Was der Grexit für den Brexit bedeutet

Alle reden vom Grexit – das ist der Ausstieg des winzigen Griechenlands aus der Euro-Zone. Aber wie die Politiker damit umgehen, entscheidet über etwas viel Größeres: den Brexit.

Das ist das Nein des großen Großbritanniens. Die Insel will noch 2017 darüber abstimmen, ob sie in der Europäischen Union bleibt oder nicht. Es ist ein lange und kühl geplantes Referendum, nicht eine hitzige Trotz-Reaktion wie in Athen.

Weniger statt mehr Europa

Wie viel die Griechen rausholen können, damit sie im Euro bleiben, entscheidet darüber, wie viel die Briten verlangen, damit sie nicht aus Europa davon schwimmen. Auf der Insel wird genau registriert, dass die Deutschen alles tun wollen, um Griechenland drin zu behalten und den Euro zu retten. Das ist ja „alternativlos“, so begründete Bundeskanzlerin Angela Merkel die Griechenland-Hilfen immer wieder. Alternativlos? Das komplizierte und unverständliche Referendum in Athen kann man auch vereinfachen: „Wir wollen mehr Eis – und das umsonst“, spottet die größte Londoner Boulevard-Zeitung „Sun“.

Griechenlands Politiker wollen Geld von den anderen Ländern, deren Bürger nicht reicher sind als die Griechen – aber ihre Steuern zahlen. Wenn europäische Politiker sich so anstrengen, um das kleine, bankrotte, trotzige, korrupte Griechenland in der Euro-Zone zu halten, was ist dann erst für London drin?

Dabei geht es aber nicht nur um Eis am Stiel und Geld. Großbritannien will verhindern, dass noch mehr Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien seinen Arbeitsmarkt überschwemmen. Sie fordern eine Zuwanderungssperre und Aufenthaltsgenehmigung nur für die, die einen Job nachweisen können. Sie wollen keine Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufnehmen. Sie wollen Grenzkontrollen – und mehr wirtschaftliche Freiheit. Brüssel soll nur noch über große und wichtige Dinge entscheiden und die Mitgliedsstaaten sollen ein Veto-Recht erhalten. Damit soll verhindert werden, dass ganz Europa beispielsweise mit Brüsseler Regeln über die Stärke des Strahls aus der Dusche schikaniert wird. Mit „weniger und besseres Europa“ stellt sich der britische Premierminister David Cameron direkt gegen die laufende Europa-Politik. Die fordert ständig mehr Zentralismus, mehr Bürokratie, immer neue Euro-Regeln, um die Einigung „zu vertiefen“. Es sind ziemlich vernünftige Forderungen.  Allerdings etwas anders als der Plan von Juncker, Tusk, Schulz, Dijsselbloem und Draghi zur “Vollendung” der Wirtschafts- und Währungsunion, den diese ausgerechnet in dieser Stunde über die Bühne ziehen wollen.

Wer den Euro rettet, gefährdet Europa

Dabei haben die Briten gute Karten: Großbritannien hat die zweitgrößte Wirtschaft in Europa. Sie zahlen trotz „Briten-Rabatt“ den zweithöchsten Beitrag in die immer klamme Brüsseler-Europa-Kassen. Sie haben Atomwaffen und sind immer noch eine militärische Großmacht. Und sie sind global vernetzt. „Lieber eine globale Wirtschaft als nur mit dem alten Europa wirtschaften“, tönen europa-feindliche Unternehmen. Großbritannien ist so nahe dran an Amerika, dass London und New York schon zur neuen Kunststadt „Nylon“ (NewYork-London) zusammenwachsen.

Und es geht nicht nur um Großbritannien. Warum eigentlich genau sollten die Italiener und Franzosen sich um den Abbau ihrer Schulden bemühen, wenn die Griechen so davon kommen und ihnen dabei sogar noch einen ganzen Haufen oben drauf packen? Und warum sollen die Slowenen und Balten den höheren Lebensstandard in Griechenland finanzieren? Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Deshalb ist die bisherige Politik in der Zwickmühle. Ein weiter-so, also Rettung Griechenlands mit neuen, atemberaubenden Summen? Geht nicht. Das wird zu teuer, wenn die anderen die Rechnung schreiben. Der fehlerhafte Euro entfaltet seine wahrhaft teuflische Wirkung: Er spaltet Europa. Das falsche Geld wird zum Sprengstoff: Dabei hatte man uns den Euro als Bindemittel für ein unauflösbares Europa angedreht. Aber so geht es, wenn Staatsmänner Wirtschaft spielen.

Jetzt geht es nicht mehr um Griechenland – längst geht es um Europa als Ganzes. Wer für die Griechen den Euro rettet, der riskiert Europa.

Dieser Artikel erschien kürzer in Bild am Sonntag

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