, nicht bei der ARD, auch nicht im Zweiten, mit dem man nicht nur schlechter, sondern überhaupt nichts Relevantes sieht. Aber in anderen Medien.
Und auf X. Oft gefilmt und online gestellt durch die Einheimischen. Auch die Ankunft der Grenzstürmer im Hafen von Algeciras, also auf dem Festland, filmte kein hochbezahltes Kamerateam des spanischen oder deutschen Fernsehens, sondern ein Amateur. Eine Mobiltelefonkamera und ein Onlinezugang genügen heute, um den Narrativjournalisten einfach zu umgehen beziehungsweise zu überspringen, sowohl auf der Sender- als auch der Empfängerseite. Mittlerweile melden sich auch die Bewohner Ceutas zu Wort, und zwar so, dass es sich nicht mehr übersehen lässt, es sei denn, man unterdrückt diese Bilder ganz gezielt. In diesem Video erklärt eine junge Bewohnerin einem spanischen TV-Team, warum sie das Haus nur noch mit ihrem schwarzen Hund verlässt: „Das ist das Einzige, wovor sie (also die Immernochda-Marokkaner) Respekt haben“.
So wie Medien seinerzeit während Corona den Begriff „Impfdurchbruch“ bemühten, um zu begründen, warum so viele Gespritzte trotzdem erkrankten, empfiehlt sich jetzt angesichts genau dieser medialen Leistungen die Variante „Realitätsdurchbruch“. Irgendwann merken auch die Verbreiter eines Narrativs, dass es nicht mehr wirkt wie damals das Vakzin, und dass sich Realitätsdokumente im Netz nicht aufhalten lassen (hier ein Symbolbild). Und plötzlich berichten auch die Anstalten, die eben noch das „alle sind wieder weg“ in die Köpfe hämmern wollten, über tausende Afrikaner, die sich nach wie vor in der Stadt und auf den Hügeln ringsum aufhalten. Die spanische Polizei deutet auf einmal an, viele in der Immernochda-Armee hätten möglicherweise gute Gründe, nicht wieder nach Marokko zurückzuwollen, weil sie sich tatsächlich auf der Flucht befänden – vor der marokkanischen Polizei.
Einen Realitätsdurchbruch mit zwar ganz anderen Darstellern, aber nach einem sehr ähnlichen Muster erlebte auch der gesamte westliche Akademikerapparat samt alliierten Medien im Fall Arday. Auch hier ließ sich die Wirklichkeit ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zurückstauen, obwohl sich leitende Universitätsfunktionäre, Professoren und Journalisten dafür mit aller Gewalt in eine Art Endkampf warfen.
Jason Arday kam 2023 als Professor für Bildungssoziologie nach Cambridge, nachdem er vorher schon für ein Jahr eine Professur an der Universität Glasgow innehatte. Er kam schon mit dem Ruf eines Wundertäters an; eine BBC-Dokumentation zeigt, wie die für den Fachbereich zuständige Professorin Hilary Cremin ihn in Empfang nimmt, seine Hand mit beiden Händen umfasst und zu ihm sagt: „Wir sind so glücklich, dich zu haben. Du bist der Beste der Welt in den Begriffen der Forschung, die du betreibst“.
Damit traf Cremin den Punkt, sofern man Ardays Forschung als Großversuch versteht, was jemand der woken, regressiven akademischen Wahnwelt vormachen kann, ohne aufzufliegen. Auch in ihrer Formulierung „Wir sind so froh, dich zu haben“ liegt eine tiefere Wahrheit – sie sprach mit ihm wie mit einem Maskottchen. Denn genau darum ging es bei seiner Anstellung. Cambridge wollte den Mann nicht wegen seiner wissenschaftlichen Meriten haben – die gab und gibt es nämlich nicht –, sondern wegen seiner Biografie.
Die liest sich laut Arday als singulärer Quelle so: Im Kindesalter als Autist diagnostiziert und aufgrund von Schlägen anderer Kinder Epileptiker, nonverbal, also ohne die Fähigkeit zu sprechen bis zum elften, Analphabet bis zum achtzehnten Lebensjahr (wobei er trotzdem einen Schulabschluss schaffte). Dann schlief er jahrelang praktisch nicht, weil er bis zu 20 Stunden am Tag las; kurz vor seiner Promotion entdeckten Ärzte bei ihm einen Hirntumor und operierten ihn, wodurch er zwei Schlaganfälle erlitt und trotzdem die Prüfung bestand. Nebenbei betätigte er sich als Extremläufer, der 30 Marathons innerhalb von 35 Tagen absolvierte, trotz eines Haarrisses im Wadenbein und eines epileptischen Anfalls en route.
Obwohl es sich bei Extremläufern in jedem Land um eine sehr kleine Gemeinde handelt, in der sich niemand anonym bewegt, kannte bis vor kurzem niemand aus dieser Szene Arday. Es existieren auch keine Videoaufnahmen seiner Marathonserie, obwohl sie ja ausdrücklich wohltätigen Zwecken diente, für die eine möglichst große Öffentlichkeit eigentlich unerlässlich ist. Für den 600-Meilen-Lauf gab er später zwölf Tage an, der obdachlose Freund, dem er Zuflucht bot, verwandelte sich in einer späteren Version in einen Kollegen, der bei einem Unfall seine Familie verloren hatte; die fünf Millionen Pfund, erklärte Arday später auf Nachfragen, hätte er nicht allein gesammelt, sondern eine Gruppe von Leuten, über deren Identität er aber striktes Stillschweigen bewahren müsse.
In dem Exposé seiner kürzlich bei Simon & Schuster erschienenen Autobiografie, das dem Magazin „Atlantic“ zugespielt wurde, litt der Professor zeitweise noch an Hodenkrebs, in der dann publizierten Version nicht mehr. Trotz seiner Aura gab es nach seiner Schilderung ständig Angriffe auf ihn; einmal hätten Unbekannte einen Schweinekopf zu ihm nach Hause geschickt, die Polizei habe die Täter nie ausfindig machen können. Bei zwei anderen Gelegenheiten habe ihn ein maskierter Unbekannter im Fakultätsgebäude von Cambridge bedroht, in beiden Fällen, ohne ihm etwas zu tun, und ohne dass jemand außer Arday den Eindringling hätte kommen und gehen sehen.
Wie in der Seilbahnszene aus „Alexis Sorbas“ knickte Stütze um Stütze in Ardays Selbsthagiographie weg – allerdings sehr allmählich. Das Tempo des Zusammenbruchs steigerte sich erst im Finale. Zunächst nahm sich der US-amerikanische Philosoph Nathan Cofnas Ardays Promotionsschrift von 2015 vor. Er entdeckte dort mehr als 30 Textblöcke aus einer neun Jahre älteren Dissertation der Erziehungswissenschaftlerin Paula Zwozdiak-Myers, viele davon nicht einmal umformuliert, sondern umkopiert bis hin zur Übernahme von Kommafehlern.
Zum Glück für Arday ließ sich dieser Befund noch gut mit einem Gegenangriff abwehren, denn Cofnas meinte einmal, ohne Diversity-Inclusion-Equity-Maßnahmen gäbe es außerhalb von Unterhaltung und Sport kaum Schwarze in Spitzenpositionen. Damit galt Cofnas als überführter Rassist, außerdem hatte er wegen seiner Ansichten Cambridge verlassen müssen. Ardays Plagiate wären natürlich immer noch die gleichen Plagiate geblieben, selbst wenn Luzifer sie persönlich festgestellt hätte.
Bekanntlich verlaufen Reputationsdebatten anders: Gibt es eine unerfreuliche Aussage über ein Mitglied des progressiv-erwachten Smart Set, dann geht es nie um die Vorwürfe, sondern immer um oder vielmehr gegen die Persönlichkeit desjenigen, der sie erhebt.
Was Jason Arday in Roehampton, Glasgow und schließlich Cambridge tat, liegt noch im Halbdunkeln. Drei Dinge kommen schon einmal nicht in Frage: Forschung, Lehre, Studentenbetreuung. Auf der britischen Plattform „Unherd“ schildert eine seiner ehemaligen Roehampton-Studentinnen die Begegnung mit dem mirakulösen Soziologen so:
„Hier ist, was ich gelernt habe. Die Songtexte waren das erste Warnsignal. Die Art und Weise, wie er über Tinie Tempah oder Eminem schwadronierte, oder darüber, wie schwarze Künstlerinnen wie Beyoncé von weißen Männern sexualisiert würden, ohne jegliche Beweise vorzubringen, um seine Behauptungen zu untermauern. Oder es gab die Filmausschnitte aus Fish Tank und Kidulthood, die er uns diskutieren ließ, ohne jegliche Anleitung zu geben, wie man das tun sollte. Und das, falls er überhaupt im Hörsaal war. Er kam oft zu spät und ging früh, einmal unterrichtete er nur eine einzige Stunde, obwohl vier geplant waren.
Als ich also Jason Ardays Namen in den Nachrichten sah, war mein erster Gedanke: ‚Endlich!‘ Als Student im Education-Modul, das Arday an der University of Roehampton im Herbst 2018 unterrichtete – einem Modul, das voller Musik war, aber erschreckend wenig Bildung enthielt –, kann ich nicht anders, als Gedanken zu der Geschichte zu haben, die sich in den letzten Wochen entfaltet hat. Für mich ist die eigentliche Überraschung allerdings, dass nicht alles früher ans Licht gekommen ist.
Bevor Arday an die Roehampton kam, erzählten uns die Universitätsleitungen begeistert von seiner erstaunlichen Vorgeschichte: wie er erst mit 11 sprechen und mit 18 schreiben lernte, und wie aufgeregt sie waren, ihn uns unterrichten zu lassen. Natürlich waren wir alle sehr interessiert, den Mann selbst zu sehen, auch wenn das Modul, das er unterrichten sollte, von einem vorherigen Dozenten geschrieben worden war. Ich kann Ardays Unterricht ehrlicherweise als schrecklich beschreiben. Er nutzte selten die PowerPoint-Folien. Stattdessen saß er meist lässig auf einem Schreibtisch und äußerte seine verallgemeinerten Ansichten über Rassismus, ohne jemals auf akademische Theorien zu verweisen – geschweige denn auf solche, die für das Modul ‘Youth Participation and Identities‘ relevant waren, das er eigentlich unterrichten sollte.“
In Cambridge beklagten sich Studenten, die sich jetzt reihenweise an die Öffentlichkeit wenden – etwa via „Telegraph“ –, dass Arday sie unter allen möglichen Ausreden bei der Abfassung von Arbeiten entweder gar nicht oder nur schlecht und oberflächlich betreute. Einer Studentin sagte er, sie sei so gut, sie bräuchte keine Supervision. Die Fakultätsleitung nahm die Beschwerden durchaus zur Kenntnis, in etlichen Fällen organisierte sie andere Betreuer. Da sich aber gleichzeitig die Reihen um Arday schlossen, um ihn vor einer angeblich rassistischen Kampagne zu schützen, wagte es lange Zeit trotz der eindeutigen Erfahrungen niemand, nach der Qualifikation des schwarzen Überprofessors zu fragen.
In sehr vielen Veröffentlichungen trat Arday nur als Mitglied einer größeren Autorengruppe in Erscheinung. Was genau er zu den Texten beitrug, bleibt unklar. Seine Arbeitsweise lässt sich am besten an einem der wenigen Texte studieren, die er allein verfasste: In einer Anmerkung heißt es, er hätte an etlichen Stellen versäumt, Formulierungen als Zitate eines Wissenschaftlers kenntlich zu machen; dann folgt die Auflistung der nachgetragenen Quellen. Sie zieht sich von der Einleitung durch nahezu alle Abschnitte. Da es in dem Text schon vor der Korrektur zahlreiche Zitationen gab, stellt sich erstens die Frage: Was stammt darin nun überhaupt von Arday? Und: Was hat das Ganze mit Wissenschaft zu tun?
Zu dem nachträglichen Herumklempnern an seinen Artikeln kam es überhaupt nur, weil zwei Wissenschaftler sich Texte wie diesen schon 2023 näher angesehen hatten – mit dem Resultat, dass es sich nicht um soziologische Arbeiten handelte, sondern um Beutezüge durch fremde Fachtexte.
Wie schon erwähnt, diese Frage stellte sich für seine Verteidiger gar nicht. Eine akademische Solidaritätscombo prangerte eine „Schmutzkampagne“ gegen Arday an und erklärte sämtliche Vorwürfe ohne jede Prüfung für „vollständig falsch“. Vorher stufte schon die Liverpool John Moores University (LJMU), der Arday seinen Doktortitel verdankt, die unbestreitbaren Plagiatsstellen als „ehrliche und nachvollziehbare Irrtümer“ ein. Auf Fragen der „Times“ zu nicht nachvollziehbaren Daten in einer angeblichen Forschungsarbeit Ardays reagierten Cambridge und Arday, indem sie eine auf Verleumdungsfälle spezialisierte Kanzlei einschalteten.
Wenn allerdings zu viele Stützen eines Schwindels nachgeben, genügen die restlichen irgendwann nicht mehr. Dank Webarchiv konnten die vielen Erzählungsänderungen auf Ardays Webseite nachgeprüft werden. Die Hilfsorganisation, für die er in Afrika Wasser organisiert haben wollte, gab an, dass Arday nie für sie tätig war, die Ohio State University und die Durham University bestritten, dass er jemals als Gast- beziehungsweise Honorarprofessor bei ihnen lehrte. Auf Anfrage von Medien erklärte die Londoner Polizei, keinerlei Kenntnis von dem angeblich angezeigten Schweinekopf-Vorfall zu haben. Dass Arday in der Dokumentation „Seven Up“, die das Aufwachsen von Kindern von Anfang an verfolgte, entgegen seiner Behauptung dann doch nicht mitgewirkt hatte, konnte sich jeder selbst ausrechnen: Die erste Ausstrahlung fand 1964 statt. 21 Jahre vor Ardays Geburt.
In der öffentlichen Diskussion des Falls heißt es, Ardays Serienbetrug sei dermaßen stümperhaft und lächerlich, dass man ihn nicht in eine Reihe etwa mit dem Hauptmann von Köpenick oder Frank Abagnale Jr. stellen dürfte, dem realen Vorbild für den Film „Catch Me If You Can“. Diese Hochstapler hätten sich bemüht, auf ihre Umgebung so echt wie möglich zu wirken, während Ardays Geschichten derart übertrieben wirken, als hätte er sich fast danach gesehnt, aufzufliegen.
Es ist allerdings die Umgebung, die sich ihren Hochstapler formt. Wilhelm Voigt, Abagnale und Arday durchschauten ihre Gesellschaft und das Milieu, in dem sie wirken, sehr gut. Ohne Zweifel völlig unterschiedliche Gesellschaften und Milieus, in denen sie jeweils auf unterschiedliche Knöpfe drücken mussten. Aber sie wussten, welche: Im kaiserlichen Deutschland wirkte die Hauptmannsuniform zusammen mit dem passenden Jargon, in den USA der Sechziger und Siebziger Flugkapitän- oder Arztkleidung plus Charme – und in der akademischen Welt, in der Arday jahrelang sein Glück und sein Geld machte, die praktisch unbegrenzte Absurdität. Wie es dort aussah und immer noch aussieht, erhellte schon die so genannte „Grievance Studies Affair“, zu Deutsch: Quengelstudien-Affäre.
Die beiden US-Wissenschaftler James Lindsay und Peter Boghossian dachten sich zusammen mit der britischen Publizistin Helen Pluckrose zwischen 2017 und 2018 insgesamt 20 pseudowissenschaftliche Texte aus, in denen sie absichtlich grob blödsinnige Behauptungen in den typischen Soziologie-Schwafelsound verpackten. Ein Beitrag befasste sich beispielsweise mit dem Zusammenhang von Penissen, toxischer Männlichkeit und Klimawandel. Von den Fabrikationen des Trios wiesen renommierte Fachzeitschriften nur sechs zurück; die anderen waren zu dem Zeitpunkt, als die Autoren ihr Projekt öffentlich machten, entweder gedruckt, zum Druck vorgesehen, oder sie befanden sich im Begutachtungsprozess.
In den erwachten Geisteswissenschaften des Westens (und in Medien, die ihre Mitarbeiter dort rekrutieren) gelten völlige Absurdität und Unlogik nicht als Warnsignal. Im Gegenteil, Irrationalität wirkt innerhalb des Betriebs ähnlich wie das Pfauenrad in der Natur: je größer und bunter, desto besser. Arday begriff offenbar sehr schnell, dass er hemmungslos konfabulieren musste, um aufzusteigen.
In diesem Milieu erregt man schließlich auch keinen Anstoß, wenn man Milch zum Symbol für weiße Suprematie erklärt, zu antirassistischer Mathematik forscht oder das Dogma aufstellt, dass es sich beim Penis nicht zwingend um ein männliches Organ handelt. Brendan O’Neill wies in einem Text auf „Spiked“ darauf hin, dass Ardays Chefverteidiger, der den Solidaritätsaufruf zu dessen Gunsten organisierte, nicht nur an die Schuldlosigkeit des Phantoms von Cambridge glaubt, sondern eben auch: an den weiblichen Penis. Wer daran glaubt, schluckt unbesehen alles, solange nur die Glasur stimmt.
Das Phänomen beschränkt sich weder auf England noch auf den engeren Universitätsbetrieb. Vor kurzem klärte Maja Göpel – die Transformationsforscherin, die zwei ihrer Bücher nur mit einem nicht genannten Ghostwriter zustande brachte – die Öffentlichkeit über die Gründe für die Wohnungsknappheit in Deutschland auf: Die liege daran, dass Reiche „Zweitwohnungen bunkern“. Und keinesfalls daran, dass seit elf Jahren jährlich eine Großstadt zuwandert. Die taz schlug Göpel kürzlich als Bundespräsidentin vor.
In Österreich forschte eine Akademikerin mehrere Jahre zu dem Kleidungsstil von Rechten. Ihr Fazit: Rechte tragen so ziemlich genau das, was Linke und auch politisch nicht eindeutig zuzuordnende Personen anziehen. Diese so genannte Studie kostete die Steuerzahler 400 000 Euro. In den sozialen Medien kursiert ein Video, in dem eine dunkelhäutige Frau den Deutschen in Identitätspolitik-Gequackel vorwirft, ihre Golden Retriever zu „Faschisten“ zu erziehen.
Zweifelt jemand auch nur eine Sekunde daran, dass der Staat auch für ein Forschungsvorhaben über Goldene Nazi-Retriever eine sechsstellige Summe ausspucken würde – vorausgesetzt, die richtige Person reicht einen passgerechten Antrag ein? Das alles – und damit kehrt dieser Text an seinen Anfang zurück – findet ja auch in einer Gesellschaft statt, in der Politiker und Medienleute meinten, mit ihrer Ceuta-Scharade durchzukommen. In der umrissenen Gesellschaftsschicht gilt es bis heute auch als Zugehörigkeitsabzeichen, die Existenz von Pull-Faktoren zu bestreiten oder sie jedenfalls für bedeutungslos zu erklären.
Die Ideologie der Erwachten hat in einer ganzen Generation von Akademikern und mindestens einer Studentengeneration bis auf die Resistenten die Fähigkeit vernichtet, eins und eins zusammenzuzählen. Und noch etwas mehr: Die Wahnbetroffenen schließen von vornherein aus, dass die Antwort „zwei“ lauten kann, sobald das jemand behauptet, der nicht zu ihrem ideologischen Zirkel gehört.
Ceuta und der Fall Arday reichen weit, sehr weit über die eigentlichen Vorgänge hinaus. Wie in der Seilbahnszene bricht wunderschön und filmwürdig zusammen, was lange unverwüstlich schien, und zwar in einer Kettenreaktion, die gerade erst beginnt, deren unvermeidliches Ende aber jeder mit klarem Blick absehen kann. Die Glaubwürdigkeit von Institutionen, einmal von innen ruiniert, lässt sich nie wieder herstellen.
Jason Arday erklärte übrigens bei seinem Abgang, sein Rücktritt als Professor sei nicht als Schuldeingeständnis misszuverstehen. Er sei Opfer einer rassistischen Kampagne. Auch Pedro Sánchez wird sich nach seiner Abwahl zum Kampagnenopfer erklären, genauso wie die Leitung von Cambridge und demnächst das ganze ZDF nach seiner Zwangsprivatisierung.
Jason Arday ist ein Aufklärer, wie ihn nur diese spätwestliche Narrativmaschine in einem allerletzten Akt hervorbringen kann.
Wir schulden ihm Dankbarkeit.







Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
> In den sozialen Medien kursiert ein Video, in dem eine dunkelhäutige Frau den Deutschen in Identitätspolitik-Gequackel vorwirft, ihre Golden Retriever zu „Faschisten“ zu erziehen. Gleich sieht man – durch das Leben im Woken Westen droht Neuronen-Nekrose. Man müsste es als Warnung in Marokko zeigen, damit selbst dortige Elemente Angst vor dem Westen bekommen. Wer will, mag es mit der negativen Konditionierung eines Wolfes vergleichen. Andererseits – wenn man bedenkt, wie laut man hier im Chor gegen den Osten bellt… Böses Medium zitiert eine schländische Politikerin mit kurioser Frisur: > „Das Russische Haus in Berlin muss umgehend geschlossen werden. Es… Mehr
Den Eindruck des Niedergangs der Wissenschaft, habe ich leider auch was die deutsche Hochschullandschaft angeht: Bildung, Intelligenz, wissenschaftliche Verdienste, das ist in vielen Fällen nur noch zweitrangig oder sogar unwichtig.
Wichtig ist, dass die Kandidatinnen und Kandidaten, auf der Klaviatur des Systems spielen können. Dass sie wissen was man äußern sollte, um Zuspruch zu erhalten und Geldtöpfe anzuzapfen.
„Jason Arday“…zeigt doch nur dass der Wissenschaftsbetrieb eine Spielwiese für Hochstapler ist. Wissenschaftsbetrieb, nicht MINT, ist doch nur noch karnevalesk. Da kann sich jeder Hirni austoben.
Großartige Philippika! Wir beobachten, wie sich die ehemals für Wissenschaft und Fortschritt stehende Institution „Universität“ im Westen komplett demontiert, was Folgen haben wird. Elon Musk und Peter Thiel haben ihre Universitätslaufbahnen jedenfalls rasch beendet und große Dinge außeruniversitär bewegt.
Mit dem Befeuern der Masseneinwanderung nicht assimilationsfähiger Ethnien legt die Linke die Lunte an ein Pulverfass. In den USA war der Backlash heftig, in Spanien könnte es noch wie in den 30er Jahren enden.
Früher traten erwischte Betrüger wie KTG, Schawan ua. zurück. Aber diese Zeiten sollen wohl vorbei sein.
Annalena Bärbock, Voigt (Ex-Dr. plag.,PM Thür.), og. Prof. multifake Jason Arday & va. die einschlägig bekannten linksGRÜNschwarzen, intellektuell sparsamst möblierte Figuren & Inen, fliegen nach & nach & immer schneller auf. Auch deshalb wollen sie & ihre Groupies -meist weiße Frauen?- das „Netz“ zum Schutz ihrer „unsereDemokratie“ zensieren & ihre Kritiker & Bloßsteller festsetzen & terrorisieren.
> Ganz nebenbei sah die Führung in Rabat wohl auch eine goldene Gelegenheit, tausende Kleinkriminelle und Beschäftigungslose aus dem Land zu befördern.
Das nennt man Remigration, welche Manche hier befürworten. Wenn man Länder findet, die doof genug sind, derartige Elemente abzunehmen, wieso nicht? Ich würde auch gerne heimische Innende:innen sonstwohin schicken.
> In einer Parallelaktion implodierte zweitens der Lebenslauf des mäßig begabten Hochstaplers und Ex-Cambridge-Professors Jason Arday, der es mit seinem Streich immerhin fertigbrachte, das gesamte westlich-akademisch-mediale Schwindelgebäude eines enthirnten Milieus mit sich zu reißen, das sich allen Ernstes erwacht nennt.
Er hat es vermutlich versäumt, in Cambridge nackt zu radeln, was im real existierenden Westen genau jede These untermauert. Notfalls könnte man sich noch nackt an irgend etwas ankleben.