Viktor Orbán wirft Ukraine Wahlbeeinflussung vor, bestellt Botschafter ein

Viktor Orbán wirft der Ukraine Einmischung in die ungarische Wahl vor, nachdem Selenskyj ihn in Davos frontal attackiert und Kiews Außenminister ihn gar zum „Handlanger Hitlers“ erklärt. Ungarn pocht auf Souveränität. Brüssel und Kiew erklären das zur Provokation.

Screenprint: via X

Wenn ein Regierungschef mitten im Wahlkampf den Botschafter eines Nachbarlandes einbestellt, dann ist das kein Routinevorgang. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hat genau das getan: Er wirft der Ukraine vor, sich in die Parlamentswahl am 12. April einzumischen und macht deutlich, dass er solche Versuche als Angriff auf die ungarische Souveränität versteht.

Auslöser ist ein Video, das Orbán in den sozialen Medien verbreiten ließ. Darin spricht er von „hochgradig beleidigenden und drohenden“ Aussagen aus Kiew, „bis hinauf zum Präsidenten“, die sich gegen Ungarn und seine Regierung richteten. Die ungarischen Dienste, so Orbán, werteten diese Äußerungen als Teil einer Reihe ukrainischer Maßnahmen, die auf Einflussnahme auf die Wahl in Ungarn zielen.

Konkreter Hintergrund sind Aussagen von Wolodymyr Selenskyj beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Der ukrainische Präsident warf Orbán vor, „von europäischem Geld zu leben“ und gleichzeitig „europäische Interessen zu verkaufen“. Und er schob hinterher, wer sich in Moskau wohlfühle, dürfe damit nicht die europäischen Hauptstädte in „kleine Moskaus“ verwandeln.

Dass ein Regierungschef eines Drittstaates so über einen EU-Partner spricht, ist alles andere als Alltagsrhetorik. Orbán dreht das nicht ins Abstrakte, sondern zieht eine klare Linie: Ungarns Wahlen gehen Ungarn etwas an, nicht Kiew. „Wir können niemandem erlauben, die Souveränität Ungarns oder die Integrität ungarischer Wahlen zu gefährden“, lautet sein Satz dazu.

Umfragen sehen die Partei Orbáns in manchen Erhebungen hinter Oppositionsführer Péter Magyar. Orbán spricht offen von einem „Pakt“ Magyars mit Kiew, der seine Regierung stürzen und eine prowestliche Administration installieren solle. Für ihn ist das Zusammenspiel aus ukrainischer Kritik, Brüsseler Druck und ungarischer Opposition kein Zufall, sondern ein politischer Block.

„Der Handlanger Hitlers“

Der Konflikt mit der Ukraine ist nicht neu. Seit Beginn der russischen Großoffensive im Februar 2022 stellt sich Budapest quer, wenn es um Milliardenpakete oder militärische Unterstützung geht. Ungarn hat wiederholt EU-Initiativen zugunsten Kiews blockiert, bis hin zu einem Finanzierungsvorschlag über 90 Milliarden Euro, und droht, den EU-Beitritt der Ukraine zu verhindern – mit Verweis auf eigene Interessen in Landwirtschaft und auf massive Korruptionsprobleme in der Ukraine.

Parallel dazu setzt Orbáns Regierung innenpolitische Marker: Mit einer „nationalen Petition“ sollen die Bürger bekunden, dass sie weiteres EU-Geld für Kiew ablehnen. Orbán erklärt, die Ukraine werde „in den nächsten 100 Jahren“ nicht unter ungarischem Plazet Mitglied der EU – aus seiner Sicht wäre das ein Schaden für Ungarn, nicht ein Gewinn.

Der neue ukrainische Außenminister Andrii Sybiha weist alle Vorwürfe der Einmischung zurück und geht frontal zum Gegenangriff über: Er bezeichnet Orbán als „Handlanger Adolf Hitlers“ und nennt das Blockieren des EU-Wegs der Ukraine ein „Verbrechen am ungarischen Volk und an Ungarn selbst“. Härter lässt sich ein Partnerland kaum angreifen.

Damit verteidigt Kiew seine Linie, die ungarische Blockade als Gefahr für die Ukraine – und gleich für Europa – darzustellen. Dass man dafür bis in NS-Vergleiche greift, zeigt, wie sehr die Ukraine inzwischen versucht, die ungarische Innenpolitik zu brandmarken. Aus ukrainischer Sicht sind die Vorwürfe aus Budapest nichts als Wahlkampf, man spricht von einer rein innenpolitischen Strategie Orbáns.

Zwischen diesen Fronten bleibt der Kern des Konflikts deutlich: Ungarn pocht darauf, selbst zu entscheiden, ob und wie weit es sich an einer gemeinsamen Ukraine-Strategie beteiligt. Kiew und weite Teile der EU sehen genau dieses Beharren als Störung, ja als Sabotage. Wenn dann ein Präsident in Davos gegen eine Regierung eines EU-Landes austeilt, ist es nicht völlig überraschend, dass dieses Land die rote Linie bei der eigenen Wahl zieht.

Was bleibt, ist ein Europa, in dem Souveränität und Loyalität gegeneinander ausgespielt werden. Für Orbán ist die Frage einfach: Ungarns Wahlen gehören nach Budapest, nicht nach Davos oder Brüssel. Die Ukraine wiederum erklärt jede Abweichung vom Brüsseler Konsens zur Gefahr – und scheut sich nicht, einen gewählten Regierungschef eines Nachbarlandes öffentlich mit Hitlers Helfern zu vergleichen. Wer da wem in den Wahlkampf hineinredet, ist aus ungarischer Sicht keineswegs so eindeutig, wie es in Brüssel gern dargestellt wird.

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Kommentare ( 21 )

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Fralarovi
16 Tage her

Wer hat Recht? Ungarn oder die Ukraine? X oder Y? Haben beide Recht oder beide Unrecht? Wie können wir das herausfinden, wenn wir keine allgemein anerkannten Maßstäbe mehr haben oder sie nicht verwenden? Schlimmer als die Lüge scheint die Zerstörung des Wahrheitskonzepts zu sein. Ganz offensichtlich gibt es kaum ein allgemeines, unabhängiges Wahrheits- oder Wirklichkeitskonzept mehr in der Praxis, während dieses Konzept von den Opfern der Ungerechtigkeit jeweils noch massiv gefordert wird. Es scheint keine unabhängige Wahrheit und damit Wirklichkeit mehr zu geben. Jeder hat seine eigene subjektive, persönliche „Wahrheit“. Ich habe meine Wahrheit. Diese Gruppe oder Blase hat ihre… Mehr

mediainfo
17 Tage her

Wo bleiben die Stimmen aus Brüssel, die sich gegen die ukrainische Wahleinmischung positionieren?

Aber mal im Ernst, für manche ist Wahleinmischung eben nur dann verurteilungswürdig, wenn es das eigene Lager ist, das ins Hintertreffen zu geraten droht.

Last edited 17 Tage her by mediainfo
Mausi
17 Tage her

Die EU kauft doch Staaten, damit sie der EU beitreten und hinterher ihre Mitglieder mit Geld. Was soll also jetzt das Lamentieren darüber.
Im übrigen wovon lebt denn die Ukraine? Und wieso wäre sie so gerne EU Mitglied?

OJ
17 Tage her

Orban ist das Äquivalent zu Donald Trump.
Beiden sollte ein Thron auf dem Olymp direkt neben dem Göttervater Zeus errichtet werden.
Beiden sollte die päpstliche Unfehlbarkeit anerkannt werden ❗

Kassandra
17 Tage her

Der Schauspieler erkennt schon, wer sich bei Geldtransfers quer stellt – wie die Ukraine vormals mit dem Fuß auf den Pipelines den Durchfluss russischen Gases in den Westen verhinderte – weshalb man in Nordstream zu investieren begann. Wie kann es sein, dass so ein Klavierspieler sich in eine Position klimpert, die derart viel Aufmerksamkeit erregen kann – obwohl doch, wie ich meine, inzwischen mehr Gelder in Kiew ankommen als in Budapest. Für was auch immer. . Orbán ist für den 2. Sieger im Kampf gegen die Russen genau der passende Gegner. Und gegen vdL auch. Wobei ich nicht verstehe, weshalb… Mehr

Fralarovi
16 Tage her
Antworten an  Kassandra

Vielen Dank für den Kommentar.

Nur eine Frage für mich zur Überprüfung meiner Erinnerung der Datenlage.
Inwiefern oder bei welchen Gelegenheiten hat Orbán vdL protegiert?

Fralarovi
17 Tage her

Hier wird es wieder einmal so sehr deutlich, wie wichtig es ist, dass Medien unabhängig berichten, relevante Hintergründe beleuchten, Zusammenhänge aufzeigen, alle relevanten Aspekte und Perspektiven berücksichtigen und damit den Nutzern Impulse zum Selberdenken liefern.

Ein wichtiger juristischer Grundsatz lautet:

Audiatur et altera pars (Auch die andere Seite soll gehört werden.)
So wird Aufklärung und Deeskalation ermöglicht.
Wenn Medien sich für Propagandazwecke andienen, führt das zu Eskalation, Beschädigung der Demokratie und Förderung des Totalitarismus.

Haba Orwell
18 Tage her

> und Kiews Außenminister ihn gar zum „Handlanger Hitlers“ erklärt

Reichlich dreist aus einem Land, wo Stepan Bandera angehimmelt wird und Hakenkreuze, Wolfsangel usw. Zeugs offen rumgetragen werden.

Gerd07
18 Tage her

Die Ukraine kämpft gegen Russland um ihr Überleben, Ungarn gegen Brüssel um seins und beide gegeneinander. Weil Brüssel gegenüber Ungarn kompromisslos ist.

Kein Wunder, dass da keiner Samthandschuhe trägt.

Last edited 18 Tage her by Gerd07
Michael M.
18 Tage her
Antworten an  Gerd07

Zu viel ÖRR gucken und betreutes Denken ist einfach nicht gut für eine eigene nüchterne Einschätzung, gelle…

Karsten.Schmitz
17 Tage her
Antworten an  Michael M.

Ja und Sie kucken zu viel Russia Today ist auch nicht besser und glauben alles was Orban, Trump und vor allem Putin erzählt

Fralarovi
16 Tage her
Antworten an  Karsten.Schmitz

Es ist einfach wichtig, sich auf beiden bzw. allen relevanten Seiten ausführlich und vielfältig zu informieren. Wenn man Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Demokratie will, sollte man die historischen Hintergründe, die Zusammenhänge und deren Folgen in einer Gesamtschau aus allen relevanten Perspektiven und Aspekten betrachten. Die wahren Hintergründe und Ursachen des Krieges in der Ukraine Frau Krone-Schmalz erklärt die wahren Hintergründe im Ukraine und Russland Konflikt; Merz Taurus – YouTube Hintergründe des Ukraine-Krieges: Über Jahrzehnte wollte die Krim unabhängig von der Ukraine sein Das Streben nach Wahrheitsfindung in unserer Zeit massivster finanz-, geo- und machtpolitischer Umwälzungen ist nur möglich, wenn man bemüht… Mehr

Karsten.Schmitz
16 Tage her
Antworten an  Fralarovi

Frau Krohne Schmalz Expertise ist wertlos, Sie hat im Jahr 2022
mehrfach behauptet das Russland die Ukraine nicht angreift und lag damit total daneben. Der Journalist Boris Reitschuster hat eine wesentlich bessere Expertise wird aber komischerweise in keinem Alternativmedium zum Thema Russland interviewt. In der akademischen Osteuropa-Community gilt Krohne Schmalz sie allerdings weniger als „Expertin“ als vielmehr als eine Verteidigerin des Putin-Regimes. Patrick Baab verbreitet auch nur russische Propaganda das war früher zumindest nicht so. Sie haben nur prorussische Quellen die dem Westen die Schuld am Krieg geben genannt, das dient nicht der Wahrheitsfindung.

Waldschrat
18 Tage her

Wenn man sich Selenskyjs Davos-Rede hernimmt, muss man wohl im Gegenzug die Frage aufwerfen, ob nicht eher er selbst einer Inkarnation Hitlers nahe kommt. Er scheint langsam größenwahnsinnig zu werden, was ja eigentlich nicht verwundert, er wird ja mit Milliarden aus der EU zugeschüttet, statt ihm gehörig auf die Finger zu klopfen. Offenbar spielt Selenskij mit dem Gedanken, ganz oben in der Geopolitik mitspielen zu wollen. Da scheint er sich bei seinen Ultranationalisten Schützenhilfe zu holen. Statt alles zu tun, dass der Krieg und das Sterben in seinem Land aufhören, mischt er sich in fremde Angelegenheiten ein. Orban sollte diesem… Mehr

Kassandra
17 Tage her
Antworten an  Waldschrat

Hier die Rede Selenskyjs in Davos im Original; https://www.youtube.com/watch?v=L_SohZrJOKk
.
Unglaublich, was der in den letzten 3 Jahren für eine Aufmerksamkeit erregte. Und dann auch noch sein Melnyk! https://www.gmx.net/magazine/politik/russland-krieg-ukraine/andrij-melnyk-stellt-forderung-deutschland-41814888 

Aber keine Kritik aus Deutschland. Niemals.
Weshalb eigentlich nicht?

andreas donath
18 Tage her

Ich hätte mir in diesem Artikel der TE-Redaktion übrigens etwas mehr „Eier“ gewünscht. Das ist mir zu sehr dieses verzweifelt neutral bleiben wollende „hüben wie drüben“. Es kann nicht angehen, dass hier Vertreter eines korrupten Staates, der immer wieder aus unseren Steuergeldern gemästet wird und Faschisten wie Bandera als Nationalhelden verehrt, die Ungarn und ihren redlichen Präsidenten derart verunglimpfen. Wer im Glashaus sitzt …….

Last edited 18 Tage her by andreas donath