Joe Bidens europäischer Gipfel-Marathon kann Europa verändern

Der erste Europa-Besuch des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden zum G7- und dann Nato-Gipfel ist absichtsvoll orchestriert. Die Resultate von Brüssel dürften dann den Verlauf des Biden-Putin Gipfels in Genf bestimmen. Für Europa steht eine Weichenstellung an.

IMAGO / i Images

Seit den epochalen Ereignissen der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und dem ersten Jahrzehnt danach haben viele Daten und Anlässe in fast schon inflationärer Weise die Qualität von historisch zugesprochen bekommen. Das, was von heute an bis zum kommenden Mittwoch in London, Brüssel und Genf besprochen wird, verdient in seinen Ergebnissen mit vollem Recht schon jetzt die Bezeichnung historisch. Der erste Europa-Besuch des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden ist absichtsvoll orchestriert. Wie bei einem Turmbau setzt ein Klötzchen auf das vorige auf.

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Die Visite über den großen Teich beginnt mit einer besonderen Ehre für den britischen Premier Boris Johnson. Wie bei den „special relations“ zwischen Washington und London nicht anders zu erwarten, gewährt Biden nur ihm eine Staatsvisite. Wahrhaft ernste Probleme haben die Beiden nicht: Großbritannien ist einer der treusten und verlässlichsten Nato-Partner und zahlt pünktlich und ausreichend. Die Beziehungen zwischen Downing Street und dem Kreml sind genau so auf dem Gefrierpunkt, wie die des Gastes zu Putin. Noch geschlossener tritt die europäische Insel an der Seite des großen Bruders gegenüber Peking auf. Eine freundschaftliche Ermahnung dürfte der Brite wegen seiner eigenwilligen Auslegung der Nord-Irland betreffenden Passagen des Brexit-Vertrages kassieren. Die Gruppe von US-Wählern irischer Abstammung ist einfach zu groß, als das Biden ein Wiederaufleben des Irland-Konfliktes zulassen kann. Nach einem selbstverständlichen Treffen mit Königin Elisabeth II. im Buckingham Palast geht es dann weiter zum G7-Gipfel in die britische Provinz.

Hier stehen globale Themen auf der Tagesordnung: Biden, so hört man, hat eine weltweite Impfstrategie in der Tasche und will zugleich hunderte von Millionen Impfdosen als Geschenk für ausgewählte arme Länder offerieren. Fragen des internationalen Handels kommen ebenso zur Sprache und auch dieses G 7-Treffen der führenden westlichen Industrienationen wird vom Umgang mit dem Klimathema bestimmt sein.

Zu Beginn der Woche geht es dann ans Eingemachte: Nato-Gipfel in Brüssel. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Trump, der innerlich das Verteidigungsbündnis schon aufgegeben hatte, ist der neue Mann im Weißen Haus ein zutiefster Anhänger des nordatlantischen Verteidigungsbündnisses. Schon vor seinem Abflug aus Washington hatte Biden den Zusammenhalt der USA mit seinen europäischen Verbündeten als weiterhin notwendig beschworen. Einmal mehr hob er die Bedeutung westlicher Werte, an erster Stelle der Freiheit, für das Glück der Menschen hervor. Das 21. Jahrhundert, so Biden, werde im Zeichen des Wettbewerbs zwischen Demokratie und Diktatur stehen.

Als größte Herausforderung bezeichnete Biden China und Russland. Die Absichten eines Staates wie China, welcher offen den Untergang der Demokratien voraussage, müssten ernst genommen werden. Unausweichlich wird der Amerikaner die Frage stellen „Where is the beef“? Immer dann wollen amerikanische Verhandler Klartext sprechen: Wo steht ihr? Was seid ihr bereit, zu unserem gemeinsamen Erfolg beizutragen? Wo können wir nicht mit euch rechnen? Insbesondere der deutsche Partner mit Merkel am Verhandlungstisch dürfte sich da schwer tun. Großbritannien wird stehen, Frankreich wird herumtänzeln – sichere Pfeiler sind für Washington die Staaten Osteuropas und Skandinaviens, Südeuropa richtet sich nach dem Lauf der Dinge.

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Warum Biden nicht Putin oder Xi ist
Die Interessen-Gegensätze werden, das ist vorhersehbar, hinter verschlossenen Türen und in Zweiergesprächen hart aufeinanderprallen. Was zählt mehr – Wirtschaftsinteressen versus Sicherheit und Menschenrechte (Nordstream 2)? Zukünftige Rolle im Bündnis bei Finanzierung, aber auch Lastenteilung (Kampfeinsätze), engste Abstimmung über das gemeinsame Vorgehen bei Konflikten und Krisen (Naher Osten, Iran, Afrika) – das sind nur die wichtigsten Knackpunkte. Die Antworten werden entscheidend für die Geschicke im 21. Jahrhundert sein. Vielleicht ist es doch kein Zufall, dass der britische Premier Johnson den Vorschlag einer Neufassung der Atlantik-Charta vom 14. August 1941 vorgeschlagen haben soll. Es handelt sich dabei um jenes Dokument, das US-Präsident Roosevelt und Britains Premier Winston Churchill beschlossen, in dem sich beide auf den Kampf gegen Gewaltherrschaft und für Demokratie festlegten. Eine solche Grundsatz-Charta wäre nur bei einem Erfolg des Nato-Gipfels möglich.

Schlusspunkt wird dann in Genf das Gipfeltreffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin sein. Jedermann weiß, dass die beiden Männer sich nicht mögen. Jede Art von Kumpelhaftigkeit mit Leuten wie dem Kreml-Herrscher ist Biden von Natur aus fremd. Für sein Gegenüber, den ehemaligen KGB-Offizier, gehört kühle Berechnung und Distanz zum Jobprofil. Themen haben die beiden mächtigen Männer genug. Je nachdem, wie der Nato-Gipfel ausgeht, wird Biden sich in Genf verhalten. Verweigert ihm vor allem Deutschland die Gefolgschaft, dürfte unverbindliche Freundlichkeit das Treffen beherrschen. Washingtons Strategie würde sich ändern müssen und Moskau bekäme einen neuen Stellenwert im Poker des 21. Jahrhunderts – für Europa aber brechen so oder so neue Zeiten an.

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Kommentare ( 25 )

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25 Comments
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the NSA
4 Monate her

Es gibt fuer Biden und Putin NICHTS zu besprechen. NICHTS. Wer den anderen Staatsschef einen Moerder nennt, hat von Strategie und Diplomatie nichts verstanden. RReagan und Gorbachov hatten 1985 VIELES mit einander zu besprechen, ich war damals in der US Delegation dabei. Die beiden schaetzten sich. Es stand damals vieles auf dem Spiel, und beide wollten Geschichte schreiben; die Schweizer Regierung war aeusserst hilfreich. Danke, im Nachinein. Aber heute ? Reine Zeitverwendung. Die Diplomaten hatten auch nichts vorzubereiten. RU hat sich laengst China zugewandt, obwohl RU mit D zusammenarbeiten wollte, man hoere sich die Rede Putins‘ im Dt. Bundestag an.… Mehr

Johann Thiel
4 Monate her

Ein seniler US-Präsident bei der sozialistischen NGO namens EU, da sollten die der Uschi mal Urlaub geben und den Junker aus der Kneipe holen, dann kommt wenigstens ein bisschen Stimmung in die Bude und der Biden bekommt endlich auch mal ein Küsschen, was ihm die Damen immer vorenthalten.

Klaus D
4 Monate her

für deustchland wird Joe Biden richtig teuer….

Renz
4 Monate her
Antworten an  Klaus D

Gibt es irgendeinen, der für uns nicht teuer war?

Bundesbuerger
4 Monate her

Das absehbare Resultat: unverbindliche Freundlichkeiten, Wichtigtuerei, heiße Luft. Das Heraufbeschwören von 1941 ist allerdings auch denkbar gewagt. Von den heutigen 7 befanden sich 2 unmittelbar im Luftkrieg miteinander, einer war besetzt von einem anderen, 2 andere standen am Rande ihres Krieges. Zeit für große Anführer, Bündnisse und Taten. Die sich da heute treffen, reden sich ihre Krisen ggs. ein und bibbern gemeinsam vor ihnen. Russland und vor allem China sind schlau genug Druck aufzubauen, tiefe Nadelstiche zu setzen und ansonsten zu warten. Die dekadenten Alten werden weiter völlen, grienen und siechen.

Dissident
4 Monate her

Europa sollte sich endlich von den USA und dessen desaströsen Einflüssen befreien. Ami, go home! Sämtliche dummdreisten Ideen der letzten 20, 30 Jahre („Genderforschung“, „political correctness“ usw) wurden in den „Eliteuniversitäten“ der USA ausgeheckt und dann nach Europa importiert.

bkkopp
4 Monate her
Antworten an  Dissident

Die Bereitschaft zum Importieren war aber auch gewaltig. Allein für Gender Studies gibt es an deutschen, staatlichen Universitäten mehr als 200 Professuren, für die jährlich mehr als € 250 Mio. ausgegeben werden. Die Amerikaner haben uns zu nichts davon genötigt. Wie würden sie denn „desaströse Einflüsse“ fernhalten ?

Renz
4 Monate her
Antworten an  Dissident

Wieso nur die letzten 30 Jahre. Die hatten doch auch die Idee der Menschenrechte. Und deren Durchsetzung per Krieg.

Entenhuegel
4 Monate her

Biden steht genau für die skrupellose Globalistenpolitik mit gelackter Fassade, die auch schon der als Friedensengel gehandelte Kreiegstreiber Obama betrieben hat. Mir graust es nur noch.

AHamburg
4 Monate her

Sehe ich anders. Der geistige, gesellschaftlich-wirtschaftliche Verfall findet bereits bei einigen westlichen Ländern u.a. auch bei uns statt. Klimawahnsinn, Identitätsverblödung, Diversitywahn, Gender, Green Deals, Great Reset, Massenimmigration finden doch nur bei uns statt und Herr Biden gehört dort dazu! Wir haben eine Freude an der Selbstaufgabe und finden uns damit moralisch überlegen. Chinesen und Russen brauchen nur warten, die Zeit ist auf ihrer Seite.

Harald Kampffmeyer
4 Monate her

„Das 21. Jahrhundert, so Biden, werde im Zeichen des Wettbewerbs zwischen Demokratie und Diktatur stehen.“
Ich glaube, als Augur taugt der Mann nicht viel. Eher dürfte das 21. JH von Siechtum der westlichen Demokratien, Verfall der Produktivkräfte, totalitäre Sekten- und Mobherrschaft, Staatspleiten, Fragmentierung in Clanherrschaftsgebiete und Bürgerkrieg gekennzeichnet sein. Die gemeinten „Diktaturen“ Rußland und China müssen nur geduldig abwarten bis der Degenerations- und Verwesungsprozeß des Westens sein Werk getan hat.
The Winner takes it all.

the NSA
4 Monate her
Antworten an  Harald Kampffmeyer

true !

Milton Friedman
4 Monate her

Trump war ein Glücksfall für alle Seiten. Für EU-Eliten, weil sie sich vis-a-vis Belzebub Trump als Bessermenschen verkaufen können, während sie daheim Bürgerrechte schleifen, Kritiker als Trumpisten diffarmieren und gleichzeitig der Großmannssucht erliegen u.a. beim Ausbau des Brüsseler Supranationalstaats (EU-Armee, EMA, …). Für Biden, weil dieser als weißer Obama-Gandalf herumjetten kann und sich jeden cm um welche er Trumps Positionen abbaut, teuer bezahlen lassen wird. Da fällt mir ein: Lässt Biden Europäer wieder in die USA? Nein? Anscheinend ist der Travel Ban seit dem 20. Januar nicht mehr rassistisch 😉 Themen haben [Biden und Putin] genug. Das stimmt, vor allem… Mehr

Hoffnungslos
4 Monate her

Sagen wir mal so, die vermeintlich neuen Zeiten für Europa haben wir doch schon. Nur – vielleicht dämmert es jetzt einigen Leuten. Die „Pandemie“ hat doch gezeigt, wo es lang geht und wer entscheidet.