Nachrichten aus Dunkeldeutschland

In Ostdeutschland kennt man sich aus mit Propaganda. Vielleicht ist man dort deshalb weniger anfällig für westdeutsche Massenhysterie à la Correctiv und woke Diskursverweigerung. Cora Stephans Gedanken angesichts einer Lesereise nach "Dunkeldeutschland".

Wer die Nase voll hat vom Propagandamuff der Eigentümer von „Unsere Demokratie“, wer die Lügengeschichten, verbreitet von „unseren Medien“, nicht mehr hören oder sehen kann, mache sich auf den Weg nach „drüben“. Genau: In die „Zone“. Dort weht ein erfrischend kühler Wind. Jedenfalls in Dresden. Oder in Pirna.

Als es die DDR noch gab, wurde sie im Westen besonders innig geliebt: als das „bessere“, das antifaschistische Deutschland. Und so wehrten sich brave westdeutsche Intellektuelle gegen den „Anschluss“ der DDR an die Bundesrepublik, gegen ihren „Ausverkauf“, gegen ihre „Kohlonisierung“. „Mailand statt Leipzig“ skandierte eine mutige Kulturdezernentin aus Frankfurt am Main und viele fürchteten, so ein größeres Deutschland könne ja nur zu einem „Großdeutschland“ aufwachsen.

Auf die Wiedervereinigung folgte Liebesentzug. „Dunkeldeutschland“ nannte Joachim Gauck die Zone, in der angeblich Rechtsradikale patrouillierten, kleine Jungen im Schwimmbad ertränkten und in Chemnitz Ausländer jagten. Ja, hätten sie doch ihre DDR behalten!

Sind die Wessis einfach gutgläubiger? Wenn eine Märchenwerkstatt wie „Correctiv“ offenkundige Lügen über eine neue „Wannseekonferenz“ verbreitet, sind am nächsten Tag die Massen zu Hunderttausenden auf den Straßen, um gegen den angeblich in Potsdam entworfenen „Masterplan“ zur „Ausweisung von deutschen Staatsbürgern“ zu protestieren.

Und natürlich glauben sie auch, dass es die türkischen Gastarbeiter waren, die das deutsche Wirtschaftswunder vollbrachten, nicht etwa die Geflüchteten und Vertriebenen aus den Ostgebieten. Schließlich wird derlei vom Auswärtigen Amt verbreitet, und dort muss man es ja wissen, oder?

Die Ossis hingegen haben jahrelange Übung darin, Propaganda zu durchschauen. Während der von mir herausgegebene Sammelband „Deutsche Legenden. Wer schreibt unsere Geschichte?“ mit Beiträgen renommierter Wissenschaftler im Westen eher ignoriert wird, sind meine Lesungen aus dem Buch in Dresden (zweimal!) und in Pirna ausverkauft. Was im Westen eher tabu ist, wird im Osten durchaus geschätzt: eine Abrechnung mit jenen Erzählungen, die geeignet sind, noch ein wenig mehr Schuld auf die deutschen Schultern zu laden.

Waren die sogenannten „Benin-Bronzen“ „Raubkunst“, die die damalige Außenministerin Annalena Baerbock samt Kulturstaatsministerin Claudia Roth dem „nigerianischen Volk“ zurückgeben wollte, um die „eigene koloniale Vergangenheit“ aufzuarbeiten? Nun war Nigeria nie eine deutsche Kolonie und die Bronzen verdankten sich dem brutalen Sklavenstaat Benin aus einer Zeit, in der es Nigeria noch gar nicht gab. Viele von ihnen wurden auf dem Müll gefunden. Und das soll zum „kulturellen Erbe“ der Nigerianer gehören?

Aber wie steht es um den „Genozid“ an den Herero, um den angeblich ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts durch die deutsche Schutztruppe im Jahr 1904? Pikanterweise blies ausgerechnet der DDR-Historiker Horst Drechsler die Geschichte zur passenden Größe auf: die Herero hätten „gegen den deutschen Imperialismus“ gekämpft, und dessen Erben befinden sich bekanntlich im Westen Deutschlands. Die DDR ist frei von Sünde.

Und wie steht es um Deutschlands „Schuld“ am Ersten Weltkrieg? Schlecht, wenn man dem Historiker Rainer F. Schmidt folgt: die Strippenzieher waren damals der britische Außenminister Edward Grey und der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré. It takes two to tango, oder: der Krieg hat viele Väter.

In Dresden und Pirna war man offen für diese Fragen und Thesen, im Westen wäre womöglich irgendwann der Vorwurf des Revanchismus aufgetaucht, ein Begriff, den man im Westen von der DDR gelernt hat.

Kein Wunder vielleicht, dass die Buchmesse „Seitenwechsel“ in Halle, fulminant gestartet im November 2025, in Dresden geplant wurde: vom Buchhaus Loschwitz, kurz: von Susanne Dagen, Buchhändlerin, Verlegerin, Stadträtin, und ihrem Mann Michael Bormann. Tichys Einblick ist Mitveranstalter. Das Echo unter den Besuchern glich damals einem Jubelschrei. Die nächste Seitenwechsel-Buchmesse findet am 7.-8. November 2026 wieder in Halle statt.

Ex oriente lux. Während sich im Westen noch viele von „Unsere Demokratie“ und dem „Kampf gegen rechts“ einschüchtern lassen, ist man im Osten nun mal nicht regierungstreu. Gelernt ist gelernt.

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Kommentare ( 5 )

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November Man
1 Stunde her

Während die West-Deutschen schon 80 Jahre Umerziehungslager erfolgreich hinter sich haben, haben die Ost-Deutschen erst 35 Jahre hinter sich. Bei den Ost-Deutschen geht also noch was. Bei den West-Deutschen ist, siehe BW, schon Hopfen und Malz verloren. Dort heißt es halt Wasser trinken, das gute Bier trinken so wie so die gewählten Regierungsvertreter. Die linken Leute die uns schon immer Wasser predigen und selber Wein trinken. Die Redewendung „Wasser predigen und Wein trinken“ bezeichnet Heuchelei und Doppelmoral. Sie beschreibt Personen, die öffentlich Verzicht, Bescheidenheit oder hohe moralische Standards von anderen fordern (Wasser), sich selbst aber nicht daran halten und im… Mehr

babylon
1 Stunde her

„Unsere Demokratie“ ist nur ein schlechter Abklatsch von Demokratie, wenn man sie fragen könnte und sie würde antworten.

MaxVanMoritz
2 Stunden her

Im Osten ist die Propaganda gescheitert, somit wurde sie hinterfragt!
Im Westen funktioniert das „Überdeutschland“ noch immer, bis zum Zusammenbruch!

89-erlebt
2 Stunden her

Eine letzte Möglichkeit, etwas vom einst lebenswerten verbliebenen dt Siedlungsgebiet zu erhalten, ist die zwei Staaten Lösung.
Im Rahmen der DDR Grenzen und den verbliebenen ca 8-10 Mio vernunftgeleiteten Bürgern plus etwas Zuzug aus dem Westen könnte ein letzter demokratischer Versuch zur Rettung von Resten dt Kultur und Lebensweise unternommen werden.
Berlin wird nach Reset und kaltem Entzug wieder Metropole und ja, der nötige Wegzug regelt der Leistungsentzug von selbst.

giesemann
2 Stunden her

Ist der Westen nun tabu oder taub?