Vier gravierende Folgen von „9/11“, die noch immer die Welt prägen

Der 11. September 2001 veränderte die Welt. Islamismus und Terror, Afghanistan und Irak, Sicherheitskontrollen und politische Spaltung. Vier Folgen von 9/11 bestimmen noch immer unsere Gegenwart.

picture-alliance / dpa | Seth_Mccallister

Fast jeder, der am 11. September 2001 alt genug war, den Schrecken der islamischen Terroranschläge in den USA wahrzunehmen, weiß auch heute noch, wo er damals die aufwühlenden Fernsehbilder sah. Nicht nur die Politiker, auch die meisten Bürger erkannten schnell, dass die mörderischen Attacken auf die westliche Führungsmacht eine Zeitenwende einläuteten.

19 Islamisten der Terrororganisation Al-Qaida hatten vier Passagierflugzeuge in ihre Gewalt gebracht. Die arabischen Terroristen lenkten zwei Maschinen in die Türme des World Trade Center in New York, eines ins Pentagon in Arlington bei Washington. Das vierte Flugzeug stürzte nach dem Widerstand der Passagiere in Pennsylvania ab. Insgesamt starben bei dem schlimmsten Terroranschlag der Geschichte fast 3.000 Menschen, viele tausend andere Menschen wurden verletzt.

Das Datum, in amerikanischer Manier „9/11“ genannt, wurde zur Chiffre für die neue Herausforderung der freien Welt, die über die Jahre noch an Gewicht gewonnen hat. Schließlich finden sich die Gesinnungsgenossen der Al-Qaida heute in Regierungen, Verbänden und Terrororganisationen.

Vier zentrale und gravierende Folgen des islamistischen Terroranschlags vor 25 Jahren, die noch immer die Gegenwart prägen:

1. Fanal für den Kampf der Kulturen

Der lange geplante Anschlag hatte eine klare Botschaft: Der radikale Islam erklärt der westlichen Welt den totalen Krieg. Die Selbstmordattacken der islamischen Dschihadisten (Gotteskrieger) auf Zivilisten sollten der Beginn einer langen Kette von teilweise verheerenden Terroranschlägen sein. Allein in Frankreich, England, Spanien, Belgien und Deutschland starben in den vergangenen 25 Jahren insgesamt viele Hundert Menschen bei Bombenanschlägen sowie bei Angriffen mit Fahrzeugen, Schusswaffen und Messern. Nicht mitgezählt die Opfer der persönlich motivierten oder gänzlich zufällig-willkürlichen Mordtaten und Messerattacken islamischer Migranten, die sich nicht selten als fanatische Anhänger Allahs entpuppten.

„9/11“ belegte eindrucksvoll die Thesen des Politikwissenschaftlers Samuel Huntington über den „Kampf der Kulturen“ („Clash of Civilizations“). Bereits 1993 hatte der US-Wissenschaftler vorausgesagt, dass nach dem Ende des Konflikts zwischen dem kapitalistischen Westen und dem kommunistischen Osten künftig die kulturellen und religiösen Identitäten der Menschen die Hauptursache für globale Konflikte sein werden.

Dramatisch widerlegt wurde dagegen die Erwartung des Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“. Demnach habe die Menschheit mit der liberalen Demokratie die politische Ordnung gefunden, die ihr am besten entspreche. Der Triumph des freien Westens über die totalitäre Ideologie des Kommunismus ermögliche nun, dass sich weltweit die Demokratie ausbreite.

Fukuyama fühlt sich zwar mit einer solch verkürzten Darstellung missverstanden: Er habe 1989 keineswegs ignoriert, dass sich die Welt auch ganz anders entwickeln könnte. Letztendlich aber teilten nicht nur die Neokonservativen (Neocons) in den USA Fukuyamas Vorstellungen, dass sich weltweit die Demokratie durchsetzen werde – notfalls dank militärischer Interventionen der Supermacht USA.

Die Befürworter des Irakkriegs 2003, zu denen auch Fukuyama zunächst zählte, gaben sich der trügerischen Hoffnung hin, die Iraker würden begeistert die Beseitigung der Saddam-Hussein-Diktatur feiern und gute Demokraten werden wollen.

2. Die globale Vorherrschaft der USA wird herausgefordert

Das 20. Jahrhundert gilt Historikern als amerikanisches Jahrhundert. Die Anschläge vom 11. September 2001 waren allerdings nur der Auftakt zu globalen Entwicklungen, die große Zweifel an einer Fortsetzung der US-Dominanz nähren.

Neun Tage nach den Terroranschlägen erklärte der damalige US-Präsident George W. Bush vor dem Kongress den globalen „Krieg gegen den Terror“. Dieser Kampf beginne mit Al-Qaida, aber er werde erst enden, „wenn jede Terrorgruppe mit globaler Reichweite gefunden, gestoppt und besiegt ist“.

Den Amerikanern gelang es über die Jahre zwar, alle Verantwortlichen für die 9/11-Anschläge zu inhaftieren oder zu töten, auch Al-Qaida-Chef Osama bin Laden im Mai 2011 in seinem Versteck in Pakistan. Bis zum heutigen Tag sind im US-Gefangenenlager Guantánamo Islamisten in Haft, die von Washington als gefährliche Terroristen eingestuft werden. Das Hochsicherheitsgefängnis auf dem US-Marinestützpunkt in Kuba war 2002 von Bush eingerichtet worden, um im Kampf gegen den Terrorismus außerhalb des US-Rechtssystems agieren zu können.

Besiegt ist der terroristische Islam keineswegs. Im Gegenteil: Nicht nur haben die gefürchteten Terrororganisationen Hisbollah, Hamas, Huthis, Islamischer Staat (IS) oder Boko Haram in ihren jeweiligen Regionen enormen Einfluss, in den Regierungen Irans und Afghanistans dominieren sogar islamische Extremisten.

In manch anderen Ländern der islamischen Welt haben Anhänger der islamistischen Ideologie wichtige Machtpositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur inne, in der ganzen Welt finden sich kleine und große islamistische Zellen und Gruppen. In nicht wenigen der vielen tausend neuen Moscheen im westlichen Europa soll Experten zufolge ein aggressiver, gewaltbereiter Islamismus gepredigt werden.

Nicht nur die militärischen Pleiten der US-Waffengänge in Afghanistan und im Irak haben deutlich gemacht, dass die Einflusssphäre Washingtons beziehungsweise des Westens deutlich begrenzter ist, als insbesondere die republikanischen US-Präsidenten George W. Bush (2001–2009) und Donald Trump (2017–2021, seit 2025) wahrhaben wollen. Noch ist offen, wie multipolar die Welt im 21. Jahrhundert wird.

Schließlich hatte Huntington durchaus zu Recht im Kampf um die globale Führung neben dem Islam das moderne, kommunistisch regierte China als weiteren Konkurrenten des Westens ausgemacht – wirtschaftlich, wissenschaftlich, politisch und auch militärisch.

3. Islamischer Terrorismus verändert den Alltag

Die massive Bedrohung durch den islamischen Terrorismus hat die westliche Welt teilweise gravierend verändert. Geheimdienste, Sicherheitssysteme und Terrorabwehr wurden fast überall massiv ausgebaut. Die finanziellen und personellen Aufwendungen für die Sicherheit sind geradezu explodiert, es geht dabei um gigantische, kaum vorstellbare Summen.

In den USA sollen Schätzungen zufolge – etwa der Brown University (Rhode Island) – die zusätzlichen Heimatschutz-Ausgaben seit 2001 mehr als eine Billion Dollar betragen, die Kosten für zusätzliche Kontrollen im zivilen Bereich über 300 Milliarden Dollar.

Sicherheitsmaßnahmen im weltweiten Flugverkehr, in Zehntausenden von Gebäuden in fast allen Ländern oder für Veranstaltungen, Feste und Umzüge verschlingen jährlich aberwitzige Summen – zu verdanken mehr oder minder ausschließlich dem islamistischen Terrorismus. Jeder Fluggast kennt die Mühsal, erst nach nervigen, zeitraubenden Sicherheitskontrollen fliegen zu dürfen.

Abgesehen von dem materiellen Aufwand im Kampf gegen den Terrorismus hat dieser die Menschen in der westlichen Welt tief verunsichert, misstrauischer und ängstlicher gemacht. Die Absage von Volksfesten, Weihnachtsmärkten oder Fastnachtsumzügen erfolgte oft nicht nur wegen der enorm gestiegenen Sicherheitskosten, sondern auch aus Sorge der Veranstalter, dass all die Schutzmaßnahmen auf viele Menschen abschreckend wirken würden.

4. Spaltung der westlichen Welt begann mit „war on terror“

An der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Terroranschlags vor 25 Jahren am Freitag am Ground Zero in New York werden alle vier noch lebenden ehemaligen US-Präsidenten teilnehmen. US-Präsident Trump allerdings wird nicht dabei sein, wohl auch, weil er bei der Veranstaltung keine Möglichkeit zu einer Rede hat, spekulierte zumindest die „New York Times“. Das Weiße Haus widersprach. Fakt ist, Trump wird im Pentagon des Jahrestages gedenken – mit einer Rede.

Seit 2012 verbieten die Organisatoren der jährlichen Gedenkfeiern Politikern, dabei Reden zu halten, um den Fokus auf die Opfer, die Überlebenden und ihre Familien zu richten. Trumps Absage scheint ein grelles Schlaglicht auf die Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft zu werfen, denn unabhängig von den Differenzen an dem Gedenktag wissen alle um die tiefe Aversion der Trump-Vorgänger Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama und Joe Biden gegen den amtierenden Präsidenten.

Aber nicht nur Amerika ist eine gespaltene Nation, ähnlich ist es in vielen anderen westlichen Ländern und in der westlichen Allianz ebenfalls. Auch für das Auseinanderdriften der Menschen in Politik und Gesellschaft der westlichen Demokratien sowie für den Zwist der NATO-Verbündeten untereinander haben die Anschläge des 11. September 2001 einen gravierenden Anteil.

Als US-Präsident George W. Bush den „Krieg gegen den Terror“ ausrief, sagte er: „Entweder ihr seid auf unserer Seite, oder ihr seid auf der Seite der Terroristen.“ Kurz: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Es stellte sich spätestens 2003 beim Krieg gegen den Irak unter Saddam Hussein heraus, dass dieser ultimative, kompromisslose Ansatz die westlichen Verbündeten spaltete. Während Länder wie Großbritannien und Polen die Invasion unterstützten, stellten sich Deutschland und Frankreich offen gegen den Krieg.

Verschärft wurde diese Entwicklung aufgrund der Einrichtung des Gefangenenlagers in Guantánamo und neuen Vorgaben für die Inhaftierung und Verhöre von mutmaßlichen Terroristen. Die amerikanischen Methoden waren nach Ansicht vieler Politiker in Europa und von Menschenrechtsorganisationen nicht mit den Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaates vereinbar.

Vor allem in Europa glaubten viele, dass Washington die Wertegemeinschaft infrage stellen würde. Dies führte nicht nur zu einer Entfremdung zwischen Washington und Teilen Westeuropas, sondern spaltete auch Europa selbst in ein „altes“ und „neues“ Europa, so damals US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

Der amerikanische Kampf gegen den Terrorismus und die Kriege in Afghanistan und im Irak verstärkten auch die innenpolitische Polarisierung innerhalb der westlichen Gesellschaften. Das Erstarken neuer konservativer und nationaler Bewegungen in westlichen Ländern ebenso wie die Wahlsiege von Donald Trump sind eng verknüpft mit den unterschiedlichen Sichtweisen auf die Gefahren der islamistischen Machtansprüche weltweit, mit dem islamistischen Terrorismus und der Ausbreitung des Islam in westlichen Gesellschaften.

Bis zum heutigen Tag sind diese Themen wesentlich für die teilweise tiefe Spaltung westlicher Gesellschaften. Dem radikalen Islam ist es nicht nur gelungen, Zwietracht und Hass in den westlichen Demokratien zu schüren, sondern auch – objektiv betrachtet – naive Bündnispartner in Politik und Gesellschaft zu finden.

Die Verharmlosung des Islam in Europa durch christliche Kirchen, Gewerkschaften und Parteien oder die Bündnisse zwischen linken Organisationen und islamistischen Bewegungen – oft dank ihrer gemeinsamen Feindseligkeit gegenüber Israel – sind Phänomene, die keineswegs zufällig ins Konzept der Extremisten im Namen Allahs passen. Es scheint vielmehr ein Ergebnis klugen strategischen Vorgehens der Islamisten zu sein – die einen werfen Bomben, die anderen treiben die Islamisierung voran.

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