Kalifatsgedanke und ultranationalistisches Gedankengut: Die ideologischen Grundlagen, die vor 111 Jahren zum Genozid an den Christen auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches führten, bestehen fort. Das machte der Präsident der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International deutlich. Sie bedrohen nicht nur Armenien.
picture alliance / SIPA | Anthony Pizzoferrato
Ein Völkermord an Christen eröffnete 1915 den blutigen Reigen der Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts: Nicht nur Armenier, auch Griechen, syrische, assyrische und aramäische Christen wurden Opfer der systematischen Vernichtung, der die Osmanen die christliche Bevölkerung in ihrem Herrschaftsgebiet unterwarfen.
Innerhalb von nicht einmal drei Jahren fiel über eine Million Armenier diesem Verbrechen zum Opfer: massakriert, deportiert und auf Todesmärschen dem Hungertod preisgegeben. Und doch erregt dieses Verbrechen vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit, insbesondere gemessen an seiner Bedeutung und seinen Auswirkungen bis zum heutigen Tag.
Die Gründe dafür benannte John Eibner, Präsident der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International, in einer bemerkenswerten Ansprache. Am 25. April, einen Tag nach dem offiziellen Gedenktag des Genozids, hatten der Zentralrat der Armenier in Deutschland und die Armenische Kirche zur zentralen Gedenkfeier zum 111. Jahrestag des Völkermords in die Frankfurter Paulskirche geladen.
Dschihad gegen Christen
Eibner machte in seiner Rede deutlich, dass die ideologische Grundlage dieses Genozids bereits vor 1915 ihren Ausdruck in Massakern und Pogromen fand, und zugleich bis heute fortwirkt: Eine Geisteshaltung, die „althergebrachten muslimischen Suprematismus osmanischer Prägung mit einem modernen pan-türkischen Ultranationalismus“ verbindet. Die Ermordung der Christen „geschah in einem osmanisch-türkischen Kalifat, das offiziell einen Dschihad ausgerufen hatte“, so Eibner.
Dabei handelte es sich nicht nur um die Vernichtung von Menschenleben, sondern auch um die Auslöschung von Kultur und Identität: Kinder wurden entführt, Christinnen zur „Konversion“ gezwungen und mit Muslimen zwangsverheiratet. Deren Nachkommen, so Eibner, lebten heute in der Türkei, oft in Unkenntnis ihrer Herkunft.
Abgesehen von dem lebenslangen Leid der Opfer wurde hier gezielt die Identität künftiger Generationen zerstört.
Neo-osmanisches Gedankengut damals und heute
Doch die bleibende Relevanz des Genozids an den Armeniern erschöpft sich nicht in diesem bitteren Aspekt. Sie zeigt sich ebenso, wie Christian Solidarity International unermüdlich betont, in der akuten existenziellen Bedrohung, der das armenische Volk auch heute ausgeliefert ist.
Wieder – oder immer noch – beruht die Aggression auf „pan-türkischen“ Bestrebungen: „Eine Nation, zwei Staaten“, so lautet die Doktrin, der gemäß sich Türken und Aserbaidschaner als einander zugehörig begreifen. Und ebenso einmütig richtet sich die Aggression gegen Armenien, dessen Auslöschung unverhohlen gefordert wird: „Westaserbaidschan“ nennt der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew kurzerhand ein Land, das bereits seit über einem Jahrtausend bestand, als Turkvölker das Gebiet einnahmen, das heute als Aserbaidschan bezeichnet wird.
Diese Leugnung des Existenzrechts einer uralten Nation mündet in der erneuten Auslöschung armenischen Lebens – unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Deren Untätigkeit angesichts der fortwährenden Kriegsdrohungen und der bereits umgesetzten Annexion des Gebiets Berg-Karabach und der Vertreibung der armenischen Bevölkerung verurteilte Eibner mit klaren Worten. Er bezeichnete es als „Schande, dass ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa geschehen konnte“.
Dass die internationale Gemeinschaft dies nicht unterbunden hat, sondern verharmlost und herunterspielt, hängt mit geopolitischen Interessen zusammen, nicht zuletzt wegen der Abhängigkeit von aserbaidschanischem Gas.
Da sind die historische Erinnerung, die die Armenier bewahren, und ihr Beharren auf dem Recht, als Nation in der angestammten Heimat leben zu dürfen, „unbequem“, wie Eibner es bezeichnet. Zwar führe man das Mantra „Nie wieder!“ im Munde, das Gedenken an den Genozid aber sei „lästig“.
Besonders perfide: Aserbaidschan knüpft die Aussicht auf Frieden an Bedingungen, die für Armenien der Selbstaufgabe gleichkämen. Denn das historische Gedenken an den Genozid soll ebenso unterdrückt werden wie jeder Anspruch der jüngst Vertriebenen auf eine Rückkehr nach Berg-Karabach.
Eibner erläuterte, wie dieser Druck von außen im Innern zu Repression führt: In der Republik Armenien wird die Opposition drangsaliert, besonders die Armenische Kirche wird verfolgt. Diese sei, so Pfarrer Fuchs von Christian Solidarity International im TE-Interview, „die Hüterin des kollektiven Gedächtnisses aller Armenier“.
Sie bewahrt sowohl in Armenien als auch in der weltweiten armenischen Diaspora das Gedenken an den Genozid und tritt für die Armenier aus Berg-Karabach ein. So wird Armenien selbst zum Vollstrecker der zerstörerischen Agenda gemacht, die Aserbaidschan und die Türkei verfolgen.
Heute der Kaukasus – und morgen?
Doch John Eibner machte einen weiteren Aspekt deutlich, der die Brisanz dieses Geschehens auch für Westeuropa deutlich macht, und eine eindringliche Warnung darstellt:
„Gemäß dieser Ideologie können nicht-muslimische und nicht-türkische Gemeinschaften in ihrem Einflussbereich zwei Rechte nicht besitzen: politische Rechte, die zur Selbstbestimmung führen könnten – und Ansprüche auf angestammtes Land innerhalb der muslimisch-türkischen Einflusssphäre. Die Ausübung dieser Rechte stellt die muslimische und türkische Vorherrschaft in Frage“, so Eibner.
Diese Dimension beschränkt sich nur auf den ersten Blick auf den Kaukasus. Während man das kleine Armenien aufgrund kurz- und mittelfristiger geopolitischer Überlegungen im Stich lässt, wird die Dynamik des immer noch quicklebendigen muslimischen Expansionsstrebens völlig übersehen – und das nur wenige Jahre, nachdem die Truppen des Islamischen Staates bewiesen haben, dass der Gedanke des Kalifats auch im 21. Jahrhundert zu unvorstellbaren Gräueltaten zu mobilisieren vermag. Diese werden im Westen gern irreführend als „mittelalterlich“ oder „steinzeitlich“ bezeichnet, so als handle es sich um einen beispiellosen Rückfall in seit langem überholte Verhaltensmuster.
Tatsächlich sind ihre direkten Vorläufer unschwer am Beginn des 20. Jahrhunderts auszumachen, und ihre Blutspur zieht sich mit einer gewissen Kontinuität durch die Jahrhunderte – man vergesse nicht den opferreichen Kampf der Griechen um Unabhängigkeit, ebenfalls von Massakern an der Zivilbevölkerung flankiert.
Was weit weg erscheint, wird bereits mitten in Europa wirksam. Auch hier wird islamistisches und ultranationales Gedankengut unter türkischen Migranten verbreitet – und gerade Deutschland bietet sich arglos als Spielwiese für türkische Einflussnahme dar.
Solidarität mit Armenien ginge also weit hinaus über einen bloß moralischen Anspruch oder eine wirklichkeitsfremde Idealisierung „westlicher Werte“ oder des Völkerrechts. Langfristig wäre sie im Sinne der ureigensten Interessen der europäischen Völker.
Die unterlassene Hilfeleistung, die sich der Westen gegenüber Armenien leistet, könnte Europa daher eines Tages teuer zu stehen kommen, zumal der türkisch geprägte politische Islam nur einer von drei maßgeblichen Treibern der Islamisierung ist, wie Sascha Adamek in seinem Buch „Unterwanderung“ sorgfältig recherchiert und dokumentiert hat: Wird Europa als muslimische Einflusszone begriffen, gilt auch hier, was die Türkei und Aserbaidschan bezüglich Armeniens beanspruchen.
Eibner wies darauf hin, dass selbst die USA sich diesem Anspruch beugen: Erst im Februar hatte JD Vance, sonst nicht um starke Worte verlegen, einen Tweet, in dem er den Genozid als solchen bezeichnete, gelöscht. Laut Eibner „ein Beleg dafür, wie weit die mächtigste Nation der Erde bereit ist, sich selbst zu zensieren – um sich mit genozidleugnenden geopolitischen und wirtschaftlichen Partnern zu arrangieren, die einer extremistischen Ideologie anhängen“.
Anfang Mai wird in Jerewan der erste EU-Armenien-Gipfel stattfinden. Eibner erwartet nicht, dass sich die Europäische Union hier zu den Rechten des armenischen Volkes bekennen wird: In einer Zeit, in der zunehmend wieder das Recht des Stärkeren gelte, seien „internationale Menschenrechtsinstrumente nichts weiter als Werkzeuge – selektiv eingesetzt gegen Gegner, vergessen wenn es um strategische und wirtschaftliche Partner geht“.





Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Wer vor 111 Jahren mindestens 8 Jahre alt war und heute noch lebt, wird sich gut daran erinnern können.
Ich will Völkermord nicht infrage stellen, auch nicht die kleinen bis kleinsten Vorkommnisse an verschiedenen Orten anderswo, aber eine Sache wäre ich mir der Gerechtigkeit halber schuldig:
Eine Betrachtung, was die Christen vorher getan haben.
Waren sie nicht integriert, haben sie vielleicht Islambashing betrieben, haben sie die anderen benachteiligt, waren sie zu raffgierig? Ich will nichts unterstellen, aber der Sache nachgehen müsste man schon.
Die Muslime sind weltweit immer irgendwo an Kriegen beteiligt oder haben sie angefangen.
Das passt wunderbar zu ihrem fanatisch theologischen Ziel die Welt zu erobern mit Hilfe des fundamentalistischen Islamismus.
Na ja, bei einem Durchschnitts IQ von etwas mehr als 82 kann man da wohl nicht mehr erwarten ❗
Damit es ganz klar wird, nicht zuletzt für alle Träumer mit und ohne Teddy: Nehmen Sie die Sonnenbrille und die Scheuklappen ab, sehen Sie die grausame Realität, nur hinschauen hilft: Der muslimische Expansionsdrang rund um den Nahen Osten, Afrika, Amerika und Europa und vermutlich noch in dritte Regionen. Ist eine permanente Bedrohung von Leib und Leben für alle Andersgläubigen. Die Frage ist nur: Schaffen es jeweils die Radikalen an die entscheidenden Stellen der Gesellschaft, dann ist der Weg ins Verderben unausweichlich. Schaffen es erstmal nur gemäßigte, werden die Radikalen nicht ruhen, bis sie das Heft in der Hand haben. Wer… Mehr