Friedrich Merz hat viele Probleme, vor allem eins mit Menschen

Merz’ Werte sind im Keller, die seiner Partei im freien Fall. Das Land fährt gegen die Wand. Bei Pinar Atalay sieht man ein dünnhäutiges Wrack, einen der wohl meist überschätzten Politiker, wie er weiter durch die nächsten Bürgerbegegnungen stolpert. Der Mann ist am Ende.

picture alliance/dpa | Sebastian Christoph Gollnow

Es gibt Politiker, denen die Begegnung mit Bürgern sichtbar guttut. Nun, Friedrich Merz gehört nicht dazu. Sobald ihm Menschen gegenüber sitzen, die ihm aus ihrem Leben erzählen und dabei seiner Politik widersprechen, dauert es nicht lange, bis der Bundeskanzler doziert, sie schroff zurechtweist und pampig wird.

„Sie könnten ohne dieses System nicht leben“

Am Donnerstagabend bei RTL lieferte Merz dafür ein neues Beispiel. In der Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“ von Pinar Atalay saß ihm die Kinderärztin Maria Bea Merscher gegenüber: 39 Jahre alt, alleinerziehende Mutter zweier Kinder, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin. Sie schilderte ihre Sorge um die medizinische Versorgung und griff die Sparpolitik der Bundesregierung im Gesundheitswesen scharf an.

Merz schleuderte ihr angespannt bis an seine Haarpüschelspitzen entgegen: „Sie sind Nutznießerin dieses Gesundheitssystems. Sie könnten ohne dieses System nicht leben.“ Ausgerechnet einer Kinderärztin will ein Blindgänger auf dem Posten des Bundeskanzlers damit erklären, sie sei Begünstigte eines Apparates, dessen Leistungen sie selbst erbringt, so, als gewähre der Staat ihr eine Wohltat. Kann es sein, dass ein Merz ohne diese Frau und ihresgleichen nicht leben kann?

Auch Oliver Bernt spricht Merz genau auf jene Dünnhäutigkeit an, die den ganzen Abend prägt. Der Familienvater sagt dem Kanzler, er reagiere „sehr sensibel“ und fühle sich „leicht angegriffen“, sobald Kritik komme, die er dann sofort zurückspiele. Merz bestätigt den Vorwurf fast im selben Moment, indem er Bernts Kritik an der Familienpolitik als „ein bisschen zu hart“ zurückweist. Ihm fehlt jede Souveränität, Widerspruch stehenzulassen, ohne daraus eine Frage des Benehmens seines Gegenübers zu machen.

Dieser angefressene, angenervte und von oben herab belehrende Ton begleitet Merz inzwischen durch seine gesamte Amtszeit. Ende Februar erklärte er in Volkmarsen, Deutschland sei „nicht mehr leistungsfähig genug“. Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance lasse sich der Wohlstand nicht erhalten, man müsse „einfach mal ein bisschen mehr tun“. Zuvor hatte er die Krankheitstage der Beschäftigten öffentlich problematisiert und gefragt, ob diese wirklich notwendig seien. Im Juli folgte die Feststellung, die Leistung in Deutschland sei zu gering. Wer die schlechte Lage des Landes beklagt, bekam auf dem nordrhein-westfälischen CDU-Parteitag ebenfalls seine Ansage. Merz sprach von „Nölern“ und „Berufskritikern“ und pfefferte ihnen ein arrogantes „Wegtreten!“ entgegen.

Im März erklärte derselbe Kanzler der zweiten Wahl den Bürgern, die „Zeiten des Paradieses, in denen jeder Wunsch möglich war“, seien vorbei. Kurz darauf empfahl er ihnen, dem Herrgott doch dankbar zu sein, in Deutschland leben zu dürfen. Zu diesem Zeitpunkt waren für knapp drei Monate bereits 12.501,30 Euro an Kosten für Visagisten, Kosmetiker und Friseure des Kanzleramts aufgelaufen. Für Merz ist die Rollenverteilung offenbar ziemlich eindeutig: Der Bürger soll leisten, leisten, leisten und seine Ansprüche runterschrauben, aber stetig sein Portemonnaie weiter für den Staat öffen, der aber mit dem Geld keineswegs besser umgehen kann als der Bürger selbst. Für den desaströsen Zustand des Landes möge er anschließend dann noch Dankbarkeit empfinden.

Andere Menschen gehen ihm immer zu weit

Maria Bea Merscher hielt sich bei RTL nicht an diese Kanzleranleitung. Sie warf der Regierung eine verheerende Gesundheitspolitik vor und fragte Merz, warum er seinen Amtseid breche. Das war schon mal ein etwas deutlicher Anwurf, auf den ein Bundeskanzler entschieden antworten darf. Merz reagierte allerdings wieder einmal sofort persönlich gekränkt. Ihr Vorwurf sei eine „persönliche Herabsetzung“ und gehe „zu weit“. Über die konkreten Einwände der Ärztin gegen die Krankenkassenreform wurde anschließend kaum noch gesprochen. Stattdessen ging Merz zum Gegenangriff über. Bei anderen ist dieser Mann überaus großzügig mit Zumutungen. Sobald die Kritik ihn selbst trifft, ist die Zumutungsgrenze erstaunlich schnell überschritten.

Silvia Dronsch hatte das Ende April bereits erlebt. Die an Hautkrebs im vierten Stadium erkrankte Frau saß Merz bei einem Bürgerdialog in Salzwedel gegenüber und sprach über ihre Angst vor Einschnitten im Gesundheitswesen. Anschließend fragte sie, warum bei den Bürgern gespart werde, während ein Regierungsentwurf eine Erhöhung vorsah, von der über die gesetzliche Kopplung auch die Bezüge des Kanzlers betroffen gewesen wären. Merz wies sie umgehend schroff zurecht. Zu keinem Zeitpunkt habe irgendjemand erwogen, die Bezüge der Bundesregierung anzuheben, erklärte er ihr und bat die schwer kranke Frau, solche Behauptungen künftig nicht „ungeprüft“ zu wiederholen. Ein späterer Faktencheck kam zu dem Ergebnis, dass – na sowas – Merz’ Darstellung dem damals bereits bekannten Regierungsentwurf widersprach. Konnte er ja nicht wissen. Oder so. Die ursprünglich vorgesehenen Erhöhungen für Spitzenbeamte hätten auch die Regierungsbezüge beeinflusst; erst nach öffentlicher massiver Empörung wurde die entsprechende Tabelle geändert.

Dronsch wünschte anschließend eine Entschuldigung. Was bekam sie? Sie bekam Post aus dem Kanzleramt mit einer Autogrammkarte des Bundeskanzlers. Eine Entschuldigung ist bisher nicht überliefert. Auch im ZDF hielt Merz später daran fest, die Frau habe eine falsche Behauptung aufgestellt, und gestand lediglich zu, die Kritik an seinem Ton verstehen zu können. Der Fall erinnert fatal an eine ältere Merz-Anekdote. 2004 fand ein damals obdachloser Mann am Berliner Ostbahnhof Merz’ verlorenes Notebook. Auf dem Rechner befanden sich nach dessen Angaben sensible Daten und Telefonnummern prominenter Politiker. Der Finder gab das Gerät beim Bundesgrenzschutz ab. Einige Wochen später kam der Dank von Merz: ein Exemplar seines eigenen Buches „Nur wer sich ändert, wird bestehen“ mit Widmung. Der Finder war darüber so erbost, dass er das Buch nach eigener Aussage in die Spree warf.

Bei jeder Begegnung mit Menschen im Land, dem er nur qua Amt vor-, aber nicht nahesteht, wird sichtbar, wie schrecklich amputiert Friedrich Merz im unmittelbaren Umgang mit Menschen ist. In vorbereiteten Reden kann er Entschlossenheit vortäuschen, wobei er da auch längst nicht mehr an seine vergangenen Glanztage heranreicht. Am Tisch mit Bürgern ist er stocksteif und verkrampft. Für Populus besitzt diese Fehlbesetzung im Amt ungefähr so viel natürliches Talent wie ein Elefant, der auf einem Hochseildraht balancieren muss.

Wer klaut den Menschen die Jobs?

Die ständigen Leistungspredigten wären schon in prosperierenden Zeiten eine riskante Form der Bürgeransprache. Deutschland steckt gleichzeitig in der schwersten wirtschaftlichen Krise der Bundesrepublik. Im Verarbeitenden Gewerbe verschwanden binnen eines Jahres 144.100 Arbeitsplätze; die Autoindustrie verlor davon 42.300 und beschäftigt so wenige Menschen wie seit 2005 nicht mehr. Der Staat erwirtschaftete allein im ersten Halbjahr 2026 ein Finanzierungsdefizit von 71,3 Milliarden Euro, obwohl seine Einnahmen aus Steuern und Sozialbeiträgen weiter stiegen. Die Ausgaben wuchsen immer noch schneller, bis ins Unermessliche. Während Merz die Erwerbstätigen zu mehr Leistung anhält, sucht seine Regierung weiter nach zusätzlichen Einnahmen. Eine Zuckersteuer auf stark gesüßte Getränke ist für 2027 bereits Teil der Planung; selbst eine Ausweitung auf Zero-Getränke wurde im Finanzministerium durchgerechnet und erst nach Bekanntwerden des Papiers wieder verworfen. Erstmal.

Mehr arbeiten also. Für einen Staat, der trotz Rekordeinnahmen immer tiefer in die roten Zahlen rutscht. Die Frage, ob vielleicht zuerst die Politik ihre eigenen Ansprüche überprüfen sollte, kommt in den Merzschen Leistungsvorträgen auffallend selten vor. Stattdessen erklärt er denen, die diesen Staat finanzieren, dass die paradiesischen Zeiten beendet seien, während er die deutschen Steuermilliarden in und für alle Welt verteilt, bevor man den Deutschen wieder sagt, für welche Erleichterungen ja kein Spielraum sei. Man gönnt dies seinen Boomer-Wählern, die immer noch Mutti hinterher trauern, fast von Herzen, wäre man in diesem Abstieg nicht selbst involviert.

Schließlich kam die Sprache noch auf die AfD. Merz bekräftigte, Blindgänger, der er ist, seine erneute Absage an jede Zusammenarbeit. Als lebe dieser Mensch in einer Monarchie, wo man den Willen der Menschen getrost ignorieren kann und mal schaut, wie lange das gut geht, bevor die mit Fackeln und Mistgabeln vor den Toren stehen. Man könne ja aus der EU und NATO schließlich nicht halb austreten und die CDU auch nicht „halb zerstören“, sagte er. Na, keine halben Sachen, was?

Um die CDU ganz herunterzuwirtschaften, braucht Merz derzeit jedenfalls keine Hilfe von Alice Weidel. Er war einmal mit dem Anspruch angetreten, die AfD zu halbieren. Im aktuellen RTL/ntv-Trendbarometer steht die AfD bei 28 Prozent, CDU und CSU kommen gemeinsam auf 21 Prozent. Merz selbst verharrt auf seinem Allzeittief: 13 Prozent sind noch mit seiner Arbeit zufrieden, ein Wert, bei dem sein früheres Ich dem damaligen Bundeskanzler Scholz noch die Vertrauensfrage nahelegte. So schnell kann’s gehen – und Doppelmoral ist es schließlich auch nicht, wenn man ohnehin gar keine Moral hat.

Selbst unter den Anhängern der Union überwiegt inzwischen die deutliche Ablehnung. Nur elf Prozent der Deutschen glauben noch, dass der Kanzler in den kommenden Monaten deutlich Vertrauen zurückgewinnen kann. Also niemand.

Keine Ahnung, wer ihn berät und ihm sagt: Klar, geh‘ mal in die nächste Sendung oder tritt in Outdoorjacke vor das nächste Mikrofon. Ja, genau, triff mal wieder paar Bürger, super Idee. Dieser Mensch braucht jedenfalls eine höhere Besoldungsgruppe. Denn niemand zeigt besser und deutlicher, wie fehl am Platz, wie maßlos überschätzt er ist, als Friedrich Merz selbst. Er besitzt aber auch wirklich keinerlei Gespür für die Lebenswirklichkeit der Menschen im Land, denen er immer neue Zumutungen ankündigt, während er das Land weiter ruiniert.

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Kommentare ( 201 )

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LiKoDe
9 Tage her

Dr. jur. Friedrich März ist ein katholischer Sauerländer, der aus der oberen Mittelschicht stammt und durch die Kanzlerschaft statusmässig in die untere Oberschicht aufgestigen ist. Wenn man keine Ahnung von diesem Menschenschlag hat, erkundigt man sich besser vorher. Würde nun Ex-Bk Merkel Hrn. Merz nicht dessen Fraktionsvorsitz geraubt haben, wäre Hr. Merz womöglich einfach immer noch MdB und Fraktionsvorsitzender der CDU. Heruntergewirtschaftet haben unser Land seit 1990 die Bundeskanzler Kohl, Schröder, Merkel und Scholz. Dieses ‚Erbe‘ trat Hr. Merz vor 1 1/4 Jahr an. Die alleinerziehende Kinderärztin Dr. med. Maria Bea Merscher Alves ist eine Aktivistin in eigener Sache. Hr.… Mehr

Privat
9 Tage her

Bei diesem und bei ähnlichen Fotos ist meine Laune auf dem Tiefpunkt.

na sowas
10 Tage her

Eine Pinocchio-Nase, dazu ein Lügenmaul – einfach widerlich

Vallis Blog
10 Tage her

Die Deutschen arbeiten zu wenig. Tatsächlich? Nach den aktuellsten vollständigen Eurostat-Daten für 2025 sieht der Vergleich der durchschnittlich tatsächlich geleisteten Wochenarbeitszeit so aus. Erfasst sind Beschäftigte im Alter von 20–64 Jahren, Voll- und Teilzeit zusammen. Rang EU-Land Stunden/Woche 2025 1 🇬🇷 Griechenland 39,6 2 🇧🇬 Bulgarien 38,7 2 🇵🇱 Polen 38,7 4 🇱🇹 Litauen 38,4 5 🇷🇴 Rumänien 38,2 6 🇨🇿 Tschechien 38,0 7 🇭🇷 Kroatien 37,8 8 🇲🇹 Malta 37,7 9 🇸🇮 Slowenien 37,6 10 🇨🇾 Zypern 37,5 11 🇸🇰 Slowakei 37,5 12 🇭🇺 Ungarn 37,4 13 🇪🇪 Estland 37,3 14 🇱🇻 Lettland 37,2 15 🇵🇹 Portugal 37,0 16… Mehr

Last edited 10 Tage her by Vallis Blog
U.M.
10 Tage her
Antworten an  Vallis Blog

In der Auflistung wurden noch die Bundesbeamten vergessen, die eine wöchentliche Arbeitszeit von 41 Stunden haben.

Lucius de Geer
9 Tage her
Antworten an  Vallis Blog

Aussagefähig wird der Vergleich nur bei Zugrundelegung der Jahresarbeitszeit, da sich Urlaubs- und Feiertage je nach Land stark unterscheiden. Dann kann man das BIP pro Kopf auf die Arbeitsstunde umlegen und vergleichen.

Dr. Rehmstack
10 Tage her

Der Mann hat jeden Bezug zur Realität verloren: eine Ärztin, die ihren Beruf versteht, wird in jedem System ihr Auskommen haben, bei einem Winkeladvokaten bin ich mir nicht so sicher. Gibt es eigentlich schon Wetten, wie lange er noch unserer Kanzler sein wird?

OJ
10 Tage her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Wird bis März 2029 durchhalten.
Motivation:
Macht, Geld, Luxus-Annehmlichkeiten.

Kassandra
9 Tage her
Antworten an  Dr. Rehmstack

Alle, die im Abendland Jura studierten, werden ihre Jobs verlieren, zieht SchariaRecht hier ein.

Schmidtrotluff
10 Tage her

Kaffeekoch bei Blackrock. Ein Lappen erster Klasse. Noch nie und niemals kanzlertauglich. Opposition zu Merkel ist keine Qualifikation. Opposition zu Merkel ist ein Überlebensreflex. Wer ist Merkel ? Welche Blutlinie liegt da zutage ?

Silverager
10 Tage her

Merz folgt unbeirrt und stur seinen Weg.
In den Untergang.

Landdrost
10 Tage her

Mein Gott was für ein Typ. Der Neo-Feudalismus in seiner ekelhaftesten Fratze. Was geht in dieser inkompetenten, größenwahnsinnigen Hohlbirne vor sich?

Last edited 10 Tage her by Landdrost
Konradin
10 Tage her

Man darf mittlerweile ernsthaft am Gesundheitszustand dieses Mannes zweifeln. Geistig-emotional und auch zunehmend physisch. Merz ist als Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland ist völlig überfordert. Ist der Mann überhaupt noch Herr seiner Sinne? Die unter Merz nun vollzogene Bestätigung – als wär´s das Selbstverständlichste der Welt – des unter der grün-progressiven Merkel eingeleiteten grünen Linkskurses der CDU st maximal zerstörerisch für Deutschland und auch für die CDU. Für den kommenden Bundestagswahlkampf können CDU/CSU schon mal die Kampagne „Projekt 18“ ausrufen und entsprechende Plakate vorbereiten. Der Umgang von Merz mit Menschen ist verstörend und verheerend. Friedrich Merz ist der Abkanzler der Bundesrepublik… Mehr

DDRforever
10 Tage her

Ich will mich da gar nicht einreihen und muss es auch nicht. Es reicht für mich als Ästhet völlig seine entsetzliche Häßlichkeit.