Nicht Bauchgefühl, sondern nackte Zahlen: Eine KI-gestütze Analyse aller Kommentare in den „Tagesthemen“ aus den vergangenen 15 Jahren offenbart die massive Linkslastigkeit der Redakteure. Zwangsgebühr zahlt Schlagseite.
picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
Mit Gefühlen lässt sich schwer argumentieren. Sicher, die allermeisten von uns teilen die Empfindung, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten immer stärker nach Linksaußen abdriften – in der ARD vor allem bei den Nachrichten und hier wiederum vor allem in den „Tagesthemen“.
Aber wir konnten es bisher nicht beweisen. Es gab zahlreiche einzelne Verfehlungen. Aber, so wurde uns stets entgegengehalten, das seien ja nur die berüchtigten „Einzelfälle“. Unser diffuses Bauchgefühl blieb.
Jetzt ersetzen harte Zahlen das diffuse Bauchgefühl.
Wenn Zahlen den Nebel vertreiben
„Glashaus“ heißt das Projekt, das die ARD plötzlich in Schwierigkeiten bringt.
Ein paar Selbstständige und Freiberufler – alle zwischen 20 und 40 Jahre, alle politisch interessiert, alle IT-affin – haben die gemeinnützige GmbH gegründet, um Daten auszuwerten und für die öffentliche Debatte zur Verfügung zu stellen. Noch tun sie das nur mit eigenem Geld, vielleicht kommen später ja Spenden dazu. Ihre erste Arbeit haben sie eben gerade veröffentlicht. Sie heißt „ARD-Tagesthemen Meinung: Whitepaper zur inhaltlichen Nähe zu Parteiprogrammen (2010 – 2025)“.
So sperrig der Titel, so clever ist die Idee.
„Glashaus“ hat alle 2.911 Kommentar-Segmente der ARD-„Tagesthemen“ aus den vergangenen 15 Jahren erfasst und mit KI-Unterstützung 16.226 Einzelbewertungen erstellt. Herausgekommen ist eine Art ideologischer Landkarte, auf der man sehen kann, wie dicht die vorgetragenen Meinungen an den Wahlprogrammen der Parteien liegen.
Mithilfe eines KI-Sprachmodells hat die Langzeitstudie die inhaltliche Nähe der Kommentare zu den jeweils aktuellen Bundestagswahlprogrammen der Parteien auf einer Skala von −100 bis +100 quantifiziert. Je höher der Wert, desto dichter am Parteiprogramm liegt der Kommentar.
Untersucht wurden ausdrücklich nur die gesondert ausgewiesenen Meinungsbeiträge. Es geht also nicht um Nachrichtentexte, Moderationen oder Interviews, sondern um jene Beiträge, in denen die Redaktion ganz offiziell Stellung bezieht. Und natürlich darf ein einzelner Kommentar eine bestimmte Meinung abbilden, dazu ist er ja da. Wenn aber eine überwältigende Mehrheit aller Kommentare immer nur dieselbe Meinung abbilden – dann haben wir ein Problem.
Nicht der einzelne Kommentar ist ein Skandal, sondern die chronische Asymmetrie.
Klima und Energie
Die größte Spreizung im gesamten Datensatz gibt es bei diesen beiden Themen. Grüne plus 35 (!), „Linke“ plus 20, SPD plus drei. CDU minus 25, FDP minus 33, AfD minus 55 (!).
Millionen Bürger haben seit langem den Eindruck, dass die sogenannte „Energiewende“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht etwa kritisch begleitet wird, sondern vielmehr euphorisch bejubelt. Was bisher ein Gefühl war, ist jetzt eine Zahl.
Bei Klima und Energie ist das Meinungssegment der „Tagesthemen“ kein offener Debattenraum, sondern der geschlossene Tempel einer Glaubensgemeinschaft.
Migration und Asyl
Auch hier gibt es eine glasklare Tendenz. Die Kommentare liegen viel dichter bei den Grünen (plus acht) und der SPD (plus fünf). Die „Linke“ liegt am Median, FDP und CDU fallen ins Minus, die AfD liegt bei minus 51. In Worten: minus einundfünfzig.
Bei Migration und Asyl wird dem öffentlich-rechtlichen System besonders stark vorgeworfen, die Sorgen weiter Teile der Bevölkerung eher als Störung des gewünschten Weltbildes zu behandeln denn als legitime politische Position. Die neuen Daten beweisen keine Absicht – aber sie bestätigen genau das Muster, das die Kritiker seit Jahren beschreiben.
Steuern und Finanzen
Auch hier liegen die Kommentare signifikant dichter bei den Grünen (plus 18), der „Linken“ (plus 13) und der SPD (plus zwölf) als am Median der übrigen Parteien. Die AfD liegt bei minus 23, die FDP sogar bei minus 29.
Gerade bei Steuern und Finanzen werden in einer marktwirtschaftlichen Demokratie harte Konflikte über Staatsquote, Belastung der Mitte, Umverteilung, Schulden und wirtschaftliche Freiheit ausgetragen. Doch gerade hier liegt das Meinungssignal der „Tagesthemen“ nicht in der Mitte des Spektrums. Es kippt klar nach links.
Dasselbe Bild im Themenbereich Soziales, Rente und Gesundheit: Grüne plus 20, „Linke“ plus elf, SPD leicht positiv. Dagegen AfD minus 21, CDU sogar minus 24. Auch hier bildet sich ein Milieu ab: Staatliche Versorgungsideen sind den ARD-Kommentatoren viel lieber als marktwirtschaftliche Gegenpositionen.
Milieupflege statt Vielfalt
Natürlich werden die Verteidiger des Systems nun einwenden: Es handelt sich doch nur um Kommentare, und Kommentare sind doch Meinungen.
Ja. Aber wenn eine zwangsgebührenfinanzierte Nachrichtensendung über 15 Jahre hinweg das offizielle Meinungsfenster so einheitlich einseitig nur in eine bestimmte Richtung öffnet, dann ist das kein Zufall mehr, sondern Programmklima.
Dann kommt immer dieselbe Ausrede: „Irgendwo im Programm kommt auch mal eine andere Meinung vor.“ Das kann aber nicht der Maßstab sein. Die zentrale Frage ist: Hat das zentrale Nachrichtenformat der ARD den Anspruch, für alle Bürger da zu sein?
Und die Zahlen sagen: nein.
Fakten statt Ausflüchte
Die öffentlich-rechtliche Selbstverteidigung lebt seit Jahrzehnten von der Unschärfe.
Alles ist irgendwie plural. Irgendwo gab es mal ein Pro und Contra. Irgendwann durfte auch ein Konservativer etwas sagen. Eine Talkshow hat doch neulich sogar einen von der AfD eingeladen.
Diese Defensive im Nebel reicht nun nicht mehr. Die Zahlen ziehen die Debatte auf die offene Bühne der Messbarkeit.
Besonders bitter für die ARD: Die Analyse arbeitet mit öffentlich zugänglichem Material aus dem ARD-Archiv. Der Untersuchungszeitraum reicht vom 26. April 2010 bis zum 13. November 2025. Der Rohkorpus umfasst 5.597 bereinigte Folgen, davon 2.911 mit verifiziertem Kommentar; 178 Folgen entfallen auf Wahlkampfzeiten.
Oder anders: Das Material lag die ganze Zeit offen herum. Man musste nur zählen. Hat man aber nicht.
Warum tut der öffentlich-rechtliche Rundfunk so etwas nicht selbst? Warum veröffentlicht die ARD nicht regelmäßig eine Transparenzanalyse ihrer eigenen Meinungssegmente? Warum gibt es keine frei zugänglichen Datensätze zu Kommentarautoren, Themen, Tendenzen, Parteienbezug und redaktioneller Vielfalt? Warum müssen externe Akteure das übernehmen?
Am Geld kann es nicht liegen. Wer, wie der ÖRR, fast neun Milliarden Euro im Jahr einsammelt, kann nicht ernsthaft behaupten, Transparenz sei zu teuer oder zu kompliziert.
KI contra ÖRR
KI-basierte Vergleiche von Kommentaren mit Wahlprogrammen sind keine Wahrheitsmaschinen. Sie messen inhaltliche Nähe, nicht journalistische Qualität, auch nicht Vorsatz oder Fairness im Einzelfall.
Die Analyse behauptet nicht, einzelne redaktionelle Entscheidungen erklären zu können. Aber sie zeigt ein eindeutiges langfristiges Muster. Das macht den Befund nicht schwächer, sondern sauberer. Es wird eben nicht behauptet: „Die ARD ist böse.“ Es wird gemessen: „Die Kommentare liegen in bestimmten Themenfeldern näher bei diesen Parteien und weiter weg von jenen.“
Wem das nicht passt, der sollte nicht empört schnauben, sondern andere Daten liefern.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sich über Jahrzehnte daran gewöhnt, Kritik nicht als Warnsignal, sondern als Zumutung zu behandeln. Man sitzt in einem Gebäude aus Gebührenbeton und winkt den Zahlern aus dem Fenster zu.
Wer murrt, bekommt die Demokratie erklärt. Wer weiter murrt, gilt als populistisch. Wer dann immer noch murrt, ist ein Demokratiefeind. Diese selbstgerechte Festung der Gleichgesinnten stand lange stabil.
Big Data bohrt nun ein Loch in die Mauer.


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