1976 hat sich Oskar Brüsewitz (1929-1976) öffentlich verbrannt. Daraus entwickelte sich eine Schlacht um die Deutungshoheit zwischen Ost und West und auch innerhalb der Kirche. Die DDR-Diktatur benutzte Manfred Stolpe (1936-2019) aus der Kirchenleitung, um die Kirche auf Staatslinie zu bringen. Eine Analyse
IMAGO / Dirk Sattler
Am Mittwoch, den 18. August 1976, hatte sich Oskar Brüsewitz im Talar auf dem Marktplatz der Stadt Zeitz im Süden von Sachsen-Anhalt verbrannt. Brüsewitz war Familienvater, Kleinbauer im Nebenerwerb und Pfarrer mit den bestbesuchten Gottesdiensten im Kirchenkreis. Mit einer Milchkanne hat er 20 Liter Benzin über sich ausgekippt und sich dann mit einem Streichholz angezündet. Diese öffentliche Selbsttötung vor ca. 150 zufälligen Passanten und in Sichtweite der Räumlichkeiten seines kirchlichen Vorgesetzten war durch ein Transparent an seinem Auto als politische Aktion gekennzeichnet: „Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“ In der Tat war das DDR-Schulwesen mit seiner ideologischen Propaganda und der eklatanten Benachteiligung von christlichen Schülern ein großes Übel.
Schon seit längerem hatte Brüsewitz den Christen und den Kirchen in der DDR vorgeworfen, dass sie viel zu zurückhaltend und zu „doppelzüngig“ gegenüber dem Staat wären, der sich in vielen Bereichen als Macht der Finsternis gebärde. Brüsewitz kämpfte offensiv und kreativ für den christlichen Glauben gegen die atheistische Staatswahrheit und forderte seine Pfarrkollegen und Gemeindeglieder auf, es ebenso konsequent zu tun. Damit brachte er Unruhe in seine Kirche, in der unter den Gemeindegliedern und Pfarrkollegen genügend „progressive“ Freunde der sozialistischen Ideen waren. Es ist die Frage, ob ein Mensch, der sich für den offensiven Kampf gegen eine Diktatur entscheidet, dies auch von anderen einfordern darf.
Während die Stasi bis 1989 jede Recherche über Brüsewitz verhinderte, enttäuschten die kirchlichen Personalakten nach der Wende, die aufgrund kircheninterner Vermerke an entscheidenden Stellen ausgedünnt waren. Doch jetzt hat Professor Wolfgang Stock die Akten der Volkspolizei im Landesarchiv Sachsen-Anhalt einsehen dürfen. Die Volkspolizei hatte in Zusammenarbeit mit der Stasi über Jahre den Auftrag gehabt, den Einfluss von Brüsewitz „zurückzudrängen“, ihn „politisch zu isolieren“ und ihn „durch Zersetzungsmaßnahmen mürbe“ zu machen. Zum Repertoire der Stasi gehörten anonyme Briefe gegen Brüsewitz an die Kirchenleitung und wahrscheinlich auch die Brandstiftung seiner Pfarrscheune. Der Brand konnte vor der Ausweitung auf das Pfarranwesen gelöscht werden, da „zufällig“ die Feuerwehr gerade unterwegs war und den Brand unmittelbar löschen konnte. Die Feuerwehr fragte Brüsewitz zuvor noch, ob sie den Brand löschen solle oder ob Brüsewitz lieber auf Regen von Gott warten wolle.
Professor Stock hat recherchiert, dass der engagierte Brüsewitz sich im Dezember 1975 mit einer Petition direkt an DDR-Staatschef Erich Honecker gewandt hat zwecks Begnadigung eines sechsfachen Familienvaters vor dem Weihnachtsfest. Brüsewitz hatte Honecker angeboten, stellvertretend für den Mann die Haftstrafe abzubüßen. Damit geriet Brüsewitz noch zusätzlich in das Visier der höchsten SED-Ebene, die diese Aktion als grenzüberschreitend und „unerhört“ angesehen hat. Nun wurde massiv mit den Partei- und Staatsorganen Druck auf die Kirche ausgeübt, Brüsewitz zu versetzen oder in den Westen abzuschieben.
Die Kirche hatte sich den Wunsch des Staates zu eigen gemacht und Brüsewitz eine Versetzung „vorgeschlagen“. Vielleicht wäre das die Möglichkeit eines weniger verbissenen Neuanfangs gewesen. Doch Brüsewitz reagierte zurückhaltend. Die bevorstehende Zwangsversetzung war sicherlich auch ein Motiv für seine Selbstaufopferung. Wolf Biermann, der später 1976 aus der DDR ausgewiesen wurde, spielte wohl auf Oskar Brüsewitz an, als er in einem Gottesdienst in Prenzlau sagte, dass es neben der Flucht in die BRD und neben der Flucht ins Private noch eine dritte Möglichkeit der „Republikflucht“ und des „Abhauens“ gäbe: den Tod.
Was nach der Selbstverbrennung geschah, ist ein Lehrstück über die SED-Diktatur und ihre willigen Helfershelfer:
Plan A der SED-Führung war, die ganz Sache im Keime zu ersticken und jegliche Öffentlichkeit über Brüsewitz zu unterdrücken. Dass sich im Sozialismus als quasi paradiesischer Gesellschaftsform ein Mensch aus politischen Gründen öffentlich verbrennt, das hat die DDR-Führung als „Angriff auf die DDR“ emfpunden; der SED-Staat war in hohem Maße beunruhigt. Die noch am gleichen Tag eingeleiteten Verhöre der Familie Brüsewitz und viele der 150 Augenzeugen ergaben, dass Brüsewitz ein Einzeltäter war. Das erhöhte die Chance, die Sache unter den Teppich kehren zu können.
Allerdings musste der SED-Staat damit rechnen, dass der Westen ihm da einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Die Stasi bekam mit, dass ein mit Brüsewitz befreundeter Pfarrer Kontakt mit dem Westen aufgenommen hatte. Auch waren unter den 150 Augenzeugen einige aus dem Westen. Für den Fall der Veröffentlichung des „Weckrufs von Zeitz“ durch westliche Medien musste der SED-Staat einen Plan B in der Schulblade haben.
Nach Plan B sollten die Medien der DDR der westlichen Propaganda energisch widersprechen und den Fall Brüsewitz so darstellen:
- Das war keine politische Tat, sondern der „Selbstmord eines Verzweifelten“.
- Brüsewitz soll als unnormaler, komischer und psychisch angeknackster Mensch charakterisiert werden.
- Die Kirche selber distanziert sich von diesem Pfarrer.
- Brüsewitz werde unberechtigterweise vom Westen für „verleumderische Hetze“ gegen die DDR instrumentalisiert.
An den Tagen zwischen dem noch aufrechterhaltenen Plan A und dem eventuell notwendigen Plan B kommt Oberkirchenrat Manfred Stolpe ins Spiel. Stolpe hatte für die Beziehung zwischen DDR-Staat und DDR-Kirche die entscheidende Position inne. Er war als Kirchenjurist der Chef des „Sekretariats des Bundes der Evangelischen Kirche in der DDR“. Stolpe war damit die einflussreichste Brücke zwischen Staat und Kirche. An dieser Position konnte es nur ein Mensch aushalten, der die Gabe hatte, ein Taktiker auf der Rasierklinge zu sein.
Einen Tag nach der Selbstverbrennung von Brüsewitz, von der Stolpe durch staatliche Seite informiert und gebrieft wurde, verfasste er am Donnerstag, den 19. August 1976 ein Schreiben und ließ dieses per Eilboten den Bischöfen, Oberkirchenräten und dem Kirchenpräsidenten in der DDR persönlich zukommen. In diesem Schreiben von Stolpe werden exakt die Inhalte von Plan A und von Plan B des SED-Staates unter die Kirchenelite gebracht.
Stolpe stellt klar, dass alles noch vertraulich ist und noch nichts an die Öffentlichkeit gelangen darf (Plan A der SED). Stolpe schreibt an die Kirchenfürsten: „Wir halten eine vertrauliche Information der Leitungen für möglich, sofern sichergestellt ist, dass die Information nicht an die Öffentlichkeit gelangt.“
Für den eventuell nötigen Plan B werden die Kirchenfürsten aber durch das Schreiben von Stolpe bereits auf die Parteilinie eingeschworen:
Erstens: Stolpe nennt die Selbstverbrennung von Brüsewitz ganz im Sinne der Parteilinie die „Verzweiflungstat eines Einzelnen“.
Zweitens: Stolpe stellt den Charakter von Brüsewitz negativ dar: Er handelte „oft im Alleingang“, er neigte „zu außergewöhnlichen Methoden“, „er hatte in seinem Leben schwere Erlebnisse“. „Massive Auseinandersetzungen mit den örtlichen Organen, der Brand seines Schafstalls, anonyme Briefe dramatisierten die Situation in den letzten Monaten.“
Stolpe schreibt, dass Brüsewitz mit Pferd und Wagen folgende Parole durch die Dörfer und die Kreisstadt gefahren hätte: „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott.“ Stasi-Aufzeichnungen belegen aber eindeutig, dass die Parole in Wirklichkeit so gelautet hat: „Kirche in Not. Kehre zurück. Wir beten um geistigen und irdischen Regen, ohne Gott geht die ganze Welt kaputt.“ Bei der Parole von Brüsewitz steht die Kirche im Zentrum der Kritik, die zur Buße aufgefordert wird und die unbedingt das Gebet um neuen geistigen Regen braucht. Durch die verkürzte Art der Zitierung durch Stolpe wird die Aussage von Brüsewitz entstellt und vor allen Kirchenfürsten ins Lächerliche gezogen.
Drittens: Stolpe schreibt, dass Brüsewitz wegen seiner Probleme versetzt werden sollte: „Ein Vertreter der Kirchenleitung vereinbarte deshalb mit Pfarrer Brüsewitz am 25.7.76, dass für ihn einen neue Pfarrstelle gesucht werden sollte.“ Damit kommt Stolpe der SED-Linie nach, dass Brüsewitz auch von der eigenen Kirche als problematisch angesehen wurde. Dass die Versetzungsabsichten durch maximalen staatlichen Druck zustande gekommen waren (siehe oben), schreibt Stolpe natürlich nicht.
Viertens: Dann brieft Stolpe die Kirchenfürsten im Blick auf eventuelle westliche Instrumentalisierungen: „Falls der Vorgang westlichen Massenmedien bekannt ist, ist mit massiver Anti-DDR-Propaganda zu rechnen, die eine aus tragischen Verwicklungen entstandene Verzweiflungstat eines Einzelnen generalisieren und zur Hetze auch gegen die Kirchenleitungen in der DDR missbrauchen wird.“
Stolpes Brief an die Kirchenfürsten enthält alle vier Leitlinien, um die die DDR-Medien kreisen, nachdem am Samstag nach der Selbstverbrennung von westlichen Medien die Schlacht um die Deutungshoheit dieses Geschehens offiziell eingeläutet wurde. Der Kirchenmann Stolpe hat sich für den offensiven Kämpfer Brüsewitz nicht die Hände schmutzig gemacht. Er bückte sich in diesem Fall willig vor den parteilichen Vorgaben. Als Taktiker auf der Rasierklinge wird er dafür vielleicht an anderer Stelle etwas Positives für die Kirche herausgehandelt haben. Kirchenleitungen sind gerade im Staat-Kirche-Verhältnis der beste Nährboden für allerlei Taktiererei. Leider haben taktische Spiele oft einen hohen Preis.
Es ist charakteristisch, dass ausgerechnet die ausgefuchsten Taktiker wie Stolpe nach der Wende politische Karriere gemacht haben. Taktik in der DDR gelernt, ist wirklich gelernt. Manfred Stolpe war von 1990 bis 2002 Ministerpräsident von Brandenburg und von 2002 bis 2005 Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen.
2006 adelte Stolpe aus sicherer Distanz den Pfarrer mit einer Aussage, die unter den neuen gewendeten Rahmenbedingungen taktisch klug war: „Oskar Brüsewitz war ein Vorbote des Systemwechsels.“


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