Draußen reiht sich Bus an Bus. Frauen ohne Kopftuch, Rollkoffer, Kinder zwischen den Beinen. Kein Geschrei, kein Chaos. Nur ein gleichmäßiger Strom von Menschen aus dem Iran herüber. Schon jetzt sind es täglich Hunderte, die von den internationalen TV-Teams empfangen werden. Reporter Christian Witt ist vor Ort und berichtet. Eine Gemeinschaftsproduktion von Tichys Einblick und Alexander Wallasch
Alle Fotos: Christian Witt
Ich sitze an der türkisch-iranischen Grenze in einem kleinen Bretterbuden-Café. Weil ich nur einen „großen“ 100-Lira-Schein dabei hatte – umgerechnet etwa zwei Euro –, wurde mir der dampfende schwarze Tee kurzerhand geschenkt. Zwischen meinem letzten Bericht von der armenisch-iranischen Grenze und diesem Ort liegen etliche Reisetage – und erschreckend wenige Kilometer Luftlinie: Bis ins armenische Agarak sind es nur 250 Kilometer. Aber um hierher zu gelangen, musste ich über Jerewan, Tiflis und Istanbul reisen – fast 3000 zusätzliche Kilometer, der aktuellen Weltgeschichte geschuldet.
Vom Flughafen in Van und vom Vansee im äußersten Osten der Türkei aus sind es etwa achtzig Kilometer bis hierher nach Kapıköy („Razi“ auf Farsi). Die Straße führt zunächst aus der Stadt hinaus und schlängelt sich dann stetig hinauf ins türkisch-armenische Hochland. Sie ist gut ausgebaut, fast durchgehend breit und neu. Die Landschaft links und rechts liegt noch tief im Winter. Schneebedeckte Hänge schimmern perlmuttartig im Sonnenlicht. Hinter fast jeder Bergkurve öffnet sich der Blick auf einen hellblauen See. Über allem ein Himmel, klar und stahlblau wie an den schönsten Wintertagen. Das Licht ist so hell und grell, dass Berge und Täler schwarz in scharf geschnittenen Konturen erscheinen.
Am türkisch-iranischen Grenzübergang selbst herrscht ein gemächliches Kommen und Gehen. In der teppichbehangenen Teestube sitzt mit mir ein gutes Dutzend Reisende aus dem Iran. In der Mitte bollert ein Kanonenofen. Frauen mit Hund, Familien mit Kindern, Menschen mit schweren Taschen lassen sich zwischen Rollkoffern und Rucksäcken auf Fensterbänken oder kleinen Hockern nieder und warten auf ihre Busse oder Taxis, die draußen in langen Reihen stehen. Ist das schon der Beginn des befürchteten großen Trecks über die Türkei in Richtung Europa? Viele Frauen reisen mit ihren Müttern oder Familien, meist westlich gekleidet, oft ohne Kopftuch. Kinder laufen zwischen den wartenden Gruppen umher. In einem regelmäßigen Rhythmus, etwa alle dreißig Minuten, kommen neue Gruppen von der iranischen Seite herüber – jeweils dreißig bis fünfzig Menschen. Wer hier schon beginnt hochzurechnen, für den könne sich die Summen schnell zu einem Problem auftürmen. Aber für wen?
Ein leiser, steter Strom über diese Grenze. Nur wenige Menschen zieht es in die Gegenrichtung Iran. Die, die jetzt hinübereilen, sind noch verschlossener als jene, die ankommen. Meldungen der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu sprechen von rund zweitausend Grenzgängern täglich in beide Richtungen – einem ausgeglichenen Verhältnis. Das kann ich vor Ort nicht bestätigen.
Vor dem großen orientalisch-ornamental verzierten Grenzportal sammeln sich die weißen Kleinbusse in kleinen Pulks. Fahrer sprechen die Ankommenden an und bieten Fahrten nach Van an. Die Stimmung wirkt gelöst, professionell und geübt geschäftig. Türkische Sicherheitskräfte sind zwar präsent, schauen nach dem Rechten, halten sich aber auffallend zurück. Kurz werde ich gefragt, für welches Medium ich unterwegs bin. Der junge Grenzer lächelt, salutiert und verabschiedet sich mit einem „Good Luck“. Immerhin ist er nicht enttäuscht, dass er Wallasch und Tichy nicht kennt.
Links und rechts der Grenzeinrichtung stehen einige Soldaten und Fahrzeuge des Militärs, doch alles wirkt unaufgeregt organisiert. Die Beamten treten freundlich auf, eher beobachtend als kontrollierend.
Unweit des Grenzgebäudes warten außerdem ein Bus des Roten Halbmonds und ein Wagen der Vereinten Nationen mit blauem „UN“ auf beiden Türen. Beide wirken eher vorsorglich beordert. Es scheint im Moment keinen besonderen Bedarf zu geben – die Fahrzeuge stehen bereit, werden aber nicht benötigt – Einsatz für den Fall der Fälle also.
Unübersehbar sind die internationalen Fernsehteams. In Gruppenstärke vertreten ist die BBC mit Kameramann, Reportern und zwei Übersetzern. Auch Teams des türkischen Senders TRT, Polsat News aus Polen sowie des portugiesischen Privatsenders SIC sind vor Ort. Deutsche Fernsehteams habe ich nicht gesehen.
Der BBC-Kameramann erzählt mir, dass es merklich schwierig sei, Ankommende für Interviews zu gewinnen. Viele wollen sich nicht öffentlich äußern. Aber schließlich – ich stelle mich dazu – spricht doch ein älterer Mann mit dichtem Schnauzer und in gutem britischem Englisch in die Kamera. Neben ihm steht sein kleiner schwarzer Rollkoffer. Er klärt die fragenden Journalisten darüber auf, dass im Ausland viel Unwahres über das Leben im Iran verbreitet werde.
Auf die Nachfrage des britischen Reporters, ob er wirklich von Lügen spreche, antwortet er ohne zu zögern: „Ja, definitiv. Ausgemachte Lügen.“
Die kleine Teestube, in der ich sitze, ist heute die einzige geöffnete Bewirtung hier. Verkauft werden Schokoriegel, Wasser und Tee. Ein paar Buden weiter bietet jemand Ersatz-Rollkoffer und Reisezubehör an – aber gänzlich ohne Zuspruch. Viele weitere kleine Selbstbaubuden entlang der Straße stehen leer.
Die zusammengezimmerten Läden müssen schon umsatzstärkere Zeiten gesehen haben. Gestern haben, so erfahre ich noch im Gespräch mit den Kollegen, organisierte Reisegruppen aus Thailand und aus mehreren afrikanischen Ländern den Übergang passiert, koordiniert von ihren Botschaften.
Auf dem Weg hierher hatte ich am Flughafen zudem eine Gruppe von Kurden getroffen, die in den Iran zurückkehrten – auf dem Weg nach Hause. In gutem Englisch gaben sie mir noch die besten Tipps für Van und die Reise zur Grenze.
Und während draußen wieder ein neuer Kleinbus hält und sich eine weitere Gruppe von vielleicht vierzig Menschen mit ihrem Gepäck auf die Sprinter verteilt, sitze ich mit meinem geschenkten Tee in der Hand und beobachte diesen stillen, gleichmäßigen Strom von Menschen.
Für die kommenden Tage steht noch eine Fahrt nach Erbil an. Sicherlich eine der größeren Herausforderung dieser Reportagereise für Alexander Wallasch und Tichys Einblick. Erbil ist Hauptstadt und Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Der Iran ist hier kaum weiter entfernt als die Strecke Hannover bis Hamburg. Die Kurden erwägen, Trump und Netanjahu gegen den Iran zu unterstützen. Teheran wird also auch nach Erbil schauen. Nur schauen oder bald auch schießen?
Gemeinschaftsproduktion von alexander-wallasch.de, Christian Witt und Tichys Einblick
























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der Turmbau zu Babel, können sich denn nun die multikulti Sprachlichen in unserem Land überhaupt noch verständigen. ?? Und wie wäre das Handzeichen für “ multikulti Sprachlichininen“ ?
Immer rein in die gute Stube! Wir haben Platz und Geld für jeden!
no more Rollkoffer…
„…oft ohne Kopftuch.“ Das lese ich so, dass die meisten Frauen ein Kopftuch tragen und der gerade bedrängten mullahbegeisterten Fraktion des Iran angehören. Ich würde bei uns umgehend ein Kopftuchverbot einführen, damit sich die fanatischen Steinzeitideologen bei uns nicht wohl fühlen und bevorzugt gar nicht erst kommen.
Die Männer, die aus Islamländern, aber inzwischen auch aus Westländern zu uns kommen, tragen das Gedankengut ebenso in sich – und nur die Frauen sind zu erkennen, zeigen sie jedwede Verhüllung.
Ich denke, dass Sie sich irren. Muslimische Frauen haben eigentlich kein Grund zu fliegen. Die andere Frauen wohl eher.
Man darf nicht vergessen, dass sie zu einer von ältesten Zivilisation gehören. Sie, genau so wie es mit den ukrainischen ist, sind meistens gebildet, sie werden arbeiten und werden gut integriert.
Sie meinen, wenn es tatsächlich zu einem Mullahsturz kommt, werden die mutmaßlich tausenden fanatischen Damen mit den dauerhaft wütenden Gesichtern unter den schwarzen Kopfplanen plötzlich gebildet werden und im Iran bleiben wollen? Sie meinen nicht, dass sie liebend gerne zu ihren schon in Deutschland angesiedelten Gesinnungsgenossen umsiedeln möchten? Natürlich inklusive Familiennachzug. Aber ich würde mich sehr gerne irren.
Wer verstehen will, wie die Menschen in und um Van denken, der lese Orhan Pamuk (Nobelpreisträger) „Schnee“. Dafür musste er die Türkei fluchtartig verlassen. Wie es noch weiter östlich zugeht, dass hat Thomas Lehr in „Fatamorgana“ wunderbar zu Papier gebracht. Diese Menschen und ihre Gesellschaften sind vollkommen inkompatibel mit Westeuropa. Wir haben wenig mit ihnen gemein und sollten sie fern halten.
Bei TE Barbara Köster, 2016: „Die islamische Idee der Inklusion allerdings, die mit Unterwerfung identisch ist, will sich die westliche Kultur einverleiben und hält für die Regelung dieses Verhältnisses das Instrument des Dhimmitums bereit. Dies und nichts anderes bedeutet „Integration“ im islamischen Sinne. Die islamische Community fühlt sich prädestiniert, in einer diversifizierten Gesellschaft über kurz oder lang die Oberhand zu erlangen, denn sie hat ihren universalistischen Anspruch nie aufgegeben, sondern nur verdeckt, solange es opportun war, in den Strömungen der Diversität mitzuschwimmen. Ihre Stunde kommt spätestens, wenn die Gesellschaft so zersplittert und überfordert ist, dass sich das Bedürfnis nach einer… Mehr
Eine Stammleserin, die hier nicht kommentiert, empfiehlt Leserin Kassandra diesen Beitrag: https://www.iranintl.com/en/202503259224
Danke Herr Goergen!
Kassandra liest!
Beim Betrachten des Photos mit den iranischen Kämpfern wurde mir sofort klar, dass ich kurz vor meinem Ableben aus meiner Immobilie eine Mobilie machen werde.
Diese Leute werden nichts von mir übernehmen.
Wo sind die Probleme? Laut UN können in Deutschland 290 Mio Menschen leben. Wir haben also noch Platz für 200 Mio.. Ob Deutschland die selbst versorgen kann, noch das Geld für Bürgergeld etc. hat, spielt heute keine Rolle mehr. Sondervermögen heißt das Zauberwort, wenn nötig auch jedes Jahr 1 Billion zusätzlich.In den 1970erm heißt Beirut das Paris des nahen Ostens. Deutschland wird bald „Arabien des Nordens“ genannt. Ein richtiger Kosename!
Na, TE scheint sich ja zu „mausern“…. – denn jetzt übernehmen die sog. „Alternativen“, mit TE als Vorreiter, auch noch den Medien-Bereich „Außenpolitik“.
Da bleibt für die Relotius- und „Qualitätsmedien“ und für den ARD/ZDF-Staatsfunk dann ja bald gar kein Platz mehr übrig wo sie ungestört ihr Geschwurbel und ihre Lügen verbreiten und in die Welt posaunen können.
Da muss man vorsichtig sein mit dem Jubel. Die sogenannten Alternativen nehmen zunehmend rechthaberisch Positionen ein, so dass man sich für Informationen andere Alternativen suchen muss.
Genauso, wie man es vorher gemacht hat.
Tja, das sind halt Reporter. Na so etwas aber auch!
Herr Witt – von wann bis wann waren Sie denn an der Grenze vor Ort?
Die Iraner sind herzlich willkommen. Das sind hochgebildete (ausgebildete) Leute. Nur, Deutschland schafft gerade seine Kernindustrie ab. Zigtausend Arbeitsplätze fallen weg, kommen noch oben drauf zu den jetzt schon hunderttausenden Opfern eines irren, bewusst unverantwortlichen, niederträchtigen Zerstörungswerks eines von einem Großteil der Bevölkerung verachteten Kanzlers, der wie ein Kettenhund hinter seiner Brandmauer kläfft: „Niemals mit der AfD“, der mittlerweile einzigen demokratischen Oppositionspartei.
Zu Zeiten des Schahs und nach der islamischen Revolution 1979 ist die hauchdünne iranische Oberschicht nach Deutschland geflüchtet. Der Durchschnitt der iranischen Bevölkerung ist anders, hat 1979 mit 98% für einen Gottesstaat gestimmt. Nobelpreisträger V.S. Naipaul hat das Land 1979 bereist, kam zu dem Schluss, dass die Iraner nichts selber produzieren können, was sie so heiß begehren. Außer Öl, Gas, Teppichen und Pistazien (oft mit Afflatoxinen belastet) gab und gibt es fast nichts „Made in Iran“.
Die Iraner sind tatsächlich ein ganz anderes Kaliber.
Jo, und die „Blaue Moschee“ in Hamburg und deren Scharia-Demo’s und Geblöke zeigt dann auch genau deren „Kaliber“.
Es gibt (auch) von diesem „Kaliber“ meiner Meinung schon viel zu viele im Land…..
Eine gut geschriebene und beobachtete Reportage, hoffentlich mit Fortsetzung!