Der Drache spuckt Feuer – auch ohne Kohle

Energiekrise – war da was? China legt seit dem Afghanistandebakel des Westens einen offensiven Kurs an den Tag: tägliche Einschüchterungen gegen Taiwan, Provokationen gegen Washington und Drohungen gegen Indien. Zugleich testet die Volksrepublik Hyperschallwaffen, gegen die das US-Militär kein Mittel hat, und schickt Taikonauten auf eine neue Mission.

IMAGO / Xinhua

Trotz Energiekrise schwingt China den außenpolitischen Hammer. Ein guter Seismograf sind die Artikel der „Global Times“, die als internationales Verlautbarungsorgan der kommunistischen Partei der Volksrepublik fungiert. Ähnlich wie die Prawda handelt es sich dabei weniger um eine Beschreibung der Weltlage, denn vielmehr eine Darstellung, wie sie die Machtelite gerne selbst sieht. Drohungen gegen Taiwan, Demütigung der USA und Beschwörungen des chinesischen Wegs in der Welt gehören darin zum Tagesgeschäft.

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Doch selbst unter dieser Prämisse werden die Töne des chinesischen Megafons in die Welt deutlich schriller. Seit dem afghanischen Debakel vergeht kein Tag, an dem China das amerikanische Protektorat über Taiwan nicht infrage stellt. Die Botschaft: so, wie die Amerikaner Afghanistan hängen lassen, lassen sie auch euch in Taipeh hängen. Ganz offen werden die Möglichkeiten eines möglichen Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik eruiert. Eine Kostprobe? „Ist Biden bereit dafür? Ist sein Regierungsteam bereit dafür? Ist die Macht des US-Militärs im Westpazifik stark genug dafür? Haben sie jemals berechnet, wie viele US-Soldaten sterben werden, wenn ein Krieg ausbricht? Haben sie jemals darüber nachgedacht, was es für die USA bedeutet, einen Kampf auszutragen, der die Kerninteressen einer Atommacht berührt?“

Man kann solche theoretischen Spielereien für blanke Rhetorik halten. Europa ist das martialische Auftreten der Großmächte nicht mehr gewöhnt, und damit auch nicht mehr den Bluff, der hinter vielen Drohungen steckt. Doch China ist kein Papiertiger und Taiwan trennt vom Festland nur die Formosastraße von weniger als 200 Kilometern Breite. Zum Kerngeschäft kommunistischer Propaganda-Arbeit gehört die Beschwörung des Friedens bzw. einer „friedlichen Wiedervereinigung“, indes man im selben Artikel mit Propagandakunst schmückt. Darauf abgebildet: die siegreiche Volksarmee, die heldenhaft voranstürmt und den Präsidentenpalast des Inselstaats beschießt.

Das neue pazifische Bündnis aus Australien, UK und USA (AUKUS) ordnet Peking als Angriffsbündnis ein, das zu einem Atomkrieg bereit sei, um die globalen chinesischen Ambitionen einzuhegen. Bei der Taiwan-Frage geht es demnach um mehr als die bloße Existenz eines demokratischen und wirtschaftlich prosperierenden Tiger-Staates. An ihr entscheidet sich gleichzeitig, welche Weltmacht den Globus dominiert. China kann es allein aus Prestigegründen nicht ewig dulden, dass eine „abtrünnige Provinz“ als Überbleibsel des chinesischen Bürgerkriegs (1927-1949) fortbesteht. Der Fall Taiwans hätte dagegen enorme Sprengkraft für USA. Als dominierende Pazifikmacht seit dem zweiten Weltkrieg hätte sie ein großes Glaubwürdigkeitsproblem gegenüber seinen Alliierten in Seoul, Manila und Tokio und verlöre einen strategischen Brückenkopf.

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Dass die Beziehungen zwischen China und Australien schon vor dem angelsächsischen Schulterschluss an Kühle gewannen, obwohl langzeitige Ressourcengeschäfte beide Länder in der Vergangenheit zusammenschweißten, war kein Geheimnis. Wie schnell Peking die Maske des freundlichen chinesischen Kaufmanns fallen lassen kann, zeigte sich im Dezember 2020, als die Volksrepublik kurz nach Gründung der ostasiatischen Freihandelszone RCEP dem Mitgliedsland Australien ein 14-Punkte-Ultimatum diktierte. Seitdem hat Canberra offenbar seine Lektion gelernt. Allein vom August zum September schrumpfte der Wert des gegenseitigen Handels von 24 Milliarden auf 21 Milliarden Dollar. Die chinesische Perspektive: Australien habe eine feindselige politische Haltung gegenüber China eingenommen und den Handel „politisiert“. Das betrifft auch die Kohle-Importe aus Australien, die von Peking trotz Energiekrise nunmehr als „überteuert“ und „vernachlässigbar“ eingeordnet werden. Der Fuchs und die Trauben lassen grüßen.

Aber nicht nur Australien darf für seinen Ungehorsam bezahlen. Der andere ungelöste Territorialkonflikt betrifft die Grenze zwischen China und Indien. Zehntausende Soldaten stehen sich dort gegenüber. Obwohl das Sino-Indische Verhältnis seit Jahrzehnten angespannt ist, hatte man auf internationaler Bühne lange das professionelle diplomatische Geschäft gewahrt. Doch die Spannungen nehmen zu – und kommen deutlicher denn je an die Öffentlichkeit. Der bis heute umstrittene Grenzverlauf zwischen den beiden größten Ländern Asiens sollte letzte Woche bei einem Treffen von Armee-Chefs beigelegt, oder zumindest entspannt werden. Nichts davon passierte. Beide Seiten beschuldigen sich, das Treffen absichtlich boykottiert zu haben.

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Zur Verschärfung der Rivalität zwischen den Milliardenstaaten haben in der jüngeren Zeit zwei Faktoren geführt. Einerseits das Engagement Chinas in Afghanistan, das dem indischen Erzrivalen Pakistan in die Hände spielt, der dort seinen Einfluss ausweiten konnte und zugleich Indien vom rohstoffreichen Zentralasien abkoppelt; andererseits unterstellt Peking der hindu-nationalistischen Regierung in Neu Delhi „Schlafwandlerei“ und „Opportunismus“, um die chinesische Kraftzentrierung auf die Taiwan-Frage auszunutzen. Zitat Global Times: „Indien sieht die Verschlechterung der Beziehungen zwischen China und den USA als Chance, wichtige strategische Verhandlungsmasse zu gewinnen. Neu-Delhi geht davon aus, dass Peking seine Haltung in der Grenzfrage aufweichen und seinen Forderungen nachgeben wird, Neu-Delhi daran zu hindern, sich mit Washington gegen Peking zu verbünden.“

Chinas Selbstbewusstsein ist also ungebrochen. Ein gewisser Teil des Säbelrasselns dürfte dabei aber auch nicht zuletzt der internen Situation geschuldet sein. Die Volksrepublik tritt als benevolente Supermacht auf, die neulich wieder Taikonauten ins All geschossen hat und deren Geduld man nicht überstrapazieren sollte – während man im Inland den Strom für die Industrie rationiert und Mikrowellen und Wasserkocher verbietet. In diese Kategorie fällt auch der kürzliche Start einer Hyperschallwaffe, die nuklear bewaffnet werden kann und die Erde umrundet hat, bevor sie ihr Ziel traf. Die Rakete verfehlte dieses zwar um mehrere Meilen. Sie führte jedoch vor Augen, dass China massiv in seine Waffentechnologie investiert hat. Das US-Militär kann Hyperschallwaffen nicht abwehren. Sie stellen keine Bedrohung für mobile Ziele dar, gelten aber als Flugzeugträgerkiller – und damit als Gefahr für die weltweite Dominanz der USA, die vor allem auf ihrer Flotte und weltweit einsetzbaren Flugzeugträgern als mobile Flugplätze beruht. Die Botschaft ist klar: selbst, wenn in den Provinzen Chinas die Lichter ausgehen sollten, ist die Volksrepublik weiterhin zum Äußersten fähig.

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Kommentare ( 49 )

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Cubus
1 Monat her

Mal ganz ehrlich, das heißt dort unten ja nicht zu Unrecht Chinesisches Meer und nicht Amerikanisches Meer. Was würden denn die Amis sagen, wenn chinesische Flugzeugträger ständig. im Golf von Mexiko rumschippern würden? Es ist nicht vermeidbar, dass China die USA als Hegemon ablösen wird, 1,4 Mrd. Menschen, homogen, klug und fleißig, was hat der Westen dem entgegenzusetzen? Die USA noch einiges mit Silicon Valley, Europa? Deutschland? Vielleicht noch als abschreckendes Beispiel, wie man es nicht macht oder als musealer Freizeitpark für chinesische Reisegruppen – mit einem gewissen Kitzel, denn man weiß ja nicht, an welcher Ecke man erschlagen oder… Mehr

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  Cubus

Wir werden sehen. Die deutschen Prognosen in Bezug auf die Welt, gingen bislang immer ziemlich daneben.

Ms.Headlost
1 Monat her

Wer war das noch mal der an China seit Jahrzehnten „Entwicklungshilfsgelder“ überweist???

schwarzseher
1 Monat her

Einen Krieg mit China können sich die USA trotz ihrer miltärischen Stärke gar nicht leisten. Erstens verfügt China über ein ähnlich großes militärisches Potential und anders als die USA muß die chinesische Führung auf niemanden in China Rücksicht nehmen. Eine ernsthafte militärische Auseinandersetzung würde die ohnehin vor dem Kollaps stehende westliche Wirtschaft zusammenbrechen lassen. Das gilt zwar auch für die chinesische Wirtschaft, die allerdings aufgrund der Diktatur der KPC besser damit umgehen kann. Und was Europa betrifft, schätzen die Chinesen deren Drohungen wie das Kläffen eines Zwergpinschers ein.

F. Hoffmann
1 Monat her
Antworten an  schwarzseher

China und Taiwan ist etwas schwieriger als Russland und die Krim. Putin konnte mit Hilfstruppen die Krim einnehmen und dann „wählen“ lassen. Geht bei Taiwan schlecht, da kann Xi nicht so leicht irgendwelche obskuren „Soldaten auf Urlaub“ einschleusen. Es bleibt die direkte Eroberung. Daß Chinesen nicht auf Chinesen schießen kann man vergessen, die taten das auch im Bürgerkrieg. Bei den Taiwanesen hinge es vom Grad des Patriotismus ab, wie weit sich die Truppen engagieren. Bei Xi‘s Truppen stehen die Politkommissare in der 2. Linie und schießen ggf. den eigenen Leuten in den Hinterkopf, sollte es an Engagement mangeln. Xi muss… Mehr

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  schwarzseher

Seit Jahren wird der Kollaps der westl. Wirtschaft prognostiziert. – Wer in Europa droht denn bisher der VR China?

StefanB
1 Monat her

Die Großmächte folgen Merkels Friede-Freude-Eierkuchen-Mantra bestenfalls, wenn sie damit Vorteile für sich generieren können.

Iso
1 Monat her

Mit Merkels Multilateralismus können die Chinesen nicht besonders viel anfangen. Daran ändert auch ihr 35igstes Doktorhütchen nichts. Sie sind auf uns auch nicht mehr angewiesen, können uns einfach aus dem Verteiler streichen, und sind in Afrika und Asien gut vernetzt. Während man sich im Westen mit Genderismus befasst, Frauen in die Politik holt, und völlig verschwult, zeigen uns die Chinesen wo es lang geht. Die brauchen auch bald unsere Autos nicht mehr, und werden ganz stolz sein ihre eigenen Autos zu kaufen. Der Westen ist wie Präsident Biden, alt und klapprig. Wer es nicht glaubt, braucht sich nur die Bundeswehr… Mehr

alter weisser Mann
1 Monat her

Wenn Raumfahrt unter dem Vorwurf des offensiven Verhaltens gefasst wird, dann muss es wohl um China oder Russland gehen.
All diese Vorwürfe kann China gelassen sehen, nicht nur, weil „der Westen“ eh nichts dagegen tun kann, man spiegelt zudem mit all diesem Aktionen nur die übliche Politik des Westens und das wird noch deutlicher werden, wenn der Westen künftig gegenhalten will. Mit welchem Verhalten, welchen Maßnahmen wohl? Genau, den gleichen.

F. Hoffmann
1 Monat her
Antworten an  alter weisser Mann

Wo steht denn, daß Raumfahrt als offensives Verhalten aufgefasst wird? Das ist zum einen Propaganda nach innen und nach außen (seht her, wir können das auch). Und was die auf ihrer Raumstation treiben, weiß, im Gegensatz zur ISS, sonst niemand. Falls Sie die Hyperschallrakete meinen sollten, die hat nu garnix mit „Raumfahrt“ zu tun, das ist Waffentechnik.

Thorsten
1 Monat her

Ansonsten wäre die Inflation und die Leitzinsen viel höher und damit wäre der Euro bereits kollabiert.
Die Existenz des Euros und des deutschen Sozialstaates hängt von billigen chinesischen Importen ab. Die Zusatzkosten wären unerträglich.

Hoffnungslos
1 Monat her

Ja, der „Ostkonsument“ durfte das ja nicht. Was soll diese Spaltung?

Hieronymus Bosch
1 Monat her

Hier in Deutschland wird China ja schöngeredet, weil man dort weiterhin unsere Autos verkaufen will. Kein Wort darüber, dass dort ein Ein-Parteien-System herrscht mit einer kommunistischen Regierung. Wo sind denn unsere Gutmenschen, die sich ansonsten bei jeder Kleinigkeit aufregen, wenn Rassismus im Spiel ist? Wenn China die Uiguren in Straflager verfrachtet und die Tibeter unterdrückt, hört man hier nur Schweigen im Wald! Aber mit weltpolitischen Machtfragen will sich unsere Regierung möglichst nicht beschäftigen; das überlässt man lieber den USA, weil wir militärisch schwach und hilflos sind. Ober glaubt jemand, dass unsere Gurken-Truppe in einer kriegerischen Auseinandersetzung bestehen könnte?

Hannibal Murkle
1 Monat her
Antworten an  Hieronymus Bosch

„ Kein Wort darüber, dass dort ein Ein-Parteien-System herrscht mit einer kommunistischen Regierung.“

Da kann man die große Vielfalt der Parteiprogramme bei uns nur loben – die Grünen für ein grünes Klimaministerium, die FDP für ein gelbes Klimaministerium… Die CDU sagt, mit ihr hätte es auch welches gegeben…

Inwiefern ist Chinas Wirtschaft noch sozialistischer als jene in der EU?

Adorfer
1 Monat her
Antworten an  Hieronymus Bosch

Mal ganz davon abgesehen, wie ich mir heutzutage eine „kriegerische“ Auseinandersetzung vorstellen sollte (etwa F/D/I gegen Rußland oder China), der allergrößte Vorteil dieser Gurkentruppe ist wahrlich, dass sie zu nicht zu gebrauchen ist. Teuer aber ungefährlich.

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  Adorfer

Wenn Sie so denken, denken Sie in überholten Kategorien.

Kaltverformer
1 Monat her

Meiner Meinung ist es unbedingt notwendig, die Industrie wieder zurückzuholen.
Das wird aber bei den linksgrünen Umtrieben in Europa, speziell in Deutschland nicht gelingen.
Die linksgrünen Khmer sind nämlich gerade dabei, die Lebensgrundlage der deutschen Gesellschaft zu zerstören. Nämlich das Energienetz und dann braucht es auch keine Industrie mehr.

Hoffnungslos
1 Monat her
Antworten an  Kaltverformer

Deutschland ist zum globalen Experimentierfeld geworden. Und unsere neudeutsche Politgarde, oder die, die sich dafür halten, spiegelt das sehr unbedarfte Deutschland wieder. So kann man eine Demokratie auch ad absurdum führen.

alter weisser Mann
1 Monat her
Antworten an  Kaltverformer

„die Industrie wieder zurückzuholen.“
Die „Industrie“ hat aber gar kein Vaterland in das sie „zurückzuholen“ wäre.
Die Industrie produziert dort, wo der Markt ist und die Bedingungen passen.
Im Zweifel sorgen Staaten mit entsprechender Markt-/Finanzmacht auch noch zusätzlich, etwa zoll-, subventions- und steuerpolitisch, für den nötigen Ansiedlungswillen

Kaltverformer
1 Monat her
Antworten an  alter weisser Mann

Ich sag nur: Erhard Ludwig