Der Anfang vom Ende der dekadenten Pharisäer

Die Auflagen vieler Printmedien brechen ein – ebenso wie das Vertrauen in diese Publikationen. Während „Zeit“ und „Spiegel“ mit Dumpingangeboten neue Leser finden wollen, holen manche Podcasts eine Millionenpublikum. Und zwar mit genau den Inhalten, die diese Printmedien meiden und diffamieren.

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Wenn unsere „Qualitätszeitungen“ mit Sonderangeboten locken, ist was im Busch. Genau: abnehmendes Käufer- und Leserinteresse. In Zahlen: Die verkaufte Gesamtauflage der Tageszeitungen in Deutschland betrug im zweiten Quartal des Jahres 2025 rund 10,4 Millionen Exemplare. Im 2. Quartal 1991 waren es noch 27,3 Millionen Exemplare. Entsprechend sinken auch die Umsätze. Und so wird es wohl weitergehen.

Was tun? „Zeit“ und „Spiegel“ locken mit Sonderangeboten an: den „Spiegel“ kann man jetzt vier Wochen lang für einen Euro lesen, die „Zeit“ offeriert sechs Ausgaben gratis, man muss nur das Porto zahlen. 7.95 Euro anstelle sechs mal 7,60. Dem konnte ich nicht widerstehen. Eigentlich lese ich die einst geschätzte Zeit schon lange nicht mehr, erst recht nicht den Spiegel. Und schon gar nicht schaue ich mir ARD und ZDF an, nein, auch nicht den Tatort.

Eine weise Entscheidung, ich habe nichts zurückzunehmen. Die Lektüre bestätigte mein Urteil. Nehmen wir Ausgabe Nr. 19 der „Zeit“ vom 29. April, erste Seite. In der linken Spalte ist Bernd Ulrich frauenfreundlich und fordert „Eine Mutige vor!“ im Rennen um das „wieder wichtige“ Amt des Bundespräsidenten. Die Macht der Politik schwinde zwar, aber, und das ist wirklich zierlich argumentiert, „die konstitutionelle Kunstfigur einer machtlosen Macht, eines Präsidenten also, der mehr sagen kann, gerade weil er kaum etwas zu sagen hat, wird wieder gebraucht.“ In der Tradition von Theodor Heuss, etwa. Also gerade richtig für eine Frau! Doch die muss ordentlich was können: über Deutungsfähigkeit und intellektuelle Neugier verfügen, tollkühn sein, die politische Mitte mobilisieren und in der Union sein, da das Land nicht von links zu führen sei.

Also ein echtes Wunderwuzzi! So ein seltenes Exemplar, ob weiblich oder männlich, ist in der Union nicht zu finden, und warum es unbedingt eine Frau sein muss, versteht niemand, der sich die Frauenriege in der Politik mal länger angeschaut hat.

Oder, halt! Ist Bernd Ulrich vielleicht besonders listig und meint Alice Weidel? Das wäre in der Tat mal was Neues. Doch auf Seite 11 wird Daniel Günther aus Schleswig-Holstein als „Anti-Söder von der Ostsee“ gepriesen. Ein Mann. Tja.

Und List passt nicht richtig zur „Zeit“, wie der Leitartikel in der rechten Spalte zeigt. Dort ruft Mark Schieritz zum Wagnis „Geduld“ auf. Das ist angesichts der Stimmung im Land tatsächlich mutig. Reformen seien zwar unausweichlich, aber danach werde es nicht schnell besser: „Keine Regierung kann daran etwas ändern.“ Keine Reform der Welt könne die Blockade der Straße von Hormus ungeschehen machen. Na bitte: es sind externe Faktoren, unter denen wir leiden. Und vor allem: nicht Merz oder Klingbeil hätten die Krise verursacht, sondern – Halali! – Donald Trump.

Immerhin konzediert der „Zeit“-Mann, dass Merz den Wählern nicht habe vermitteln können, wie die Zukunft aussehen soll. Nun, das ist eigentlich immer schwierig. Es sei denn, man nimmt, wie der Autor, die Wirklichkeit nicht mehr wahr. Er bezeichnet Deutschland als „reiches Land mit innovativen Unternehmen“. Warum die mittlerweile das Land verlassen? Wegen der Regierungspolitik insbesondere, was niedrige Energiepreise betrifft. Der Trost: „Aber es kommen wieder bessere Zeiten und neue Krisen.“

Oder eine Bundespräsidentin mit einem Schuss Tollkühnheit. Man muss hoffen dürfen, es bleibt einem ja sonst nicht viel.

Wie man es anders machen könnte, statt die eigene Zeitung zu verramschen? Also inhaltlich?

Genau an dieser Stelle zeigt sich, dass Reichweite nicht vom Rabattzettel kommt, sondern von erkennbarer Haltung (in der besten Tradition des Wortes) und publizistischer Energie. Tichys Einblick hat vorgemacht, wie es geht. Es gibt ein gedrucktes Magazin, das gekauft wird, weil es eine andere Sicht anbietet und nicht wie ein Beipackzettel des Regierungsviertels klingt. Es gibt ein starkes Online-Angebot, das Themen setzt, statt sie unkritisch aus den Pressestellen der Macht nachzubeten. Es gibt Bewegtbild, Gespräche, Kommentare, Analysen, Formate mit Gesicht und Stimme. Und es gibt Podcasts, die tatsächlich gehört werden: Bei Podwatch steht Tichys Einblick auf Platz 12 (Stand 5. Mai 2026). Das ist für ein unabhängiges, bürgerlich-kritisches Medium das Ergebnis einer einfachen Einsicht: Wer Leser und Zuschauer nicht belehren, umerziehen oder für dumm verkaufen will, muss seine Zeitung auch nicht für einen Euro auf den Markt werfen. Er muss nur etwas bieten, das man anderswo nicht mehr findet: Widerspruch, Recherche, Urteilskraft und den Mut, die Wirklichkeit nicht erst durch die Filter der erlaubten Deutung zu schicken.

Das demonstrierte auch jüngst der Podcaster Ben Berndt. Er sprach vier Stunden lang mit Björn Höcke, dem „Teufel der Nation“ (Höcke). Das Video wurde in weniger als drei Tagen mehr als drei Millionen mal aufgerufen, was womöglich auch an der heftigen Kritik etwa von Seiten der Journaille liegt. Sämtliche Medien flippten schier aus? Wer ist dieser Ben Ungescripted? Darf der das? „Dass mir jetzt irgendwer vorschreiben will, mit wem ich zu sprechen habe und mit wem nicht, kann ich nicht ernst nehmen“, erklärt Berndt.

Höcke soll der neue Gottseibeiuns sein. In hunderten Redaktionen werden sich seit Jahren die Finger wund geschrieben, um diese Story in den Hirnen der gemeinen Bürger zu verankern.“ Tja. Hat irgendwie nicht geklappt. Das Ende der dekadenten Pharisäer, wie man in der Jungen Freiheit hofft?

Sagen wir mal: der Anfang vom Ende.

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