Blödes Volk, Herrschaftszeiten!

Die alten Parteien verlieren die Wähler und erklären den Wähler zum Problem. Wer den Mehrheitswillen nicht mehr bedienen kann, versteckt sich hinter Gerichten, Brüssel und „Zivilgesellschaft“. Am Ende wächst der Zorn.

Besonders schlaue Soziologen sind der Auffassung, in der Demokratie sei immer DAS Volk daran schuld, dass etwas faul ist im Staat. Logisch. Es handele sich schließlich um Volksherrschaft. Wenn aber, was derzeit zweifellos der Fall ist, Regierungshandeln den bei Wahlen fest gestellten Willen des Volkes nicht mehr abbildet? Die Antwort auf diese für die Akzeptanz von Demokratie entscheidende Frage fällt auch deshalb höchst unterschiedlich aus, weil es DAS Volk in diesem Sinne gar nicht gibt, sondern nur ein paar Millionen Individuen mit höchst unterschiedlichen Charakteren, Interessen, Haltungen und Identitäten. Deshalb ist Politik in hohem Maße auch eine Sache der Psychologie – nicht nur der Soziologie.

I.

Eine Frage, die in diesem Land vielfach für die wichtigste überhaupt gehalten wird: Trägt DAS Volk Schuld am Aufstieg einer Partei, mit der die anderen Parteien nicht in Berührung kommen möchten. Die Antwort ist leicht: Nein. In Wahrheit ist diese eine, andere, offenbar auch andersartige Partei Resultat des Versagens der etablierten Parteien. Deren Scheitern an weitgehend selbst geschaffen Problemen hat den Aufstieg der einen, anderen Partei überhaupt erst verursacht und befördert. Diese Einsicht liegt den Parteien, die glauben, sie besäßen ein Demokratie-Monopol, fern, sonst würden sie ja die Ursachen beseitigen und Lösungen für die Probleme liefern. Dumm, dass sie sich der geschmähten Konkurrenz nicht mittels Geheimdienst, Polizei und Justiz entledigen können. Nur blöd, dass sich das Volk, einheitsgrau und einheitsbraun (so die vor demokratischer Gesinnung geradezu lodernde SPD-Vorsitzende Bärbel Bas), nicht verbieten lässt. Verbieten nicht – aber doch wenigstens so durchmischen, dass es sich selbst nicht mehr kennt. Da haben wir es wieder: DAS Volk ist schuld, also muss es, da es sich nicht erziehen lässt, bestraft werden. Das ist die Logik der ehemaligen Volkspartei SPD.

II.

Würde die Regierung eines weniger lästigen, folgsameren „Volks“ (hier im doppelten Sinn auch als abwertendes Diminuitiv verstanden) die Krisen besser bewältigen?

Natürlich nicht. Wir haben es nämlich mit einer seit längerem fortschreitenden Selbstentmachtung der demokratischen Regierung zu tun. Es handelt sich um ein Paradox: Um sich vor dem Volk zu schützen, gibt die Regierung Macht ab. Nicht etwa an den Souverän (eben das Volk), sondern an demokratisch nicht kontrollierbare Kräfte. Die Politik kann dann anscheinend nichts mehr dafür, wenn etwa das Bundesverfassungsgericht dem Klima eine höhere Bedeutung zumisst als dem Mehrheitswillen der Wähler. Dabei beruft das Gericht sich auf eine Macht, die völlig zu Unrecht als unfehlbar gilt und die sich nach Belieben ideologisch missbrauchen lässt: „DIE Wissenschaft“. Obwohl sich mittlerweile „die Wissenschaft“ vom unhaltbaren Worstcase-Szenario der Klimahysteriker verabschiedet hat, auf dem das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts fälschlicherweise beruht. Die Selbstentmachtung der Politik besteht außerdem darin, sich hinter europäischen Beschlüssen (Green Deal) zu verschanzen. Der Willen der Wählern kommt nicht gegen eine Regierung an, die behauptet, gegen Gerichte und EU machtlos zu sein, und infamerweise auch noch die sogenannte „Zivilgesellschaft“ um Hilfe bittet – etwa gegen die Meinungsfreiheit. Diese Zivilgesellschaft ist gar nicht zivil, sondern kommt ziemlich uniformiert daher und trampelt mitunter militant durchs Land. #unseredemokratie gegen das Volk.

III.

Statt sich die Macht im Sinne der Mehrheit der Wähler zurück zu holen, beklagen die staatstragenden Parteien, dass alle Appelle an Einsicht, Konsens, Kompromiss nicht fruchten. Das ist das zweite Dilemma: Die Regierung kann nicht mehr regieren, weil es das Regierungsbündnis nicht schafft, sich hinter gemeinsamen Zielen zu versammeln. Das einzige gemeinsame Ziel ist der Machterhalt. Dagegen wiederum steht die Mehrheit der Bürger nicht auf, weil sie sich auch nicht auf gemeinsame Interessen einigen kann. Kein Sturm bricht los, bloß maßlose Enttäuschung. Die einen lassen sich mit Hysterie über die Erfolge der Unantastbaren impfen, die anderen vom Geschwätz der regierenden Demokraten betäuben. Bei den meisten aber macht sich Resignation breit. Depression. Ein politisches Fatigue-Syndrom. Auch das zerstört Demokratie.

IV.

Die meisten Bürger wollen nur noch von Politik in Ruhe gelassen werden. Das wäre den alten, müden Parteien am liebsten. Ruhe, verkünden sie, sei der Bürger erste Pflicht. Diese Maxime aus vordemokratischen Zeiten wird in postdemokratische Zeiten wieder aktuell. Mit der Ruhe könnte es aber bald vorbei sein. Denn der Staat greift den Enttäuschten ins Portemonnaie. Die Ängste steigen vor dem Absacken des Lebensstandards, vor Arbeitslosigkeit, vor Altersarmut, vor Krieg, vor Kriminalität, vor dem Fremdsein im eigenen Land. Immer mehr Bürger wählen deshalb in ihrer Not die „falsche“ Partei. Anders lässt sich offenbar Druck auf die Regierungsparteien nicht erzeugen. Und es steigt der Zorn. In Nordirland und England ist gerade zu sehen, was passieren kann, wenn der Staat seine Bürger nicht schützen kann. Islamistische Messerattentate (die nicht Terror genannt werden sollen), werden routinemäßig mit Warnungen vor „rassistischen Krawallen“ beantwortet. Damit lassen sich weder Krawalle abwenden noch gerechter Zorn zügeln. Resignation und Duldsamkeit sind keine endlose Ressource. Die Parteien sollten sich nicht darauf verlassen.

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Kommentare ( 95 )

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95 Comments
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Sonny
1 Tag her

Viele Worte sind geschrieben und gesprochen worden, seit der jetzige deutsche Niedergang begann. Für mich ist das alles ganz einfach: Da ist eine Mafia, die sich am Eigentum der Bürger ganz nach Belieben bedient und dieser Selbstbedienungsladen soll möglichst nie enden. Alle Verwerfungen in diesem Zusammenhang sind Kollateralschäden, die man gerne in Kauf nimmt, so lange es einen nicht selbst und direkt trifft. Und genau so entscheiden auch sehr viele Bürger im Land – so lange es sie nicht direkt betrifft, machen sie: NICHTS. Da sind schon ganz andere Kulturen und Gesellschaften im Laufe der Geschichte untergegangen. Und jetzt ist… Mehr

murphy
1 Tag her

Das Schlimme an „unserer Demokratie“ ist, dass es nur eine Illusion ist. Denn in einer echten Demokratie hätte der Bürger das Sagen. Ihn wird aber nur alle 4 Jahre – nach mediales Dressur – einmal das Bellen erlaubt. Anschließend gibt es Verhandlungen ohne ihm, mit Ergebnissen denen er rücksichtslos ausgeliefert ist. Im GG vorgesehene bundesweite Abstimmungen werden den Bürgern ja verweigert und soweit sie auf Länderebene zelebriert werden, wird das Ergebnis (siehe Berlin Tegel) ignoriert. Wer ist da über die Benutzung des einzigen noch verfügbaren Notausgangs – Wahl der AfD – noch verwundert. AfD = Notausgang ? Nein, eine sonst… Mehr

Retlapsneklow
1 Tag her

« Die meisten Bürger wollen nur noch von Politik in Ruhe gelassen werden »

Das idealste Modell wäre, wenn die Politik so gemacht wird, dass man mit ihr leben kann, ohne ständig über sie nachdenken zu müssen. Wenn das geschieht, ist es immer aus Sorge.

Der Mensch sollte nicht für die Poltik leben, sondern die Politik für ihn.

horrex
1 Tag her

Ein wenig gedauert hat es ja.
Nun scheint „der gute Herles“ endlich verstanden zu haben, dass die von ihm – zumindest ehemals – so geschätzte Partei zum maßgeblichen Totengräber dessen geworden ist was man mal „Demokratie in Deutschland“ nannte.
Keine schöngefärbt/verquasten Erklärungsversuche mehr!
Nicht einmal mehr Erklärungsversuche die Grün, Rot und Ganzrot fürs Komplett-Versagen „seiner Partei“ benötigen.
Herzlichen Glückwunsch 😉 !

maps
1 Tag her

Es stimmt ja auch, die Mehrheit der Deutschen ist dumm und irre. Es ist alles geliefert wie bestellt. Die Mehrheit will es genau so.

Kassandra
1 Tag her
Antworten an  maps

Ohne Kenntnis von Fakten – was kann man wollen?
Wir hier kennen ja auch keine korrekten Zahlen und Beträge – aber das etwas faul im Staate ist, das riechen wir meilenweit – gegen den Wind.
Weshalb die Masse nicht?
Oder die Masse doch – bleibt aber im Brandmaurerschema gefangen – obwohl sie das Beste wollen würde?

giesemann
1 Tag her
Antworten an  maps

Man erkennt, was das Manko der Demokratie ist. „Die schlechteste aller Staatsformen, aber die einzig mögliche“. Porca miseria. Der Verständige sieht das und zieht seine Schlüsse.

Nibelung
1 Tag her

Soziologie kann nur den Verhaltensspuren folgen, ist aber unfähig die Zunkunft und das kommende Verhalten zu deuten und allein der Versuch sich auf dieses Glatteis zu begeben grenzt bereits an Wahrsagerei, weil die Eigenheit beim Menschen ständig im Wandel ist und auch von den äußeren Umständen begleitet wird und damit keine sichere Prognose abgegeben werden kann und somit eine teuere und unsinnige Disziplin darstellt, wo man nur Geld verpulvert, für Kaffesatzleserei und niemand benötigt, außer jenen die politisch oder Unternehmerisch verunsichert sind und sich dann beraten lassen, als Feigenblatt für alle Fälle. Von dieser Art unproduktiver Studienfächer haben wir zuviel… Mehr

Deutscher
1 Tag her

Natürlich ist das Volk schuld: Es hat sich diese Politik ja selber gewählt.

Last edited 1 Tag her by Deutscher
Kassandra
1 Tag her
Antworten an  Deutscher

Selbst bei Ehescheidungen ist das „Schuldprinzip“ lange außen vor.
Betrachten wir doch besser, wie wir aus der angerichteten Bredouille wieder heraus finden können!

Joerg Gerhard
1 Tag her

Warum die Mehrheit der Buerger nicht aufsteht und sich nicht auf gemeinsame Interessen einigen kann ist schnell erklaert und wohl der einzige schlaue und und machtsichernde Move des Unsere Demokratie/Die Wissenschaft/Qualitaetsmedien Apparates: man schroepft zwar immer mehr Wirte immer intensiver, aber man verteilt eben auch immer ein bisschen mehr vom Geschroepften an immer mehr Parasiten, die ja alle nicht nur das gleiche Stimmrecht haben sondern auch an allen Schaltstellen des Systems platziert wurden und sitzen.

babylon
1 Tag her

Tja, so ist das. Nun will die deutsche Regierung den Leuten an die Fischstäbchen und Schlemmerfilets aus der Tiefkühltruhe, da die aus Alaska Seelachsen bestehen, zu ganz überwiegender Anzahl aus Russland importiert hoch oben im Norden, eben da wo sie herumschwimmen. Stichwort Sanktionierunspolitik damit Russland „verliert“ und die Ukraine „gewinnt“ Wenn ich mein Schlemmerfilet nicht mehr bekomme oder nur noch zu astronomischen Preisen, werde ich mich nach Alternativen auf dem Wahlzettel umschauen. Da bin ich mir ganz sicher als denkendes Individuum, im Sinn von Herrn Herles oder Herrn Kant, der empfiehlt, den Mut zu haben sich seines Verstande zu bedienen,… Mehr

rainer erich
1 Tag her

In Teilen der AfD resp ihres “ Vorfeldes“ beäugt man nicht nur die Partei per se , sondern auch die liberalkonservativen Zuwanderer von der CDU etwas skeptisch, mit Recht. Erfreulich, dass die hiesigen Kommentatoren das liberalkonservative ,systemische “ Herles – Problem“ erkennen und ansprechen. Vor Troyanern sollte man sich als Partei einer etwas grundsätzlicheren Wende in Acht nehmen. Die meckern und jamnern zwar herum, die Frage ist aber , worüber sie genau jammern bzw was sie denn eigentlich wohin ändern wollen. Der biedermännische Michel sitzt tief, mitunter ist er sogar grün, meistens aber schwarz. Dem geht es allenfalls um seine… Mehr

Deutscher
1 Tag her
Antworten an  rainer erich

So sieht’s aus.