Die Bluttat von Trappes soll nicht nur ein rassistisches Motiv haben, sondern auch ein Terrorakt. Macron kam, weinte, aber blendete die lange Reihe radikal islamischer Anschläge von Charlie Hebdo bis Jacques Hamel aus. Die Ungleichbehandlung vergleichbarer Taten wird immer offensichtlicher.
picture alliance / Hannah McKay/Reuters Pool Photo via AP | Hannah McKay
Frankreich wird immer mehr zur Karikatur eines westlichen Landes, das an der Loire, Seine, Rhône und Garonne liegt. Vor allem gilt das für die Führung des Landes. Nachdem es an diesem Freitag zu einer tödlichen Attacke in den Pariser Vororten Trappes und La Verrière kam, zeigte Präsident Emmanuel Macron erstmals, dass ihn das aktuelle Geschehen im eigenen Land betrübt. Er reiste umgehend nach Trappes und sprach vor einem Mann in Trikoloren-Kokarde bedeutungsschwere Worte. Er log dabei in großer – gespielter? – Bestürzung die nun seit Jahren währende Auslieferung des Landes an den Terror von radikalen Muslimen und die oftmals rassistischen, antiweißen, juden- und christenhassenden Straftaten von Migranten und Muslimen weg.
Die Liste der Beispiele ist lang: Angefangen von den Anschlägen auf Charlie Hebdo und das Bataclan, nicht endend bei Taten von kleinerem Ausmaß wie dem Angriff von Crépol, wo es Vorstadt-Arabern ausdrücklich um das Abstechen von Weißen ging. Dem fiel der 16-jährige Thomas Perotto zum Opfer. In diesem Fall gilt die Weißenfeindlichkeit der Täter inzwischen als strafverschärfend. Viele Anschläge auf Lehrer und Priester lagen dazwischen.
Hinzu kamen einige als antisemitisch eingestufte Verbrechen von Muslimen: Bei einer Anschlagsserie in der Region Toulouse wurden schon 2012 drei Soldaten und vier Schüler einer jüdischen Schule umgebracht. Der 23-jährige Algerier Mohamed Merah feuerte gezielt auf seine Opfer. Am 9. Januar 2015 – zwei Tage nach dem Charlie-Hebdo-Attentat – wurden vier Menschen bei einer terroristischen Geiselnahme auf den koscheren Supermarkt Hyper Cacher Paris getötet. Die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll wurde 2018 in ihrer Pariser Wohnung erstochen und verbrannt; die Tat wurde als antisemitisch eingestuft. Und schon 2006 war der 23-jährige Jude Ilan Halimi von einer Bande „Die Barbaren“ (Eigenbenennung) gekidnappt, tagelang gefoltert und zuletzt ermordet. Das Motiv war die Judenfeindschaft der muslimischen Täter aus dem Iran und Nordafrika.
Erstaunlich das Tempo, in dem die Terroreinstufung kam
Hinzu kommen christenfeindliche Taten: Im Juli 2016 ermordeten zwei IS-Terroristen den 86-jährigen Priester Jacques Hamel, während er in Saint-Étienne-du-Rouvray die Messe hielt. Im Oktober 2020 wurden drei Menschen bei einem islamistischen Messerangriff in der Basilika Notre-Dame von Nizza ermordet, darunter ein Kirchendiener. Eine Frau wurde enthauptet. Das geschah vier Jahre nach dem schweren Anschlag durch einen Mann tunesischer Herkunft auf die Strandpromenade ebendort, wodurch 86 Personen umkamen.
All das scheint Macron vollkommen vergessen und ausgeblendet zu haben. Und mit diesem Vergessen soll offenbar die Einheit des Landes wiederhergestellt werden, trotz – ja, sogar im Zeichen der jüngsten gewaltsamen Unruhen, von denen noch mehr zu erwarten sind. Man nennt so etwas auch Mega-Ritual. Macron setzt seinen Appeasement-Kurs gegenüber den Vorstädten fort. Er spricht mit einseitigem Pathos von der vereinzelten Bluttat von Trappes, die sich gegen Araber und Afrikaner gerichtet haben könnte. Und er blendet die leider allzu lange Reihe der Taten von muslimischen Arabern und Afrikanern gegen Franzosen aller anderen Bekenntnisse aus.
Erstaunlich ist auch das Tempo, in dem der Präsident und andere vom „nachweislich rassistischen Charakter“ der Tat sprachen. Und auch der terroristische Charakter der Tat ist in diesem Fall im Handumdrehen klar. Das wissen innenpolitische Beobachter zu lesen.
„MACRON DIE SCHANDE“
Der ägyptischstämmige Kommentator Jean Messiha reagierte mit einem bündigen „MACRON LA HONTE“ – „MACRON DIE SCHANDE“ – auf die ersten Äußerungen des Präsidenten. In seinem Blog auf Substack analysiert er die Tat von Trappes und La Verrière als „letzten Krampf eines Volkes, das untergeht“. Der Täter Kévin T. (39) war danach weder „fiché S“ noch als „Ultrarechter“ bekannt, war aber vier Mal wegen kleinerer Taten verurteilt worden, darunter Betäubungsmittelmissbrauch und Trunkenheit am Steuer. Auch im Tatwagen fand sich eine kleine Menge Kokain. In seiner Wohnung befanden sich drei Gasflaschen, die an eine Zeitschaltuhr angeschlossen waren. Die Wohnung war mit einer Sprengfalle versehen.
In Trappes und La Verrière gab er Salven auf Passanten aus seinem grauen Clio ab, tötete den afrikanischstämmigen Mixed-Martial-Arts-Fan Pengo Bossio Wangi und verletzte laut dem Bürgermeister mehrere Personen von maghrebinischer Herkunft.
Da die Taten „aufgrund der tatsächlichen oder vermeintlichen Zugehörigkeit zu einer Rasse, einer ethnischen Gruppe, einer Nation oder einer Religion begangen wurden“, ist nun die nationale Antiterror-Staatsanwaltschaft damit befasst. Denn Kévin T. habe gewisse „Äußerungen getätigt und bestimmte Personen aufgrund ihres Aussehens verschont“.
Die Franzosen, die in die Enge getrieben wurden
Trappes, so viel scheint festzustehen, gehört fest zum Übernahmegebiet der Muslime und der Dschihadisten Frankreichs. Allein 60 bis 80 Einwohner schlossen sich auf dessen Höhepunkt dem IS in Syrien an. Es gab außerdem Verbindungen von Trappes zu Attentaten in Paris und Brüssel. Daneben hat sich in Trappes seit langem der Halal-Einzelhandel durchgesetzt und den klassisch französischen ausgestochen. Die neue Mehrheit ist afro-arabischer Kultur und islamischer Religion. 30 Prozent der Bevölkerung sind laut staatlichen Angaben zugewandert, 23 Prozent ohne französischen Pass – und das in einem Land, in dem seit langem das Territorialprinzip (Jus soli) gilt. 60 bis 70 Prozent der Einwohner gelten als Muslime in einem Land, das keine offizielle Statistik zu dieser Frage erlaubt.
Messiha schließt, dass die alteingesessenen Franzosen hier nach und nach zu Fremden in der eigenen Stadt, im eigenen Land geworden sind. Kévin T. sieht er als „normalen Mann“, der am Rande der Gesellschaft stand, sich abgekapselt hatte und einige Kleindelikte begangen hatte. Doch er war kein Ideologe: „Völker, die sich auf ihrem eigenen Boden verdrängt fühlen, reagieren am Ende manchmal wie in die Enge getriebene Tiere. Das ist keine moralische Frage, sondern eine anthropologische.“
Macrons Rhetorik in Trappes nennt Messiha „sowohl inhaltlich als auch formal grotesk“. Messiha mokiert sich über Macrons „ernsten Ton, diesen tränenreichen Blick und diese feierliche Rede“, die bei vielen der oben aufgelisteten islamisch angeregten Taten sicher gefehlt haben. Doch Macrons Reaktion sei „kein sprachlicher Ausrutscher“, vielmehr „eine Eskalation der Schande“, schreibt Messiha und meint damit die fortgesetzte Blindheit Macrons gegenüber den radikal-islamischen Straftaten und der zunehmenden Aufgabe von Stadtvierteln, ja ganzen Städten.
Dieser Freitagabend ist vielleicht ein Wendepunkt in der französischen Geschichte, aber nicht in dem Sinn, in dem Macron davon sprach. Für Messiha liegt es klar da, dass das offizielle Frankreich die Taten von so vielen „Islamisten“ und anderen Radikalen umgehend mit den verschiedensten Argumenten kontextualisiert und erklärt, während jede identitäre Reaktion umgehend kriminalisiert werde. Genau das geschah auch an diesem Freitagabend in nie zuvor gesehener Offenheit.
Zwei-Klassen-Strafrecht in Pan-Westeuropa
Vergleichbar ist das allenfalls mit den Ermittlungen der britischen Innenministerin Shabana Mahmood gegen dreizehn Personen, die angeblich einen Anschlag auf ein islamisches Festival im Juli dieses Jahres planten. Das war sehr knapp nach der Ermordung der Reform-Politikerin Ann Widdecombe in ihrem Haus – eine Tat, die inzwischen auch als terroristisch gilt. Die Ermittlungen gegen die rechten Extremisten führten ins Leere und mussten „angepasst“ werden – das steht offenbar für: fallengelassen.
Anfang Oktober wurde eine Terrorliste des Widdecombe-Mörders öffentlich. Unter den potenziellen Opfern des 28-jährigen Joshua Kerry aus Rotherham in South Yorkshire standen auch die Tory-Vorsitzende Kemi Badenoch https://www.telegraph.co.uk/news/2026/10/08/badenoch-on-list-found-at-widdecombe-murder-suspects-home/ und der Reform-Anführer Nigel Farage.
Es bleibt eine Realität, dass Strafbehörden in westlichen Staaten auf der einen Seite unfähig scheinen, die Motive von islamischen und linksextremen Terroristen als das zu erkennen, was sie sind, während sie auf der anderen Seite viele Taten von Verrückten unbesehen dem rechten Spektrum zuordnen. Der KI-Cartoon von Le Crapaud scheint dezent auch auf deutsche Verhältnisse anzuspielen. Und damit ist das Zwei-Klassen-Strafrecht nicht nur eine britische oder französische Besonderheit, sondern längst auch in Deutschland Usus, wovon nicht zuletzt die Fälle Ballweg und Prinz Reuß nach dem Erkennen vieler Fachleute Zeugnis ablegen.
— Le Crapaud (@Le_Crapaud47) October 23, 2026


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