Während zwischen asiatischen Staaten und der EU ein regelrechtes Wettbieten um maritime Flüssiggastransporte entbrennt, wird die Straße von Hormus vorübergehend zum geopolitischen Nadelöhr. Vermeintliche Glücksritter unter den Reedern wagen sich angesichts hoher Gewinnmargen buchstäblich in verminte Gewässer.
picture alliance / Anadolu | Imtiyaz Shaikh
Es fällt schwer, die aktuelle Nachrichtenflut, die uns aus dem Iran erreicht, zu ordnen und staatliche Propaganda verschiedener Herkunft zu unterscheiden.
Wie realistisch ist die Drohung Irans, die Straße von Hormus tatsächlich zu sperren? Kann es dem Regime in Teheran gelingen, die Gewässer vollständig zu verminen und so den Schiffsverkehr dauerhaft zum Erliegen zu bringen? Etwa ein Fünftel der globalen Öl- und Gasproduktion sowie Distribution wären damit vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Auch der Transportweg über Land zum Roten Meer fällt größtenteils aus, weil Raffineriekapazitäten und Infrastruktur kriegsbedingt stillgelegt oder schwer beschädigt sind.
Die unmittelbare Reaktion auf die militärische Bedrohung der Passage war der Rückzug des Londoner Versicherungskonglomerats um den Branchenriesen Lloyd’s. Nicht versicherte Tanker bewegen sich unter diesen Bedingungen keinen Meter von ihrem gegenwärtigen Standort weg.
Aus diesem Grund zögerte die US-Regierung keinen Augenblick, einen eigenen Versicherungspool an diese Vakanz zu setzen. Die USA senden also gemischte Signale. Auf der einen Seite scheint die akute Bedrohungslage in der Straße von Hormus, selbst unter militärischem Geleit, ein kaum kalkulierbares Risiko zu sein. Auf der anderen Seite bereitet man sich strategisch darauf vor, das Versicherungsgeschäft zu übernehmen. Wo stehen wir also genau?
Die US Navy konnte nach eigenen Angaben in den letzten Tagen 16 iranische Minenboote zerstören und die iranische Flotte um mehr als 50 Kriegsschiffe dezimieren. Diese Zahlen stehen im deutlichen Kontrast zu den Bildern, die durch massive Flammenwände und Szenen von brennenden Tankern verbreitet werden und ein Panorama der Endzeitstimmung suggerieren.
Aus den Wirren dieser größtenteils undurchsichtigen Lage stach in dieser Woche eine Meldung hervor, die möglicherweise dabei hilft, den Blick auf die tatsächliche Situation in Hormus zu schärfen: Der griechische Reeder George Prokopiou meldete, dass seine Reedereien Dynacom Tankers Management, Sea Traders (C-Traders) und Dynagas bereits fünf Öltanker durch die Straße von Hormus gesandt hatten, wohlgemerkt zur Durchfahrt und Beladung. Zielhafen in der vergangenen Woche war Sitra in Bahrain.
Die Einfahrt der fünf Tanker erfolgte zwischen dem 2. und 6. März, also unmittelbar vor der Eskalation durch Raketenangriffe. Bei den Fahrzeugen handelt es sich um Suezmax-Öltanker mit Rohölmengen – bzw. Tragfähigkeiten – zwischen 130.000 und 160.000 DWT (Deadweight Tons, also die maximale Nutzlast inklusive Ladung, Treibstoff und Vorräte).
Bislang ist von den fünf Schiffen der Reederei lediglich eines, die Shenlong, wieder aus der Straße von Hormus ausgelaufen, mit einer Ladung von etwa einer Million Barrel saudischen Rohöls. Am 8. März schaltete die Besatzung den Transponder ab, um vor der Küste Indiens am 10. März wieder sichtbar zu werden. Es wurden keine Probleme gemeldet.
Bislang ist Prokopious äußerst riskantes Vabanque-Spiel aufgegangen, und ob tatsächlich ein übermäßiges Risiko bei der Durchfahrt durch Hormus besteht, wird sich bei der Rückfahrt der Tanker zeigen.
Die auf diese Art Testfahrten folgende Reaktion anderer Reedereien wird wichtige Hinweise darauf geben, wie einerseits die Konkurrenz die Sicherheitslage in der Region einschätzt, und andererseits, ob es der amerikanischen Marine gelungen ist, die Kontrolle über den gegenwärtig wichtigsten Flaschenhals der Weltökonomie zu erlangen.
Die Reederei beschrieb ihre Sicherheitsvorkehrungen wie folgt: Zur Durchfahrt werden die Transponder (AIS) abgeschaltet, um die Ortung vom Festland zu erschweren. Bewaffnete Sicherheitskräfte an Bord schützen vor Piraterie und direkten Angriffen.
Allerdings stehen die Besatzungen gegenüber Raketenangriffen schutzlos da, was die Frage aufwirft, ob nicht doch möglicherweise bereits Absprachen mit dem amerikanischen Militär bestehen über Satellitenüberwachung und mögliche Raketenabwehrsysteme zur Sicherung der Durchfahrt.
Die Besatzungen erhalten ungewöhnlich hohe Bezahlungen aufgrund des militärischen Risikos. Auch die Charterraten der Schiffe liegen mit 440.000 US-Dollar pro Tag etwa viermal so hoch wie unmittelbar vor Kriegsausbruch.
Prokopiou wirkt in dieser Gemengelage wie ein geopolitisches Fieberthermometer. Bewegen sich seine Schiffe, könnte dies das Startsignal für die gesamte Transportflotte der Region geben. Verlassen die Tanker den Schutz des sicheren Hafens nicht, könnte dies bedeuten, dass weiteres Ungemach droht.
Strategische Manöver der Reederei des Griechen könnten also wichtige Indizien für den Fortgang des Konflikts liefern. Dynacom Tankers Management erwarb unmittelbar vor Beginn des Konflikts im Persischen Golf neun weitere Rohöltanker, die strategisch in der Region platziert wurden. Es ist ein offenes Geheimnis, dass große Schiffsreedereien und der Versicherungsverbund nicht selten auf strategische Informationen von politischer Ebene oder von Geheimdiensten zurückgreifen. Ihre Bewegungen erfolgen stets in einem Informationsraum, der für andere Wirtschaftszweige unzugänglich bleibt.
Prokopiou steht tatsächlich in einem geopolitischen Kräftefeld: Es ist nicht ganz klar, ob für die griechische Reederei der Backstop der Development Finance Corporation (DFC) der USA gilt. Sie würde bis zu 20 Milliarden Dollar Reinsurance für US-nahe Schiffe offerieren. Offensichtlich ist jedoch die Koordination der Reederei-Operationen mit dem US Central Command (CENTCOM) in der Region. Dies umfasst potenziellen militärischen Schutz und mögliche Eskorte in der Zukunft.
Befristete Preisdeckel und Finanzhilfen für Betroffene sollen in einem Fonds mit zunächst bis zu 10 Milliarden Euro aufgelegt werden, um Linderung zu schaffen. EU-weit haben die Gasspeicher derzeit einen Füllstand von circa 30 Prozent erreicht, in Deutschland dank regelmäßiger Lieferungen aus den USA und einer allgemein milden Witterung etwa 28 Prozent. Die akute Mangellage ist vorerst abgewandt.
Parallel wurde auf Ebene der Internationalen Energieagentur (IEA) beschlossen, 400 Millionen Barrel Rohöl aus strategischen Reserven weltweit freizugeben, was etwa vier Tagen des üblichen Hormus-Transits entspricht.
Europa hält den Atem an in der Hoffnung, dass ein rasches Ende des Iran-Krieges den Weg freimacht oder die Rückkehr zur Normalität im Golf möglich macht. Doch die notwendigen Reparaturarbeiten an der beschädigten Infrastruktur, an den Raffinerien und Öldepots werden Monate Zeit in Anspruch nehmen. Europa sollte sich als energieabhängiger Kontinent auf höhere Energiepreise einstellen.




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