Ungarns giftigster Polit-Skandal

Pädophilievorwürfe gegen Regierungspolitiker brachten Ungarns Opposition einen phänomenalen Wahlsieg. Wurde dafür bezahlt? Autopsie eines Skandals.

IMAGO / Le Pictorium

Viktor Orbáns Wahldesaster im April glich einem emotionalen Tsunami. Viel wurde über die Gründe geschrieben: Korruption, Vetternwirtschaft, stagnierende Wirtschaft. Vor allem aber gelang es der Opposition, die Wut der Menschen aufzupeitschen und zu kanalisieren. Zentral war dabei ein konkreter Fall von sexuellem Missbrauch an Minderjährigen in staatlicher Obhut. Nichts hat den Wahlkampf so geprägt wie die „Szölő utca“-Affäre. Ihr verdankt Péter Magyar wahrscheinlich die Zwei-Drittel-Mehrheit. Aber womöglich war alles frei erfunden.

„Szölő utca“ ist der Name einer Straße in Budapest. Dort befand sich ein Erziehungsheim für straffällig gewordene Jugendliche, es wurde inzwischen geschlossen. Im Mai 2025 wurde der frühere Direktor dieses Heims, Péter Pál Juhász, festgenommen wegen Verdachts auf Menschenhandel und sexuellen Missbrauch. In den folgenden Monaten stieg die Zahl der Verdächtigten auf elf, und die der minderjährigen Opfer auf 15. Juhász betrieb organisierte Prostitution, mit volljährigen wie auch minderjährigen Mädchen.

Politisch wurde der Skandal am 8. September 2025. Da erschien ein Interview mit Gábor Kuslits, früherer Leiter der Budapester Kinderschutzbehörde. Er behauptete darin, „zwei sehr ranghohe Regierungsmitglieder“ hätten an dem sexuellen Missbrauch Minderjähriger persönlich und regelmäßig teilnegommen. „Dem einen wurden die Mädchen gebracht, dem anderen die Jungen.“ Belege gab Kuslits nicht, die Redaktion hakte auch nicht nach. Am 18. September dementierte Justizminister Bence Tuszon jegliche Verwicklung von Regierungsmitgliedern. Die postkommunistischen Partei „Demokratische Koalition“ (DK) verlangte einen Untersuchungsausschuss.

Gleich am nächsten Tag wurde der Pädophilie-Vorwurf sogar noch ausgeweitet: Der bekannte Orbán-Kritiker Péter Juhász (nicht identisch mit dem gleichnamigen Heimleiter) veröffentlichte ein Interview mt einem angeblichen Augenzeugen namens János Látó, der behauptete, auch in einem anderen Heim, in Ózd (diesmal ein tatsächliches Kinderheim, kein Erziehungsheim) sei ein „ranghoher Politiker“ regelmäßig „in einem schwarzen Auto vorgefahren, mit verdunkelten Fenstern, abends, wenn es dunkel ist“. Auch hier jedoch keine Belege.

Ein gewisser Csaba Kancz, Geopolitik-Experte, nannte dann auf Facebook einen konkreten Namen: Den des Chefs der mit Fidesz verbündeten katholischen KDNP-Partei, Zsolt Semjén. Die Polizei verhörte Kuslits, Kancz und Látó. Alle sagten, sie hätten ihre „Informationen“ nur vom Hörensagen. Belege gebe es nicht. Látó verweigerte einen Lügentest. Die politische Wirkung aber war nicht mehr zu stoppen. Im Parlament verlangte die linke Opposition Erklärungen von der Regierung. Semjén selbst meldete sich zu Wort und klagte vehement über „niederträchtige Verleumdung“.

Da schaltete sich der Youtube-Kanal „Körpersprache“ ein. Zwar sei Semjén von der Unschuldsvermutung geschützt, hieß es da, aber seine Körpersprache im Parlament (während seiner zweiminütigen Rede) verrate „totale Panik“. Das sahen 566.000 Betrachter. Der Effekt wurde verstärkt dadurch, dass die Medien diese Interpretation dankbar aufgriffen.

Nichts von all dem war belegbar, aber der Effekt war eine Vorverurteilung in der öffentlichen Meinung. Das Orbán-kritische Nachrichtenportal Telex titelte treffend: „Noch nie erlitt Fidesz durch ein Gerücht einen solchen Nackenschlag.“

Die Fidesz-KDNP war in ihrem christlichen Markenkern getroffen, auch vor dem Hintergrund, dass die damalige Staatspräsidentin Katalin Novák 2023 unerklärlicherweise einen Pädophiliebeihelfer begnadigt hatte. Bis heute hat sie sich nicht dazu erklärt. Auch da ging es um Misssbrauch in einem Kinderheim. Politisch hatte bislang vor allem die linke DK versucht, die Affäre aufzubauschen. Nun aber sprang Péter Magyar auf den Zug auf und forderte Orbán auf, Semjén von seinen Aufgaben zu entbinden, bis die Vorwürfe gegen ihn geklärt seien. (Vorwürfe gab es juristisch aber gar nicht).

Die Regierung sprach von einem „konzertierten Angriff“, möglicherweise seien auch „Geheimdienste“ darin verwickelt. Derweil wurde der Impakt der Gerüchte in den Umfragen sichtbar. Péter Magyar forderte einen Rücktritt der Regierung und vorgezogene Wahlen (die ohnehin für den April 2026 angesetzt waren). Proteste wegen der Szölőutca-Affäre zogen Zehntausende Menschen an. Im Dezember sagte Péter Magyar, der Skandal habe seine Tisza-Partei in den Umfragen auf den Höhepunkt ihrer Beliebtheit katapultiert.

Um die Affäre wirklich explosiv werden zu lassen, bedurfte es aber eines konkreten Opfers, also jemand, der sagte, er sei von einem Regierungspolitiker sexuell missbraucht worden. Das lieferte die linke Oppositionspartei DK mit einem Interview, in dem ein junger Mann mit verdecktem Gesicht und verfremdeter Stimme genau das aussagte. Er sei als Insasse der Szölő utca von einem Regierungspolitiker sexuell missbraucht worden, der dort als „Onkel Zsolti“ bekannt gewesen sei.
Daraufhin wurde er im November 2025 von der Staatsanwaltschaft verhört, nannte aber – wie auch im Interview – keine Namen.

Zuvor hatte der frühere liberale Oppositionspolitiker und derzeit Influencer Péter Juhász behauptet, er wisse, wer „Onkel Zsolti“ sei, und hatte eine Geldsammlung gestartet, um daraus eine Belohnung für Beweise zu finanzieren. Umgerechnet mehr als 200.000 Euro kamen zusammen, Beweise aber bislang nicht. Juhász hat versprochen, das Geld an gemeinnützige NGOs zu verteilen.

Die Wahlen vom 12. April bescherten der Oppositionspartei Tisza einen Sieg von historischem Ausmaß. Dazu hatte die „Onkel Zsolti“-Geschichte maßgeblich beigetragen. Sie war aber noch nicht zu Ende. Im Mai veröffentlichte das de facto Parteiorgan der neuen Regierungspartei, „kontroll“, ein Interview mit dem angeblichen Opfer. Diesmal nannte der junge Mann seinen Namen und zeigte sein Gesicht: Sándor Bango. Er sagte, er werde der Staatsanwaltschaft nunmehr den vollen Namen des angeblichen Täters/Regierungspolitikers geben. Was er später auch tat (man weiß aber nicht, was er den Staatsanwälten mitteilte).

Dann platzte eine Bombe: Der Fidesz-Abgeordnete János Pócs veröffentlichte ein Interview mit Mario Kiss, ein einstiger Betreuer von Bango in der Szölő utca. Der behauptete, Bango habe gelogen, auch der Staatsanwaltschaft gegenüber, und habe dafür vom Bruder des Ministerpräsidenten, Márton Magyar, der zugleich auch Eigentümer von „kontroll“ ist, über einen Rechtsanwalt vier Millionen Forint erhalten (umgerechnet 11.000 Euro). Dazu wurde ein Tonmitschnitt eingespielt, auf dem angeblich Bango im Gespräch mit Kiss bestätigt, das Geld erhalten zu haben. Auch der Name des Rechtsanwalts wurde angegeben, über den das Geld gelaufen sei. Kiss sagte, er habe seine Beweismittel bereits der Staatsanwaltschaft übergeben, und Pócs gab zu Protokoll, er habe angesichts der Informationen Anzeige erstattet.

Dann sagte auch eine Bekannte von Bango, Angela Füssy (im Übrigen eine nationalkonservative Journalistin), Bango habe von „kontroll“ Geld erhalten, allerdings weniger als versprochen.

Seither läuft es umgekehrt: Nun ist es Tisza, nunmehr als Regierungspartei, die die Vorwürfe gegen Márton Magyar und „kontroll“ leugnen muss und als Lügen bezeichnet – wie zuvor Fidesz die ursprünglichen Vorwürfe gegen Semjén Lügen nannte. Márton Magyar gab an, auch er habe in der Sache Anzeige erstattet.

Nun darf man gespannt sein, ob und wann die Staatsanwaltschaft zu brauchbaren Erkenntnissen kommt. Aber schon jetzt geht der Skandal in die Geschichte ein, als die giftigste Polit-Kampagne seit dem Kommunismus. Gábor Fodor, ein früherer liberaler Politiker und heute prominenter politischer Kommentator, sprach von „ungeheurem gesellschaftlichen Schaden“: Die Glaubwürdigkeit der Politiker sei dahin, die Gesellschaft sei offenbar bereit, auch die niederträchtigsten, unbegründetsten Gerüchte über sie zu glauben; der Ruf von Sozialarbeitern in Kinderheimen sei ruiniert, künftig wolle niemand mehr dort arbeiten; und Jugendliche gewöhnten sich nun daran, dass es sich lohnen kann, unbegründete Klagen gegen Politiker zu verbreiten.

Fortsetzung folgt.

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Kommentare ( 27 )

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Bedenkentante
20 Tage her

Wenn ein paar Systempolitiker, die sich nach eineinhalb Jahrzehnten an der Macht nur schwer an einen neuen Lebensstil gewöhnen können, über die mutmaßlichen Methoden jammern, die sie selbst immer wieder konzertiert angewendet haben, dann hat das nur noch etwas Lächerliches.

Mausi
21 Tage her

Solche Vorwürfe sind einfach zu erheben und lösen gerne das Ende der Karriere aus. Wenn sich diese Verdächtigungen hinterher in Luft auflösen, ist es für den Betroffenen längst zu spät. Maximal entscheidet ein Gericht auf FakeNews und verbietet die Verbreitung. Lächerliche Konsequenz. Normalo ohne unendlich tiefe Taschen muss sich gegen solche Anwürfe oder gegen angebliche Politikerbeleidigung unter Aufwand von viel Geld und Zeit lange wehren. Was hat das mit Rechtsstaat und Gleichheit vor dem Gesetz zu tun? Was hat das mit ehrlichem Journalismus zu tun, wenn hier Verdächtigungen hochgespielt werden und zur Vorverurteilung führen und dort nichts genannt wird, um… Mehr

Last edited 21 Tage her by Mausi
Karl Renschu
22 Tage her

Tja Böhmi, was wurde eigentlich aus Edathy?

Harry Hirsch
22 Tage her

Das ganze trägt die Handschrift von Ursel von der Lüge und ihrer gesamten korrupten EU-Mafia.

Nachhaltiger Energie und Klimawandler
22 Tage her

Es ist so einfach jemanden zu denunzieren. Man kann ihm etwas anhängen, das jeder Grundlage entbehrt. Aber jeder glaubt es. Und schnell ist jemand in seiner Existenz vernichtet. Rehabilitation ist kaum möglich. Das ist im privaten Bereich durchaus an der Tagesordnung. In der Politik setzt man diesem schäbigen und verlogenen Verhalten nochmal die Kron auf.

Astrid
22 Tage her

Wir kommen gerade in dieser Woche aus Ungarn zurück und mussten bei Gesprächen mit den ungarischen Bürgern feststellen, dass niemand über den Regierungswechsel glücklich ist, mit dem wir gesprochen haben. Die meisten fühlten sich von Orban beschützt und sehen durch den Wechsel erhebliche Probleme auf sie zukommen. Vor allem, was die Migration angeht, geht die Angst im Land um. Es ist traurig, was die EU in den vergangenen Jahren den Bürgern Europas angetan hat und es scheint in den EU-Ländern noch kein Licht am Ende des Tunnels.

Autour
22 Tage her

Naja es ist doch sonnenklar was mit diesem komischen Partyprinz, der eigentlich als Politiker vollkommen ungeeignet ist, abgezogen werden soll. Dieser Clown hat mehr Leichen im Keller als Orbans gesammtes Kabinett!
Aber gut mit der EU im Rücken und den Mrd an Korruptionsgeld ist es natürlich ein leichtes einen so schmierigen Clown wie diesen zu installieren… gut nun wird Ungarn halt eine Diktatur ala Rumänien unter Chauchescau…. sie haben sich halt von der EU und diesem Partyclown vollkommen verarschen lassen… so wie auch der eine oder andere Artikelschreiber hier auf TE…

Kraichgau
22 Tage her

DAS sind die Mittel,die Soros und die EUDSSR nutzen,um Regierungen zu stürzen oder in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Rumänien,legale Wahlen storniert,Ungarn,Medienhetze und NGO-Beeinflussung…..Demokratie wird gerade in der EUDSSR zum Merkelsystem umgebaut

sheldon63
22 Tage her

Ich befürchte, so etwas in dieser Art werden wir vor der Wahl in S-A die AfD betreffend auch erleben.
Eine Rufmord Kampagne ist schnell gestartet und wahrscheinlich liegen die Pläne bereits in der Schublade.

Erfurter
22 Tage her

Mein lieber Scholli. Mehr Licht, sagte Goethe.