„Dekoloniales Denkzeichen“ für Dortmund: Eine woke Chimäre

Postkolonialismus und Dekolonisierung sind die neuesten Spielwiesen für woke Ideologen. In Dortmund wurde nun ein Denkmal eingeweiht, das zur dekolonialen Selbstreflexion einladen soll. Das ist nicht nur historisch fragwürdig.

picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Paul Zinken

Gerade einmal 120.000 Euro hat das „dekoloniale Denkzeichen“ gekostet, das am 11. April im Dortmunder Hafen eingeweiht wurde: Ein spiegelnd beschichteter Baobab auf einer Kolonialwarenkiste.

120.000 Euro – das ist im Vergleich zu den Kosten anderer Projekte äußerst günstig. Schlappe 750.000 Euro etwa ließ sich Berlin sein „dekoloniales Denkzeichen“ kosten, und da sind die Kosten für Auslobung des Designwettbewerbs und Öffentlichkeitsarbeit noch nicht eingerechnet.

So sind in diesem Fall nicht so sehr die Kosten skandalös als vielmehr die Zielrichtung: Die spiegelnde Fläche des Affenbrotbaums soll, so heißt es auf der Homepage des Denkmals, „zur Selbstreflexion über koloniale Kontinuitäten einladen“, denn „nur durch Selbstreflexion kann eine echte dekoloniale Praxis entstehen.“

„Die Idee für das Denkzeichen stammt aus einem partizipativen Workshop mit jungen BIPoC im Rahmen des Projekts „how to decolonize heimat““, heißt es auf Instagram – ein von der LWL-Kulturstiftung gefördertes Projekt.

Alte Täter, neue Opfer

Dekolonisierung und Postkolonialismus sind die jüngsten Spielwiesen woker, antieuropäischer und letztlich „antiweißer“ Agitation, derer sich linke Akteure befleißigen. Das könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass der Holocaust zur Generierung von Betroffenheit zunehmend als unbrauchbar wahrgenommen wird: Juden sollen sich angesichts des Nahostkonflikts und der Anbiederung an den Islam gefälligst als Tätervolk einreihen. Entzieht man ihnen allerdings den Opferstatus, müssen linke Deutsche ein anderes Narrativ kreieren, um Selbsthass plausibel zu machen.

Deutsche Schuld muss also aufgehen in weißer Schuld gegenüber dem schwarzen Kontinent. Das führt zu der absurden Situation, dass sich ausgerechnet die ehemalige Weltmacht in besonderem kolonialem Schuldbewusstsein üben soll, deren koloniale Ambitionen spät einsetzten, früh endeten und im Vergleich von eher geringer Bedeutung waren.

Ganz abgesehen davon, dass auch betreffend der klassischen Kolonialmächte die pauschale und karikaturhafte Verurteilung der Kolonialzeit mit der historischen Realität wenig zu tun hat.

Nicht nur wird der kulturelle, technologische und gesellschaftliche Fortschritt, den Kolonialmächte implementieren wollten, unterschlagen. Die Mitwirkung der Einheimischen an tatsächlichen Verbrechen wird ebenso geleugnet wie die Missstände, die ganz ohne Zutun der Europäer auf dem afrikanischen Kontinent herrschten.

Diese verzerrende Darstellung betrifft zum einen natürlich vor allem den Sklavenhandel: Sklaverei war in Afrika etabliert, bevor die Europäer eintrafen. Anders als die Entwicklung einer Schriftkultur etwa mussten die Afrikaner die Sklavenhaltung nicht von den Europäern erlernen. Allerdings waren es nicht zuletzt ausgerechnet die viel gescholtenen (und sich selbst scheltenden) Briten, die den Sklavenhandel zu unterbinden suchten.

Andererseits versucht man sich an dem Balanceakt, zu behaupten, die Kolonialherren hätten den Beitrag schwarzer Menschen zu Kunst und Kultur marginalisiert und verachtet, und gleichzeitig zu beklagen, dass die angeblich doch so verachtete afrikanische Kunst in den Westen gebracht wurde, um dort dokumentiert, bewahrt und zugänglich gemacht zu werden.

Diesen Aspekt hat Mathias Brodkorb in seinem Buch „Postkoloniale Mythen“ vorzüglich herausgearbeitet: ein Streifzug durch die deutsche Museumslandschaft, der offenbart, wie deutsche Kunstsammlungen afrikanische Exponate in eine postkoloniale Erzählung von der Schuld des weißen Mannes einrahmen.

Bei der Etablierung solch holzschnittartiger Mythen über die Kolonialzeit, die schwarz und weiß pauschal umgekehrt zur Hautfarbe der Beteiligten verorten, spielen „Denkzeichen“ eine wichtige Rolle. Sie stellen ein Bekenntnis dar zu einer historischen Schuld, die sowohl in ihrem Ausmaß als auch in ihrer Absolutheit irreführend dargestellt wird, und formulieren zugleich eine bleibende Verantwortung zur „Dekolonialisierung“.

Historisch fragwürdig, aktuell schädlich

Damit ist die hier sichtbare Ideologie nicht nur mit Blick auf die Historie fragwürdig, sondern auch im Hinblick auf das heutige Verhältnis zwischen Europa und Schwarzafrika, sowie zwischen Europäern und Afro-Europäern.

Das Dortmunder Denkzeichen betont etwa die Bedeutung des Kolonialwarenhandels und will hier in Form „kolonialer Ausbeutung“ eine Kontinuität erblicken. Dass vielfach Afrikaner selbst für die Zustände in ihren Ländern verantwortlich sind, in denen Milliarden an Entwicklungshilfe durch unsachgemäße Verwendung verschwendet oder durch Kleptokratie und Korruption unterschlagen werden, fällt unter den Tisch.

Durch diese Lesart wird also nicht nur das Selbstbewusstsein Europas mit einem weiteren vermeintlichen „dunklen Kapitel“ beschwert, afrikanischen Menschen wird die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, abgesprochen, sie werden in eine Opferrolle gezwängt. Damit werden ganz konkret Prozesse blockiert, die eine nachhaltige Verbesserung der Verhältnisse auf dem afrikanischen Kontinent bewirken könnten – abgesehen davon, dass die Behandlung von dunkelhäutigen Menschen als unmündige Opfer den rassistischen Stereotypen der Kolonialzeit weit ähnlicher ist als so manche differenzierte oder afrikabegeisterte Stimme der damaligen Zeit.

Aneignung des Opferstatus

Und schließlich eignen sich Afroeuropäer, in diesem Fall Afrodeutsche, eine Geschichte an, die gar nicht ihre ist. Dass der transatlantische Sklavenhandel für Afroamerikaner traumatische, teils bis heute nachwirkende Folgen hatte, sollte unbestritten sein – wenn auch gerade die überzogene Position der postkolonialen Ideologie zu Abwehrreflexen und Leugnung einlädt.

Bei heute in Deutschland lebenden afrikanischstämmigen Menschen ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihrem Stammbaum Opfer von Sklaverei vorzuweisen haben, unter Umständen nicht größer als die, dass unter ihren Vorfahren selbst Sklavenhalter, Sklavenjäger oder Sklavenhändler waren. Sich hier kollektiv als Nachkommen von Opfern zu stilisieren, ist im Grunde eine Anmaßung.

Kurz: Eine derart undifferenzierte, verzerrende und historisch verkürzte Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit dient niemandem. Ein „dekoloniales Denkzeichen“ ist kaum mehr als Staffage, die vor einer größtenteils imaginierten historischen Kulisse eine „schwarze Legende“ visualisieren soll, durch die der Beitrag Europas zum Menschheitserbe verdrängt und dämonisiert werden soll.

 

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Kommentare ( 35 )

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Orlando M.
1 Monat her

Je schlechter die Zeiten, desto wahnsinnig-geistloser die Führung!

yeager
1 Monat her

Es geht bei dem ganzen Unsinn nur um eine Erschaffung eines Schuldnarrativs, die bösen Weißen hätten die edlen Wilden ausgebeutet, um daraus Macht zu generieren. Dass Kommunen Gelder für solche lächerlichen „Denkmäler“ ausgeben ist ein erster Machtbeweis.

Baer Buche
1 Monat her

Frau Diouf, Sie sagen es! „Und schließlich eignen sich Afroeuropäer, in diesem Fall Afrodeutsche, eine Geschichte an, die gar nicht ihre ist.“ Und eben so auch gar nicht stattgefunden hat. Ich wohne in einer Straße, die nach einer ehemaligen deutschen Kolonie benannt ist: Togo. Die Parallelstraße wurde inzwischen de-kolonisiert, und heißt jetzt nach dem Namibier Cornelius Fredericks – „einer der indigenen Führer, die aktiv einen Guerillakrieg gegen die Deutschen führten“ [Wiki]. Das Bestreben eines zeitgenössischen „Führers“ (= König?) namens Fredericks, auch die Stadt Lüderitz in Namibia umzubenennen, stieß auf Widerstand. Mindestens ein Viertel der Einwohner lehnte dies vehement ab, also… Mehr

ceterum censeo
1 Monat her

Ergo: mal wieder viel Bohei um ein linkes Empörungsthema, daß an Substanz deutlich zu wünschen übrig lässt und dabei der übliche linke Modus Operandi: je weniger Ahnung, desto lauter das Geschrei! Interessant auch hier: Linke instrumentalisieren Ideen aus einem Neger-Workshop. Die Doppelmoral kann man sich nicht besser ausdenken…

a.bayer
1 Monat her

Dieser Beitrag sollte Pflichtlektüre für alle StudierätInnen werden, die beabsichtigen, mit ihrer Klasse einen Betroffenheits-Kurzurlaub im Dortmunder Hafen zu veranstalten.

alter weisser Mann
1 Monat her

Wenn Dortmund sich so ein Denkmal gönnt, dann werden die wohl Anlass dazu haben.
Vermutlich haben die Dortmunder gern Kakao bei der Großmutter getrunken und unter dem alten Loge verpackte Sarottischokolade gegessen.
Da ist jetzt mal schön Buße angesagt!

flo
1 Monat her

„Dekolonisierung und Postkolonialismus sind die jüngsten Spielwiesen woker, antieuropäischer und letztlich „antiweißer“ Agitation, derer sich linke Akteure befleißigen.“ Noch ein Aspekt, der neben der fraglos schweren Last des Nationalsozialismus das Schuldbewusstsein „der Deutschen“ fördern soll. Dabei spielen hier eingewanderte schwarze und PoC-Bürger mit eine tragende Rolle, diejenigen, die Straßen und Plätze umbenennen wollen. Wie die Initiative Schwarze Menschen (ISD) in Berlin, die am 12.02.2026 auf ihrer Website die Umbenennung der ehemaligen „M(ohren)-Straße“ in Gregorius-Maurus-Straße in Köln feiert. „Der neue Straßenname erinnert an Gregorius Maurus, einen in Köln stationierten Offizier der Thebäischen Legion im 3./4. Jahrhundert, einen Schwarzen Mann und katholischen Heiligen.… Mehr

eschenbach
1 Monat her
Antworten an  flo

Diese Aktivisten müssen doch sehr darunter leiden, dass z.B. Namibia – über hundert Jahre nach Ende der deutschen Kolonialzeit- noch immer in weiten Teilen „deutsch“ geprägt ist. Es soll dort sogar Weihnachtsmärkte geben, die ganz ohne Merkel-Poller auskommen.

Baer Buche
1 Monat her
Antworten an  flo

Die Heiligsprechung durch die katholische Kirche wohl schon im Mittelalter genügte als „Akt der würdigen Sichtbarmachung“ eben nicht.

Nibelung
1 Monat her

Da gibt es nichts mehr zu beschönigen, denn an ihrer eigenen Dummheit werden sie untergehen und ist die späte Rache an den ehemaligen Besatzern in fernen Landen, was allerdings nicht stattfinden würde, wenn wir Sozialistenfrei wären, die mit Wolllust solche Tendenzen befördern um dem letzten Mohikaner den Garaus zu machen. So werden wir erneut Opfer innerer Verwerfungen, die bei uns einer alten Tradition entspringen und ständig Anlaß war intern über andere herzufallen und wenn das nicht ausgereicht hat, haben wir diese Eigenheit auf unsere Nachbarn übertragen und was daraus geworden ist, haben wir ja in der jüngsten Geschichte gesehen und… Mehr

Haba Orwell
1 Monat her

Die Unteren Menschen im „Dschungel“ müssten den Oberen Menschen im „Garten“ für allerlei zivilisatorische Segnungen dankbar sein: https://tkp.at/2026/04/13/die-geschichte-des-sieges-und-die-zivilisatorische-mission-des-westens/ > „… Heute besteht unsere heilige Pflicht lediglich darin, die rückständigen Menschen anderer ressourcenreicher Nationen ganz sanft und vernünftig dazu zu ermutigen, ihre Demokratien zu verbessern, die Menschenrechte zu stärken, Frauen und Mädchen (und natürlich auch andere Geschlechter) zu fördern, LGBTQ++-Paraden abzuhalten und auf Massenvernichtungswaffen zu verzichten. … Das ist unsererseits völlig selbstlos; tatsächlich sind wir so selbstlos, dass wir bereit sind, sie zu töten, wenn sie sich unserem vernünftigen Diktat widersetzen. Und wenn sie dann in ihrer Hartnäckigkeit verharren, müssen wir… Mehr

Kaktus 61
1 Monat her

Von der Denkzeichen-Webseite (Hafen):

Im Fall des Hafens in der Nordstadt Dortmunds lassen sich diese kolonialen Strukturen auch verfolgen. Zum Beispiel, wird die Nordstadt als migrantisiertes Viertel immer wieder zum Ort von Kriminalität und Unordnung gemacht. Medien bezeichnen das Viertel als „No-Go-Area“. Das Lüchow-Danneberg-Syndrom beschreibt, dass sich in Orten, die eine erhöhte Polizeipräsenz haben, auch die statistisch erfassten Straftaten erhöhen. Ein Ort, der allein durch die Anwesenheit und den Fokus der Polizei krimineller eingeschätzt wird.

Klar, die Polizei ist schuld, nichts hat mit garnichts zu tun!

ceterum censeo
1 Monat her
Antworten an  Kaktus 61

„…dass sich in Orten, die eine erhöhte Polizeipräsenz haben, auch die statistisch erfassten Straftaten erhöhen.“ Hmm, interessante Aussage. Bedeutet also im Umkehrschluss: wo keine Polizei, da kein Verbrechen. Aha! Aber es spiegelt auch nur das Unvermögen der Denkzeichen-Website-Macher wider!

eschenbach
1 Monat her
Antworten an  Kaktus 61

Die statistisch erfassten Straftaten erhöhen sich, weil durch die Polizeipräsenz mehr Straftaten entdeckt und zur Anzeige gebracht werden. Ebenso erhöht sich die Zahl der Kaufhausdiebstähle, wenn mehr „Detektive“ eingesetzt werden, da die Diebstähle, die sonst gar nicht entdeckt worden wären, zur Anzeige gebracht werden. Das ist alles.

Thilo Braun
22 Tage her
Antworten an  Kaktus 61

Faszinierend. Was hat eigentlich ein „migrantisiertes Viertel“ mit Kolonialismus zu tun? Deutschland hat seit rund 100 Jahren keine Kolonien mehr. Also haben wir mit Kolonien nichts mehr zu tun. Ist es nicht eher so, dass wir durch Migranten kolonisiert werden? Vielleicht bin ich aber auch einfach zu doof.