Woke is broke

Mitten in Berlin, vor der Haustüre der Bundespolitik, wird auf dem roten Teppich die veröffentlichte Einheitsmeinungmauer durchbrochen. Gleich mehrere prominente Schauspielerinnen kritisieren massiv Politik, Verbotskultur und den Umgang mit der AfD.

IMAGO - Collage: TE

Das sind wir nicht gewohnt. Schauspieler sind nicht bekannt dafür, politisch hellwach zu sein. Die sind gern woke und sehen sich auf Mission, die Welt zu retten, das Klima oder propagieren No Border, no Nation. Und niemals würden sie in die Hand beißen, die sie füttert: Kulturschaffende sind bekanntlich staats- und regierungstreu bis zur Selbstverleugnung. Insofern ist das mindestens bemerkenswert, was sich da gerade besonders bei den Frauen tut. Und das auch noch auf Wohlfühlevents wie der Emmy-Party am vergangenen Freitag in Berlin, wo hunderte Vertreter aus Medien, Kultur, Wirtschaft und Politik im exklusiven Schlosshotel zusammenkamen.

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Gleich mehrere bekannte Schauspielerinnen nutzten die Interviews auf dem Roten Teppich für eine bittere Abrechnung mit ihrem Noch-Bürgermeister und der aktuellen Politik allgemein, insbesondere im Umgang mit dem Wahlvolk und der AfD. Schauspielerin Caroline Beil, etwa: „Es gehen Sachen den Bach runter und dann sitzen da irgendwelche Pfeifen, die nicht mal einen Schulabschluss haben und wollen unser Land regieren.

Schauspielerin Tina Ruland hält sich noch weniger zurück und holt zum ganzen großen K.O.-Schlag aus. Da wächst kein Gras mehr. Auf die Frage, was in Deutschland passieren wird, antwortet Ruland: „Na, wir wissen alle, was passieren wird. Und ganz ehrlich, daran sind nicht die Bürger schuld, daran ist auch nicht die AfD schuld, daran sind einzig und allein die Altparteien schuld, die schlechte Politik machen.“

Auch Schauspielerin Simone Thomalla macht bei dem geforderten Konsens nicht mehr mit: „Wir sind in einer Demokratie, wo man aber letzten Endes irgendwo nicht mehr sagen kann, was man denkt.“ „Und immer diese Verbote“, legt sie nach. „Verbieten, verbieten, verbieten, AfD verbieten. Nein, sich um die Probleme kümmern der Menschen, die sie dahin bringen, die AfD zu wählen. Das ist die Alternative und nicht immer nur verbieten!“

Sind die Damen besonders wetterfühlig, weil der Wind sich gedreht hat? Opportunismus hilft ja manchmal. Oder trauen sie sich tatsächlich erst jetzt zu sagen, was sie denken? Bei den drei Damen eher weniger. Alle drei sind in den letzten Jahren nicht damit aufgefallen der veröffentlichen und genehmen Meinung das Wort zu reden. Was neu ist, ist die geballte Vehemenz. Woran man seit dem letzten Wochenende nicht vorbeisehen kann, vollzieht sich allerdings schon seit einiger Zeit abseits der Scheinwerfer auch bei weniger prominenten Vertretern.

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Insofern trifft die Vermutung des sich verändernden Klimas zu. Ja, der Wind dreht sich. Links und woke sind nicht mehr en vogue. Und wenn es stimmt, dass es meistens ein Trend aus den USA ist, der verspätet hierzulande ankommt, dann stehen die Zeichen auf Wende. Die Basketballspielerin Sophie Cunnigham ist auch bei uns everybody’s darling, nicht, weil Basketball zu den beliebtesten Sportarten zählt, nicht nur, weil sie unfassbar schön aussieht, blond und langbeinig und eine Künstlerin auch der frivolen Selbstdarstellung ist, und nicht nur, weil sie ein Kreuz um den Hals trägt, sondern weil sie mit ausgestrecktem Zeigefinger darauf hingewiesen hat, dass auch im Sport antiweißer Rassismus herrscht. Dass sie und die ebenfalls weiße Weltklassespielerin Caitlin Clark die Vormacht der schwarzen Basketballerinnen gebrochen haben, führte zu wütenden Attacken, die vom Schiedsrichter ignoriert wurden. Merke: nur Weiße machen sich schuldig. Cunninghams ausgestreckter Zeigefinger wurde in kürzester Zeit ikonisch.

Es gibt längst nicht mehr ein „White privilege“. Und das „Black privilege“ beruht weitgehend auf einer Erzählung, die so nicht stimmt: Es waren nicht die Weißen, die Schwarze versklavt haben. Es waren schwarze Stammeshäuptlinge, die ihre besiegten Feinde an arabische Sklavenhändler vertickten.

Wie diese beiden Geschichten zusammenhängen, die von Sophie und Caitlin und die von den deutschen Schauspielerinnen? Genau damit: manchmal bricht sich die Wahrheit auf unterschiedliche Weise Bahn. Sie auszusprechen fordert lediglich ein wenig persönlichen Mut, um das geforderte allgemeine Einverständnis zu durchbrechen. Und, Mädels, dieser Mut macht euch womöglich erst richtig attraktiv.

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