Der Hornisgrinde-Wolf kommt Menschen seit Jahren gefährlich nahe. Längst hat ein Gericht den Abschuss erlaubt. Doch das ausgewachsene Raubtier soll nun „umtrainiert“ werden. Lehrstück über eine Politik, die weder den Menschen noch die Natur ernst nimmt.
IMAGO / Martin Wagner
Seine offizielle Kennung lautet GW2672m. Doch seine Bewunderer nennen den Wolf „Grindi“. Das klingt nicht nach einem großen Raubtier, sondern nach einer lustigen Zeichentrickfigur. Und dieser Umstand beschreibt auch schon das Grundproblem.
Für den maßgeblichen Teil der linken Reichshälfte in unserem Deutschland ist der Wolf nämlich kein jagendes und tötendes Wildtier. Vielmehr ist er eine Projektionsfläche: Er soll für die gute, ursprüngliche Natur stehen – und für die moralische Läuterung des bösen Menschen.
Aus irgendeinem Grund hegen die Anhänger dieses irren Kults die unausgesprochene Erwartung, dass die derart idealisierten Wölfe für ihre Anbetung auch eine Gegenleistung erbringen: Nämlich, dass sie – die Wildtiere – sich nicht benehmen wie wilde Tiere.
Doch leider, leider: Die Wölfe denken gar nicht daran.
Verhaltensauffälliges Raubtier
Im schönen Schwarzwald kommt seit mehr als drei Jahren der sogenannte Hornisgrinde-Wolf Spaziergängern und ihren Hunden auffällig nahe.
Immer wieder folgt er ihnen in einem Abstand von weniger als 30 Metern. Seit Anfang 2024 wurden mehr als 180 Sichtungen gemeldet. In Einzelfällen näherte sich das Tier bis auf sechs Meter. Im Mai 2024 verfolgte es Spaziergänger mit ihren Hunden über mehrere Kilometer.
Bislang hat der Wolf niemanden angegriffen. Experten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern bewerten sein Verhalten dennoch übereinstimmend als massiv unnormal – und die weitere Entwicklung als völlig unvorhersehbar.
Mit anderen Worten: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis etwas Ernstes passiert.
Das seit vielen Jahren durch und durch grüne Umweltministerium in Stuttgart versuchte zunächst, den Wolf zu fangen. Dann wollte man ihn besendern und anschließend gezielt vergrämen. Seit Juli 2024 wurden allein an 28 Standorten Fußfallen aufgestellt. In eine von ihnen trat der Wolf auch tatsächlich hinein. Doch er riss sie einfach aus dem Boden, befreite sich und machte sich davon.
Auch alle weiteren Fangversuche scheiterten. Selbst mit dem Narkosegewehr kam man nicht zum Erfolg. Zwischen Februar 2024 und Januar 2026 gab es laut SWR rund ein Dutzend Anläufe, das Tier zu fangen oder direkt zu vertreiben.
Der Wolf war immer schneller oder schlauer. Oder beides.
Gezerre um Abschuss
Derweil pirschte sich das Tier weiter munter dicht an Spaziergänger und Wanderer heran. Schließlich erteilte das Land dann doch eine Ausnahmegenehmigung zum Abschuss. Dagegen klagten natürlich die üblichen Verdächtigen, doch zwei Gerichtsinstanzen bestätigten die Entscheidung.
Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg stellte ausdrücklich fest, dass greifbare Anhaltspunkte für eine sich entwickelnde Gefahr vorliegen. Er erklärte zudem, eine Vergrämung sei keine zumutbare Alternative. Der Wolf habe bereits zu viele folgenlose oder sogar positive Erfahrungen mit Menschen gemacht. Deshalb spreche „wenig bis nichts“ dafür, dass weitere Erziehungsversuche den gewünschten Effekt erzielen.
Klarer kann ein Gericht kaum formulieren.
Bisher wurde der Wolf noch nicht erlegt. Die Ausnahmegenehmigung lief am 10. März 2026 aus. Doch, Überraschung: Sie wird jetzt erst einmal nicht verlängert. Stattdessen soll unser Wolf erneut „umtrainiert“ werden.
Manchmal muss man die Dinge einfach nur ganz nüchtern in ihrem zeitlichen Ablauf nacherzählen – und man hat die beste Satire.
Wolf auf der Couch
Dieses Umtrainieren nennt man in der Fachsprache „vergrämen“. Das klingt nach einem strengen Blick und einem energischen „Pfui!“. Tatsächlich geht es um negative Konditionierung. Der Wolf soll die Annäherung an Menschen mit Schmerz, Angst und Stress verbinden. Dafür kommen Gummigeschosse, Knallkörper oder Leuchtraketen zum Einsatz. Eine einzelne unangenehme Begegnung genügt nicht. Das Tier muss in derselben Situation wiederholt und verlässlich bestraft werden.
Verlässlich heißt hier: In der Zeit, in der unser Raubtier also im übertragenen Sinne auf der Therapiecouch liegt und neu konditioniert wird, darf kein Spaziergänger für ein Foto auf den Wolf zugehen. Niemand darf ihn füttern. Jede positive oder auch nur neutrale Begegnung mit einem Menschen würde den gewünschten Lerneffekt sofort zerstören. Urs Reif, Abteilungsleiter Flächenmanagement im Nationalpark Schwarzwald, wird deutlich:
„Jeder Mensch, der sich ihm freundlich nähert, wird das Umtrainieren zunichte machen.“
Der Erfolg des gesamten staatlichen Wolf-Umerziehungsprogramms hängt also davon ab, dass sich sämtliche Besucher eines riesigen Waldgebietes (Kinder inklusive!) an ein unsichtbares pädagogisches Drehbuch halten – von dem die meisten nicht einmal wissen, dass es überhaupt existiert.
Das ist Verhaltenstherapie unter freiem Himmel, mit einer Bevölkerung als unfreiwilligem Hilfspersonal.
Fairerweise muss man sagen, dass das offizielle Bundeskonzept zum Umgang mit auffälligen Wölfen viel vernünftiger ist als das, was sie in Baden-Württemberg gerade daraus machen. Es empfiehlt, ein problematisches Tier möglichst früh zu besendern und zu vergrämen. Bleibt der Erfolg aus oder ist eine Vergrämung nicht möglich, soll zügig die Entnahme folgen.
Der Punkt ist auf der Hornisgrinde natürlich längst erreicht. Die frühe Intervention misslang. Das Besendern scheiterte. Das Verhalten verfestigte sich. Das Gericht bestätigte die Entnahme. Und trotzdem geht die Politik jetzt wieder zurück auf Los, und alles fängt von vorne an.
Für die Verwaltung ist das ein Prozess. Im richtigen Leben nennt man es Verweigerung.
Naturromantik gegen Natur
Die Wiederansiedlung des Wolfes bei uns wird politisch ähnlich obsessiv gefördert wie die Armutsmigration. Und ganz ähnlich wie „der Flüchtling“, so ist auch „der Wolf“ schon längst ein moralisch maximal aufgeladenes Gesinnungsprojekt. Seine Ausbreitung galt lange als Erfolg an sich. Über Grenzen, Bestandsregulierung und regionale Tragfähigkeit durfte erst gesprochen werden, nachdem die Konflikte nicht mehr zu übersehen waren.
Im Monitoringjahr 2024/25 wurden in Deutschland 219 Rudel, 43 Paare und 14 territoriale Einzeltiere bestätigt. Deutschland meldete für die kontinentale Region inzwischen selbst einen günstigen Erhaltungszustand des Wolfs. Trotzdem behandeln viele Aktivisten jedes einzelne Tier wie einen unersetzlichen nationalen Schatz. Der Wolf als Art ist keineswegs vom Aussterben bedroht. Im Gegenteil: Weltweit gibt es eher zu viele Wölfe. Sie sind robust genug, um sich über große Räume auszubreiten. Das einzelne Exemplar, auch jeder einzelne Problemwolf, wird dennoch zum sakralen Wesen erhoben.
Das ist keine Liebe zur Natur. Das ist Naturkitsch.
Natur besteht nicht nur aus Sonnenuntergängen, Moos und Tierkindern. Zur Natur gehören brutale Revierkämpfe, unbarmherziger Jagdtrieb, Blutrausch, Verletzungen und Tod. Ein Wolf ist kein Hund mit schlechter Kinderstube. Er ist auch kein politischer Botschafter, der den Menschen an dessen ökologische Schuld erinnern soll. Er ist ein hochintelligentes Raubtier. Gerade wer ihn ernst nimmt, akzeptiert, dass nicht jedes Individuum konfliktfrei in jeder zivilisatorischen Umgebung existieren kann.
In Deutschland leben statistisch etwa 240 Menschen auf einem Quadratkilometer. Von den Flächenstaaten sind nur die Niederlande und Belgien noch dichter besiedelt – und beide sind wesentlich kleiner. Wälder sind bei uns keine menschenleere Wildnis wie in Kanada. Sie sind von Straßen, Ortschaften und Wanderwegen durchzogen. Es gibt Forstwirtschaft, Weidehaltung und Freizeitnutzung.
Wölfe können in solchen Landschaften leben. Das beweisen sie täglich. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Wolf überall bleiben muss – schon gar nicht, wenn er seine natürliche Scheu vor Menschen verliert und plötzlich Fußgänger verfolgt.
Natur als pädagogisches Zwangsprojekt
Der Umgang mit dem Hornisgrinde-Wolf ist ein Paradebeispiel dafür, wie gleich zwei Spezies zugunsten einer irren Ideologie ihrer Natur beraubt werden.
Begegnet ein Mensch dem Wolf, erhält zuerst der Mensch eine Gebrauchsanweisung: Nicht weglaufen. Abstand halten. Hunde anleinen. Das Tier nicht ansprechen. Sichtungen melden. Keine Fotos aus der Nähe. Keine freundliche Annäherung. Keine falschen Signale.
Im Einzelfall manchmal sogar vernünftig, sind diese Hinweise aber dort komplett absurd, wo sie zum Ersatz für das eigentlich Sinnvolle werden. Plötzlich soll sich nicht mehr das gefährliche Wildtier aus dem unmittelbaren Lebensraum des Menschen zurückziehen – sondern der Bürger soll seinen Alltag (inklusive seiner körperlichen Unversehrtheit) einem grünen Experiment unterordnen.
Und auch der Wolf wird mit Gewalt in das Wir-wollen-aber-um-jeden-Preis-dass-es-geht-Korsett der naiven Naturromantiker gepresst. Auch er wird „umerzogen“ – das ist historisch ja eine linke Spezialität. Der Mensch muss lernen, wolfsgerecht zu wandern. Der Wolf muss lernen, menschengerecht Wolf zu sein. Zwei Spezies werden gleichzeitig einer zwangsweisen Verhaltenstherapie unterzogen, damit eine politische Wunschvorstellung nicht aufgegeben werden muss.
Auf der einen Seite stehen Schilder, gesperrte Wege, Fanggeräte, Fotofallen und Verhaltenskurse für Spaziergänger. Auf der anderen Seite erlebt der Wolf Fallen, Betäubungsversuche, Verfolgung, Knallkörper und möglicherweise Gummigeschosse. Tier und Mensch werden zu Objekten eines Dauerversuchs im Freilandlabor.
Alle leiden. Nur nicht die Ideologen, die das Ganze angezettelt haben.
Deradikalisierung von Tier und Mensch
Das alles folgt der politischen Mode, jedes gefährliche Verhalten vor allem als pädagogisches Problem zu betrachten.
Auch bei gewalttätigen Menschen lautet die beruhigende Erzählung ja nur allzu häufig: Man müsse nur den richtigen Zugang finden, Vertrauen aufbauen, Gesprächsangebote machen – und die Radikalisierung so zurückdrehen.
Natürlich sind Mensch und Wolf nicht gleichzusetzen. Die Parallele liegt im politischen Denken: Aus der ungewissen Möglichkeit einer Verhaltensänderung wird die Gewissheit gemacht, man müsse es nur oft genug versuchen, dann würde es schon klappen. Aus einer Methode für wenige Einzelfälle entsteht ein allgemeines Dogma. Scheitert die Intervention, gilt nicht der Ansatz als widerlegt – sondern dann fehlten angeblich Geduld, Personal, Geld oder das richtige pädagogische Klima.
Vor einem gewaltbereiten Menschen schützt der Staat die Allgemeinheit nicht dadurch, dass er auf eine mögliche Läuterung hofft. Er bewertet das Risiko, setzt Grenzen und greift notfalls ein. Resozialisierung kann hinzukommen. Doch sie ersetzt keine Gefahrenabwehr. Dasselbe nüchterne Prinzip gilt beim Umgang mit einem auffälligen Großraubtier. Vergrämung ist ein Instrument. Sie ist kein Glaubensbekenntnis und kein Ersatz für die Entscheidung zum Abschuss.
Vermenschlichung endet unmenschlich
Das Bittere an dieser Politik liegt darin, dass sie sich besonders mitfühlend gibt – und am Ende besonders grausam ist.
Ein konsequentes Wolfsmanagement hätte klare Regeln. Es würde der Art Lebensräume sichern, Nutztiere schützen, Bestände überwachen und einzelne gefährliche Individuen ohne jahrelanges Schauspiel entnehmen.
Die romantische Variante kennt dagegen keine Grenze. Sie vermenschlicht das Tier, gibt ihm einen Kosenamen und organisiert Mahnwachen. Gleichzeitig setzt sie es endlosem Stress aus. Selbsternannte Fachleute jagen ihm mit Sendern, Fallen und Betäubungsgewehren hinterher. Selbsternannte Tierfreunde verfolgen es für Fotos. Die unvermeidlichen „Aktivisten“ laufen selbst nachts durch den Wald und bringen alle Tiere in Unruhe, weil sie den Abschuss eines Wolfes verhindern wollen.
Der Mensch vermenschlicht den Wolf. Den Preis dafür zahlt der Wolf.
Dass er bisher keinen Menschen verletzt hat, ist erfreulich. Aber es ist kein Argument dafür, erkennbare Risiken zu ignorieren. Gefahrenabwehr beginnt vor dem ersten Opfer. Niemand wartet bei einer brüchigen Brücke auf den ersten Absturz, um ihren Zustand ernst zu nehmen. Der Staat hatte die Lage bewertet. Gerichte hatten die Bewertung bestätigt. Dann verlor die Politik den Mut zur Entscheidung.
Echte Naturfreunde halten nicht jedes Tier um jeden Preis am Leben. Echte Naturfreunde behandeln Tiere als Tiere. Dazu gehört Schutz der Menschen. Dazu gehört Abstand. Dazu gehört auch die Entnahme eines Raubtiers in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft.
Wer Menschen umerziehen und Wölfe umtrainieren will, ist kein Naturfreund – sondern Baumeister einer ideologischen Puppenstube, in der das Raubtier wild aussehen darf, aber zivilisiert handeln soll. Der Mensch darf darin vorkommen, sofern er alle Schilder liest und dem Experiment ansonsten nicht im Wege steht.
So sieht sie aus: die Welt der Naturromantiker, die die Natur nicht ertragen.


Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein