Nigel Farages Reform UK feiert bei Kommunalwahlen Erdrutschsiege und pulverisiert alte Labour-Hochburgen. Premier Keir Starmer wird deklassiert und schaut zu, wie seine Partei Sitze, Räte und den Anspruch auf politische Führung verliert.
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Keir Starmer wollte Großbritannien verändern. Nun verändert Großbritannien erst einmal Labour. Bei den Kommunalwahlen im Vereinigten Königreich hat Starmers Partei die Kontrolle über wichtige Räte verloren, während Nigel Farages Reform UK in traditionelle Labour-Hochburgen vordringt, die über Jahrzehnte als nahezu sichere Gebiete der Arbeiterpartei galten. Was Briten „Red Wall“ nennen, lässt sich für deutsche Leser nüchterner sagen: alte Labour-Stammlande bröckeln. Ebenso wie in Deutschland, wo SPD-Wähler Richtung AfD abwandern.
In 136 Kommunalbehörden wurden am 7. Mai mehr als 5.000 Ratsmandate gewählt. In den frühen Morgenstunden des 8. Mai, als erst rund ein Drittel ausgezählt war, hatte Reform UK bereits mehr als 300 Sitze hinzugewonnen. Labour verlor über 220, die Konservativen mehr als 100. Sieben Räte waren Labour da schon entglitten, weitere Ergebnisse standen noch aus. Für eine Regierungspartei ist das kein Warnsignal mehr, sondern ein kommunaler Räumungsbescheid.
Starmer reagierte darauf im üblichen Ton politisch schwammiger Schadensbegrenzung, wie man sie hierzulande von ratlosen SPD-Granden kennt. Am 8. Mai schloss er in West-London seinen Rücktritt aus. Er übernehme „Verantwortung“ für die Niederlagen, werde sein Fünfjahresmandat aber nicht aufgeben. Warum auch, dann wäre er politisch endgültig weg vom Fenster und könnte keinen weiteren Schaden mehr für die britische Bevölkerung anrichten. Verantwortung ist in solchen Momenten offenbar ein Wort, das man ausspricht, damit niemand auf die Idee kommt, sie müsse Folgen haben.
Besonders demütigend für Labour ist der Einbruch in den eigenen Stammlanden. In Tameside im Bereich Manchester, behielt Labour zwar 25 Sitze, verlor aber 14. Reform UK holte 19 Sitze und gewann 18 hinzu. In Redditch südlich von Birmingham fiel Starmers Partei nach fünf Verlusten auf 13 Ratsmitglieder, Reform kam auf acht. Das ist keine Randkorrektur, das ist ein Wählerbrief an eine Partei, die ihre alten Milieus offenbar nur noch aus historischen Wahlkarten kennt.
In Tamworth in Mittelengland sank Labour nach einem Verlust auf 14 Sitze, Reform kletterte nach neun Zugewinnen auf zehn. Noch härter traf es Labour in Hartlepool im Nordosten Englands. Dort lagen Labour und Reform mit jeweils 15 Räten gleichauf. Labour verlor sechs Sitze, Reform gewann elf. Wo Labour früher fast automatisch gewann, muss die Partei jetzt zählen, hoffen und erklären.
Reform UK gewann zudem in Newcastle-under-Lyme in West-Mittelengland seine erste absolute Mehrheit des Abends und eroberte im Osten Londons Havering. Die Partei sprach von einer historischen Neuordnung. Bei Farage klingt vieles nach Fanfare. Diesmal liefern ihm die Ergebnisse die Begleitmusik.
Labour konnte noch einige Bastionen halten. Reading blieb mit 29 Sitzen bei Labour, Plymouth mit 31. Auch die Londoner Boroughs Ealing mit 46, Hammersmith & Fulham mit 38 und Merton mit 32 blieben in Labour-Hand. In Oxford kam Labour auf 20 Sitze, die Grünen auf 13. In Southampton verlor Labour sieben Mandate und fiel auf 24, Reform erreichte acht, Grüne und Konservative kamen jeweils auf sechs. Das ist der Restbestand einer Partei, die sich an Inseln klammert, während ihr Festland wegbricht.
Auch von den Konservativen gab es an diesem Abend stellenweise wieder Lebenszeichen. In Wandsworth im Süden Londons gewannen sie auf Kosten Labours hinzu. Der Borough fiel in keine Gesamtkontrolle mehr, mit 29 Tory-Sitzen gegen 28 für Labour. Westminster City Council holten die Tories von Labour zurück, ihr erster solcher Gewinn des Abends. Harlow schienen sie mit 22 Räten zu halten, Broxbourne in Hertfordshire mit einer Mehrheit von 24. Selbst eine angeschlagene frühere Regierungspartei kann gegen Starmers Labour plötzlich wieder wie eine Alternative aussehen.
Starmer sprach vor lokalen Aktivisten von sehr schmerzhaften Ergebnissen. „Die Ergebnisse sind hart, sie sind sehr hart, und es gibt nichts zu beschönigen“, sagte er. „Tage wie dieser schwächen nicht meine Entschlossenheit, den Wandel zu liefern, den ich versprochen habe.“ Ja, sowas hat man schon befürchtet. Der Verlust von Labour-Ratsmitgliedern „schmerzt, und er sollte schmerzen, und ich übernehme Verantwortung“, erklärte er weiter. Gleichzeitig wolle er nicht „weggehen und das Land ins Chaos stürzen“. Fast die wortgleiche Begründung, mit der Lars Klingbeil und Bärbel Bas nach dem SPD-Desastern der Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vor die Mikros traten, wobei beide kaum noch ihre spack sitzenden Jackets zuknöpfen konnten.
Der Mann, unter dem Labour gerade reihenweise Räte verliert, präsentiert also seinen Verbleib als Dienst an der Ordnung.
Seine Verteidigung ist das Mandat von 2024. Er habe die Partei zu einem Wahlsieg geführt, sagte Starmer, zu einem „Fünfjahresmandat“, das Land zu verändern. Hat er doch. Und nicht zum besseren. Aber so ein Vernichtungszug will ja noch konsequent abgeschlossen werden.
Er wolle seine Amtszeit beenden und bei der nächsten Parlamentswahl erneut antreten. Na denn man tau. Das klingt nach Staatsmann. In Wahrheit klingt es nach einem Regierungschef, der sich an einem alten Triumph festhält, während ihm die aktuellen Wähler gerade die Quittung auf den Tisch legen.
Innerhalb Labours wird der Ärger sichtbarer. Daren Hale, Vorsitzender der Labour-Gruppe in Hull, wo die Partei sieben Sitze verlor, sagte der BBC: „Ich wünsche Keir Starmer nichts Schlechtes, aber ich denke, dass er letztlich nicht die richtige Person für die Aufgabe ist, uns auf die nächste Stufe zu bringen.“ Rebecca Long-Bailey, Labour-Abgeordnete für Salford und 2020 Kandidatin für den Parteivorsitz, erklärte, Labour habe viele wirklich gute Ratsmitglieder und Kandidaten verloren wegen dessen, was die Partei national in einer Reihe von Fragen getan habe.
Der Druck auf Starmer war bereits vor dieser Wahlnacht gewachsen. Der Mandelson-Skandal beschädigte ihn zusätzlich. Lord Peter Mandelson war trotz seiner Freundschaft mit dem verstorbenen pädophilen Finanzier Jeffrey Epstein zum britischen Botschafter in Washington ernannt worden. Im September 2025 wurde Mandelson entlassen, nachdem E-Mails veröffentlicht worden waren, die diese Beziehung detailliert beschrieben. Im Februar 2026 forderte der schottische Labour-Chef Anas Sarwar öffentlich Starmers Rücktritt. Er war die ranghöchste Figur der Partei, die diesen Schritt verlangte.
Farage musste an diesem Abend wenig tun, um groß zu wirken. Das Land erlebe eine „historische Verschiebung in der britischen Politik“, sagte er, die traditionell von Labour und den Konservativen dominiert worden sei. „Wir sind jetzt die nationalste aller Parteien. Wir sind gekommen, um zu bleiben“, erklärte er vor Reportern. Für Labour ist dieser Satz besonders bitter, weil Reform nicht nur Tory-Wähler sammelt, sondern mitten in Labour-Gebiete hineinläuft.
Reform UK wurde 2018 als Brexit Party gegründet und 2021 umbenannt. Ihren Aufstieg baut die Partei auf Widerstand gegen Migration, Kritik an Netto-Null-Klimapolitik und dem Versprechen auf, lokale Diversitätsprogramme abzubauen. Im Mai 2025 gewann sie ihre ersten Räte. Nun wirkt daraus eine landesweite Kraft. In sozialen Medien erklärte Reform, Labour-Wähler wechselten direkt zu ihr. Die Partei breche durch die alten Labour-Hochburgen in einer Weise, die weder Meinungsforscher noch Kommentatoren vorhergesagt hätten.
Die englischen Kommunalwahlen waren nur ein Teil dieses politischen Großkampftages. Gleichzeitig wurde das schottische Parlament in Holyrood mit 129 Sitzen gewählt. In Wales debütierte ein erweitertes Wahlsystem, durch das der Senedd in Cardiff auf 96 Vertreter wächst. Die Auszählung in beiden Regionalparlamenten sollte am Morgen des 8. Mai beginnen.
Schon vor der Wahl deuteten Umfragen darauf hin, dass Labour die Kontrolle über den Senedd erstmals seit der Devolution verlieren könnte. Reform und Plaid Cymru wurden Zugewinne zugetraut. In Schottland wurde die regierende Scottish National Party weiter als stärkste Partei erwartet, während Labour und Reform um Platz zwei konkurrierten. Für Starmer ergibt sich daraus ein ziemlich klares Bild: In England bricht Labour in alten Hochburgen ein, in Wales wackelt die Machtbasis, in Schottland droht der Kampf um Rang zwei. Und in London erklärt der Premier derweil, er übernehme Verantwortung. Wie praktisch, dass dieses Wort in der Labour-Zentrale offenbar folgenlos geliefert wird.

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Starmer, Macron, Merz, von der Leyen. Die bleiben, bis ihre Mission, der Bevölkerungsaustausch, komplett vollzogen und die Länder Bankrott sind. BlackRock hat Zeit….
Leider ist zu befürchten, dass überall wo die Reform-UK/Farage-Partei gewinnt, der Effekt ähnlich dem Effekt durch den Brexit für das ganze Land sein wird. Beschleunigter Niedergang bei dem die Talsohle noch im Nebel bleibt. Starmer hat zuviel vermurkst und wird dafür abgestraft. Farage kann bestenfalls noch mehr Murks.