Harald Lesch und die Kernkraft – oder Physik in Deutschland contra Physik im Rest der Welt

Deutschlands TV-Allwissender Harald Lesch erklärt den Bau von Kernkraftwerken zur Geisteskrankheit. Am selben Tag genehmigt Finnland das weltweit erste Endlager für Brennelemente. Finde den Fehler.

picture alliance / Geisler-Fotopress | Christopher Adolph

„Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke.“ Das verkündet Prof. Dr. Harald Lesch in einem Interview mit der Schweizer Zeitung „Tages-Anzeiger“. Kernkraft, erklärt uns der Münchner Astrophysiker, sei veraltet.

Sie mache „im Grunde nur Wasser heiß“. Damit entlarvt der rüstige 66-Jährige den Dampfkessel – also das Funktionsprinzip jedes Kohle-, Biomasse- und Solarthermiekraftwerks der Erde. Respekt.

Finnische Einsicht, deutsche Sturheit

Am selben Tag wie das irritierende Interview mit Prof. Lesch lesen wir diese Meldung:

Als erstes Land überhaupt hat Finnland jetzt eine Betriebsgenehmigung für ein Endlager für abgebrannte Brennelemente erteilt. Die Betreiberfirma Posiva darf nun den Atommüll aus den Kernkraftwerken Olkiluoto und Loviisa einkapseln und dauerhaft einlagern. Das Endlager Onkalo liegt auf einer Insel rund 430 Meter unter der Erde und ist auf mindestens 100.000 Jahre Sicherheit ausgelegt. Bis zu 6.500 Tonnen Uran dürfen hinein.

Deutschland, das Land der Dichter und Denker und der Ingenieure, hat die Kernenergie bekanntlich für unbeherrschbar erklärt. Aus physikalischen Gründen. Die Finnen sehen das anders, aber das sind ja sowieso komische Leute. Sauna und Eisbaden, Sie wissen schon.

Welterklärer Lesch macht aus seinem Zeitungsinterview dann weiter großes Kabarett: Niemand Vernünftiges baue mehr Kernreaktoren – „außer Staaten, die sie für die Plutoniumproduktion für Atombomben brauchen“. Da werden sich Finnland und Schweden, Polen und Tschechien, die Niederlande und Kanada sicher sehr freuen, dass der Herr Professor aus Deutschland implizit mutmaßt, sie alle wollten zu Atommächten werden.

Wo gebaut wird

Nach Ansicht von Prof. Lesch haben offenbar nicht nur die Finnen den Verstand verloren. Das zeigt ein Blick auf die Baustellen der Welt. Die „World Nuclear Association“ zählt derzeit 79 Reaktoren, die gerade errichtet werden – mit einer Nettoleistung von zusammen knapp 79.000 Megawatt.

  • China baut drei Dutzend Reaktoren. Allein 2026 hat das Land bis jetzt schon fünf neue Blöcke ans Netz gebracht.
  • Indien baut acht Reaktoren, darunter die Blöcke Kaiga 5 und 6, deren Bau im März begann.
  • Russland baut im eigenen Land, darunter Kursk und Leningrad. Daneben ist es der Exportweltmeister des Atomzeitalters.
  • Ägypten und die Türkei errichten je vier Reaktoren in El Dabaa und Akkuyu.
  • Bangladesch: Rooppur 1 hat im Oktober die erste Kettenreaktion gestartet, ein zweiter Block ist im Bau.
  • Großbritannien baut zwei EPR in Hinkley Point C.
  • Südkorea baut weiter, unter anderem Shin-Hanul 4, Baubeginn im Mai.
  • Ungarn: Paks II-1 ist seit Februar im Bau.
  • Kanada: In Darlington entsteht seit Juni ein kleiner modularer Reaktor vom Typ BWRX-300.
  • Slowakei: Mochovce 4 ist vor einer Woche ans Netz gegangen.
  • Iran und Pakistan bauen ebenfalls: Bushehr 2 und Chashma 5.
Wo geplant wird

Hinzu kommen etwa 120 weitere Reaktoren, die konkret geplant sind. China plant 42, Russland 23, Indien 14, Rumänien acht, Polen sieben, Usbekistan vier. Großbritannien, Schweden und Tschechien planen je drei. Bulgarien, die Ukraine und Kasachstan planen je zwei. Kanada plant eines.

  • Polen: Westinghouse beschafft bereits Großkomponenten für den ersten von drei AP1000-Blöcken in Lubiatowo-Kopalino. Für ein zweites Kraftwerk wurde im Oktober der Kooperationsvertrag unterschrieben. Zusätzlich sind bis zu 26 kleine Modulreaktoren vorgesehen.
  • Frankreich legt ein ganzes Programm neuer EPR2-Reaktoren auf.
  • Niederlande: Neben Borssele sollen vier neue Blöcke entstehen, der Staat stellt 14 Milliarden Euro bereit.
  • Schweden setzt auf große Reaktoren und ab den frühen 2030er-Jahren auf „Small Modular Reactors“ (SMR), abgesichert durch staatliche Kreditgarantien.
  • Belgien hat seinen Atomausstieg rückgängig gemacht,
  • auch Italien kehrt zurück,
  • die Schweiz diskutiert neu.
  • Indonesien: Eben gerade hat Rosatom die Lieferung von Strom aus zwei schwimmenden Kernkraftwerken vereinbart.
  • USA: Die Vereinigten Staaten betreiben schon heute 94 Reaktoren, mehr als jedes andere Land.
Physik mal zwei

Daraus folgt eine geradezu revolutionäre wissenschaftliche Erkenntnis: Offenbar gibt es nicht nur eine Physik. Es gibt zwei: eine für den Rest der Welt – und eine für Deutschland.

Die eine gilt von Helsinki bis Peking, von Warschau bis Ottawa. Sie besagt, dass Kernspaltung zuverlässig, CO2-arm und grundlastfähig Strom erzeugt. Die andere gilt zwischen Flensburg und Garmisch. Sie besagt, dass dieselbe Kernspaltung eine Wahnidee ist und dass Wind und Sonne auch bei Dunkelflaute liefern, wenn man nur fest genug an die Energiegenossenschaft glaubt.

Die Welt mit der ersten Physik baut Kraftwerke. Das Land mit der zweiten Physik reißt Kühltürme ab und filmt die Sprengung.

Vom Erklärer zum Verkünder

Dabei war Harald Lesch einmal ein Glücksfall.

In „Alpha-Centauri“ erklärte er vor einem Vierteljahrhundert das Universum mit Kreide, Witz und Charme. In einer Folge über Eiszeiten führte er aus, dass wir in einer Warmzeit innerhalb einer Eiszeit leben und dass die Erde in reinen Warmzeiten viel wärmer war als heute. Er schilderte sogar Temperatursprünge von bis zu 14 Grad binnen eines Jahrzehnts in den vergangenen Jahrmillionen. Den menschlichen Einfluss hat er schon damals nicht geleugnet. Aber er ließ den Zuschauer denken.

Das war Wissenschaft, wie sie sein soll: erklärend statt belehrend, staunend statt anklagend, offen statt verbohrt.

Der Lesch von heute lässt niemanden mehr selbst denken. Wissenschaftler, die sich politisch zurückhalten, findet er „beschämend“. Er nennt die Grünen die einzige Partei, die die Naturwissenschaft ernst nehme (kein Scherz). Er fordert, die Energieversorgung dürfe niemals auf Technologien beruhen, die Wasser erhitzen.

Thermodynamik als Gesinnungsfrage.

Geschadet hat ihm die Wandlung vom Forscher zum Prediger nicht. Sein Terminkalender ist voll mit Auftritten bei den Öffentlich-Rechtlichen (Terra X) und auf Vortragsbühnen. Das Publikum bekommt dabei verlässlich, was es bestellt hat: einen Pfeifenraucher mit Professorentitel, der vor dem nahenden Weltuntergang warnt.

Was für ein Geschäftsmodell.

Öffentlich-rechtliche Priesterkaste

Lesch ist kein Einzelfall, sondern Vertreter eines Typus. Eines blendend bezahlten, versteht sich.

Mai Thi Nguyen-Kim erklärt der Nation, wo „wissenschaftlicher Konsens“ endet und Meinung zu verstummen hat. Eckart von Hirschhausen verkauft Klimapolitik als ärztlichen Rat. Alle drei treten im Gewand der Wissenschaft auf – und predigen doch nur eine politische Agenda. Wer widerspricht, gerade aus der eigenen Zunft, ist kein Kollege mit anderer Hypothese, sondern ein Leugner.

Dieser TV-Typus hat das Ansehen der Wissenschaft in Deutschland nachhaltig ruiniert. Wissenschaft lebt vom Zweifel, aber diese Leute predigen Gewissheit. Wissenschaft prüft, aber sie verkünden. Sie geben ihre erkennbar einseitige Haltung als unumstößliche Wahrheit aus und verspielen dadurch das Vertrauen, auf dem Wissenschaft beruht.

Doch Deutschland wird weiter auf Professor Lesch hören. Es wird Windräder in Wälder stellen und Batterien bejubeln. Der Rest der Welt wird Kernkraftwerke bauen und Endlager und Rechenzentren – und alles mit billigem Strom versorgen.

Der Rest der Welt wird mit Kernkraft in Wohlstand leben. In Deutschland wird man dann längst vergessen haben, was Wohlstand heißt.

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