Die geistige Rentenlücke des Friedrich Merz

Der Bundeskanzler hat mal wieder einen rausgehauen. Die gesetzliche Rente werde in Zukunft „allenfalls noch die Basisabsicherung für das Alter sein“. Der Satz ist eine politische Unverschämtheit, doch er hat auch einen wahren Kern.

picture alliance/dpa | Florian Wiegand

Jeder fünfte Steuer-Euro fließt inzwischen in die Rentenkasse. Im vergangenen Jahr waren das 121 Milliarden. Ohne diese irre Summe wäre die gesetzliche Rentenversicherung sofort pleite.

Knapp 22 Millionen Menschen beziehen bei uns derzeit eine staatliche Alters-, eine Erwerbsminderungs- und/oder eine Witwenrente. Die Zuschüsse für diese Versorgung sind der mit Abstand größte Einzelposten im Bundeshaushalt. Für die zweitgrößte Position – Verteidigung – geben wir mit 53 Milliarden Euro noch nicht einmal halb so viel aus.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) rechnet damit, dass bis 2039 die Zahl der irgendwie rentenberechtigten Menschen bei uns um mindestens 30 Prozent steigt. Das wäre dann also ein knappes Drittel mehr, während parallel dazu die Zahl der Erwerbstätigen – wie schon seit Jahren – immer steiler sinkt.

Keine Frage: Das ist nicht mehr zu bezahlen.

Der Rentner als Sündenbock

Der schnöseligste Bundeskanzler der deutschen Geschichte tut aber nun so, als seien die Rentner das Problem. Das ist, mit Verlaub, eine bodenlose Frechheit.

Die real ausbezahlte Durchschnittsrente beträgt nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung (DRV) derzeit bei Männern 1.431 Euro. Frauen bekommen im Schnitt nur 930 Euro.

Die „reichen Rentner“ in Deutschland sind eine Mär.

Und es ist weg, das Geld
Merz sieht gesetzliche Rente nur noch zur "Basisabsicherung"
Wer in einer beliebigen Großstadt spazieren geht, kann das auf Anhieb sehen. Senioren, die Pfandflaschen sammeln und in Mülleimern nach Verwertbarem suchen, gehören inzwischen überall zum Straßenbild. Die Menschen, die dieses Land aufgebaut und seinen Reichtum überhaupt erst erschaffen haben, werden bei uns finanziell so respektlos behandelt, dass einem nur schlecht werden kann.

Ganz anders sieht die Sache bei den ehemaligen Staatsdienern aus. Die durchschnittliche Brutto-Pension von Beamten in Deutschland lag im Januar 2025 bei 3.416 Euro pro Monat. Hier kann man dann schon viel eher von Luxus-Ruhegeldern und einer privilegierten Klasse sprechen. Die wird obendrein auch noch von allen Steuerzahlern so fürstlich alimentiert – zynischerweise auch von den Rentnern. Denn Beamte zahlen nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein und erhalten ihre Pensionen auch nicht von dort, sondern direkt aus der Staatskasse.

Kritik an den Pensionen hat Friedrich Merz übrigens nicht geäußert. Das mag auch daran liegen, dass jeder vierte Bundestagsabgeordnete selbst im Staatsdienst beschäftigt ist. Die Beamten sind bei den Parlamentariern damit geradezu grotesk überrepräsentiert.

Zum Geben gezwungen, fürs Nehmen verflucht

Die Rentner haben den erbärmlichen Zustand unserer Rentenversicherung nicht verursacht.

Nach dem Muster Pflege-Kommission
Die Reform-Kommission für die Zukunft der Rente ohne Zukunftsplan
Trotzdem fordert man sie jetzt auf, sich bei der Altersversorgung doch gefälligst nicht so sehr auf den Staat zu verlassen. Dabei war es genau dieser Staat, der den heutigen Rentnern die gesetzliche Rentenversicherung aufgezwungen hat. Als Arbeitnehmer mussten die Menschen zwangsweise über Jahrzehnte in ein dysfunktionales System einzahlen. Das gibt ihnen jetzt viel weniger wieder zurück, als sie bekommen würden, wenn sie das Geld privat angelegt hätten, statt es in die gesetzliche Rentenkasse zu geben (wo es weitgehend verbrannt wurde).

Nein, nein: Unsere Rentner haben das getan, was der Staat von ihnen verlangt hat. Jetzt haben diese Rentner auch einen Anspruch darauf, dass der Staat liefert.

Aber dieser Staat kann sich nicht entscheiden, was er eigentlich will. Viele Jahre lang haben Politiker aller Parteien für Wohneigentum zur privaten Altersvorsorge geworben. Jetzt verteufeln dieselben Politiker auch kleine Vermieter als gierige Miethaie und tun alles, damit mit einer vermieteten Eigentumswohnung kein Profit gemacht werden kann.

Da wird nun nur allzu oft genau die private Altersvorsorge vernichtet, die man vorher empfohlen hatte. Und dann wundern sich einige, wenn Menschen sich vom Politbetrieb abwenden.

Rentenkasse als Melkkuh

Über den Zustand unserer gesetzlichen Altersvorsorge haben Politiker aller Parteien seit Jahrzehnten dreist gelogen.

Der frühere Bundessozialminister Norbert Blüm von der CDU wurde mit dem Zitat berühmt: „Die Rente ist sicher.“ Doch das stimmte schon 1996 nicht, als der Herz-Jesu-Marxist der Union den Satz publikumswirksam in alle Kameras und Mikrofone quäkte.

Blüms Nachfolgerin als Sozialministerin, Ulla Schmidt von der SPD, bekannte in den 2000er-Jahren verblüffend offenherzig ihre Leitlinie für den Umgang mit Rentnern und der Rente: „Ich lege mich doch nicht mit 20 Millionen Wählern an.“

Stattdessen hat unsere politische Klasse geradezu schamlos immer öfter und tiefer in die Rentenkasse gegriffen, um Wohltaten zu finanzieren, für die niemand jemals Beiträge eingezahlt hat. Das sind die sogenannten „versicherungsfremden Leistungen“.

Obwohl dafür keine Beiträge in die Versicherung eingezahlt wurden, werden bei der Rente zum Beispiel angerechnet:

  • Kindererziehungszeiten,
  • Ausbildungs-, Arbeitslosigkeits- und Krankenzeiten,
  • Zeiten, die im Ausland verbracht wurden.

Viel Geld wird auch für die Aufstockung der Renten von Geringverdienern ausgegeben: den sogenannten Grundrentenzuschlag. Im laufenden Jahr profitieren davon schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen. Sie bekommen von der Rentenversicherung deutlich mehr Geld, als ihnen entsprechend ihrer gezahlten Beiträge rechnerisch zustehen würde.

Das monströse Loch in der Rentenkasse wird durch versicherungsfremde Leistungen nur immer noch größer. Und doch liegt der Hauptgrund für die Krise woanders: nämlich in der demografischen Entwicklung bei uns.

Kindermangel

Das System der umlagefinanzierten Altersversorgung ist kaputt. Irreparabel.

Der Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz kann gar nicht anders, als sich einzugestehen, dass sein Amtsvorgänger Konrad Adenauer schlicht falsch lag mit der Prognose in den 1960er-Jahren: „Kinder bekommen die Leute immer.“

Tun sie nicht.

Trotz Reformkommission
Der Firlefritz – Merz plappert zur Rente drauf los
Seit 1946 sind niemals so wenige Babys bei uns zur Welt gekommen wie im vergangenen Jahr: Nur 654.300 Kinder wurden geboren – das sind satte 3,4 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der Geburten sank damit zum vierten Mal in Folge. Die Zahl der Sterbefälle überstieg 2025 mit etwa 1,01 Millionen die Zahl der Geburten um 352.000. Das ist laut Destatis das größte sogenannte Geburtendefizit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Schon seit 1972 sterben bei uns mehr Menschen, als geboren werden. Im Jahr 2024 bekam eine Frau bei uns im Laufe ihres Lebens statistisch 1,35 Kinder. Damit die Bevölkerungsgröße stabil bleibt, sind mindestens 2,0 Kinder pro Frau nötig.

Dass unser Land trotzdem nicht schrumpfte, lag über viele Jahre an der Zuwanderung. Doch selbst die Massenimmigration kann jetzt nicht mehr über das Geburtendefizit hinwegtäuschen. Zum Jahresende 2025 lebten mit etwa 83,5 Millionen Menschen gut 100.000 Personen weniger in Deutschland als am Jahresende 2024.

Aber selbst wenn noch mehr Menschen einwandern sollten und die Bevölkerungszahl deshalb stabil bliebe: Der Rentenversicherung hilft das nur dann, wenn die Neuankömmlinge auch arbeiten und einzahlen – was sie, wie wir nur allzu gut wissen, überwiegend nicht tun.

Der Staat hat fertig

Es fällt nicht leicht, diesen Satz zu schreiben. Aber: Friedrich Merz hat im Kern recht.

Die gesetzliche Rente wird in Zukunft allenfalls noch die Basisabsicherung für das Alter sein. Wenn überhaupt. Und das ist nicht schlimm. Deutschland hat nur eine Zukunft, wenn es seine irrwitzige Staatsgläubigkeit abschüttelt (die auch in konservativen Kreisen tief verwurzelt ist). Der Bürger ist kein Untertan. Das Leben ist Privatsache.

Auch im Alter.

Die umlagefinanzierte staatliche Rente ist am Ende. Wir bekommen schlicht nicht genügend Kinder dafür, und wir arbeiten nicht genug, damit das weiter funktionieren könnte. Auch wenn man das ideologisch ganz anders sieht (was man natürlich kann): Die staatliche Rente, daran führt kein Weg vorbei, kann unser Staat nicht mehr bezahlen.

Der Umstieg von der kollektiven auf die individuelle Altersvorsorge wird hart. Keiner weiß bisher, wie das gehen kann. Doch es gibt gar keinen anderen Weg, als es zu versuchen. Denn das alte System ist schlicht nicht zu retten.

Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.

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