Am Fall von Volkswagen enthüllt sich das ganze Ausmaß der deutschen Wirtschaftskrise. Managementfehler, Korporatismus und ideologische Verblendung sind mit wirtschaftlicher Prosperität unvereinbar. Der Sturz von VW könnte zum Weckruf werden.
IMAGO / Rene Traut
Krisenkommunikation ist komplex. Sie ist vielschichtig, psychologisch anspruchsvoll und verfolgt vor allem ein Ziel: Kunden, Lieferanten und Investoren zu beruhigen. Im Falle von Volkswagen muss man jedoch feststellen, dass dies nur sehr bedingt gelingt.
Offensichtlich hat der Vorstand eine Art Salamitaktik gewählt, um die Märkte schrittweise darauf vorzubereiten, dass dem Konzern ein tiefgreifendes Reinemachen bevorsteht. Zunächst war von 25.000 Stellen die Rede, später von 50.000, zuletzt standen 120.000 Arbeitsplätze auf der Kippe. Seit Wochenbeginn kursiert nun sogar die Schreckenszahl von 200.000. Das entspräche nahezu 30 Prozent der weltweiten Belegschaft des Konzerns. Man ahnt, wie groß die Probleme bei Volkswagen tatsächlich sein müssen.
Inmitten dieser kaum noch kontrollierbaren Eskalation des Nachrichtenstroms folgte schließlich die bemerkenswerte Ankündigung des Vorstands, die Produktion, die zuletzt unter die Marke von neun Millionen Fahrzeugen gefallen war, in absehbarer Zeit wieder auf zehn Millionen Einheiten steigern zu wollen.
Wie dies angesichts des kollabierenden China-Geschäfts, der US-Zölle und der massiven Wettbewerbsnachteile am Heimatstandort Deutschland gelingen soll, ließ Konzernchef Oliver Blume offen. Damit betreten wir den Maschinenraum eines Unternehmens, das aufgrund der engen, geradezu korporatistischen Verflechtung von Konzernführung, Landespolitik und einer mächtigen IG Metall über Jahre hinweg ganz offensichtlich an seinem eigentlichen Unternehmenszweck vorbeigesteuert ist: der Gewinnerzielung bei entsprechender Kapitalrendite.
Sicherlich erzielte der Konzern in den vergangenen Jahren noch hohe Gewinne. Zuletzt brachen diese jedoch um mehr als 40 Prozent ein. Auch die operative Marge des Unternehmens näherte sich einer kritischen Marke. Die wirtschaftlichen Spielräume von VW werden immer enger.
Gerade in Nord- und Südamerika ist diese Antriebstechnik nach wie vor stark gefragt, und daran dürfte sich auf absehbare Zeit wenig ändern. Dort wachsen vor allem die Hybridantriebe – ein weiterer Zug, den Volkswagen weitgehend verpasst hat. Ein Schlüssel zum Verständnis des panikartigen Konsolidierungskurses findet sich in China. Dort trifft Volkswagen auf zwei gravierende Problemkreise. Zum einen subventioniert der chinesische Staat seine heimischen Anbieter im Kampf gegen die gut verborgene Krise der chinesischen Mittelschicht und verschafft ihnen dadurch erhebliche Preisvorteile.
Hinzu kommt jedoch ein zweiter Faktor: die außerordentliche Wettbewerbsintensität und Investitionsbereitschaft chinesischer Unternehmen – eine kulturelle Besonderheit, die sich heute als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweist. Das Wettbewerbsumfeld der chinesischen Wirtschaft hat dazu geführt, dass heimische Hersteller neue Fahrzeugmodelle heute bis zu 30 Prozent schneller entwickeln als ihre europäischen Konkurrenten. Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Roland Berger.
Gleichzeitig erfolgt die Produktion in China mit bis zu 30 Prozent geringeren Kosten. An dieser Stelle kommt die europäische, insbesondere die deutsche Politik ins Spiel, die seit Jahren alles daransetzt, die eigene Industrie mit immer neuen Klimaauflagen und einer verfehlten Energiepolitik aus dem Wettbewerb zu drängen. Die Verkaufszahlen von Volkswagen brachen deshalb in China gegenüber ihren Spitzenjahren massiv ein. Damit funktioniert die Quersubventionierung der europäischen Fehlentwicklungen durch die hohen Gewinne in China nicht länger.
Automobile sind heute längst mobile IT-Plattformen. Spätestens seit Tesla entscheidet nicht mehr allein der Motor über die Wettbewerbsfähigkeit eines Fahrzeugs, sondern seine Softwarearchitektur. Bezeichnend ist deshalb, dass Volkswagen und seine Softwaretochter Cariad ihre Zusammenarbeit mit Bosch beim automatisierten Fahren inzwischen beendet haben. Auch im Bereich Software und Digitalisierung hat der Konzern gegenüber der chinesischen, japanischen und amerikanischen Konkurrenz erheblichen Boden verloren.
Dass sich VW nun von der Hälfte seiner Fahrzeugtypen trennen will und große Teile des Servicebereichs einstampfen wird, ist logisch. Die Fixkosten des Konzerns sind im Zuge der breiten Auffächerung des Portfolios schlicht zu hoch. War der Fehler möglicherweise die fehlende Eigentümerkontrolle, wie sie bei BMW oder Mercedes immer noch zu finden ist? In jedem Fall dürfte der Konsolidierungskurs in dem Moment auf eine Mauer prallen, in dem Abfindungszahlungen die notwendige Schrumpfung und Fokussierung auf die noch bestehenden Cash Cows und Zukunftsmärkte verhindern.
Die Parallelen zur Krise der 90er-Jahre sind frappierend. Auch damals stand Volkswagen vor einem existenziellen Problem. Der Konzern war zu teuer, zu wenig produktiv und international zunehmend unter Druck geraten. Der Unterschied zur Gegenwart lag jedoch darin, dass die damalige Führung bereit war, die Realität anzuerkennen und radikale Veränderungen einzuleiten. Eine reine Reduzierung der Belegschaft wird nicht ausreichen. Der Konzern muss seine Organisation vereinfachen, Entscheidungswege verkürzen und wieder jene Geschwindigkeit erreichen, die im internationalen Wettbewerb inzwischen entscheidend ist.
Der Niedergang von Volkswagen droht, über den Automobilsektor selbst hinauszustrahlen. Ein dichtes Netzwerk aus Zulieferern, Maschinenbauern, Unternehmen der Elektrotechnik und zahlreichen Dienstleistern ist auf Gedeih und Verderb an den Erfolg von Volkswagen gebunden. Stürzt VW, droht nicht nur der Verlust einzelner Arbeitsplätze. Es droht auch der Zerfall von Wissensnetzwerken, die über Jahrzehnte entstanden sind. Genau diese Kompetenzen fehlen dann nicht nur Volkswagen, sondern langfristig auch anderen deutschen Automobilherstellern und Industriezweigen. Das wäre Deindustrialisierung auf Steroiden.
Die Krise bei Volkswagen könnte zum großen Weckruf der Deutschen werden. Wenn klar wird, dass am Heimatstandort Werke geschlossen werden müssen, Gewerkschaften ihre Maximalforderungen schweigend in die Schublade zurücklegen und im Zuliefererbereich Hunderttausende weitere Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, sollte deutlich werden: Zum einen hat sich der klimasozialistische Kurs der Politik als ein regelrechtes Verarmungsprogramm erwiesen. Zum anderen müssen Wettbewerbsgeist, Unternehmertum und ganz grundsätzlich bürgerliche Werte wie Fleiß, Aufstiegswillen und die Bereitschaft zu Verzicht wieder eingeübt werden. Anders gesagt: Die Politik muss sich aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen, den marktwirtschaftlichen Rahmen absichern, damit sich deutsche Unternehmen im Wettbewerb untereinander fit machen für den globalen Markt.
Dass sich eine ganze Generation junger Menschen in Deutschland naive Debatten über Work-Life-Balance leisten konnte, ist letztlich dem Erfolg ihrer Eltern und Großeltern geschuldet. Die heraufziehende Wirtschaftskrise wird diese Generation erden und ihr einen realistischeren Blick auf die Funktionsweise dieser Welt vermitteln.
Das ist die vielleicht einzige gute Botschaft, die sich hinter der VW-Katastrophe verbirgt.





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Hauptverantwortlich für die schwierige Situation aller europäischen Autokonzerne ist die Politik. Mit ihren Vorgaben verteuert und verunsichert sie Autos und die Kundschaft. Zudem gibt es ernsthafte Anstrengungen, Autofahrten und Parkplätze zu reduzieren. Auch das verunsichert potentielle Käufer.
Viele Leute sind mit dem E-Auto noch nicht warm geworden, wollen aber gleichzeitig nicht mehr 50k+ Euro teure Verbrenner kaufen, weil schon abzusehen ist, dass sich dies auch nicht mehr lohnt.
Dazu kommen dann noch hausgemachte Probleme der Hersteller.
Moin, radikaler Umbau ist nichts anderes als die Behandlung der Symptome und nicht der Ursache. Der vollständige Absturz kommt so oder so auch für Mercedes ua deutschen Autohersteller. Vor allem die Grüne Ideologie ist mit die Haupt“ Krankheit “ wie Co2 Einsparung, grüner Stahl oder E-Fahrzeuge. Der zweite Grund ist die selbstverschuldete Abkehr von russischer Energie und Rohstoffen. Nun steht man da und bettelt um die nächste Lieferung von den Zulieferern aus aller Welt.
1980 konnte sich ein VW Mitarbeiter rechnerisch nach 6 Monaten einen Golf vor die Tür stellen. Heute sind es fast 12 Monate. Und da müsste das gesamte Gehalt in das Fahrzeug fließen. Keine Miete, keine Nahrung, keine Kleidung, kein Urlaub. Nichts anderes.
Wenn sich also nicht mal mehr die eigenen Mitarbeiter den Kleinwagen der Firma leisten können, das ist da etwas schief gelaufen.
Klar, nicht allein bei VW, da hat die Politik auch mitgemacht. Aber die sitzt bei VW ja auch mit am Tisch
Für diese Teuerungswelle kann VW am wenigsten. Wenn die EU diktiert, dass die Diesel nur noch mit teuren SCR-Systemen die immer schärferen Grenzwerte schaffen können oder jetzt alle möglichen unsinnigen Überwachungssysteme in die Autos eingebaut werden müssen (das war übrigens der Grund für die Produktionseinstellung des Erfolgmodells VW UP), dann steigen die Preise für Kraftfahrzeuge eben überproportional an. Das betrifft andere Hersteller ganz genauso und ist kein spezifisches VW-Problem.
Das Entropiegesetz gilt auch für saturierte menschliche Gesellschaften. Der gesellschaftliche/industrielle Status hat in 80 Jahren friedlicher Entwicklung seinen Zenit schon lange überschritten, sichtbar in der schon oft plakatierten „Wohlstandsverblödung“. Erfolgreiche Boomer-Eltern (nicht alle) haben es ihren Kindern und Enkeln leider zu leicht gemacht, die ohne sonstige existenzielle Herausforderungen, gepampert bis zum Dorthinaus, am Ende die Klimarettung entdeckten. Der Klimawahnsinn und die „Willkommenskultur“ wurden nicht durch die Politik erfunden, sondern kamen und kommen aus der Tiefe der Gesellschaft. Ein heutiger Abiturient mit Notenschnitt 1,0 hätte in den 60er Jahren nur eine sehr geringe Chance gehabt, das Abi überhaupt zu bestehen. Insofern… Mehr
Its not abug, it’s a feature. Der Industrie-Rückbau ist voll beabsichtigt. Man lese Ulrike Herrmann, „Das Ende des Kapitalismus“, wir sollen Lastenfahrräder nutzen, das Auto kann weg.
Natürlich gibt es viele Gründe, die zusammentreffen, um die Misere komplett zu machen. Der Autor erwähnt mit keinem Wort das EU-Diktat, das den weltweit erfolgreichen deutschen Verbrennermotor durch immer unsinnigere Abgas- und Verbrauchsvorgaben gewollt verteuert und mit dem Verkaufsverbot für Verbrennerfahrzeuge in der EU ab 2035 ausgerechnet die Cash Cow der deutschen Autoindustrie gezielt ausbootet. Dieses Problem betrifft nicht nur Volkswagen, sondern auch BMW, Mercedes und den Stellantis-Konzern. Der Verbraucher lässt sich nun Mal nicht per Diktat aus Brüssel dazu zwingen, Produkte zu kaufen, die er nicht haben will. Wenn man nur zehn Jahre zurückblickt, sieht man eine ganze Palette… Mehr
Das war seit 10 Jahren und länger klar, daß die Gewinne in China die dt. Autobauer, speziell VW, in der Komfort Zone hielten. Nun endet dieser Trip und es bleibt das nackte Entsetzen, weil nun die Profitabilität in Deutschland die Verluste nicht abdeckt. Den Rest hat der unsinnige E-Auto boom besorgt. Milliarden € wurden ohne direkten Nutzen versenkt.
Wenn ein Golf in der Grundausstattung 30.000€ kostet, reicht es nicht, bloß auf der Kostenseite zu drücken. Das Ding kauft auch dann noch keiner, wenn die Automatisierung von Toyota, die IT von Tesla und die Lohne vom Putzkolonnentarif stammen. Die Kuh stinkt vom Absatz her…
Der Herr Kolbe hat vergessen, dass VW in Russland einen Wachstumsmarkt mit 140 Millionen Einwohnern ohne Not aufgegeben hat. Der durch diese Dummheit entstandene Schaden ist beträchtlich.
Nicht nur VW hat diesen Markt und diese Rohstoffquelle aufgegeben.
Zu hohe Lohnkosten und teure Energie.im Vergleich zu China,Japan etc. Das kann nicht funktionieren.
nein, es ist Missmanagement und feste Struktur. In Grünheide arbeiten die gleichen „Deutschen“, es ist das gleiche Land und die gleiche Energie. Dennoch expandiert Tesla in Grünheide und baut dort auch bald die Zellfabrik aus.
Ich habe keine Lust ihnen das zu erklären. Das Management hat den Fehler gemacht auf die Politik zu hören.