Gewalt überschattet Ostern: Über 70 Christen in Nigeria ermordet

Vielerorts sind Christen an hohen christlichen Feiertagen erhöhter Gefahr ausgesetzt, Ziel von Anschlägen und Angriffen zu werden. So auch in Nigeria: In der Karwoche rollte eine Gewaltwelle durch das Land, die zahlreiche Opfer forderte.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Abel Omotosho

Über 70 Christen wurden zwischen Palmsonntag und Ostern in Nigeria ermordet. Das berichtet unter anderem die Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI).

Allein am Palmsonntag wurden demnach bei einem Anschlag im Zentrum des Landes 40 Menschen getötet. Die Attacke ereignete sich in Angwan Rukuba, einem mehrheitlich von Christen bewohnten Bezirk der Stadt Jos, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Plateau. Laut der christlichen Hilfsorganisation Open Doors eröffneten Unbekannte am Abend auf einer belebten Straße das Feuer und schossen wahllos auf Passanten.

In Mbalom im südlichen Bundesstaat Benue starben am Karsamstag mindestens 17 Menschen bei einem Angriff, die Suche nach Vermissten hält an. Häuser wurden angezündet und die Bevölkerung vertrieben. Der Überfall ging mutmaßlich von islamistischen Fulani-Milizen aus.

Ein Bewohner erklärte gegenüber dem Guardian, dass die Gemeinde Warnhinweise erhalten und die Behörden informiert habe. Ein erster Angriff konnte von der örtlichen Jugend zurückgeschlagen werden, die Angreifer kehrten jedoch in der Nacht zurück. Auch zwei Nachbargemeinden wurden über Ostern angegriffen. Dabei kamen zehn Menschen ums Leben.

Mbalom war bereits im April 2018 Ziel einer ähnlich massiven Attacke geworden: Damals wurden bei einem Angriff auf eine katholische Kirche 15 Menschen während der Morgenmesse getötet, darunter zwei Priester.

Anschläge im ganzen Land

Auch im Bundesstaat Kaduna griffen mutmaßliche Fulani-Milizen während der Feierlichkeiten am Ostersonntag Gottesdienstbesucher an. Zunächst attackierten sie die Evangelical Church Winning All (ECWA) und anschließend die benachbarte katholische Kirche St. Augustinus.

Die Lage dort ist unübersichtlich, Angaben über Opferzahlen variieren teils deutlich. Die Nachrichtenagentur AP spricht von fünf Todesopfern, Christian Solidarity International nennt sieben, die Hilfsorganisation International Christian Concern (ICC) zwölf Getötete.

Bei diesem Überfall wurden zudem Dutzende Christen verschleppt. Während die nigerianische Armee erklärt, 31 Geiseln befreit zu haben, widersprach die Kuturmi Unity Development Association, eine lokale zivilgesellschaftliche Organisation, dieser Darstellung – alle Verschleppten befänden sich demzufolge weiterhin in der Hand der Milizen.

Ebenfalls ungesichert ist die Zahl der Opfer aufgrund eines Angriffs in Nasarawa, einem Bundesstaat südwestlich der Hauptstadt Abuja. Hier wurden drei Ortschaften angegriffen und Häuser niedergebrannt, International Christian Concern (ICC) spricht von zehn Toten. Am Palmsonntag wurden in der Region Christen auf dem Heimweg vom Gottesdienst beschossen. Open Doors berichtet hier von 27 Opfern.

Im Bundesstaat Borno im äußersten Nordosten des Landes kam es ebenfalls zu mehreren Überfällen und Angriffen, zwölf Christen starben, Hunderte Menschen wurden vertrieben; eine Kirche und mehrere Häuser wurden zerstört. In Borno wüten vor allem Milizen der islamistischen Terrororganisation Boko-Haram.

Besonders während der zentralen christlichen Feste Ostern und Weihnachten kommt es in Ländern, in denen Christen verfolgt werden, vermehrt zu Anschlägen und Angriffen, die gezielt Christen und christliche Gottesdienste ins Visier nehmen. Christian Solidarity International bezeichnet dies auch für Nigeria als wiederkehrendes Muster.

In dem westafrikanischen Land ist vor allem der mehrheitlich muslimische Norden von islamistischer Gewalt durch Fulani-Milizen und Boko Haram betroffen. Allerdings beschränken sich die Angriffe keineswegs auf diese Region, wie die Überfälle in Zentral- und Südnigeria belegen.

Christenverfolgung oder Konflikt um Ressourcen?

Immer wieder werden auch gezielt Priester entführt und umgebracht, ebenso werden Schulkinder verschleppt, die bei Angriffen auf Schulen entführt werden. Im November 2025 wurden über 300 Kinder aus einer katholischen Schule entführt, die größte Entführung seit der Verschleppung von über 270 christlichen Mädchen aus Chibok im Jahr 2014. Die Mädchen wurden zur Konversion gezwungen, misshandelt, sexuell missbraucht und als Sklavinnen gehalten, viele gelten bis heute als vermisst.

Die Gewalt gegen Christen in Nigeria hatte 2025 vermehrt Aufmerksamkeit erregt, als die USA das Land wieder in die Liste der „Countries of particular concern“ (CPC, etwa: Länder, die besondere Besorgnis erregen) aufnahm und die nigerianische Regierung zum Handeln aufforderte. Im Dezember 2025 führten US-amerikanische Streitkräfte gezielte Schläge gegen islamistische Stellungen im Nordwesten Nigerias aus.

In der öffentlichen Darstellung tritt der religionsspezifische Aspekt der Terrorangriffe, Entführungen und Überfälle oft zurück; der Sachverhalt wird als Konflikt zwischen nomadischen und sesshaften bäuerlichen Bevölkerungsgruppen beschrieben und mit sozialen Verwerfungen aufgrund des Klimawandels zu erklären versucht. Menschenrechts- und Hilfsorganisationen wie Christian Solidarity International kritisieren solche Darstellungen.

„Obwohl Nigerianer aller Religionszugehörigkeiten unter Unsicherheit leiden, werden ausschließlich Christen und andere Nicht-Muslime systematisch aufgrund ihrer religiösen Identität von Gruppen wie Boko Haram, dem „Islamischen Staat Westafrika“ (ISWAP), Ansaru und den im Middle Belt aktiven Fulani-Milizen angegriffen“, erklärt CSI.

Die Organisation weist auf die dezidiert christenfeindliche Ideologie der Angreifer hin – so habe Boko Haram bereits 2010 ausdrücklich einen „heiligen Krieg“ gegen die Christen ausgerufen. CSI weist zudem auf die Asymmetrie bezüglich Ressourcen und Bewaffnung hin: Von einem Konflikt zweier gleichrangiger Parteien kann im Hinblick darauf keine Rede sein. Christian Solidarity International geht zudem davon aus, dass die Fulani-Milizen vom Sicherheitsapparat „zumindest geduldet, wenn nicht sogar aktiv unterstützt“ werden.

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