Spiritualität jenseits von Politik, Ethik und Geld

Im Urlaub in Griechenland durfte ich erleben, wie heilsam Kirche sein kann.

Ich besuche bei unserem Rhodos-Familienurlaub jeden Tag die Felsenkapelle „Erzengel Michael Panormitis“. Diese Höhle ist eine kleine orthodoxe Gebetsstätte, die in den Fels gemeißelt wurde. Sie ist voller religiöser Ikonen, die zum Teil mehrfach übereinander aufgestellt und aufgehängt sind. Eine größere Christusikone nimmt herausgehoben den zentralen Platz ein, wodurch alle anderen Ikonen eine Ausrichtung bekommen. „Ikonen sind im orthodoxen Glauben ein Fenster zum Himmel“, sagte mir einmal eine Ikonenmalerin.

Ich genieße die ruhige und besinnliche Atmosphäre an diesem Ort abseits der touristischen Menschenmassen. Aber immer wieder finden einige Touristen aus aller Welt und griechisch-orthodoxe Gläubige diesen besonderen Ort in der Nähe des Küstenweges. Einige Orthodoxe küssen inbrünstig und liebevoll eine der Ikonen mit dem heiligen Kuss. Ich liebe diese Geste. Der christliche Glaube ist in seinem Kern eine Liebesbeziehung zu Gott. „Glaube“ und „Liebe“ hängen sprachlich zusammen und im christlichen Glauben auch theologisch: „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8.16; vgl. Johannes 3,16; Lukas 15,11-32). Der heilige Kuss ist ein besonderes Lippenbekenntnis und erinnert mich verkopften Protestanten an die Mitte meines Glaubens.

Ethisch macht das Küssen einer Ikone wenig Sinn. Der heilige Kuss ist materialistisch betrachtet nicht mehr als eine Lippenberührung, bei der tausende Bakterien und Viren übertragen werden. Geistlich betrachtet ist der Heilige Kuss jedoch eine sanfte Berührung der Lippen, die Gefühle von Nähe, Zuneigung, Freundschaft, Wertschätzung und Dankbarkeit ausdrückt. Eindruck braucht Ausdruck. Die Liebesbeziehung zu Gott findet kreative Ausdrucksmöglichkeiten, wobei jede christliche Konfession ihre besonderen Formen entwickelt hat.

In der Höhle zünden Christen und Heiden eine Kerze an für ihre Anliegen. Die Kerzen sind umsonst; bei den Kerzen steht keine Spendendose. Jeden Tag kommt ein Einheimischer, um die Felsenkapelle sauber und gepflegt zu halten und um die Gebetskerzen aufzufüllen. Ich möchte einem dieser „Küster“ 10 Euro für die Kerzen spenden. Aber das wird abgelehnt. „Wir nehmen keine Spenden an. An diesem Ort soll Geld keine Rolle spielen. Hier sollen allein die Ehre und der Friede Gottes im Mittelpunkt stehen.“

Schön, wenn die einzige konkrete Ethik an diesem Ort darin besteht, dass die Kirche hier Spenden ablehnt. Wie gut tut das meiner Seele, dass es Orte auf dieser Welt gibt, wo nicht Geld die Welt regiert.

Während in meiner Kirche oftmals der christliche Glaube durch und durch politisiert und ethisiert ist, klingt Moral hier lediglich in einem gesunden Maße an. Vor der Höhle in einem Felsenwinkel sind über 30 Naturbesen symbolisch angeordnet. Die Gottesbegegnung führt zum Ausmisten im eigenen Leben. Aber wie die Buße konkret aussieht, wird nicht übergriffig und besserwisserisch von oben kirchlich vorgegeben, sondern jedem Besucher individuell in der Gottesbegegnung anvertraut.

Die vielen symbolischen Schwerter am Eingang der Höhle erinnern mit dem Erzengel Michael an den Kampf des Glaubens. Auch dieser Kampf wird nicht allgemeingültig für alle Besucher oberlehrerhaft festgelegt. Vielmehr ist jeder Besucher herausgefordert, für sich persönlich zu schauen, wo man um des vermeintlichen Friedens willen den Kampf des Glaubens allzu sehr vernachlässigt.

Die Felsenkapelle auf Rhodos ist ein kleines, bescheidenes Gotteshaus mit einem wunderbaren Ineinander von Natur und Kultur. Kostengünstig in der Unterhaltung und vielleicht gerade deshalb nah dran am Markenkern des christlichen Glaubens: Geborgenheit, individuelle Freiheit und Frieden in der Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen.

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