Eine kurze Geschichte des Niedergangs von SPD und FDP

SPD und FDP waren einmal Machtfaktoren der Bonner Republik. Heute sind sie nur noch Wracks ihrer selbst. Besonders grotesk: Ausgerechnet die ausgezehrte SPD treibt die Union im Bund vor sich her und zieht sie mit in den politischen Niedergang.

SPD und FDP regierten einst gemeinsam die Bonner Republik. Man muss sich die alten Zahlen und Verhältnisse noch einmal genüsslich geben, um zu begreifen, was da geschehen ist. Es waren nicht die schlechtesten Zeiten. Die FDP flog selbst in ihrem Stammland aus dem Parlament, Die SPD pfeift aus (oder auf) dem letzten Loch – treibt allerdings die Unionsparteien im Bund gerade deshalb absurderweise vor sich her und reißt sie damit über kurz oder lang mit in den Strudel. Was für eine ruhmreiche Geschichte, was für ein Abstieg!

I.

Die sozialliberale Epoche begann 1969 mit Willy Brandt als Kanzler. Die Unionsparteien (Traumergebnis 46,1 Prozent) hatten zwar die Wahl gewonnen, doch SPD (42,7 Prozent) und FDP (5,8 Prozent) waren gemeinsam stärker. Selbst nach dem Rücktritt Brandts blieb die sozialliberale Koalition bestehen. Unter Helmut Schmidt als Kanzler kam das Bündnis locker auf die absolute Mehrheit: 54,2 Prozent (1972), 50,5 Prozent (1976) und 53,5 Prozent (1980) – zuletzt schnitt die FDP mit 10,6 Prozent am besten ab. Dennoch wechselte die FDP den Koalitionspartner. Hans-Dietrich Genscher rückte nach rechts, verbündete sich mit Helmut Kohl. Aber nicht er stürzte Schmidt, wie es die Parteilegende behauptet, sondern die Linken der SPD waren gegen Kernenergie und Nachrüstung und trieben ihren eigenen Kanzler in die Verzweiflung.

Der Wechsel war eine Zerreißprobe für die Liberalen, namhafte Politiker traten aus oder in die SPD ein, aber er zahlte sich aus. Auf bis zu 11 Prozent stieg der Anteil der FDP (1990) mit der Wiedervereinigung. Heute hat die FDP im Osten so gut wie nichts mehr zu melden. Und bei den baden-württembergischen Landtagswahlen kamen SPD und FDP zusammen nicht einmal mehr auf 10 Prozent. Man kann das nicht vergleichen, gewiss. Aber gerade Baden-Württemberg ist das Stammland der FDP, dort starteten sie 1952 (als das Bundesland entstand) mit 18 Prozent der Stimmen und stellten den ersten Ministerpräsidenten (Reinhold Maier). Jetzt läutet das Totenglöckchen. Obwohl angesichts der Lage eine wirklich liberale Kraft in deutschen Parlamenten bitter notwendig wäre. Eine liberale Kraft – nicht diese FDP.

II.

Der Liberalismus hat es von Haus aus schwer in einem Land, das am liebsten im Gleichschritt marschiert und für alles den Staat verantwortlich macht. Im Gouvernantenstaat gelten Liberale als kalt und materialistisch. Wo Sicherheit mehr zählt als Freiheit, ist Freiheit ohne großen Wert. Der Liberale gilt als libertär, libertär gilt als rechts, und rechts als Nazi. Deutschland ist ein Land geworden, in dem das Best-Case-Szenario darin besteht, dass es nicht noch schlimmer kommt, als es schon ist. Eine erkennbare Vision für dieses Land hat keine Partei. Es wäre vermutlich auch gefährlich. Entweder träumen die Deutschen nostalgisch von einer Wiederkehr des Wohlgefühls in einer formierten Gesellschaft, oder sie ergeben sich in dekadenter Wurstigkeit dem unaufhaltsamen Niedergang. Alle haben Angst vor Reformen, welchen auch immer.

Eine liberale Partei, die gegen diese Mentalität entschieden angehen müsste, hat es schwer. Statt dessen lammfromm den größeren Parteien hinterher zu trotteln, um ein paar Ämter und Posten zu bewahren, beschleunigt den Abstieg. Vielleicht hat der Liberalismus derzeit nur außerparlamentarisch eine Chance. Aber dann müsste er sich auch APO-mäßig profilieren. Der FDP fehlen Führungsfiguren wie es Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff waren, auch noch der unterschätzte, jedoch von Merkel verhexte Guido Westerwelle. Es waren Liberale durch und durch. Christian Lindner verlor den Kompass. Mit „lieber nicht regieren, als falsch regieren“ antwortete er noch Merkel, aber bei der Ampel machte er (fast) alles mit – Hauptsache, er saß im Finanzministerium. Sein berühmter Satz war nur ein einziges Mal zu verwenden, danach hätte er nach Verweigerung von Verantwortung geklungen. Zu Unrecht bekam die FDP Prügel für das Platzen der Ampel.

III.

Das Elend der SPD ist ein Trauerspiel. Von der Volkspartei der werktätigen Bevölkerung zur Splitterpartei für Staatskneteempfänger. Die Symptome ähneln in Manchem dem Absturz der FDP. Keine Führungsfiguren. Mittelmaß regiert eine dürftige Funktionärskaste, die sich überwiegend aus dem öffentlichen Dienst rekrutiert. Privilegienritter. Kaum jemand, der einmal auf eigenes Risiko sein täglich Brot verdienen musste. Dazu noch ideologisch weitgehend verblendet, wanzen sie sich dem grünen Zeitgeist an. Nirgends Profil. Die SPD ist eine Partei, die konsequent auf der Bremse steht. Absolut reformresistent, besteht ihr Elend darin, dass sie nicht mehr das Original ihrer Politik vertritt. Das Original sind die Grünen, die aus der „Klimakatastrophe“ Klassenkampf machen, das Original (und für originell gehalten) ist „Die Linke“, die Klassenkampf und Linkspopulismus vereint und wohlstandsverwahrlosten Jungwählern attraktiv scheint.

IV.

Mit dieser SPD schlägt sich die Union in ihrer selbstgewählten babylonischen Gefangenschaft herum und merkelt sich damit ebenfalls allmählich zu Tode. Schöne Aussichten. Im Elend von SPD und FDP das Elend der gesamten deutschen Politik.

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Kommentare ( 57 )

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JustineN.
46 Minuten her

Zum Niedergang der SPD: Die SPD hat mehr oder weniger immer den (demokratischen) Sozialismus (m.E. ein Widerspruch in sich) angestrebt. Sozialismus ist aber nichts anderes als Zerstörung der Wirtschaft, der tragenden Bindungen in der Gesellschaft, Familie und Ehe und des Individuums, das durch Entwurzelung in ein Objekt des Staates umgestaltet wird, das nicht mehr weiß wo oben und unten ist und ob es Männlein oder Weiblein ist, weil ihm seine ganze Geisteskultur genommen wurde. Linke Politik zerstört mit ihrer hemmungslosen Schuldenmacherei alles was Wohlstand und soziale Sicherung nährt und erhält und schadet damit langfristig vor allem den Schwächeren. Auch die… Mehr

giesemann
58 Minuten her

Der Verständige wendet sich mit Grausen, er möchte hier nicht länger hausen, spricht’s und schifft sich alsbald ein.

Bernhardino
1 Stunde her

Ausgerechnet die ausgezehrte SPD treibt die Union im Bund vor sich her..“
Die SPD kann die Union nur „treiben“, weil die sich vollkommen rückgradlos willig treiben lässt. Schafen gleich.

November Man
1 Stunde her

Die FDP hat im Landtag von BW schon mal Platz gemacht. Die SPD hat auch schon zwangsläufig Platz gemacht und wird der FDP bald unter die 5% folgen. Und die AfD wird immer stärker und übernimmt die Plätze der FDP. Das wird noch was. Die nächsten sind dann die schädlichen Grünen, die wir aus dem Landtag befördern müssen damit es mit BW wieder aufwärts gehen kann.  

Werner Meier
1 Stunde her

Der Niedergang von SPD und FDP wird durch die Wahlergebnisse gespiegelt. Der Niedergang der CDU verläuft parallel zur Lügen- und Zerstörungspolitik von Personen ohne Charakter, Anstand und Respekt vor dem Wähler. Was unterscheidet das Mullah-Regime in Teheran vom Mullah-Regime von Berlin. Merkel, Steinmeier, Merz und von der Leyen verhalten sich wie Mullahs mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit und Alternativlosigkeit nach irrwitziger Zerstörung der Infrastruktur und der Wirtschaft mit der Weigerung die irrwitzigen Entscheidungen auch nur ansatzweise zu korrigieren. Ist es Kalkül oder Irrsinn, dass die EU-Bürokraten diejenige mit dem Verdienstorden auszeichnen, deren Zerstörungswerk sie in derselben Woche nicht mehr leugnen… Mehr

Mathias Rudek
1 Stunde her

Dieser Analyse ist nichts hinzuzufügen. SPD und FDP beschleunigen nicht nur den Verwesungsprozess dieses Landes, sondern auch ihren eigenen.

Kassandra
51 Minuten her
Antworten an  Mathias Rudek

Ja. Das viele bunt soll durch schwarz ummantelt und beerdigt werden. Auf allen Ebenen.
Und hat der Mohr seine Schuldigkeit getan, dann kann er gehen.

Deutscher
1 Stunde her

„Ausgerechnet die ausgezehrte SPD treibt die Union im Bund vor sich her und zieht sie mit in den politischen Niedergang.“

Das hat die Union in 20 Jahren Merkel & Merz ganz alleine hinbekommen, mit vollem Segen und treuer Unterstützung ihrer Wähler. Nicht immer anderen die Schuld geben, Herr Herles!

Der Niedergang der Union war selbstbestimmt und ist hochverdient. Eigentlich hätte sie längst der FDP in die völlige Bedeutungslosigkeit folgen müssen.

LiKoDe
1 Stunde her

Sowohl Lambsdorff/Genscher als auch linkssektiererische SPDler stürzten die Regierung Schmidt III. Erstere durch das Lambsdorff-Papier, dem kaum ein Sozialdemokrat zustimmen konnte, in Verbindung mit dem konstruktiven Misstrauensvotum und zweitere durch ihre innerparteiliche Opposition gegen Helmut Schmidt. Das deutsche Wahlrecht ermöglichte der FDP über Jahrzehnte, mit Hilfe von ‚geliehenen‘ Zweitstimmen der CDU im Bundestag vertreten zu sein. Dort, wo CDU-Kandidaten ganz sicher mit der Erststimme in den Bundestag gewählt werden würden, konnte man seine Zweitstimme der FDP ‚leihen‘ und ihr so ins Parlament helfen. Der sich mehr und mehr verkleinbürgerlichenden SPD gesellten sich die von vornherein kleinbürgerlichen Grünen hinzu und wurden… Mehr

Michael Elicker
1 Stunde her

Die Unionsparteien (Traumergebnis 46,1 Prozent) hatten zwar die Wahl gewonnen, doch SPD (42,7 Prozent) und FDP (5,8 Prozent) waren gemeinsam stärker.
Schon komisch: heute glauben wir, dass die stärkste Partei immer die Regierung führen muss, notfalls auch mit Partnern, die nicht zur Programmatik passen.

Kassandra
48 Minuten her
Antworten an  Michael Elicker

Glauben wir nicht.
Widmen Sie sich erneut der konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtags nach der letzten Wahl – da hat ein Zitierfehler die Macht übernommen: https://www.youtube.com/watch?v=xR6-pPrM5Lc
Nachdem schon ein Ramelow eine gesamte Legislatur nicht weichen wollte – so er doch vorzeitige Neuwahlen ver-sprochen hatte, um als MP agieren zu dürfen.

Logiker
2 Stunden her

Mit Verlaub, Herr Herles, Sie offenbaren die wohl mit einem gewissen Wohlstand verbundene, verhängnisvolle Art des Westens zu Denken: die Priorisierung des Prozesses vor dem Ergebnis. Ursache dafür ist dier systematische organisierte Verlust des Pragmatismus in allen Lebensbereichen in den letzten 50 Jahren, also seit der Etablierung der Sozis, später der Grünen in den Entscheiderebenen in Politik und Wirtschaft in der Alt-BRD bis heute. Zugunsten von Zeitgeist, Ideologie und damit verbundenen, ruinösen Spinnereien. Das Zauberwort „Digitalisierung“ ist in den Köpfen der Verantwortlichen nichts anderes als die Digitalisierung der Zettel- und Formularwirtschaft. Denn die Priorisierung des Prozesses vor dem Ergebnis ist… Mehr