Farage gegen sich selbst: Die riskante Nachwahl in Clacton

Er war der nächste auf der Liste des Establishments – nach Trump, Höcke und Le Pen. Nigel Farage steht in der Kritik wegen hoher Spenden aus dem Wahlkampf 2024. Der Brite dreht den Spieß um und macht sich selbst zum Objekt einer Volksabstimmung. Diesen Weg gibt es wohl nur im UK.

picture alliance / PA Images | Gareth Fuller

Es könnte ein weiteres Kapitel aus dem bekannten Strategiebuch der Anti-Populisten sein. Aber Nigel Farage, vielleicht der ausgekochteste Stratege der heutigen britischen Politik, hat die Sache umgehend umgedreht. „Farage gegen die Welt“, heißt es im Spectator.

Die Wahrheit ist: In der Politik wie im Leben sind manche gleicher. Das gleiche Verhalten wird dem einen angekreidet, dem anderen lässt man es durchgehen. Nigel Farage gehört als schlimmer Populist natürlich in die erste Gruppe des unbedingten Ankreidens, sobald es auch nur den Hauch eines Verdachts auf Fehlverhalten gibt. Da bringen andere Politiker noch ganze Legislaturperioden hinter sich, bevor sich vorsichtig erkundigt wird, was es denn mit einer gewissen Affäre auf sich hat. Die Stichworte „Maskendeals“ oder „Cum-Ex-Affäre“ reichen hier aus deutscher Sicht vollkommen aus.

Wenn eine Christine Lagarde Steuermillionen verschenkt, dann ist das offenbar nicht dasselbe, wie wenn eine andere Politikerin Fraktionsgelder für diejenige Partei einsetzt, die diese Fraktion unterhält. Und so darf Marine Le Pen ihren Wahlkampf beginnen, muss dabei allerdings eine elektronische Fußfessel tragen. Dieselbe ist nicht mehr als ein Symbol für die Missgunst des etablierten Parteiensystems gegenüber der Herausfordererin. Die Kandidatin der größten Partei steht sozusagen unter staatlicher Beobachtung.

Ähnlich war es mit Björn Höcke, dem eine intime Kenntnis von NS-Memorabilia unterstellt wurde, als ihm der Slogan „Alles für D.“ untersagt wurde. Ähnlich geht es im Deutschen Bundestag, wo jeder Hauch einer Respektlosigkeit eines AfD-Abgeordneten zu einer Rüge des Präsidiums führt, wo aber über AfD-Mitglieder gesagt werden darf, dass sie „quatschen“ oder „schwurbeln“ – als ob das der vielbeschworene „parlamentarische Ton“ wäre.

Die Gründe des Wirbels

Für die BBC fasst Redakteur Chris Mason den Wirbel um Farage so zusammen: „Große Geldsummen, nach Ansicht seiner Kritiker viel zu wenig Transparenz und eine Partei, die laut Umfragen als Favorit bei den nächsten Parlamentswahlen gilt.“ Das ist das Gemisch, das Farages Kritiker aufbringt, und seine Popularität spielt eine erhebliche Rolle dabei. Es geht auch um die Frage, was sich mit großen Geldsummen kaufen lässt. Aber echte Popularität dürfte kaum dazu gehören.

So beschränken sich die scharfen Kritiker darauf zu sagen, dass Farage die Zuwendungen eines Unterstützers hätte angeben müssen. Reform-Unterstützer George Cottrell war immerhin 2017 wegen Betrugs verurteilt worden, wie jetzt überall zu lesen ist. Außerdem gebe es laut Verhaltenskodex des Unterhauses gewisse Offenbarungspflichten für gewählte Abgeordnete, und an die hätte sich Farage nicht gehalten. Eine Untersuchung der Vorwürfe läuft.

Cottrell soll für Farages Sicherheit im Wahlkampf von 2024 gezahlt haben und ihm eine gemietete Immobilie in bester Lage zur Verfügung gestellt haben. Die Sicherheit prominenter Politiker, die kein öffentliches Amt haben, kann problematisch sein. Zudem soll man Cottrell den „Stabschef“ der Farage-Kampagne von 2024 genannt haben – ein etwas übertriebener Begriff für den Zuarbeiter eines Politikers, der sich gerade erst um einen Parlamentssitz bewarb.

Ein Reform-Sprecher erklärt aktuell, dass Cottrell nie eine offizielle Rolle in der Reform-Partei gehabt habe, vielmehr ein „unbezahlter Freiwilliger“ gewesen sei so „wie viele tausend Parteimitglieder“. Kleinigkeiten werden nun auch angeführt wie die Behauptung, Cottrell habe ein paar Landrover für den Wahltag im Juli bereitgestellt oder ein Essen mit potentiellen Spendern im Dezember 2024 bezahlt.

Farage gibt den Wählern das Wort

Farage erwidert seinen Kritikern, er habe „nichts Unrechtes getan“, sich an alle Regeln gehalten. Für den führenden Oppositionspolitiker ist all das nur eine Verleumdungskampagne des Establishments, ein sogenannter „hit job“. Schon zuvor hatte ein Geschenk des in Thailand ansässigen britischen Krypto-Investors Christopher Harborne in Höhe von fünf Millionen Pfund an Farage für Aufsehen und eine Untersuchung gesorgt. Der Reform-Anführer beharrt: „Das Establishment ist anscheinend zu dem Schluss gekommen, dass es uns nicht auf faire Weise besiegen kann. Daher verfällt es jetzt auf unlautere Mittel.“ Farages ernsteste Warnung an die Wähler von Clacton: „Wenn ich verliere, dann gewinnen sie.“ Und das könne ja wohl keiner wollen.

Trotzdem erhält man den Eindruck, dass Farage in der Sache gehörig unter Druck steht. Das scheint auch die Niederlegung seines Mandats zu zeigen, auch wenn Farage die Sache zugleich virtuos gedreht hat, indem er umgehend seine erneute Kandidatur bei der kommenden Nachwahl angekündigt hat. Seine Wähler sollen entscheiden, ob an den Vorwürfen etwas dran ist oder nicht. Das ist nur im britischen Direktwahl-System denkbar.

Farages Mandatsniederlegung hat noch einen weiteren Vorteil: Er kauft sich Zeit, denn die Untersuchung zu den Spenden wird damit ebenfalls pausiert. Für Keir Starmer ist die Sache eindeutig: „Es ist offensichtlich, warum er das tut. Er steckt bis zum Hals in schmutzigen Machenschaften.“ Aber da redet der Rechte: Two-tier Keir, der Berufer Lord Mandelsons, der schon immer unfähig zur Aufklärung des Grooming-Gangs-Skandals war.

Experiment mit dem anti-anti-populistischen Strategiebuch

Eine weitere Dimension gewinnt das Geschehen aus innerparteilicher Reform-Sicht. Denn die Partei hatte zuletzt etwas an Zuspruch eingebüßt. Von über 30 Prozent in den Umfragen ging es in ein kleines Tal in Richtung 25 Prozent. Das würde bei einer Wahl vermutlich Sitze kosten, und so ist die (sinngemäße) Aussage von Farage überliefert: „Es ist an der Zeit, meine eigenen Eier aufs Spiel zu setzen.“ Im Telegraph glaubt Brexit-Unterhändler David Frost, dass die Nachwahl „Reform einen zusätzlichen Schub an politischem Treibstoff geben könnte“, der der Partei zuletzt fehlte, stets unter der Frage: „Auf wessen Seite steht ihr – Eliten oder Volk?“

Ist also alles nur eine Inszenierung für mehr und neue Aufmerksamkeit für Reform UK? Weniger Sorgen bereitet bisher die rechte Konkurrenz von Restore Britain, die bei bis zu sieben Prozent gemessen wird, aber normalerweise eher bei drei. In einer neueren Umfrage von Ende Juni standen Labour, Tories und Reform sämtlich bei 21 Prozent. Den Nicht-Farage-Wählern ist anscheinend klar geworden, dass sie mit Stimmen für die Grünen oder die Lib Dems nichts bewirken werden. Es braucht also neue Wahlkampfmunition, auch aus Reform-UK-Sicht.

„Was in Clacton passiert, hat keine Parallele in unserem Königreich“, meint Brendan O’Neill im Spectator zu der von Farage ausgelösten Nachwahl. O’Neill beklagt weniger den Schachzug von Farage als die Reaktion seiner Konkurrenten. Denn die haben sich – von Labour bis zu Restore – gegen den Reform-Anführer ‚verschworen‘ und wollen keine Kandidaten gegen ihn aufstellen. Das ist das aktuelle Pendant zur Brandmauer im UK. Es wird vermutlich dazu führen, dass Farage fast allein auf dem Wahlzettel stehen wird. Die Grünen könnten antreten, daneben der Außenseiter und satirische Kandidat „Count Binface“, eigentlich Jonathan David Harvey, der angekündigt hat, gegen Farage in seinem Wahlkreis Clacton anzutreten.

Der fiktive Graf macht seinem Namen alle Ehre und erscheint auf Bildern nur mit einer riesigen glänzenden Mülltonne auf dem Kopf, die ihm als eine Art mittelalterlicher Helm dient. 2019 und 2023 war Binface („Tonnengesicht“) gegen Boris Johnson in dessen Wahlkreis angetreten, 2024 dann gegen Rishi Sunak und dieses Jahr gegen Andy Burnham in Makersfield. Das Rezept wird klar. Angeblich geht es Harvey/„Count Binface“ um die Mobilisierung der Wähler und darum zu zeigen, dass „die britische Demokratie wundervoll ist“. Im spleenigen Britannien hält man einen Sieg des „Grafen“ gegen Farage freilich für möglich.

Niemand weiß nun, wie die Sache für Farage ausgehen wird. Vermutlich wird er seinen Wahlkreis gewinnen können, so fast ganz ohne Mitbewerber. Nigel Farage macht derzeit jedenfalls sein Experiment mit Donald Trumps anti-anti-populistischem Strategiebuch.

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Kommentare ( 7 )

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Raul Gutmann
52 Minuten her

„Maskendeals“ oder „Cum-Ex-Affäre“

… sind das eine, massiv staats- und volksschädigende Politik wie Abschaffung der D-Mark, die „Energiewende“ mit all ihren Facetten als auch die Merkel’sche Grenzöffnung 2015 sind das andere, das schlimmere.

…mit Björn Höcke, dem eine intime Kenntnis von NS-Memorabilia unterstellt wurde, als ihm der Slogan „Alles für D.“ untersagt wurde

Hoffentlich erkennen die Leser vorstehende Ironie. Der NS/SA-Bezug entspringt der Phantasie des Oberlandesgerichts Hamm. Dieses setzte 2009 in einem Urteil wg. Körperverletzung jene Behauptung begründungsfrei in die Welt, die seitdem durch die strafrechtlichen Kommentare geistert.

maik litoris
56 Minuten her

Da Engländer über manchmal kruden Himor verfügen ist es im Bereich des Möglichen, das „Binface“ gewinnt, „for shits & giggles“. Martin Sonneborn sitzt auch im EU Parlament.

alter weisser Mann
1 Stunde her

„Denn die Partei hatte zuletzt etwas an Zuspruch eingebüßt. Von über 30 Prozent in den Umfragen ging es in ein kleines Tal in Richtung 25 Prozent.“
Das ist erstmal framing, denn von 30 auf 25 ist erstmal nur hangabwärts. Ein Tal wird es erst, wenn es auf der anderen Steite hochgeht (Ein Tal ist ein Einschnitt zwischen zwei Erhebungen.), Reform UK steht aber immer noch bei 25%.

Kraichgau
1 Stunde her

die „hit-pieces“ in allen europäischen Ländern kommen immer mit sehr viel Detailkenntnissen,die immer reichlich nach staatlichen Informationen müffeln.
Es dürfte nicht überraschen,das die Altparteien Europaweit Konkurrenz hassen und mit ALLEN Mitteln bekämpfen.
Ich denke,Farage macht das Richtige,er lässt sich wählen

Haba Orwell
1 Stunde her

> Der fiktive Graf macht seinem Namen alle Ehre und erscheint auf Bildern nur mit einer riesigen glänzenden Mülltonne auf dem Kopf, die ihm als eine Art mittelalterlicher Helm dient.

Unglaublich „seriös“, diese britische Politik – und die übrige Welt soll so etwas ernst nehmen? Die Britenden Personen:innen (m/w/d/x) können jetzt zeigen, ob die wirklich einen Politikwechsel weg vom Suizid wollen.

thinkSelf
1 Stunde her

Gehen wir mal davon aus das Reform 25-30% der Wähler erreichen kann und die rechte Konkurrenz 3-7%. Dann ergibt sich daraus das weiterhin eine Zweidrittelmehrheit der Briten mit dem Untergang ihres Landes höchst einverstanden ist.
Wir haben mit den Briten doch mehr gemeinsam als die Meisten zugeben würden.

Autour
1 Stunde her

Jaja die Spenden… ach es ist doch schön, dass man so ein Konstrukt in der Hand hat um unliebsame Menschen zu besudeln….
schon lustig, dass man auf der einen Seite eine Partei bestraft weil sie Spenden aus dem Ausland (Was scheinbar in Dummland nicht so erlaubt is) annahm, diese dann aber wieder zurück überwies und TROTZDEM verknackt wurde dafür zu blechen ….Während andere Gleichere Politiker 100000ende in privaten Schliessfächern haben, sich als kleiner Bankkaufmann…Immobilien im Werte von mind. 4Mio. € kaufen … mit Koffern voller Geld durch Deutschland tingeln… ect. pp.