Die „Deutschen“ – Wo sind sie geblieben?

„Deutschland? Aber wo liegt es?“, fragten 1796 Goethe und Schiller in einem Zweizeiler mit dem Titel „Das Deutsche Reich“, und gaben die Antwort: „Ich weiß das Land nicht zu finden. Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

picture alliance / imageBROKER | Stefan Ziese
"Der Bevölkerung", Innenhof Reichstag, Berlin

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“ – mit dieser Anrede wendete sich Bundespräsident Steinmeier zum Jahreswechsel 2025/26 an die Bevölkerung. Der österreichische Bundespräsident sagte „Liebe Österreicherinnen und Österreicher, und alle, die in Österreich leben“, und der französische Staatspräsident Macron richtete sich an sein Volk mit: „Französinnen, Franzosen! Liebe Landsleute! (Françaises, Français, mes chers compatriotes). Warum bleiben bei diesen Jahresansprachen die „Deutschen“ außen vor?

„Deutschland? Aber wo liegt es?“

„Deutschland? Aber wo liegt es?“, fragten 1796 Goethe und Schiller in einem Zweizeiler mit dem Titel „Das Deutsche Reich“ und gaben die Antwort:

„Ich weiß das Land nicht zu finden.
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

Das alte Deutsche Reich lag damals, zur Zeit der Französischen Revolution, in den letzten Zügen, und über den deutschen Einzelstaaten gab es kein politisch handlungsfähiges Gesamtdeutschland, keine Staatsnation. Hingegen umfasste das „gelehrte [gebildete] Deutschland“ ganz Deutschland, bildete eine „Kulturnation“, die auch „das Land der Dichter und Denker“ genannt wurde.

Die Bewohner dieses Deutschland mussten Goethe und Schiller nicht suchen. Es waren die „Deutschen“, worunter man damals grundsätzlich jeden verstand, dessen Muttersprache Deutsch war; hinzu kamen die typischen Merkmale von Angehörigen einer gemeinsamen Kultur wie Disziplin, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung – die sogenannten „deutschen Tugenden“. Der Volksname „Deutsche“ war in der Goethezeit nur ein sprachlich-kultureller Begriff, eine staatlich-politische Bedeutung im Sinne von „deutscher Staatsbürger“ hatte er noch nicht, weil es den deutschen Nationalstaat erst seit 1871 gibt.

Heute ist die Frage, wo Deutschland liegt, einfach zu beantworten: Auf dem Territorium der 1949 gegründeten und 1990 wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland. Und die Deutschen? Frei nach Goethe und Schiller stellt sich hier die politische Frage: „Deutsche? Aber wo sind sie? Ich weiß das Volk nicht zu finden“.

Deutsche? Aber wo sind sie?

Staaten kann man nach drei Merkmalen unterscheiden: Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt. Die Deutschen sind das Staatsvolk der Bundesrepublik Deutschland und müssten deshalb wegen ihrer zentralen Bedeutung für den Staat einfach zu finden sein, vor allem im politischen Sprachgebrauch.

Nehmen wir als aktuelles Beispiel die Programme der fünf im Bundestag vertretenen Parteien zur Bundestagswahl 2025. Diese Regierungsprogramme sind relativ umfangreich – zwischen 23.000 (SPD) und 35.000 (AfD) Wörter – und wenden sich an das Wahlvolk, die Deutschen. Wie häufig kommt der Volksname „Deutsche“ hier vor? Bei SPD und LINKE überhaupt nicht, bei CDU/CSU und GRÜNE je einmal und bei der AfD viermal. Die Deutschen – immerhin das Staatsvolk – treten also auf insgesamt 141.000 Wörter Text der „staats-tragenden Parteien“ insgesamt sechsmal sprachlich auf; das entspricht einem Wortanteil von 0,0042 Prozent.

Aber vielleicht wird in den Parteiprogrammen die Gesamtheit der Deutschen als „deutsches Volk“ angesprochen? Sprachstatistisches Ergebnis: Der Ausdruck „deutsches Volk“ fehlt bei CDU/CSU, SPD, GRÜNE und LINKE (den sogenannten Brandmauer-Parteien), im AfD-Programm ist er einmal belegt.

Kommt nun vom Wortfeld DEUTSCH wenigstens der Ländername „Deutschland“ häufiger vor? Ja, nämlich zwischen 80-mal (LINKE) und 157-mal (AfD), wobei Wortzusammensetzungen (Deutschland-Ticket, deutschlandweit u. Ä.) mitgezählt werden. Insgesamt wird Deutschland 632-mal genannt (Wortanteil 0,44 Prozent), davon in gut einem Drittel der Fälle mit der Formel „in Deutschland“.

Ein Fall für den Verfassungsschutz?

Warum wird der Volksname „Deutsche“, der in der Alltagssprache geläufig vorkommt, in der Sprache der Politik gemieden? Das Wort, heißt es häufig, sei nationalistisch, ja „nazi“, und grenze Nichtdeutsche aus. Für den Verfassungsschutz sind „die Deutschen“ ein sprachlicher Verdachtsfall, der auf ein „ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis“ hinweist, „das ganze Bevölkerungsgruppen in Deutschland abwertet“ und typisch sei für eine „migranten- und muslimfeindliche Haltung“.

Wer also sagt „Wir Deutsche(n)“ und damit nicht alle deutschen Staatsbürger (2025: 69 Millionen) meint, sondern – wie Goethe – eine sprachlich-kulturelle Gemeinschaft, macht sich verdächtig: Das trifft auch Bundeskanzler Merz, der auf dem politischen Aschermittwoch 2026 in Trier sprachlich etwas locker äußerte: „Wir Deutschen sind vielleicht mit am meisten überrascht, schockiert, bewegt, irritiert,
sprachlos, was da auf dieser Welt grade passiert.“

Warum sind ausgerechnet „die Deutschen“ am meisten überrascht? Weil sie – so das Völkerstereotyp – etwas „langsam“ sind. Heinrich Heine hat diese (wenig schmeichelhafte) deutsche Eigenschaft – im Unterschied zu den „schnellen“ Franzosen – hervorgehoben: „Der Deutsche“, schrieb er 1841 aus Paris, „aus Scheu vor aller Neuerung, deren Folgen nicht klar zu ermitteln sind, geht jeder bedeutenden politischen Frage so lange wie möglich aus dem Wege.“ Merz bestätigt indirekt dieses Bild von der typisch deutschen Langsamkeit: Sein „Wir Deutschen“ kann hier nicht die neuen, eingebürgerten Deutschen (allein 2025 über 300.000) meinen, sondern nur „diejenigen, die schon länger hier leben“ (Bundeskanzlerin Merkel 2007), also die Staatsbürger, die in Deutschland sprachlich und kulturell sozialisiert wurden.

Diese Deutschen ohne Migrationshintergrund stellen 71 Prozent der Bevölkerung Deutschlands und 79 Prozent der Wahlberechtigten, bilden also eine solide demokratische Mehrheit, die man respektieren sollte. Sie brauchen keinen Minderheitenschutz, aber ebenso wenig Belehrungen des Bundesamtes für Verfassungsschutz über den politisch korrekten Gebrauch ihres Volksnamens.


Anmerkung zur Wortstatistik der Parteiprogramme 2025: Sie wurden nicht manuell ausgezählt, sondern die PDF-Dateien automatisch ausgewertet und nachträglich kontrolliert. Die Wortform DEUTSCHE kommt auch in Eigennamen vor (Deutsche Bank, Deutsche Umwelthilfe usw.) und als Adjektiv, diese Fälle wurden nicht als Volksname gezäht. 

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Kommentare ( 71 )

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AmpelFluechtling
6 Tage her

Ein Esel im Pferdestall ist immer noch ein Esel. Ein Deutscher ist ein Deutscher nur wenn er deutscher Abstammung ist, also beide Eltern sind ethnische Deutsche oder aus artverwandten Völkern.

Rassistisch? Bis in die 90er Jahre war das die offizielle Definition die die Vergabe des deutschen Passes klärte. Ausnahme waren Adoption durch Deutsche oder ein Elternteil gebürtiger Ausländer. Seit der Reform unter Rot Grün in den frühen 2000ern geht’s nur noch bergab.

NurEinPhilosoph
6 Tage her

Der Bevölkerung,
den Menschinnen,
den papierlosen Fachkräften,
allen Platz Suchenden,
dem Neutrum, dessen Identität nicht bestimmbar ist.

Micci
6 Tage her

Mit dem Titelfoto ist alles Erforderliche gesagt.

Wer im Innenhof des Reichstages „Der Bevölkerung“ im wörtlichen wie übertragenen Sinn in Stein meißelt, meint es ausdrücklich als Gegenpol zur dem der Fassade geschriebenen „Dem deutschen Volke“ und stellt ein für alle Mal klar:

Ihr seid kein Volk!

(Als neuen Begriff für diese Tätergruppe möchte ich übrigens „Inländerhasser“
vorschlagen!)

Soweit ist für mich alles nachvollziehbar,
Was ich nur überhaupt nicht verstehe:
wieso wählen die so Geschändeten immer wieder ihre Schänder?

GermanMichel
7 Tage her

Deutschland hat extreme Probleme, aber eben nicht nur Deutschland. Die anderen europäischen Länder, egal ob Sieger oder Verlierer von WW II, haben die gleichen Probleme. Und sogar die USA, die gewissermaßen mit diesen Problemen geboren wurde, geht diesbezüglich weiter den Bach runter. Was sagt uns das? Das es wenig Sinn macht das Thema national zu betrachten und dabei zu deutschtümeln. Das sind Prozesse die von Erzverbrechern auf globaler Ebene verübt werden, alle Staaten des Westens oder sogar der Welt sollen zur Kopie der USA werden, inkohärente Salad Bowl Shitholes die einfach und total von einer verschlagenen Oligarchen Klasse beherrscht werden.… Mehr

Haba Orwell
7 Tage her

> Es waren die „Deutschen“, worunter man damals grundsätzlich jeden verstand, dessen Muttersprache Deutsch war; hinzu kamen die typischen Merkmale von Angehörigen einer gemeinsamen Kultur wie Disziplin, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung – die sogenannten „deutschen Tugenden“.

Das liest sich heute wie Erzählungen über Kelten. Gab es hier früher mal so etwas? Den Archäologen muss ich ja auch aufs Wort glauben.

Die Bezeichnung „Germania Idiota“ las ich kürzlich in einem TE-Artikel, das ist die überall erlebbare aktuelle Realität. Wie mag man die Bewohner derartiger Entität nennen?

NochNicht2022
7 Tage her
Antworten an  Haba Orwell

Möglicherweise „Harbaristen“? Ähnlich Begriffe gab es z.B. im Frankreich des 19. Jahrhunderts zuhauf.

NochNicht2022
7 Tage her

Ein riesiges Thema. Wo sollte man da anfangen? – Zunächst sicherlich damit, daß in dem TE-Beitrag und bei den Foristen der Begriff des „Bundesdeutschen“ fehlt. Er wurde in der Tri-Zone und mit Hilfe des Grundgesetzes „erschaffen“. Da gibt es weder ein schützendeswertes deutsches Territorium noch Deutsches, nur: Die Nazis, niemals wieder! Das war vom Ansatz zu „dünn“, letztendlich ahistorisch und „Zentrums-Dümmlich“ bei einer über 1.000 Jährigen Deutschen (Reichs)Geschichte. In der DDR gab es „Das“ nicht, deswegen auch das große „Delta“ das heute immer wieder viele feststellen und für unerklärlich (da selbst ungebildet) halten. Der „Ossi“ ist tatsächlich noch der „alte… Mehr

Helmut Berschin
7 Tage her
Antworten an  NochNicht2022

Zum Begriff „Bundesdeutscher“: Er entstand in den 1950er als Bezeichnung für die Deutschen der früheren westlichen Besatzungszonen (auch „Westdeutsche“ genannt) zur Unterscheidung von den Deutschen in der DDR und geriet nach der Wiedervereinigung allmählich außer Gebrauch. Kleine Statistik: In der Wochenzeitung „Die Zeit“ ist „Bundedeutscher“ 1946-53 nicht belegt, dann 569-mal bis zum Jahr 2000. Nachher kommt es nur noch 27-mal vor und seit 2021 überhaupt nicht mehr. H.B.

NochNicht2022
7 Tage her
Antworten an  Helmut Berschin

Danke. – Sie stellten die berechtigte Frage: „Die ‚Deutschen‘ – Wo sind sie geblieben?“ – Ich sage, sie leben spätestens seit 1949 im Westen bis heute als „Bundesdeutsche“ weiter – natürlich ohne es (mit dieser natürlich nicht hochwertigen – das ist ja der Zweck dieser – Apostrophierung) zu wissen. Tatsächlich sind diese „Wessis“ in ihrem Deutsch-Dasein etc. so unbedeutend und vernachlässigbar, daß sie – wie sie beispielhaft an der Mainstream-Wochenzeitung „Die Zeit“ aufzeigen – selbst als „Bundesdeutsche“, d.h. heißt als „Irgendwas-Deutsche“ bzw. „-Menschen“ oder eben nur als Bewohner, Verbruacher bzw. Konsumenten auf dem BRD-Territorium – kaum vorkommen. – Ja so… Mehr

Logiker
7 Tage her

Man gibt den Wahlprogrammen einen „deutschen“ Anstrich, um nicht gleich ganz durch den Rost zu fallen.

Nur der Kanzler ist schon lange mit lautem Getöse in Richtung Ukraine abgebogen.
Deshalb wohl findet er sich in Deutschland nicht zurecht und nicht verstanden.
Da lässt ihm sein BlackRock-Pflichtenheft wohl keine andere Wahl.

Last edited 7 Tage her by Logiker
Karina Gleiss
7 Tage her

Zynischerweise wird man nun kurz vor der Fußball-WM auf Schritt und Tritt mit überteuerten Merchandising-Artikeln in Schwarz-Rot-Gold konfrontiert.

Als ich heute im Lebensmittelladen daran vorbeiging, fragte ich mich spontan, was mir das als grau-braune Nichtmigrantin sagen sollte? Einstimmung auf Brot und Spiele zwecks Ablenkung vom politischen Tagesgeschäft zum Schaden der Schon-länger-hier-Lebenden?

Kassandra
7 Tage her
Antworten an  Karina Gleiss

Sollten Sie so was wollen würden gibt es das auch in 1-Euro-Shops.
Schwarz-rot-gold wurde uns gründlich ausgetrieben – man könnte es aber wieder zurück holen…

Logiker
7 Tage her

„Ich weiß das Land nicht zu finden.
Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“

Andersrum passt es m.E. besser:

„Wo das politische beginnt, hört das Gelehrte auf.“

Mit anderen Worten:

in der Politik hört der Verstand auf.
Gut erkennbar in den Parlamenten des Landes.

oder noch einfacher:

„Ein dummes Volk regiert sich gut.“

Last edited 7 Tage her by Logiker
Kassandra
7 Tage her
Antworten an  Logiker

Ein dumm gemachtes Volk…
und eine Regierung, die es seit Jahrzehnten über den Tisch zieht.

a.bayer
7 Tage her

In einem historisch- soziologischen Sinne gibt es Deutsche und „Deutsche“. Ihr Pass macht Sie – in juristischer Hinsicht- ohne Wenn und Aber zum deutschen Staatsbürger; in soziologisch- historischer Hinsicht macht Sie das jedoch nicht zu einem Deutschen. Besonders dann nicht, wenn Sie und Ihre Familie nicht mal die Sprache beherrschen. Sehr aufschlussreich in diesem Sinne ist Paragraf 6 des Bundesvertriebenengesetzes. Bitte googeln…