Lasst Pamplona Pamplona sein

In der spanischen Stadt laufen Menschen vor Stieren davon – und in Europa laufen Moralwächter Amok. Ausgerechnet die Anti-Kolonialisten erklären den Navarresen, welche ihrer jahrhundertealten Traditionen noch erlaubt sind.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Alvaro Barrientos
Der 'Chupinazo': traditionelle Eröffnung des Festes zu Ehren von San Fermin in Pamplona.

Um acht Uhr morgens donnern Hufe durch die Gassen. Menschen, fast alles Männer, rennen in weißen Hemden und roten Halstüchern vor Stieren davon. Holzbarrieren zittern, Balkone beben, die Altstadt hält den Atem an.

Und in den klimatisierten Empörungszentralen Europas tönt zuverlässig der immergleiche Klagechor: Das muss weg.

Die Empörung kommt nicht aus Pamplona selbst. Sie kommt aus den moralisch gut gedämmten Innenstädten von Amsterdam, Berlin, Brüssel, London und Paris. Sie kommt aus jenem urbanen Milieu, das den Kolonialismus verabscheut – aber erstaunlich kolonial auftritt, wenn es um die Beurteilung fremder Bräuche geht.

Geht es um Rituale aus fernen Ländern, predigt man kulturelle Vielfalt. Sobald aber Spanier in Navarra ihr eigenes Fest feiern, erwachen die vielen kleinen Missionare in ihren veganen Leinenhemden. Dann heißt es: Wir wissen besser, was eure Tradition darf. Wir definieren, was zeitgemäß ist. Wir erklären euch, welche eurer Bräuche ihr behalten dürft und welche nicht.

Mit Tierschutz hat das wenig zu tun – dafür umso mehr mit moralischer Vormundschaft.

Die Sanfermines in Pamplona sind keine beliebige Jahrmarktnummer für gelangweilte Touristen. Das Fest zu Ehren des Heiligen Fermín wird seit 1591 jährlich vom 6. bis zum 14. Juli gefeiert. Seine Wurzeln sind die Religion, der mittelalterliche Markt und die spanische Stiertradition.

Die heute weltweit bekannte Stierhatz, der Encierro, ist nur Teil des viel größeren städtischen Festes. Die woken Empörten übersehen das geflissentlich. Für sie besteht San Fermín nur aus Stieren, Blut, Geschrei und Hemingway-Nostalgie. Tatsächlich ist es ein dichtes Geflecht aus Prozessionen, Musik, Familienfesten, Gottesdiensten, städtischer Identität, lokalen Vereinen, Ritualen und historischer Erinnerung.

Der Encierro ist berühmt, ja. Aber er ist nicht das ganze Fest. Er ist der Blitz am Himmel, nicht das Wetter.

Die Stierhatz ist kein Wellnessprogramm. Sie ist gefährlich, körperlich, unversichert gegen Dummheit und völlig frei von pädagogischem Schaumstoff. Wer mitläuft, weiß, dass er sich nicht zu einem Achtsamkeitsseminar angemeldet hat. Vor und hinter ihm laufen keine Stofftiere mit QR-Code, sondern Stiere. Da liegt der Kern des Rituals: Es erinnert den modernen Menschen daran, dass Leben nicht nur aus Formularen, Warnhinweisen, Helmpflicht und Stuhlkreisen besteht.

In einer Welt, die jedes Risiko verwaltet, jedes Abenteuer versichert und jede Zumutung therapeutisiert, wirkt Pamplona wie ein Aufbegehren des echten Lebens.

Der Encierro ist ein Ritual des Mutes, aber auch der Demut. Der Mensch läuft nicht als Herrscher über die Natur durch die Gassen, sondern als verletzliches Wesen – verfolgt von einer Kraft, die größer, schneller und stärker ist als er. Diese Einsicht fehlt den modernen städtischen Debatten. Der urbane Mensch begegnet Tieren nur noch als Haustier, als Symbol oder als Projektionsfläche. Der Stier in Pamplona dagegen ist kein Instagram-Bildchen. Er ist eine wütende Kreatur mit Wucht, Muskel, Masse und Gefahr.

Das mag man archaisch finden. Die meisten Rituale überleben gerade deshalb, weil sie etwas bewahren, was moderne Gesellschaften sonst verlieren: Ernst, Mut, Gemeinschaft, Grenze, Körperlichkeit.

Auch ökonomisch ist das Fest keine Nebensache. Die Sanfermines ziehen Hunderttausende Besucher an; aktuelle Berichte nennen für 2025 wirtschaftliche Effekte von rund 260 Millionen Euro für die Stadt. Wer in deutschen Großstadtcafés leichtfertig „abschaffen“ ruft, vergisst gern, dass an solchen Festen Hotels, Gaststätten, Handwerker, Händler, Musiker, Reinigungskräfte, Sicherheitsdienste und die Existenzen zehntausender Familien hängen.

Kultur ist nicht nur Gefühl, sie ist auch Lebensgrundlage.

Die Stierhatz ist eine organisatorische Meisterleistung. Berlin, das darf man getrost annehmen, würde das nicht hinbekommen. Die 846 Meter lange Strecke über Santo Domingo, die Plaza Consistorial, die Calle Mercaderes und die Calle de la Estafeta bis hin zur Arena ist weiträumig abgesperrt. Das ist kein chaotischer Sprint durch Hinterhöfe. Die heutige Holzeinzäunung besteht sie aus Tausenden Einzelteilen.

Ja, es ist ein Risiko – für die Menschen übrigens genauso wie für die Stiere. Das ist gewollt, das ist Sinn der Sache. Seit 1924 gab es 16 Todesopfer, zuletzt 2009. Niemand wird gezwungen mitzulaufen. Eine Gesellschaft, die jedes Risiko zum Argument für ein Verbot macht, verbietet am Ende das Leben selbst.

Ja, die Debatte über Stierkampf, Tierleid und moderne Moral ist legitim. Ja, eine Gesellschaft darf über Grenzen ihrer Bräuche streiten. Aber dieser Streit muss aus der Kultur selbst kommen, nicht als moralisches Urteil von außen. Es ist ein Unterschied, ob Pamplona über die Zukunft seiner Rituale ringt – oder ob Besserwisser aus halb Europa anreisen, um über die Geschichte der Einheimischen zu urteilen.

Gerade Deutsche und Nordeuropäer sollten hier etwas leiser auftreten. Wir leben in Gesellschaften, die industrielle Tierhaltung in gigantischem Maßstab akzeptieren. Unsere Supermärkte bieten absurd billiges Fleisch an. Unsere Haustierindustrie vermarktet Millionen Tiere, und die Konsumenten sind moralisch dort besonders streng sind, wo sie selbst nichts opfern müssen.

Der Stier in Pamplona wird öffentlich gesehen, gefürchtet und respektiert. Vom Schlachtrind aus unseren Massenbetrieben kann man das nicht sagen. Empörung entzündet sich besonders gern am Spektakel und ignoriert die Routine.

Man muss die Stierhatz nicht lieben, man muss nicht mitlaufen, man muss nicht hinfahren. Aber man sollte den Menschen in Pamplona zubilligen, ihre eigene Tradition nicht nur durch die Brille europäischer Großstadtaktivisten ansehen zu müssen.

San Fermín ist ein Fest mit religiösem Ursprung, historischer Tiefe, lokaler Identität, wirtschaftlicher Bedeutung und einer dramatischen, gefährlichen, weltberühmten Stierhatz als einem Teil des Ganzen.

Wer nur den Stier sieht und nicht die Stadt, der versteht das Fest nicht.

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Kommentare ( 34 )

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Mausi
30 Tage her

Heuchelei ohne Ende: In D gehen Jugendlich auf öffentliche Neujahrsfeste, die von der Polizei schwer bewacht werden, bei denen immer Krankenwagen dabei sind, um sich mit Raketen zu beschießen oder um zuzuschauen, wie sich die aktiven Teilnehmer gegenseitig körperlich in Gefahr bringen. Wo sind die Protestaktionen? Ok, gibt es nicht, weil keine Tiere involviert sind. Und Kinder kann man vernachlässigen. Die Aktivisten sind alle volljährig. Wobei unter den richtigen Bedingungen auch Volljährige noch unter jugendlich fallen.

joly
30 Tage her

ich sage schon immer, wer Fleisch essen will soll es auch mal das Tier schlachten – töten, ausnehmen, zerteilen. Nach Möglichkeit jede Tierart die man konsumiert 1 mal. Vom Huhn bis zum Rind, Fisch, Wild usw. Zumindest dabei sein und zuschauen. Dann schaut euch mal an was passiert wenn geschächtet wird. Ich habe das gesehen von Karnickel bis zum Kamel. Danach dürfen alle ihre Meinung sagen. PS: Ich habe bei der Offiziersausbildung erlebt wie junge Männer beim Hähnchen-,Fisch- und Kaninchen töten, an ihre zivilisatorische Grenze stießen. Aber nach dem Überlebenstraining herzhaft ins Fleisch bissen. Irre sich als Soldat mit beruflicher… Mehr

Last edited 30 Tage her by joly
Mausi
30 Tage her
Antworten an  joly

Das ist alles eine Frage der Erziehung. Sie wären erstaunt, wieviel Spaß Kinder bei Schlachtfesten haben. Und den haben sie nicht mit grausamen Gefühlen.
Was wir unseren Kindern alles aberziehen und anerziehen – Analverkehr in der Grundschule, ist nicht normal.
Im übrigen haben all die Regeln für „privates“ Schlachten dazu geführt, dass die Großbetriebe entstehen mussten. Und dort ist jedes Tier halt nur eine Nummer. Wie wir inzwischen bei vielen Ärzten.

Autour
1 Monat her

Man kann über die erbärmlichen Kritiker nur lachen… wer hier etwas dagegen hat und sich auf einen PSEUDO Tierschutz beruft, der kann gleich mal seine F.. halten! Wo sind die ganzen Tierschutzkläffer wenn es um das millionenfache islamische Schächten von Tieren geht?! Ist das ZEITGEMÄSS? MUSS DAS SEIN?! NEIN es MUSS NICHT SEIN!
Also wer hier meint den moralischen Superhelden raushängen lassen zu müssen… lasst es! Ihr macht euch nur komplett lächerlich!
Was man auch vollkommen verschweigt, ist die Rückbesinnung der spanischen Jugend genau auf diese manchmal archaisch anmutenden Traditionen! All das dududu führ am Ende genau ins Gegenteil!

flo
1 Monat her

Also, sorry, die Heiligsprechung von Pamplona & Co. bereitet mir extremes Unbehagen. Ja, ok, mir fehlt da die Empathie für die rennenden Männermassen.  „Die Empörung kommt nicht aus Pamplona selbst. Sie kommt aus den moralisch gut gedämmten Innenstädten von Amsterdam, Berlin, Brüssel, London und Paris. Sie kommt aus jenem urbanen Milieu, das den Kolonialismus verabscheut – aber erstaunlich kolonial auftritt, wenn es um die Beurteilung fremder Bräuche geht.“ Na ja, Sklaverei und die Unterdrückung von Völkern ist ja auch ein Phänomen des Kolonialismus, so gesehen, also: tolerant sein, von wegen kulturellem fremdem Erbe? Heutzutage darf man nicht mal mehr Dreadlocks… Mehr

Mausi
30 Tage her
Antworten an  flo

Ich finde auch, es könnten vermehrt Sitten wie Verwüstung von Kinos, Berghütten befördert werden. Vielleicht sollte man die Sportarenen für moderne Gladiatorenspiele freigeben? Auch Demos mitsamt Gegendemos könnte man dort abhalten, ohne die „Zivilbevölkerung“ zu belästigen. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Tiere in Haushalten „gequält“ – undefiniert – werden. Jeden Tag. Im übrigen kann ich leider Ihren Aussagen geistig nicht folgen: Heutzutage darf man nicht mal mehr Dreadlocks tragen, aber hinter Stieren her-jagen. Was soll mir das sagen? Nicht nur das Übernehmen fremder Sitten abschaffen, sondern auch die eigenen? Offene Grenzen, aber keine Übernahme fremder Sitten? Weder Zugereiste übernehme,… Mehr

Last edited 30 Tage her by Mausi
Peter Klaus
1 Monat her

Teilnehmer bitte alle geschlossen zum Islam übertreten – dann passt’s wieder. Allahu Ole!

Last edited 1 Monat her by Peter Klaus
hansgunther
1 Monat her

Die linken Woken werden hier und überall von Politikern mitfinanziert, damit die ihre trübe Suppe kochen können. Die linke Presse und die verpeilten Medien hypen das Ganze pausenlos. Deren einziger gesellschaftlicher Beitrag ist ausschließlich negativ und als Zerstörung aller Werte und gewachsenen Traditionen angelegt. Geldhahn zu und eine Verbannung dieser schikanösen, parasitären Gesellschaftszerstörer aus dem Kulturbetrieb und der Politik. Diese ganzen Phrasendrescher am Tropf der Gesellschaft saugend, müssen kaltgestellt und ausgetrocknet werden. Man muss diese destruktiven sogenannten Aktivisten und Agenten der Kommunisten heute schon aus der Kita bis zum Plenarsaal werfen. Zum Überleben und Selbsterhalt müssen wir zurück zu den… Mehr

PaulKehl
1 Monat her

Hier mal was Lustiges aus der FAZ: das woke Spanien will die Stierkämpfe abschaffen. Zunächst hat die Stierlobby erreicht, daß die Kämpfe als nationales Kulturgut anerkannt werden. -Die kommunistische Regierung hatte für Jugendliche einen Kulturschein im Wert von 400 EUR geschaffen, gedacht natürlich für Bücher gegen Rächx, antirassistisches Agitprop-Theater usw. Aufgrund der o. g. Anerkennung können die Jugendliche mit dem Gutschein nun auch Karten für die Stierkampfarena erwerben. Der Stierkampf soll unter Jugendlichen wieder populär sein. Die Wokeria kriegt natürlich Schnappatmung.

Autour
1 Monat her
Antworten an  PaulKehl

Jep genau das ist der Fall… die Jugend besinnt sich hier zurück auf alte mitunter auch archaische TRADITIONEN und das ist gut so! Den das ist KULTURGUT und am Ende Identifikation!

Sonny
1 Monat her

Bravo!
Ein ganz hervorragender Artikel!
Einfach nur BRAVO!

Magdalena
1 Monat her

Wo sind denn die „Moralwächter“, wenn es um menschenrechtswidrige Traditionen und um grausame Rituale an Menschen geht? Zum Beispiel mitten unter uns, in Deutschland, sind 25 000 bis 30 000 Frauen und 6000 Kinder gefährdet, Opfer von Genitalbeschneidung zu werden (Zahlen laut LKA NRW von Terres des Femmes). Oder Zwangsheirat und Kinderehen? Nicht so wichtig? Offenbar nicht spektakulär genug für die Gutmenschen vom Club der Wichtigtuer.

ceterum censeo
1 Monat her

Vegane Leinenhemden – großartig! Was den Kulturbolschewisten auf den Zeiger geht ist TRADITION! Das ist rechts. Das ist der Geruch nach Bewahrung von Kultur. Das ist Geschichte. Alles Dinge, mit denen die „antikolonialistischen“ Neo-Kolonialherren und -bessermenschen auf Kriegsfuss sind. Diese saturierten Nonkonformisten-Uniformträger ohne Ahnung. „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern das Weitergeben des Feuers“ ist wahrscheinlich intellektuell zu starker Tobak für diese Schlichtgestalten…

Last edited 1 Monat her by ceterum censeo