Der Firlefritz – Merz plappert zur Rente drauf los

Angenommen, man wollte Friedrich Merz folgen. Dann macht es der Kanzler einem nicht leicht. Er hat seinen Redefluss nicht im Griff, verwickelt sich damit immer mehr in Widersprüche und sabotiert seine eigenen Botschaften. Er würde gern als großer Reformer gesehen werden, gibt aber das Bild des Firlefritz ab.

picture alliance/dpa | Boris Roessler
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Börse in Eschborn, 02.02.2026

1983 stand die Welt am Rande eines atomaren Krieges der Supermächte. Die Sowjets hatten ein Manöver der Nato falsch interpretiert, hielten es für die Vorbereitung eines echten Angriffs und waren zum atomaren „Gegenschlag“ bereit. Als die Amerikaner die Gefahr erkannten, begann die Deeskalation. US-Präsident Ronald Reagan ließ das Fernsehen filmen, wie er in Urlaub fliegt. Das signalisierte den Sowjets – erfolgreich: Es ist alles in Ordnung. Gesten sind in der Politik wichtig, sie können die Geschichte stärker beeinflussen als Reformen oder Gesetze.

Friedrich Merz (CDU) ist im Einsatz von Gesten ein Dilettant. Nicht nur im Harmlosen. Etwa, wenn er in der Kabine die Handballer trösten will, die gerade das Finale der Europameisterschaft verloren haben. Wenn es im Großen darum geht, Gesten einzusetzen, um seine Politik zu verkaufen, verbockt es der Kanzler regelmäßig. So wie jetzt beim Empfang der Deutschen Börse in Eschborn. Mit seiner Unfähigkeit zur Kommunikation ist Merz die Hauptursache dafür, dass die Stimmungswende zum Positiven ausbleibt, die er selbst so gern herbei beschwören würde.

Merz hat sich zur anstehenden Rentenreform geäußert. Er hat versprochen, diese noch im laufenden Jahr umzusetzen. So weit, so gut. Doch er hat auch gesagt, dass künftig Betriebsrenten und die private Altersvorsorge eine größere Rolle spielen sollen. Darin könnte man ihm inhaltlich widersprechen. Man könnte es auch begrüßen. Doch um die inhaltliche Ebene geht es gar nicht. Auf der Ebene der Gesten hat Merz mit seiner Rede einen Fehler begangen, der sich für ihn viel verheerender auswirkt.

Merz’ noch junge Regierungszeit ist von Arbeitskreisen geprägt. „Kommissionen“, „Task Forces“ oder „Runde Tische“ sollen sachlich sinnvolle Lösungen vorschlagen, die von der Regierung dann umgesetzt werden. Kritiker – darunter TE – werfen ihm vor, dass der Kanzler den Problemen nur ausweicht und sich damit Zeit kauft. Die Lösungen seien längst bekannt. Sie müssten nur umgesetzt werden. Doch dass Kritiker gegen ihn sind, ist nicht das größte Problem des Kanzlers. Da könnte er darauf hoffen, dass sich sein Vorgehen als das sinnvollere herausstellt.

Viel schlimmer für Friedrich Merz ist, dass sein Vorgehen in sich selbst nicht schlüssig ist. Wer ihm folgen will, wer ihm unbedingt glauben will, dass er ein Mann sei, der weiß, was er tue, der könnte glauben (wollen): Eine Reform, die nur aus Versatzstücken besteht, ergibt keinen Sinn. Besser ist es, das Ganze aus einem Guss zu denken und dann entsprechend umzusetzen. Die Zeit, die eine Kommission dafür braucht, sollten wir ihr als Gesellschaft geben.

Doch selbst wenn wirklich jemand bereit wäre, Friedrich Merz in diesem Gedankengang zu folgen – dann ist Merz seinem Anhänger in Eschborn mit Anlauf in den Rücken gesprungen. Wenn der Kanzler sagt, wie die Rentenreform aussehen soll, dann braucht es keine Kommission. Wenn die Experten Vorgaben bekommen, was sie vorzuschlagen haben, dann sind ihre Vorschläge nicht mehr als PR. Dann können sie gar nicht mehr als PR sein. Dank Merz sorgt die Kommission nicht für eine Reform aus einem Guss. Ihr Tagen ist reine Zeitverschwendung. Wenn der Kanzler weiß, wie die Reform aussehen soll, dann muss er sie umsetzen – höchste Zeit wäre es.

Im Eschborner Auftritt kommen alle Schwächen des Friedrich Merz zusammen: Der Glaube, es ohnehin besser zu wissen als alle anderen. Die geringe Übereinstimmung dieser These mit der Realität. Der unbedingte Wunsch des Kanzlers, die ganze Welt sein vermeintlich überlegenes Wissen wissen zu lassen. Und die Unfähigkeit, sich zu beherrschen. Etwa mit konkreten Vorschlägen zu einer Reform warten, einfach weil es im groben Widerspruch zu der These steht, es brauche Zeit und unabhängige Experten, die Reform in Ruhe und jenseits der Öffentlichkeit vorzubereiten.

Der erfolgreichste Slogan in der Geschichte der Bundesrepublik lautete „Keine Experimente“. Damit gewann Konrad Adenauer (CDU) 1957 die einzige absolute Mehrheit der Republik. Der Slogan stand nicht für Inhalte. Ja, er stand sogar im Widerspruch zur Realität. Auch Konrad Adenauer ging in seiner Amtszeit umstrittene Experimente ein. Ironischerweise ganz besonders in der Rentenpolitik.

Aber mit „Keine Experimente“ waren keine Inhalte gemeint. Sondern eine Attitüde. Die des stoischen Kanzlers, der das Land in wilden Zeiten mit ruhiger Hand lenkt. Konrad Adenauer hat diese Attitüde buchstäblich verkörpert. Er hat gewusst, dass es nicht reicht zu sagen, man regiere mit ruhiger Hand. Adenauer hat gewusst, dass er dieses Versprechen leben muss. In seinem Fall bedeutete das, nicht überhastend vorzugreifen. Wenn er einer Kommission versprach, ihr sechs Monate Zeit zu lassen, ihr dann auch sechs Monate Zeit zu geben, anstatt schon öffentlich über das Ergebnis zu plappern – so wie jetzt Friedrich Merz.

Das ist das Verhängnis des Friedrich Merz. Der Grund für das Scheitern jeglicher PR-Versuche der CDU ebenso wie der Bundesregierung. Friedrich Merz ist derart überzeugt von sich, dass er glaubt, es genügt, sich hinzustellen und zu sagen, für welches Image er steht und – zack – übernehmen die Bürger genau dieses Bild von ihm. Der Kanzler versteht nicht, dass sich dieses öffentliche Bild aus seinen Taten und seiner Attitüde ergibt – in einem hochkomplizierten Prozess, der von den Betroffenen höchste Disziplin abverlangt.

Das Image des Friedrich Merz ergibt sich aus seiner Zappeligkeit, gemischt mit seiner mehr als unangenehmen Arroganz. Adenauer haben die Bürger – egal, ob sie damit recht hatten – abgekauft, dass er wenig verspreche und viel halte. Merz ergeht es umgekehrt. Er verfranst sich in seinen Aussagen und seinen Widersprüchen. Er macht es damit selbst denen unmöglich, ihm zu folgen, die ihm gern folgen würden. Merz ist der Firlefritz. Einer, der viel sagt, und je mehr es wird, desto weniger bedeutet es. Vor allem aber ist der Firlefritz keiner, von dem Bürger hoffen, dass es in Zeiten von Krieg oder Frieden auf seine Disziplin ankommt.

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Kommentare ( 67 )

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AlpenLady
10 Tage her

Wer erinnert sich noch? Vor ca. 30 Jahren wurde den Arbeitnehmern nahegelegt sich doch um eine zusätzliche Versicherung für das Alter zu kümmern, sozusagen als weiteres Standbein zur gesetzlichen Rentenversicherung. Daraufhin haben zahlreiche Arbeitnehmer eine Kapital-Direktversicherung abgeschlossen. Als es dann zu Beginn des Rentenantritts an die Auszahlung ging, hat flugs Vater Staat die Hand aufgehalten um sich an den Erträgen der „privaten Altersversorgung“ zu bereichern und hat dafür Krankenkassenbeiträge eingezogen. Die Krankenkassen waren damals schon finanziell schwach aufgestellt. War damals nicht eine Ministerin mit Namen Ulla Schmidt Bundesgesundheitsministerin? Sie hatte das zu verantworten. Übrigens alle Klagen gegen diese Vorgehensweise wurden… Mehr

Mausi
10 Tage her

Was die Union mit Herrn Merz veranstaltet, ist ein Trauerspiel. Die Union hatte keinen Plan in der Schublade, um die beworbene Wende, den beworbenen Kurswechsel durchzuführen. Die Brandmauer, der Fraktionszwang, die Geschlossenheit der Partei, das Listenwahlrecht verhindern das. Keinerlei Reform bei irgendeinem großen Thema in Sicht. Stattdessen alles Richtung unsereDemokratie und demokratischer Sozialismus. Womit die BT-Abgeordneten das wohl vor sich selbst begründen? Ein paar Abweichler muss es noch geben, wenn wir Herrn Günther bei Herrn Lanz Glauben schenken.

Sonny
10 Tage her

Der personifizierte, dauerbetroffene Dackelblick hat wieder was abgesondert.
Oh man.

Holger Tuerm
11 Tage her

Ich habe bei ChatGPT eingegeben: „Was ist ein anderes Wort für Firlefritz?“ und dann „Merz ist der Firlefritz“. Passt.

Manfred_Hbg
11 Tage her

Zitat: „Merz hat sich zur anstehenden Rentenreform geäußert. Er hat versprochen, diese….“
> Na, nal abgesehen davon, dass mich wundert das überhaupt noch irgendeiner dem Merz’ken Frederick am zuhören ist, so frage ich mich auch grad, ob hier nicht spätestens bei Merz Worte von „er würde versprechen…“, dann erst mal ein riesiges Gelächter ausgebrochen ist?
Denn so oft, wie Merz doch schon etwas versprochen oder zugesagt und das dann aber nicht eingehalten hat, da kann dann doch eigentlich nur noch ein Gelächter aufbrausen müssen?

alter weisser Mann
11 Tage her

„Er hat versprochen, diese noch im laufenden Jahr umzusetzen.“
Er hat schon viel versprochen und jetzt weiß er noch nichtmal was er da versprict. Es wird immer besser!

AlexR
11 Tage her

Firlefritz! Selbst als Nebelkerze entpuppt er sich noch als Blindgänger.

Joe
11 Tage her

So, so, die desaströse Lage hat nur ihre Ursache in einer schlechten Kommunikation. Im Ernst?

Klaus Uhltzscht
11 Tage her

Merz sollte in seiner sehr kurzen Zeit, die er als Bundescancelnder im Licht der Öffentlichkeit steht, die Dinge vom Ende her denken.
Wenn er einmal, wie jeder von uns, vor dem Himmelstor steht und Einlaß begehrt, wird dort nicht Petrus stehen. Sondern Angela Merkel.

Eingeborener
11 Tage her

Wie Mutti schon sagte – einer der wenigen Punkte wo man ihr zustimmen musss – :“Er kann es nicht“