Deutschland trifft im WM-Sechzehntelfinale auf Paraguay – einen Gegner, der selten glänzt, aber anderen zuverlässig den Glanz nimmt. Das Duell ist sportliche Warnung, historisches Déjà-vu und fast ein Familienbesuch.
picture alliance / firo Sportphoto / Mexsport | Jonathan Duenas
Ab jetzt ist jedes Spiel ein Finale, wenn auch zunächst nur ein Sechzehntelfinale. 32 Mannschaften kämpfen ums Weiterkommen – wenn es sein muss, in der Elfmeterlotterie. Nur die Harten kommen in den Garten. Es gibt Fußballspiele, die bloß 90 Minuten dauern, und es gibt Begegnungen, die einen ganzen Koffer voller Geschichte mit auf den Platz schleppen. Deutschland gegen Paraguay gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Am Montag trifft die DFB-Elf im WM-Sechzehntelfinale auf einen Gegner, der auf den ersten Blick kleiner wirkt als sein Ruf. Genau darin liegt die Gefahr. Paraguay ist eine jener Mannschaften, die selten glänzen, aber anderen zuverlässig den Glanz nehmen. Ein Fußballland wie eine gut verschlossene Werkzeugkiste: nicht schön anzusehen, aber wehe, man unterschätzt ihren Inhalt. Rudi Völler formulierte es vor dem Spiel gewohnt nüchtern: Natürlich sei Deutschland Favorit, die Mannschaft werde gut auf Paraguay vorbereitet. Das klingt vernünftig – und notwendig. Denn Favoritenrollen haben bei dieser Weltmeisterschaft ungefähr die Halbwertzeit eines Eiswürfels in Arizona.
Ecuador hat Deutschland bereits gezeigt, wie schnell aus einem vermeintlichen Pflichtsieg ein unangenehmer Nachmittag werden kann. Dort war die Freude über den Erfolg sogar so groß, dass kurzerhand ein Nationalfeiertag ausgerufen wurde. Fußball ist in Südamerika eben keine Nebensache, sondern Religion, Familienfest und Staatsakt zugleich. Und Paraguay? Offiziell hat Asunción noch keinen zusätzlichen Feiertag angekündigt. Sollte die Albirroja den viermaligen Weltmeister jedoch aus dem Turnier werfen, dürfte zumindest die Zahl der Grillfeste, Polkas und spontan geöffneten Bierfässer explosionsartig steigen. Wahrscheinlich müsste man am Dienstagvormittag in manchen Behörden erst einmal nachsehen, ob überhaupt jemand den Schlüssel mitgebracht hat.
Dabei verbindet Deutschland und Paraguay weit mehr als ein Fußballspiel. Paraguay ist deutscher, als viele Deutsche ahnen. Bereits im 19. Jahrhundert kamen deutsche Einwanderer ins Land. San Bernardino entstand 1881 am malerischen Ypacaraí-See als deutsche Kolonie und entwickelte sich schnell zum Sommerfrischeort Paraguays. Noch heute erinnern Architektur, Straßennamen und Traditionen an diese Wurzeln. Das wissen Wikipedia und die Bundeszentrale für politische Bildung, vielleicht auch der DFB. Wer durch manche Orte des Landes fährt, begegnet deutschen Schulen, deutschen Vereinen, deutschen Kirchen und erstaunlich vielen Menschen, die besser Deutsch sprechen als so mancher Berliner Taxifahrer.
Besonders eindrucksvoll ist der Chaco. Dort leben bis heute Zehntausende deutschstämmige Mennoniten. Ihre Vorfahren flohen einst aus Russland und Kanada und verwandelten eine unwirtliche Savannenlandschaft in eine der modernsten Agrarregionen Südamerikas. Aus staubiger Wildnis entstand eine leistungsfähige Milchwirtschaft – gewissermaßen deutsche Ingenieurskunst vor tropischer Kulisse. Nicht wenige sprechen bis heute Plautdietsch, eine Sprache, die klingt, als hätte ganz Norddeutschland heimlich seinen Koffer gepackt und wäre auf einen anderen Kontinent ausgewandert.
Überhaupt ist das deutsche Erbe in Paraguay erstaunlich lebendig. Die Choppfeste erinnern an bayerische Bierzelte. Würste und Sauerkraut fühlen sich dort ebenso heimisch wie Mate-Tee und Guaraní. Das ist keine Kopie Deutschlands, sondern eine eigenwillige Mischung, in der beide Kulturen erstaunlich harmonisch nebeneinander bestehen. Man könnte sagen: Paraguay trägt ein kleines Stück Deutschland im Herzen, ohne deshalb aufzuhören, Paraguay zu sein.
Vielleicht erklärt das sogar ein wenig den Fußball. Denn auch die paraguayische Nationalmannschaft besitzt einige Eigenschaften, die man früher ausschließlich den Deutschen zugeschrieben hätte: Disziplin, Geduld, defensive Ordnung und die Fähigkeit, den Gegner langsam zur Verzweiflung zu treiben. Das erinnert nicht zufällig an das bislang wichtigste WM-Duell beider Nationen: das Achtelfinale 2002 in Japan. Die paraguayischen Reporter bemühen nun gern die Historie.
88 Minuten lang rannten Ballack, Klose und Co. gegen eine paraguayische Abwehr an, die von Ayala, Gamarra und Cáceres nahezu uneinnehmbar organisiert wurde. Deutschland lief an wie gegen eine Burgmauer aus Granit. Erst zwei Minuten vor Schluss platzte der Knoten: Bernd Schneider flankte, Oliver Neuville traf zum 1:0. Nicht spektakulär, aber typisch deutsche Effizienz. Paraguay verließ damals erhobenen Hauptes das Turnier, Deutschland marschierte bis ins Finale.
Genau dieses Spiel wirkt heute wie ein vergilbtes Drehbuch, das plötzlich wieder auf dem Schreibtisch liegt. Das 3:3 von Kaiserslautern im Jahr 2013? Geschenkt. Ein Achtungserfolg. Auch diesmal lebt Paraguay von einer hervorragend organisierten Defensive. Trainer Gustavo Alfaro hat aus der Albirroja eine Mannschaft gemacht, die lieber einen Meter zu viel läuft, als einen Zweikampf zu wenig zu führen.
Die Parallelen zu Ecuador springen geradezu ins Auge. Beide Mannschaften verteidigen leidenschaftlich, warten geduldig auf Fehler und haben Deutschland bereits gezeigt oder zumindest angedeutet, wie unangenehm südamerikanische Disziplin sein kann. Dass Paraguay in der WM-Qualifikation sogar Brasilien und Argentinien bezwingen konnte, ist deshalb keine Randnotiz, sondern ein Warnsignal.
Natürlich fehlen die ganz großen europäischen Stars. Omar Alderete ist der bekannteste Defensivmann. Hinzu kommen Julio Enciso und Antonio Sanabria. Miguel Almirón kehrt nach abgesessener Sperre zurück. Das genügt nicht für internationale Glamour-Schlagzeilen, aber durchaus für 90 höchst unbequeme Minuten. Deutschland wiederum reist mit einer Mischung aus Rückenwind und schlechtem Gewissen an: sieben Tore gegen Curaçao, ein wichtiger Sieg gegen die Elfenbeinküste und anschließend die ernüchternde Niederlage gegen Ecuador. Die Gruppenphase war also eher eine Achterbahnfahrt als ein Hochgeschwindigkeitszug.
Gerade deshalb ist dieses Sechzehntelfinale ein Pflichttermin – nicht nur sportlich, sondern auch psychologisch. Ein erneutes frühes Scheitern würde sämtliche Fortschritte der vergangenen Monate sofort wieder infrage stellen. Der DFB braucht dieses Weiterkommen fast so dringend wie der Fan seine Halbzeitwurst. Doch genau darin liegt die Tücke. Pflichtsiege sind im Fußball wie Porzellanläden für Elefanten: Man betritt sie voller Zuversicht und verlässt sie manchmal mit erstaunlich vielen Scherben.
Deutschland bleibt Favorit, keine Frage. Der individuelle Qualitätsunterschied ist vorhanden. Aber Paraguay wird nichts verschenken. Die Mannschaft wird laufen, grätschen, die Räume verdichten, Zeit gewinnen und die Nerven der DFB-Elf strapazieren. Sie wird auf genau jenen einen Moment warten, der ein ganzes Land in kollektive Ekstase versetzen könnte. Ob dafür gleich ein Nationalfeiertag ausgerufen wird wie neulich in Ecuador? Abwarten.
Sollte am Dienstagmorgen in Asunción die Musik etwas lauter spielen, sollten die Fahnen etwas häufiger wehen und der Kaffee ein wenig später gekocht werden, hätte vermutlich niemand etwas dagegen. Fußball schreibt eben Geschichten. Und manchmal sind die interessantesten Geschichten jene, in denen zwei Länder feststellen, dass sie sich viel ähnlicher sind, als ihnen vor dem Anpfiff bewusst war.
Deutschland gegen Paraguay: mehr als ein Fußballspiel. Fast ein Familienbesuch – allerdings einer, bei dem am Ende leider nur einer mit guter Laune nach Hause fährt.

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