Zehn Jungen sollen die damals zwölfjährige Anna (Name geändert) monatelang in Parkhäusern, leerstehenden Wohnungen und einem Hotelzimmer in Wien sexuell missbraucht haben. Das Unfassbare: Alle zehn Angeklagten im Alter von 16 bis 21 Jahren kamen straflos frei. Jetzt rechnet die Mutter mit der Justiz ab – sie schreibt ein Buch.
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In ihrem Kinderzimmer berichtete im Oktober 2023 die damals 13-jährige Anna ihrer Mutter von den sexuellen Handlungen mit mindestens zehn älteren Jungen. „Ich musste eine Mauer um mich ziehen, sonst wäre ich zusammengebrochen“, erinnert sich die Mutter des Mädchens später im Gespräch mit den Medien.
Die Schülerin schilderte ihrer Mutter den real erlebten Albtraum: Die Zwölfjährige hatte sich im Januar 2023 in einen zwei Jahre älteren Jungen verliebt. Treffen im Helmut-Zilk-Park, Snapchat-Nachrichten folgten – dann kam der erste Übergriff in einem Parkhaus. Der Junge erzählte es weiter, bald folgten weitere Vorfälle. Die Gruppe drohte Anna, in der Schule „zu erzählen, was für ein Mädchen sie ist“, wenn sie nicht weiter mitmache. Der Höhepunkt der Eskalation: Am 21. April 2023 wurde sie in ein Hotelzimmer gebracht, wo mindestens zehn Jugendliche nacheinander Sex mit ihr hatten. Danach wagte sie sich nicht nach Hause. Stattdessen floh sie zu einer Freundin der Mutter, trank fast zwei Liter Wasser und schlief ein – schwer traumatisiert.
Später erzählte sie ihrem neuen Freund davon, der sie ermutigte, ihre Mutter einzuweihen. Doch dieser Freund – im Buch „Amir“ genannt – isolierte sie weiter, machte ihr Vorwürfe und holte sie nachts heimlich aus ihrem Zimmer. Mit 13 wurde Anna schwanger und musste vor Weihnachten 2023 eine Abtreibung durchstehen. Im Prozess quälte sie sich weinend durch ihre Aussagen, während die Angeklagten – einige grinsten im Gerichtssaal – sehr locker wirkten. Anna brach später hyperventilierend zusammen, als sie einen der Jungen bei einer McDonald’s-Filiale sah. Bis heute kann sie keine TikToks posten, sie hat zu viel Angst vor einem Identitätsverrat in den Kommentaren.
Nun wurden die Täter freigesprochen. Richter Daniel Schmitzberger begründete dies mit „so vielen Widersprüchen“ in Annas Aussagen, dass ein Schuldspruch unmöglich gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft hatte den jungen Tatverdächtigen Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung vorgeworfen (zwei Jungen zusätzlich geschlechtliche Nötigung). Eine Verurteilung wegen Missbrauch von Unmündigen scheiterte bereits im Vorfeld des Gerichtsprozesses: Es ließ sich nicht beweisen, dass die Angeklagten Annas wahres Alter kannten. Und eine Freundin des Opfers bestätigte zwar sexuelle Handlungen, aber keinen Zwang. „Das Beweisverfahren hat ganz klar zu einem Freispruch geführt“, hieß es dann im Urteil, die Freisprüche wurden später rechtskräftig.
Die Kindesmutter widerspricht vehement: Die Widersprüche erklärten sich aus den Ermittlungen. So wären in der ersten Polizei-Aussage viele Details gar nicht abgefragt worden. „Die Antwort war einfach: Weil sie nicht gefragt worden war“, schreibt sie im Buch. Sie prangert eine Täter-Opfer-Umkehr an und ein System, das Opfer nicht schütze. „Ich musste Anna nach dem Prozess das Gefühl geben, dass sie keine Schuld trägt.“ Die Mutter protokolliert den „stillen Strudel der Gewalt“, der mit einer harmlosen Schwärmerei begann und in Isolation, Schwangerschaft und Trauma mündete.
Wo war die Voraussetzung „Nur Ja heißt Ja“?
Die Freisprüche lösten in Österreich eine Welle der Empörung aus. Von der Kronen Zeitung über Der Standard bis zur Wiener Zeitung erschienen kritische Berichte über das „Schockurteil“ und ein „Justizversagen“. Politiker aller Parteien forderten eine Verschärfung: Das Prinzip „Nur Ja heißt Ja“ müsse gelten, das Sexualstrafrecht reformiert werden.
Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) sprach von „mehr sexueller Selbstbestimmung“, die ÖVP von „null Toleranz“ und über Abschiebungen derartiger Tatverdächtiger. Auf den Social-Media-Kanälen wurde massiv kritisiert, dass wohl kein „zartes Mädchen, umringt von zig Männern“ freiwillig bei Sex-Orgien mitmacht. Allerdings: Auch vor dem Obersten Gerichtshof hielten die Freisprüche.
Freigesprochene Angeklagte erneut unter Verdacht
Der Fall zeigt klar die Grenzen des österreichischen Rechts: Kinder unter 14 gelten als unmündig, sexuelle Handlungen sind grundsätzlich strafbar – doch nur, wenn das Alter bekannt war oder Zwang nachweisbar ist. In einem Nebenprozess wurde Annas Ex-Freund wegen Missbrauchs zu 15 Monaten bedingter Haft verurteilt, weil der Altersabstand zu groß gewesen sei.
Nur Monate später gerieten einige Freigesprochene erneut in Verdacht, eine weitere Zwölfjährige zu sexuellen Handlungen genötigt zu haben – das Verfahren wurde eingestellt.
Heute ist Anna 15 Jahre alt, sie wechselte die Schule und versucht nun, ein normales Leben zu führen. Ihre Mutter hofft mit dem Buch nicht nur auf eine Verarbeitung des Erlebten, sondern auch auf einen Wandel in der Gesellschaft. „Damit so etwas in Zukunft verhindert werden kann“, sagt sie.
Der Fall Anna bleibt ein Mahnmal: für einen besseren Opferschutz, für sensiblere Ermittlungen und ein Rechtssystem, das ein Opfer ernst nimmt – anstatt es in Widersprüchen zu ersticken. Die Empörung verstummt nicht.


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