Der deutsche Journalist hat eine gespaltene Persönlichkeit

„Journalisten-Barometer“ nennt ein österreichisches Umfrage-Institut seine jährliche Erhebung in der Medienbranche. Diesmal sind die Ergebnisse besonders lustig. Sie zeigen einen grenzwertig schizophrenen Berufsstand.

Bild: KI-generiert

Suggestivfragen sind bekanntlich Fragen, die so formuliert wurden, dass sie eine ganz bestimmte Antwort herausfordern oder einen ganz bestimmten Sachverhalt einfach schon voraussetzen.

Die aktuelle Journalisten-Umfrage des Instituts „Marketagent“ und seines Chefs Thomas Schwabl liefert dazu ein Beispiel für die Lehrbücher. „Die Rolle klassischer Medienmarken in Zeiten KI-generierter Inhalte und zunehmender Desinformation“: So ist die Online-Erhebung bei 579 Journalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz betitelt.

Diese Grundannahme der Umfrage stand also schon fest und fand sich sogar bereits im Begleitscheiben zum Fragebogen. Wenig verwunderlich, stimmen denn auch 71 Prozent der Teilnehmer dieser Aussage zu: „Im Vergleich zu vor fünf Jahren hat sich die Problematik von Desinformation deutlich verschärft.“

Loriot würde jetzt sagen: „Ach, was?“

Berufsstand der Unentschlossenen

Natürlich müsste man über die Umfrage nicht berichten, wenn sie überall so unbrauchbar wäre wie an diesem Punkt.

Das ist sie nicht. Tatsächlich ist sie mitunter durchaus erhellend. Und bezogen auf Deutschland wirft sie ein Schlaglicht auf einen Berufsstand, der sich nicht entscheiden kann:

  • nicht dazu, was seine Probleme sind
  • nicht dazu, wie er zu seinem Publikum steht
  • nicht dazu, worin seine Chancen bestehen

Drei Dinge fallen besonders auf: Erstens – völlig unschlüssig sind die Befragten, wenn es um Künstliche Intelligenz (KI) geht. Zweitens – es gibt einen spürbaren Generationenkonflikt in der Branche. Drittens – der deutsche Journalist kann mit Selbstkritik nichts anfangen.

Die selbstherrliche Kaste

Seit Jahrzehnten wissen Branchenkenner und Wissenschaftler, dass Deutschlands Journalismus im internationalen Vergleich eine erbärmliche Fehlerkultur hat.

Dass Fehler, selbst eklatante, überhaupt zugegeben werden, ist eine ziemlich neue Entwicklung – und sie hat sich längst noch nicht überall durchgesetzt. Vor allem Journalisten der älteren Jahrgänge empfinden es immer noch als geradezu ehrenrührig, eigene Irrtümer gegenüber dem Publikum einzuräumen, geschweige denn zu korrigieren.

Dass die Glaubwürdigkeit nicht nur eines Mediums, sondern des ganzen Berufsstands steigt, wenn mit menschlichen Fehlleistungen offen und transparent umgegangen wird: Das haben vor allem die älteren deutschen Journalisten immer noch nicht wirklich begriffen.

Starke Medienmarken zeichnen sich aus Sicht von 68 Prozent der Journalisten im Alter unter 39 Jahren dadurch aus, dass sie dem Publikum eine Vertrauensgarantie bieten. Bei den Kollegen in der Alterskohorte 40+ sehen das nur 48 Prozent so.

Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Recherche ist für 60 Prozent der Jüngeren wichtig – aber nur für 47 Prozent der Älteren. Fehlerkultur halten 44 Prozent der Jüngeren für wichtig; bei 40+ sind es nur 27 Prozent.

Wie weit sich der zeitgenössische Journalist bei uns von seinen Zuschauern, Hörern und Lesern entfernt hat, zeigt sich hier: Als wichtiges Merkmal des Journalismus in zehn Jahren geben nur 31 Prozent eine „enge Bindung zum Publikum“ an.

Der künstliche Redakteur

Die Umfrage zeigt auch, dass Deutschlands Journalisten keine Ahnung haben, was sie mit KI anfangen sollen oder von ihr zu halten haben.

„KI untergräbt langfristig die Glaubwürdigkeit journalistischer Inhalte“: Das sagen 72 Prozent der Journalisten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nur in Deutschland sagen es sogar 76 Prozent.

Aber: „Gerade durch KI gewinnen journalistische Standards und Medienmarken an Bedeutung“ – das meinen 56 Prozent. Mindestens ein Teil der Befragten stimmt also beiden Aussagen zu.

Man fragt sich…

Was ist eine Marke?

Es wird auch ein bisschen im Wald gepfiffen: 68 Prozent erwarten, dass die „Bedeutung der Medienmarke als Vertrauenssignal in der journalistischen Praxis“ steigt. Trotzdem erwarten nur 15 Prozent in der Zukunft „starke Medienmarken“.

Wer hier einen Widerspruch sieht, liegt sicher nicht falsch.

„Die Marke eines Mediums wird für das Publikum wichtiger als bisher“: Das glauben 77 Prozent – bei den Jüngeren noch deutlich mehr als bei den Älteren. „Inhalte ohne erkennbare Medienmarke verlieren an Wert“ sagen immerhin auch noch 60 Prozent.

Bei beiden Fragen wird der Begriff „Medienmarke“ aber kein bisschen definiert. Darunter darf also jeder verstehen, was er will.

„Ich glaube an eine Renaissance (Wiederkehr) klassischer Medien“: Das sagen 47 Prozent. „Die Idee einer Renaissance klassischer Medien ist vor allem Wunschdenken“ sagen 66 Prozent.

Wir wundern uns, denn das sind zusammen mehr als 100 Prozent. Einige Befragte haben also beiden Sätzen zugestimmt. Aber beide Aussagen widersprechen sich diametral und sind schlicht nicht miteinander zu vereinbaren.

Unter den deutschen Journalisten gibt also nicht wenige gespaltene Persönlichkeiten.

In Unschuld gewaschene Hände

Was alle Befragten in allen Altersklassen vereint, ist ein blinder Fleck: nämlich die eigene Verantwortung für den Zustand der Medienlandschaft.

Für eine riesige Mehrheit von 90 Prozent haben „algorithmische Verzerrungen“ die größte Bedeutung bei der öffentlichen Meinungsbildung. Sogar 96 Prozent meinen, die Desinformation habe sich in den vergangenen fünf Jahren verschärft.

Aber niemals, wirklich niemals sind die Journalisten selbst daran schuld.

Die Umfrage macht es ihnen auch leicht. Im Publikum viel diskutierte Themen wie Meinungs-Bias bei – und Vorurteile von Journalisten werden erst gar nicht abgefragt. Das Äußerste ist die Aussage „Die Unterscheidung zwischen verlässlichen und manipulierten Informationen wird für das Publikum zunehmend schwieriger.“ Dem Satz können immerhin zwei Drittel (66 Prozent) zustimmen.

Dass sich tief hinten im Stammhirn dann auch bei den deutschen Journalisten doch noch ein Restbestand an Realismus versteckt, zeigen die Antworten auf die Frage: „Woran wird sich das Publikum künftig am stärksten orientieren, um zwischen verlässlichen und manipulierten Informationen zu unterscheiden?“ Quer durch alle Altersklassen glauben die deutschen Journalisten hier vor allem an starke Medienmarken und an einzelne prominente Publizisten.

Faktenchecker kommen gerade mal auf 40 Prozent.

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