FPV-Drohnen: Die unberechenbare Gefahr

Im Libanon rüstet die Hisbollah kleine, ursprünglich für den Hobbybereich entwickelte Drohnen mit Sprengstoff aus. Eine unberechenbare Waffe, die Zivilisten im Norden Israels terrorisiert.

picture alliance / Anadolu | Jose Colon
Eine in der Ukraine eingesetzte Drohne. Die Hisbollah setzt ähnliche Modelle im Norden Israels ein.

Die Grenzregion Israels zum Libanon war bis zum 7. Oktober 2023 Wohn- und Urlaubsgebiet für Gäste aus den dichtbesiedelten Zentren rund um Tel Aviv und Jerusalem. Seit Wochen sind Städte wie Kiryat Shmoneh, Metulla und Rosh Hanikra Kriegszone, obwohl die USA und der Iran am 8. April einen Waffenstillstand vereinbart haben. Doch zu spüren ist im äußersten Norden davon nichts. Die Terror-Organisation Hisbollah hat eine tödliche Waffe entdeckt, die sie täglich nutzt: FPV, die First-Person-View-Drohne, gegen die Israel keine wirkungsvolle Abwehr besitzt.

Die israelischen Abendnachrichten sind voll mit Klagen der Bewohner im Norden: „Wenn das ein Waffenstillstand ist, will ich nicht wissen, wie ein Krieg aussieht. Der Norden ist Kampfgebiet. Wenn Politik und Militär keine Lösung dafür finden, werden wir die Region verlassen“, beklagen sich Mütter und Väter vor laufenden Kameras. Videos zeigen, wie Schüler versuchen, sich unter ihren Schulbänken in Sicherheit zu bringen.

Die Ursache des Übels ist eine Mini-Drohne, die im Eigenbau leicht und billig hergestellt werden kann. Mit Sprengstoff angereichert ist sie eine tödliche Waffe. 12 Menschen sind bisher gestorben, viele wurden verletzt, auch die Sachschäden sind erheblich. Das Teuflische an dieser Drohne ist, dass sie aus kurzer Distanz, nur wenige Kilometer vom Feind entfernt, abgeschossen wird. Es handelt sich um eine Kamikaze-Drohne, die ursprünglich für den Rennsport- oder Hobbybereich entwickelt wurde und jetzt für Terrorzwecke geradezu ideal ist. Die FPV-Drohne hat sich im Krieg in der Ukraine bewährt und wird inzwischen auch vom Libanon aus gegen Israel eingesetzt.

„FPV“ bedeutet, dass der Pilot das Kamerabild der Drohne in Echtzeit über eine Videobrille oder einen Bildschirm sieht – fast wie im Cockpit eines Flugzeugs. Moderne FPV-Drohnen können Frequenzen wechseln, verstärkte Antennen nutzen, Glasfasersteuerung verwenden, autonom fliegen oder ohne GPS navigieren.

Besonders gefährlich sind neue Systeme, die mit dünnem Glasfaserkabel statt Funk arbeiten. Dadurch kann die Steuerung kaum gestört werden, weil kein elektronisches Signal verwendet wird. Wer die Drohne steuert, hat ein Echtzeit-Bild vor sich und kann beliebig zuschlagen.

Das führende High-Tech-Land Israel hat in dem nun 31 Monate andauernden Krieg bewiesen, dass es über 90 Prozent der ballistischen Raketen aus dem Iran und Jemen mit seinen Flugabwehrsystemen Iron Dome, Arrow 3 und David Sling ziemlich erfolgreich abwehren kann. Gegen die billige Mini-Drohne der Hisbollah aus dem Südlibanon gibt es bisher keine wirkungsvolle Gegenwehr.

Der Aufruf der Rechtsradikalen in Israel, für jeden Drohnenangriff zehn Häuser in Beirut zu zerstören, beweist die momentane Hilflosigkeit. Denn genau das wollen die Terroristen: Chaos mit möglichst vielen unschuldigen Toten. „Wir werden sie treffen. Wir haben ein engagiertes Team, das daran arbeitet, und wir werden das Problem lösen“. Regierungschef Benjamin Netanjahus aktuelle Einlassungen dazu liegen in der Zukunft. Die Menschen wollen Sicherheit – jetzt. Netanjahus Zuspruch, er gratuliere den Bewohnern des Nordens „zu ihrer Widerstandskraft, die uns alle inspiriert“, ermutigt die wenigsten. Eine praktikable Lösung kann er nicht anbieten. Die Forschungsabteilungen des Militärs arbeiten an einem Abwehrmittel, sind aber bisher noch nicht fündig geworden.

Zigtausende Menschen im Norden Israels haben aktuell keine Aussicht auf Besserung, leben in einem Albtraum. Eine Mutter erzählt, sie würde ihre beiden Kinder getrennt in die Schule schicken, damit im Katastrophenfall wenigstens ein Kind mittags nach Hause kommt. Israel kennt solche Aussagen bisher nicht, war dem Terrorfeind stets erfolgreich auf den Fersen.

Die Lage im Norden Israels hat auch Auswirkungen auf die laufenden Verhandlungen zwischen USA und Iran. Zuverlässige Informationen sind rar. Die Rede ist von einem möglichen Verzicht Teherans auf waffenfähiges Uran, weniger Raketen und eine sichere Öffnung der Straße von Hormuz für den internationalen Schiffsverkehr. Die Angriffe aus dem Libanon auf den Norden Israels sind zur Nebensache verkommen. US-Präsident Donald Trump sieht sich mit einer starken Opposition konfrontiert. Der Krieg dauert zu lange und die Benzinpreise sind zu hoch. Der Libanon ist weit weg.

Israel hat verständlicherweise eine völlig andere Sichtweise auf den Konflikt. Jedes Abkommen ist ein Verhängnis. Denn die Hisbollah schießt rund um die Uhr hemmungslos, egal, ob Trump einen Deal zustande bringt und wie er im Detail aussehen mag. Das Ziel der Terrororganisation ist nach wie vor die Zerstörung Israels.

Niemand will sich eine Lage vorstellen, in der es den Feinden Israels gelänge, FPV-Drohnen auch vom Westjordanland und von Gaza aus zu starten.

Doch abgesehen davon bleibt die für Israel alles entscheidende Überlebensfrage: Kann langfristig verhindert werden, dass der Iran in den Besitz der Atombombe gelangt?

Denn ungeachtet aller Verhandlungen: in Teheran tickt seit 2017 eine überdimensionale digitale Uhr, die die verbleibenden Jahre bis zur angeblichen Vernichtung Israels anzeigt. Ayatollah Ali Khamenei kündigte 2015 in einer Rede auf dem Meydan-e-Filistin, dem Palästina-Platz in Teheran an, dass Israel innerhalb von 25 Jahren nicht mehr existieren werde. 2040 soll es so weit sein. Israel muss sich dringend zeitnah etwas einfallen lassen.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen