Der Wiener „Tatort“ ist ein rührseliges Märchen über Migration und Jugendgewalt. Unrealistische Zustände, vorhersehbare Moral und dann natürlich ein Täter, der ins ideologische Raster passt.
screenshot/ ARD Tatort
Der „Standard“ mag da nur „viel Sozial- und Polizeikritik“ zu erkennen. Ist es die Sozial- und Polizeikritik, die Matthias Zwarg glaubt, in seinem Kommentar in der Freien Presse lobend erwähnen zu müssen? Der Tatort habe „weit mehr als Krimiqualitäten….“
Klar, dass man Bibi (Adele Neuhauser) und Moritz (Harald Krassnitzer) in ihrem vorletzten Fall vor der Pension nochmal besonders empathisch und einfühlsam zeigen möchte. Beispielsweise bei Atemübungen mit verdächtigen, schutzbedürftigen Jugendlichen. Zu diesem Zweck erfinden die Autoren Katharina Mückstein und Hermann Schmid die Jugendwohngruppe „Sonnenhof“, in der diese eben gerade nicht immer scheine und „jeder sein Päckchen zu tragen habe“. Matthias Zwarg weiter: „hier träfen vom Leben gezeichnete Jugendliche, oft mit Migrationshintergrund und Diskriminierungserfahrung auf Erzieher, die zum Teil selbst „Fürsorge bräuchten“. Das, so Zwarg, sei „ein einfühlsames Gesellschaftsporträt“. Ein Porträt, in dem, wie web.de im Realitätscheck feststellt, man sich wohl „ganz bewusst Kunstfehler“ erlaubt habe: „Der Betreuungsschlüssel im Wohnheim war komplett unrealistisch.“ Eine Gruppe von fünf Jugendlichen hätte wohl nicht vier Betreuer, die sich um sie kümmern, sondern eher einen einzigen.
Bullerbü darf nicht sterben!
Und so kann Frank Jürgens bei der Neuen Osnabrücker Zeitung den Tatort begeistert als „mitreißende Sozialstudie“ loben. Tatsache ist, dass es hier trotz der geschilderten Dramatik hauptsächlich um Schönfärberei und Sozialromantik geht. Der Krimi knüpft an den des vergangenen Sonntags an, in dem er den Versuch wagt, das Leben in einer von Migration veränderten Gesellschaft darzustellen, in der „das Zusammenleben Tag für Tag neu ausgehandelt werden muss“ (Aussage der Integrationsbeauftragten Aydan Özoğuz 2016). Die Unterhändler in diesem Fall sind mangels Erziehungsberechtigter die vier Erzieher der Gruppe, allesamt stämmige, kräftige Mannsbilder, deren Chef David Walcher (Roland Silbernagel) in Lederjacke und mit Boxernase als Archetyp des autoritären, dominanten Brechers dargestellt wird.
Bösewicht mit Bösewicht – Auf die Dauer geht es nicht. Wilhelm Busch
Silbernagl, der im Tatort nächtens erschlagen wird, im Interview mit dem Bonner Generalanzeiger 2017.
„Warum spielen Sie so häufig den Bösen? Silbernagl: Es sind die vielfältigeren Rollen. Es ist ein größeres Spektrum, das man in diesen Figuren ausleben kann. Aber es sind auch äußere Gegebenheiten: Dunkles Haar, dunkle Augen, mehrfach gebrochene Nase…beim Frisbeespielen bin ich versehentlich gegen einen Baum gelaufen. Aber die Nase passt zu meinem Gesicht und eben auch zu den bösen Rollen“.
Empathie schlägt harte Linie – auch finanziell (Tatort-Kritik beim Sender n-tv)
Autorin Katharina Mückstein und Co-Autor Hermann Schmid versuchen nach Kräften, David Walcher als Wolf im Schafspelz hinzustellen. Der war zwar streng, bei Klienten wie Kollegen aber durchaus wegen seiner Dad-Jokes beliebt.. Dem kleinen Levi Hubner (Christoph Lackner-Zinner) habe er beigebracht, wie man „miese Haken schlägt“, dem Asthmakranken Oki Okotho Sialo (Yacouba Diabate) eine hilfreiche Atemtechnik. Aber für Bibi und Moritz war er ein „A-Loch“, der seine Ex (Jelena Marcovic, gespielt von Simonida Selimovic) „Krankenhausreif geschlagen und ihr die Finger gebrochen habe, weil sie einmal nicht schnell genug seinen Anruf entgegengenommen hat.“
Walcher ordnete seine Mitarbeiter nach dem Motto ein „Einer hält den Druck aus, ein Anderer nicht“ und machte bei Verstössen gegen die Hausordnung nicht lange Federlesens, sondern schmiss Jugendliche einfach raus. Zwar hielt er seinen Stellvertreter Femi Olaifa (Ayo Aloba) für überempfindlich, weil der sich „ständig zum Opfer mache“ und nervig für den Rest des Teams sei, weil er sich über die rassistischen Anfeindungen (N-Wort) eines Jugendlichen beklagt hatte, er warf den Betreffenden deshalb aber sofort aus der Gruppe. Bibi mitfühlend, nachdem sie auf facebook Femis Klagen („I hate my job but I hate my boss more“) gelesen hat: „Sie müssen ja jeden Tag was Gräusliches als schwarzer Mann in Österreich erleben“.
Was nicht zusammen passt wird passend gemacht
Um wieviel unbehaglicher wäre dieser Tatort für viele Zuschauer doch geworden, wenn man die Jugendwohngruppe näher an die tatsächlichen Zustände in solchen Einrichtungen gerückt hätte. Wenn die Mehrheitsverhältnisse bedrohlich zu Gunsten der „Klienten“ (interne Bezeichnung für die Insassen) verschoben worden wären. Wenn man nicht den Kunstgriff benutzt hätte, ohne weibliche Erzieherinnen auszukommen, weil David Walcher nach der Trennung von seiner Frau angeblich „keine Frauen mehr gemocht habe“, wie Kollege Femi die Ermittler wissen lässt. Was, wenn man die Deutschkenntnisse einiger Darsteller durch Untertitel (in anderen Tatorten üblich) hätte ersetzen müssen?
„Das ist eine WG, kein Knast“ (mehrfach)
So ergibt sich ein angespanntes, aber anscheinend beherrschbares Szenario, in dem die Jugendlichen schon um 5 Uhr früh mit dem Hausgong zur Abfahrt zum Trailrun am Semmering gerufen werden, wo ordentlich 9 identische, gesunde Brotzeitpäckchen für alle gepackt und Handykonfiszierungen mit Zitaten von Rousseau gerechtfertigt werden: „Geduld ist bitter, aber die Früchte sind süss“. Wo die Teenager zum Abendessen nur noch Gabeln und Löffel bekommen, weil Walcher ihnen „bis ich euch wieder vertraue“ die Messer vorenthält und Drogenvergehen konsequent mit dem Ausschluss aus der WG und nach dieser Darstellung wohl anschliessender Obdachlosigkeit bestraft werden. Wo die kiddies trotzdem noch im Garten Ball spielen.
Was wir auch noch erwähnen wollten…
Das zerbrechliche Idyll wird bedroht durch den „reichsbürgerhaften“ (FAZ) Nachbarn (Jürgen Siller, gespielt von Roman Blumenschein) der auf seinem 500 Meter entfernten Anwesen partout darauf besteht, dass die „kleinen A-Löcher“ bitte seine Gebäude und sein Auto nicht mit Graffiti verschönern sollen. Der Mann mit dem irren Rasputin-Blick und einer Aversion gegen die Polizei (Eisner bemüht dann auch die Kollegen von der Einheit Cobra) meint dann, sein Anliegen mit bewaffneten Drohungen unterstreichen zu müssen und stürzt sich auf den armen (des Schabernacks unschuldigen!) Oki, den er schlägt und zurück dahin wünscht, „wo er hergekommen sei“ (dabei wurde er in der Wiener Donaustadtklinik geboren!) – bald, so kündigt Siller an, „werde es so welche wie Oki hier nicht mehr geben“.
„Wegen ein bisschen Gras…nur Cannabis…wenn sie nur kiffen, sind wir froh“
Die harte Haltung Walchers bringt Cihan Özbek (Alperen Köse) und seinen „Bro“ Leon Prammer (Tristan Witzel) dazu, das Zimmer des kleinen Levi als Versteck für „Gras, Koks, Speed, Molly und Heroin“ zu missbrauchen und ihn mit Schlägen „die stopfen mir sonst das Maul“ zum Schweigen zu verpflichten. Am Abend des Mordes am strengen Heimleiter verschwindet Cihan und taucht in seinem Viertel bei Tante Kristina Modric (Emese Fay) unter, Schwester Ada (Melek Saykili) und Kneipier Reza (Morteza Tavakoli) unterstützen ihn. Zwar fasst ihn Assistentin Meret Schande (Christina Scherrer) schliesslich, aber er war es nicht. Dem Walcher wurde seine Strenge zum Verhängnis, und es bestätigt sich, was n-tv aus den Interviews mit Krassnitzer und Mückstein zitiert:
„Das Autoritäre erzeugt hier nur einen Reflex: den der Abwehr…sehr oft werden die Kids zum Problem gemacht und nicht die Umstände, unter denen sie aufwachsen…es werde über diese Jugendlichen gesprochen, als wären sie Außerirdische – und sie würden viel zu oft einfach weggesperrt.“
Erzieher Simon Rechnik (Augustin Groz), selbst Heimkind, selbst als Jugendlicher getrennt von seiner Familie, dreht angesichts der sich nun abzeichnenden Rauswurfs seines Schützlings Chihan wegen des Drogendepots durch und erschlägt den unnachgiebigen Walcher.
SWR3-Kommentar von Carola Knape: „Insgesamt ist der Tatort „Gegen die Zeit“ ziemlich langatmig, bedrückend und düster. Gleichzeitig werden zu viele Klischees bestätigt. Nach dem Motto: Einmal verkorkst – immer verkorkst.“
Die Salzburger Nachrichten mitleidig, erkennen ein „Kammerspiel um Wut und Frust“
„Sie sind zu Hause, wo niemand leben will: im schäbigen Gebäude einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft mit dem fast zynischen Namen „Sonnenhof“ am Rand von Wien. Für die 14- bis 18-jährigen „Klienten“, wie sie genannt werden, ist das Areal zwar eine Zuflucht, aber auch ein Signal, wie sehr abgeschoben sie sind, wie weit weg von der Gesellschaft, wie fern der Hoffnung auf ein gelingendes Leben. Es herrscht eine oft beklemmende Atmosphäre. Tränen, Wutausbrüche, Hass – das Regulieren von Emotionen funktioniert einfach nicht.“
Bei der Augsburger Allgemeinen schreibt Daniel Wirsching, …ein Nachbar, der sich (welch unnötige Karikatur!) schwer bewaffnet und mit Schäferhund auf seinem Grundstück verschanzt…. das kann genauso als letztlich allzu schwacher Film bewertet werden. Nein: Es muss. Und zwar, weil Handlung, Tatmotiv und Auflösung ärgerlich wenig Substanz haben.“
Der Titel des Tatorts ist allerdings schlau gewählt – geht es hier um ein Rennen gegen die Zeit, bis man des jungen Chihan habhaft wird, bevor er wieder Mist baut, oder handelt es sich um den sozialpolitischen Wettlauf, möglichst viele prekäre straffällig gewordene Jugendliche aufzufangen, bevor sie wirklich krass kriminell werden?

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