Zurück in die Katakomben? Zur Zukunft des Christentums

Nach 500 Jahren Reformation befindet sich die Kirche wieder in der Glaubensferne, die einst Martin Luther dazu drängte, die Ablassthesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche anzuschlagen.

IMAGO / Joko
Thesentür an der Schlosskirche in der Lutherstadt Wittenberg

Beginnen wir passend zum Stil der Zeit apokalyptisch, denn Weltuntergang ist schließlich immer: wegen des Klimas, wegen Corona, vor allem wegen des Erfolgsmodells der Sozialen Marktwirtschaft, die an Klima und Corona und allem Schlechten in der Welt schuld sein soll. Begann einst das, was wir Europa nennen, in den Katakomben der Weltstadt Rom, in denen sich die Christen konspirativ versammelten, so endet Europa womöglich 2000 Jahre später in den neuen Katakomben geheimer Privatismen, in denen die letzten Christen Zuflucht suchen.

Die Kirche, die in der Proskynese vor dem Islam den Gottessohn zu einem Vor-Propheten von Mohammed herabwürdigt und im Koran gern das dritte Testament sehen möchte, wie der Kulturbeauftragte der EKD schon einmal anregte, hat den Glauben verloren und dient statt dem Heiligen Geist eilfertig und emsig dem Zeitgeist. Ihr Christus ist nicht mehr Gottes Sohn, er ist queer, so jedenfalls propagiert es das „Bibelhaus Erlebnis Museum“, das von der Frankfurter Bibelgesellschaft e.V. getragen und unter anderem durch die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und durch das Dezernat für Kultur und Wissenschaft der Stadt Frankfurt am Main finanziert wird.

Was einmal Kirche war und inzwischen die ideologische pressure group der grünen Partei geworden ist, hat Nietzsches Satz: „Gott ist tot“ mithilfe ihrer Apparatelogik verstanden und setzt ihn nun eifrig und gut finanziert um. Bei Nietzsche lesen wir: „Wohin ist Gott?“, rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! … Ist nicht die Größe dieser Tat nicht zu groß für uns? Müssen wir nicht selbst zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“ Nach 500 Jahren Reformation befindet sich die Kirche wieder in der Glaubensferne, die einst Martin Luther dazu drängte, die Ablassthesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche anzuschlagen.

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Würde Christus wie in Fjodor M. Dostojewskis Erzählung vom Großinquisitor, wie sie der Leser im Roman „Die Brüder Karamasow“ findet, sich nach 2000 Jahren entschließen, zu einer Stippvisite zurück auf die Erde zu kommen, würde vermutlich der Kulturbeauftragte der EKD ihn in zeitzeichen als Rechten entlarven. Dostojewskis Großinquisitor jedenfalls konfrontiert Christus mit der Versuchung durch den Teufel und macht ihm deutlich, dass damals nicht er, sondern der Teufel Recht gehabt, dass er nur den Traum von Freiheit Mann und Frau gebracht habe, der Teufel aber die Realität des Brotes und der Sicherheit.

„Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit einem Versprechen von Freiheit, das sie in ihrer Einfalt und angeborenen Schlechtigkeit nicht einmal begreifen können, das ihnen Furcht und Schrecken einflößt – denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit! Aber siehst du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie ihn Brot, und die Menschheit wird dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam …“

Der Großinquisitor, der den Menschen den Stolz und die Freiheit und die Wissenschaft nehmen will, ihnen die Qual der Entscheidung abnimmt, ihnen dafür die Demut und die einfachen Gewissheiten der rotgrünen Weltanschauung, der woken Ideologie bringt und sogar etwas vom Brot übrig lässt, das doch eigentlich sie backen, ist zwar der Lehre des Teufels gefolgt und nicht der Lehre Christi, „doch Millionen von Wesen werden glücklich sein …“. Die Menschen, die Christus befreien wollte, prophezeit der Großinquisitor, werden „glühende Kohlen für deinen Scheiterhaufen“ zusammen scharren. „Für den Scheiterhaufen, auf dem ich dich verbrennen werde dafür, dass du gekommen bist, uns zu stören.“ „Wenn jemals“, sagt der Großinquisitor zu Christus, „einer vor allen anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, so bist du es.“

Christus als der größte Häretiker in den Augen der Kirche? Wann stört die Kirche eigentlich die Mächtigen wieder einmal? Oder ist sie nur noch Fleisch von Fleisch und Blut von Blut der Mächtigen, der Rotgrünen? Empfindet sie sich als weltliche Macht? Hat sie Moral mit Spiritualität, Gesinnung mit Glauben eingetauscht?

Der neue Mensch ist kein Bürger mehr, er ist das Design einer Ideologie

Als neue Erbsünde gilt der strukturelle Rassismus, an dem jeder Weiße durch Geburt schon leidet und dem er sich in fortwährendem Büßertum, Antirassismusseminare genannt, stets und ständig zu stellen hat. Texte müssen gegendert und geändert, Straßen im großen Stil umbenannt werden, die europäische Geschichte, die Geschichte des Christentums, die Geschichte der Aufklärung wird zu einer Geschichte der weißen Männer und deshalb als nicht mehr lehrenswert erklärt. Und damit nicht genug: Das Große wird als Schande verunglimpft. Der neue Mensch ihrer neuen Welt ist historisch aseptisch, er besitzt keine Geschichte mehr, der er sich bereits entledigte, keine Identität, die aus der Herkunft käme, kein Geschlecht, das er nicht für eine Schimäre hält und fühlt sich nur frei im Orgasmus der Scham. Der neue Mensch ist kein Bürger mehr. Er ist das Design einer Ideologie.

Gegen all diese Delirieen der Utopie steht die Realität der neuen Konkurrenzkämpfe in der Welt. Es ist eine Tatsache, dass die konkurrierenden Kräfte in der Welt von einer Machtbasis ausgehen, die entweder die Nation oder die Religion darstellt, zuweilen auch beides. Will Europa einen Platz im Zentrum auch der neuen Welt einnehmen, wird es zu den neuen Mächten in Konkurrenz treten müssen, zu China auf dem Feld der Wissenschaft und Technik, zum Islam auf dem Feld der Spiritualität.

Michel Houellebecq hat das in einem Interview mit Verweis auf Maurice Dantec einmal so ausgedrückt: „Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre seiner Meinung nach imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen.“ Wissenschaft und Christentum – das ist der Weg Europas, das ist unser großes Erbe, das wir dankbar annehmen müssen, wenn wir uns behaupten wollen, das ist das, was wir verbessert unseren Kindern zu übergeben haben.

Die Ampel-Koalition will Europapolitik als Politik der Großen Transformation

Wir sollten nicht länger unsere Zeit mit der in altbürgerlichen Kreisen beliebten Psychologie, mit der Suche nach dem Schuldigen, mit den Klageliedern des Untergangs des Abendlandes und den honetten Gefühlen des Unbehagens in der Kultur, mit der bequem-bürgerlichen Melancholie, die so hochmoralisch und dabei so wenig verpflichtend ist, vergeuden und stattdessen einen kühlen, philosophischen Blick auf die gegenwärtige Lage werfen. Das kann hier nur in wenigen groben Linien geschehen, genauer habe ich es in meinem Buch „Die Zukunft gestalten wir“ ausgeführt.

Grenzenlose Hybris
Die Transformationspläne der Ampelkoalition: kein Opfer zu groß
Die neue Regierung glaubt fest daran – und das ist ihr einziger Glaube –, dass am deutschen moralischen Wesen die Welt genesen wird. Sie ist bei der wilhelminischen Hybris angelangt. Die Ampel-Koalition strebt die Vereinigten Staaten von Europa an, den europäischen Bundesstaat, nur will sie Deutschland in Europa mit dem Ziel auflösen, dass Europa deutsch wird, dass ihre Ideologie Europa beherrscht, Europapolitik als Klimaschutzpolitik, als Politik der Großen Transformation.

Unter großer Transformation versteht der sozialistische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi historisch durchaus anfechtbar den Prozess, in dem die Politik ihr Primat gegenüber der Wirtschaft verloren haben und zu ihrem Anhängsel geworden sein soll. In der neuen Großen Transformation soll nun die erste große Transformation rückgängig gemacht werden, nicht mehr die Wirtschaft soll der Primat über die Politik, sondern die Politik soll der Primat über die Wirtschaft zukommen, sie soll nach dem Primat der Klimaideologie unter Kuratel von Robert Habecks Superministerium für Wirtschaft und Klima gestellt werden.

Was Habeck konkret darunter versteht, hatte er bereits auf dem Wahlparteitag der Grünen formuliert. Zwar sei die Marktwirtschaft wichtig, aber nur dann, wenn der Staat dafür sorgt, dass „die großen Kräfte der Märkte, der Marktwirtschaft in die richtige Richtung laufen – und dann brauchen wir alle die Freiheit der Märkte, die Kreativität der Unternehmerinnen und Unternehmer.“ Wie sagte Stalin einmal: Wenn die Richtung klar ist, entscheiden die Kader alles. Nur, welche Freiheit bleibt den Märkten, den Unternehmern, wenn der Staat die „Richtung“ vorgibt? Der Unternehmer als grüner Wirtschaftskader?

Die Geschichtsamnesie ist erschütternd, denn es liegen eine Fülle von Beispielen, von Erfahrungen, von Tatsachen, von Analysen, auch von unbestreitbaren Darstellungen in Wissenschaft, in Reportagen, Romanen, Stücken, Gedichten, Hörspielen und Filmen vor, die verdeutlichen, was dabei herauskommt, wenn der Staat die „Richtung“ vorgibt.

Europa rückt aus dem Zentrum der Welt an die Peripherie

Es erinnert an den Grand Guignol, wie die Rotgrünen in hipper Kleidung die Tänzchen der Vergangenheit aufführen, währenddessen sie Haus und Hof verschwofen, und die Konservativen betrübt derweil in der Ecke stehen und beobachten, wie Kommode und Sessel und Kleiderschank und auch das Tafelsilber der Bonner Republik unter den Hammer oder auf den Sperrmüll kommt. Die Konservativen, die einst den Mainstream bildeten, sehen sich von denen entmachtet, die sie letztlich gefördert haben, und erleben die Verdrängung von der Macht als narzisstische Kränkung. Und die Liberalen? Gibt es in Deutschland nicht, zumindest nicht mehr als politische Kraft, seit Christian Lindner im Februar 2019 in Erfurt den liberalen Faxen den Garaus gemacht hat.

Schlechte Don-Camillo-Imitatoren
Die Kirche läutet gegen Corona-Demonstranten
Der Politologe Francis Fukuyama glaubte 1992, dass mit dem Sieg des westlichen Projekts die Geschichte an ihr Ende gekommen sei. Doch die Geschichte endet nicht, sie schläft nicht einmal, sie ist unermüdlich am Werke, zuweilen unter der Oberfläche. Wir haben es mit einem objektiven Prozess zu tun, der sich freilich im Subjektiven entfaltet und der sich nun als Paradigmenwechsel vollzieht. Wendet man den Begriff des Paradigmas als Beschreibung für einen längeren Zeitabschnitt in der Geschichte der Menschen an, um Konstanz und Veränderung zu beschreiben, dann umfasst ein Paradigma die grundsätzlich allen Menschen gemeinsamen Vorstellungen von der Beschaffenheit der Welt und der Gesellschaft, der verbindlichen Normen und Werte, der Akzeptanz der Legitimität, der Glaubensinhalte und letztlich, was oft vergessen wird, einer gemeinsamen Ontologie. Was vollständig übersehen wird, ist, dass die originäre Ontologie Europas in der christlichen Trinität zu finden ist. Die einfachste Konsequenz der ontologischen Frage findet sich übrigens in der Bestimmung des Verhältnisses des Staatsbürgers zum Staat.

Paradigmen stellen ein System von Normen und Übereinkünften dar, die Gesellschaft erst ermöglichen. Konkret können wir uns die weltanschaulichen Aspekte des Wechsels des Paradigmas am Übergang von der Spätantike zum Mittelalter oder vom Spätmittelalter zur Neuzeit vergegenwärtigen. Zu den wesentlichen Faktoren des aktuellen Paradigmenwechsels gehören die Globalisierung, die Dynamisierung, der Verlust der Ferne, die Explosion der Gleichzeitigkeit, die Digitalisierung und der mit allen Mitteln auf allen gesellschaftlichen Feldern geführte Kampf um eine neue Weltordnung. Nebenbei besteht eine völlig neue Welt, die wir die virtuelle Welt nennen, die aber alles andere als virtuell, sondern höchst real ist.

Zwei Aspekte sind erläuterungsbedürftig. Durch die Digitalisierung, aber auch durch die modernen Verkehrsmittel sind wir erstens in der Lage, sehr schnell an alle Orte der Welt zu kommen; Informationen selbst aus entfernten Gegenden lassen sich – zwar nicht vollständig – aber im Vergleich zu vergangenen Zeiten in hohem Maße fast schon im Zeithorizont des Geschehens, also fast gleichzeitig gewinnen. Alles wird also nah, und alles geschieht gleichzeitig, was zur Hypertrophie der Synchronität und dem Verlust an Diachronität führt. Uns mangelt es an der Zeit, einzustehen, innezuhalten.

Mit dem Verlust an Diachronität geht aber auch das Schwinden der Fähigkeit zur Einordnung einher. Wir erleben eine ungeheure Dynamisierung an der Oberfläche unter Verlust der Tiefe; der Sieg der Gegenwart führt zum Verlust der Vergegenwärtigung, zum Verlust der Geschichte, denn Geschichte ist ja Ver-Gegenwärtigung, und damit zum Verlust der Zukunft. Wir sprechen hier von genuin europäischen Kulturtechniken. Im Grunde wollen wir in Ruhe gelassen werden, wünschen wir es alternativlos, das hatte Angela Merkel schon richtig erkannt – und der Großinquisitor sowieso.

Kirche ohne Glauben
Die EKD-Funktionäre haben sich vom Christentum verabschiedet
Zweitens ist Europa längst nicht mehr der Impulsgeber der Weltgeschichte, der Innovation. Neue Mächte in der Welt ringen um die Herrschaft – und unter Herrschaft ist durch Globalisierung, Dynamisierung, Verlust der Ferne und der Explosion der Gleichzeitigkeit Weltherrschaft im noch nie dagewesenen Maße zu verstehen. Europa rückt aus dem Zentrum der Welt an die Peripherie. Es sind spirituell geprägte Kräfte wie der Islam oder ideologisch definierte Mächte wie China oder existenziell historisch begründete Mächte wie Russland, die um ihren beherrschenden Einfluss in der Welt ringen, ein Kampf aus dem sich sehr zum eigenen Schaden Europa und Deutschland verabschiedet hat, ein Kontinent, der nichts weiter als überdauern will.

Der Vergleich mit dem historischen Paradigmenwechsel zeigt die Alternativen auf. Während auf den Niedergang des Römischen Reiches eine Zeit der Wirren und der kleineren Reiche folgte, aus denen sich sehr langsam die feudalen Reiche Europas herausbildeten, führte der Paradigmenwechsel vom Spätmittelalter zur Neuzeit zu einem Aufbruch, zur Moderne, zum Aufstieg Europas, zu Wissenschaft, Technik, Aufklärung, Menschenrechten, Demokratie und Wohlstand.

Der Paradigmenwechsel ist objektiv, auf diesen objektiven Zustand reagieren – zumeist unreflektiert, also blind – Politik, Medien und Kultur. Auf diese immanent gestellte Frage antworten die Kräfte des Alten von Habeck bis Merkel mit aufgehübschten Second-hand-Ideologien, mit der reaktionären Wende ins Gestern – und die anderen, die Konservativen hoffen resigniert, dass sich einiges vom Vorgestrigen erhalten lässt.

Die Kräfte der Ampel wollen Platz für Neues schaffen – doch reißen sie im Grunde nur die tragenden Säulen unserer Gesellschaft ein, weil sie nichts vom Bau einer Gesellschaft verstehen; an die Stelle des Wissens ist die Ideologie, an die Stelle der Einsicht in Gesetzmäßigkeiten der pure Wille und an die Stelle der Realität die Utopie getreten. Nachdem die tragenden Säulen durch die vielen Beiräte, Kommissare, Beauftragte und NGO-Angestellten entfernt worden sind, hofft man auf der Ruine den Turm zu Babel zu errichten.

Konservative haben sich auf den Dekonstruktivismus der Rotgrünen eingelassen

Im Koalitionsvertrag manifestiert sich der Willen zur Utopie als die neueste Fassung des Willens zur Macht, als eines umfassenden Nihilismus. Für den Bereich der neuen, der grünen Außenpolitik hat der Fischer Verlag das Buch „Die Zukunft der Außenpolitik ist feministisch“ mit den Worten beworben, dass die Autorin „Frieden, Menschenrechte und Gerechtigkeit mit Außenpolitik zusammen“ denke und dass sie einen „Paradigmenwechsel einleiten“ möchte: „Machtgebaren und militärischen Muskelspielen setzt Kristina Lunz Mediation in Friedensverhandlungen, feministische Machtanalysen und Klimagerechtigkeit entgegen. Realpolitik wird gegen Utopien ausgetauscht….“ Genauer kann man es nicht formulieren. Der wilhelminische „Platz an der Sonne“ wird ersetzt durch den Baerbockschen Platz unter der Windkraftanlage.

Boris Johnsons Parteitagsrede
"... deshalb werden wir Konservativen unsere Geschichte und unser kulturelles Erbe verteidigen"
Liberale existieren im politischen Diskurs nicht mehr, Konservative wissen nicht mehr so recht, was sie konservieren sollen, denn sie haben sich längst auf den Dekonstruktivismus der Rotgrünen eingelassen. Die inzwischen wehrlose Geschichte wird von der Meute der „Undankbaren“ an den Schandpfahl der Selbstgerechtigkeit gezerrt. Es mangelt ihnen an Größe, etwas Großes zuzulassen. Die kulturelle Selbstzerstörung Europas hat der französische Philosoph Alain Finkielkraut in ein Wort gefasst: „L´Ingratitude“ (Undankbarkeit). In dem 1999 bei Gallimard in Paris erschienenen Buch „L´Ingratitude, Conversation sur notre temps“ geht Finkielkraut genau dieser Frage, dem gewollten Verlust der eigenen Geschichte und damit der eigenen Identität, schließlich der eigenen Gesellschaft durch die Haltung der Undankbarkeit nach.

Jacques Derridas Dekonstruktion, die die Grundlage für das zerstörerische Sammelsurium „progressiver“ Ideologien bildet, der man zur Bezeichnung das Etikett Wokismus geben kann, lässt keinen Stein unseres Selbstverständnisses, unseres historisch gewordenen und durch Herkunft bestimmten Seins aufeinander. Doch mit der Abscheu vor der eigenen Kultur verlieren wir sie auch. Etwas anderes haben wir jedoch nicht – und bekommen wir auch nicht.

Für die linksliberalen Eliten in Deutschland ist die europäische Vereinigung endlich die Chance zum großangelegten Rollback von 1989, es ist der Sieg der westeuropäischen Reaktion über die mitteleuropäischen Revolutionen. Berührend ist es, wie Alain Finkielkraut in seiner intellektuellen Autobiographie „Ich schweige nicht“ das kathartische Erlebnis beschreibt: „An erster Stelle Milan Kundera, der mich durch seine Verbindung von Tiefe und Schlichtheit von der französischen Raffinesse geheilt hat und mir eine andere Definition der Modernität offenbart hat als die des nouveau roman und des Strukturalismus, mit der ich aufgewachsen war. ‚Modern sein bedeutet, auf dem ererbten Weg zu neuen Entdeckungen voranzuschreiten.‘“

Im Buch zitiert der Philosoph den Schriftsteller Leon Werth, der am 21. Oktober 1940 in sein Tagebuch schrieb: „Mir liegt an einer Zivilisation, an Frankreich. Ich habe nichts anderes, um mich anzuziehen. Ich kann nicht nackt ausgehen.“ Sind wir nackt? Und wenn wir nackt wären, wo ist das Kind, das uns auf unsere Nacktheit hinwiese?

Alle Weltbeglückungsideen endeten in der Katastrophe

Martin Heidegger hat in einem Aufsatz über Nietzsches Wort „Gott ist tot“ nachgedacht. Fein beobachtete er, dass, wenn Gott „aus seiner Stelle in der übersinnlichen Welt verschwunden ist“, die Stelle dennoch erhalten bliebe, nur wäre sie dann leer. „Die leere Stelle fordert sogar dazu auf, sie neu zu besetzen und den daraus entschwundenen Gott durch anderes zu ersetzen. Neue Ideale werden aufgerichtet. Das geschieht nach der Vorstellung Nietzsches (…) durch die Weltbeglückungslehren und durch den Sozialismus…, d.h. über all dort, wo das ‚dogmatische Christentum‘ abgewirtschaftet hat.“ Die aktuelle Ausgabe der Weltbeglückungsideen ist die klimaneutrale Gesellschaft, das Ziel der Großen Transformation der Ampel. Alle Weltbeglückungsideen forderten große Opfer und endeten in der Katastrophe.

Zum neuen Jahr
Hinaus ins Weite
In der Sprache Robert Habecks heißen die neuen Opfer nun große „Zumutungen“, die zur Realisierung von Habecks Utopie den Deutschen abzuverlangen sind. Wieder einmal müssen Opfer für den Götzen Gemeinwohl erbracht werden. Das Goldene Kalb diesmal als goldene Windkraftanlage. Die Einsamkeit in ihren Windparks erklären sich die Deutschen damit, dass sie als Vorbild vorangehen. Blickten sie sich um, würden sie gewahr werden, dass niemand ihnen folgt. Doch sich umblicken, gilt als rechts – und wer will schon rechts sein?

Das Entscheidende ist, dass Transzendenz durch Immanenz ersetzt, dass innerweltliche Erlösung stattfinden soll. Deshalb werden Weltbeglückungsideen wie die klimaneutrale Gesellschaft zum Paradies auf Erden verklärt, werden Ideologien zum Religionsersatz, wird eine bestimmte Weltanschauung, eine bestimmte Ideologie mit dem Etikett Wissenschaft versehen, die dann folglich anzubeten ist und als wissenschaftliche Weltanschauung absolute, eben göttliche Autorität erhält.

Der Paroxysmus der Undankbarkeit ist der neue Irrationalismus, in den Europa zu versinken droht. Wenn Europa nicht versteht, dass seine Wurzeln im Christentum besteht, sie aus dem Christentum und aus der Antike stammen, wenn es nicht versteht, dass daher auch die Kraft der Zukunft kommt, dass „Modern sein bedeutet, auf dem ererbten Weg zu neuen Entdeckungen voranzuschreiten“, dann wird Europa, vielleicht auch nur das am meisten gefährdete Deutschland an seiner Undankbarkeit zugrunde gehen.

In dem Wort Dank steckt nicht nur die Dankbarkeit für etwas, sondern im Althochdeutschen auch die Bedeutungen von Gedanke und Willen. Dankbarkeit setzt also voraus, dass man etwas will, nämlich das Gedachte fortzusetzen, weiterzuführen. Wofür sollten wir dankbar sein, wenn nicht für das, was unsere Vorfahren geschaffen und was wir geschenkt bekommen haben? Und es wäre keine Dankbarkeit im Dank, wenn wir nicht gleichzeitig den Willen aufbrächten, es verbessert an unsere Kinder weiterzugehen.

Unsere Vorfahren haben den Weg aus den Katakomben in die Welt gefunden, die sie erbaut haben, wir sollten nicht den Weg in die Katakomben zurücksuchen. Wir sollten ihr Erbe annehmen, das im Christentum und in der Aufklärung besteht, im Glauben und in der Wissenschaft.


 

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Kommentare ( 16 )

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Misteredd
4 Monate her

Der Glaube lebt und ist stark. Die Kirchen sterben, denn solche Leute braucht niemand. Wozu Vordenker, wenn man selbst denken kann? Wozu Kerlen in Röcken Ehrerbietung darbringen, wenn man einen direkteren Weg zu Gott hat? Was brauche ich Schwarzkittel zum beten? Wozu brauche ich Bischöfe zum hoffen? Ich möchte Kindesmissbrauchsorganisationen nicht fördern. Ich will Menschen die institutionell andere Menschen ausschliessen nicht fördern – weder den Islam noch gerade auch die Kirche! Dann glaube ich eben alleine für mich und bin glücklich un zuversichtlich damit.

Loewe
4 Monate her

Das Problem sind nicht die Linksgrünen Universalisten. Die sind wie sie sind. Das Problem ist das Totalversagen der Bürgerlichen, die bis heute kaum begriffen haben, daß der Marxismus ihrer Gesellschaftsform den Krieg erklärt hat, und mangels Gegenwehr heute auf der Siegerstraße ist. Aufstehen! Kämpfen! Mit denselben dreckigen Mitteln wie die Andern. Bei „Sein oder Nicht-Sein“ gibt es keine moralischen Standards mehr.

Hoffnungslos
4 Monate her

Sie gehen davon aus, dass die Ampel Politiker tatsächlich entscheiden. Aber tun sie das, oder sind sie nur ausführende Organe in deutscher Sprache? Wer im Deutschland der Einheitsparteien steht denn für eine deutsche oder eine europäische Politik? Wem nützt eine Politik der Vernichtung des Mittelstandes, wem nützt die dramatische Absenkung des Bildungsstands, wem nützt die Zerstörung der eigenen Energieversorgung, wem nützt die Vernachlässigung des einheimischen Infrastruktur? – Wem nützt es, wenn friedliche, bürgerliche Demonstranten, die diesen Staat finanzieren und am Laufen halten, zu Staatsfeinden erklärt werden? Gibt es ein Deutschland überhaupt noch….

Aegnor
4 Monate her

„wird es zu den neuen Mächten in Konkurrenz treten müssen, zu China auf dem Feld der Wissenschaft und Technik, zum Islam auf dem Feld der Spiritualität“ Wobei abzuwarten bleibt, ob die genannten Kräfte auf diesen Gebieten wirklich so viel anzubieten haben. In China wird die Kraft der Innovation bereits wieder durch Ji’s Rollback zum chinesisch geprägten Kollektivismus (einer Mischung aus Marx & Konfuzius) und der Abkehr von freier Marktwirtschaft abgewürgt. Die sehe ich noch lange nicht als technologische Führungsmacht. Machtpolitisch bleibt China aufgrund seiner Bevölkerungszahl natürlich immer ein Faktor, aber auch dort ist man bereits am Schrumpfen. Was den Islam… Mehr

W aus der Diaspora
4 Monate her

Ach, es dürfte wohl überall so sein wie in Afganisthan.
In den Städten sind die, die etwas Neues wollen und alles Alte verteufeln – auf dem Land dagegen leben di Menschen weiter in und mit ihren alten Regeln. Berlin war in den 20ern des letzten Jahrhunderts nicht Deutschland und ist es in den aktuelllen 20ern auch nicht!
Die aktuelle Strömung wird vorüber gehen – die Frage ist nur ob ich es noch erlebe 🙂

Hannibal Murkle
4 Monate her

„… Die Kirche, die in der Proskynese vor dem Islam den Gottessohn zu einem Vor-Propheten von Mohammed herabwürdigt und im Koran gern das dritte Testament sehen möchte, wie der Kulturbeauftragte der EKD schon einmal anregte …“

Theologische Dinge sind längst nicht so schlimm wie unter der Antifa-Fahne illegale Einwanderer durchs Mittelmeer befördern – was dem hybriden Krieg Lukaschenkos gegen die EU ähnelt. Oder für Green-Tech-Aktienkurse Geld aus der Tasche ziehen wollen.

Farbauti
4 Monate her

Ein sehr schöner Artikel. Raus aus den Katakomben heißt für mich, wir müssen Paralellwelten schaffen, uns abwenden von denen die sich von Gott lossagten und von allen guten Geistern verlassen sind. Wege gehen die von Vernunft geprägt sind. Das heißt in Konkurrenz zum Staat und zur Ampel gehen. Das könnte ansteckend wirken innerhalb unseres Landes. Wenn wir uns von den Politikern nicht befreien können, können wir sie doch ignorieren. Jeder in seinem Metier. Arm machen die uns sowieso, wozu ihnen auch noch behilflich sein?

giesemann
4 Monate her

Wenn das deutsche Wesen darin zu sehen ist, dass die Frauen hier im Durchschnitt 1,4 Kinder haben, dann kann die Welt in der Tat an diesem Vorbild genesen. Amen. Wenn Gott seinen Sohn opfert, um irgendwelche Sünden der Menschheit zu tilgen, dann ist das Kindesmissbrauch – ein Kelch, der besser vorüber gegangen wäre. Das ist das große Manko des Christentums – spätestens seit dem Hl. Augustinus von Hippo, einem Tunesier, dem Erfinder der „Erbsünde“. Wenn Menschen heute – zu viele – Kinder machen, um sie als Stütze für ihr Alter zu benutzen, dann ist dies ebenfalls Kindesmissbrauch. Kindesmissbrauch ist genauso… Mehr

Teufelskralle
4 Monate her

Kirchenaustritte Die Kirchen haben neue Propheten Gretas, Lisas und Racketen, für’s Klima sollen Christen beten, die ziehen es vor auszutreten. Ihr Kreuz soll niemals Haken haben, für Hammer und Sichel sie’s vergaben. Haben den Gott der Christen verraten, werden dafür in der Hölle braten. Mitglieder sind nicht mehr bereit, anzubeten den Geist der Zeit. Die Kirchenfürsten darüber grienen, wichtig für sie: Rotgrün bedienen. Bleibt die Kirchensteuer weg, interessiert es sie ’nen Dreck. Weil sie der Grünen Kurs vertreten, das Volk zur Kasse wird gebeten. Doch das will nicht für Linke blechen, der Austritt bleibt, um sich zu rächen. Bald steh’n… Mehr

Soeren Haeberle
4 Monate her

Wir sollten ihr Erbe annehmen, das im Christentum und in der Aufklärung besteht, im Glauben und in der Wissenschaft.
Ja, raus aus den Katakomben, ‚runter vom Sofa, gehen „wir“ morgen spazieren, geh’n „wir“ den Weg zu Ende, so wahr „uns“ Gott helfe, Ostern naht.