Was ist wirkungsvoller als eine Atombombe? Ein Sprengsatz namens Weltwirtschaft

In der aus dem Kalten Krieg stammenden Nachkriegsordnung gab es immer wieder Kriege und gewaltsam ausgetragene Konflikte, aber keinen mit einer vergleichbaren Wirkung wie der in der Ukraine und der im Iran. Der Iran hat mit der Weltwirtschaft einen Sprengsatz in der Hand. Bleibt nur zu hoffen, dass dieser Krieg möglichst schnell endet.

IMAGO / ZUMA Press Wire

Jeder Krieg beginnt mit den Entscheidungen von Präsidenten oder Premierministern. So war das am 24. Februar 2022 in Moskau und am 28. Februar dieses Jahres in Washington. Die beiden Staatspräsidenten Wladimir Putin und Donald Trump erteilten den Angriffsbefehl zur Anwendung militärischer Gewalt gegen die Ukraine und den Iran. Beide Kriege haben tiefgreifende Auswirkungen auf den Rest der Welt. Vor fünf Jahren hätte kaum jemand mit einer solchen Entwicklung gerechnet.

In der aus dem Kalten Krieg stammenden Nachkriegsordnung gab es zwar immer Kriege und gewaltsam ausgetragene Konflikte, aber keinen mit einer vergleichbaren Wirkung. In den folgenden Zeilen geht es nicht darum, die Kriegsursachen und die Motive der Akteure zu untersuchen. Vielmehr soll der Versuch unternommen werden, diese beiden großen Kriege unter Beteiligung zweier Großmächte zu vergleichen. Vergleichen heißt nicht, moralische und politische Urteile zu fällen, sondern Ähnlichkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten.

Angriffskriege mit politischem Risiko

Putin und Trump begründeten ihre Angriffsbefehle in zwei bemerkenswerten Ansprachen. Der russische Präsident drei Tage vor dem Angriff auf die Ukraine, sein amerikanischer Kollege nach Eröffnung der Feindseligkeiten am 28. Februar 2026. Putin argumentiert historisch, Trump moralisch.

Jenseits dieser in der Persönlichkeitsstruktur zu findenden Unterschiede ist bei beiden Präsidenten eine Gemeinsamkeit festzustellen. Sie mussten einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg rechtfertigen, der ein großes politisches Risiko beinhaltete. Es zerstört die Glaubwürdigkeit beider Mächte in einem internationalen System, das auf Stabilität angewiesen ist. Es geht dabei nicht um die Durchsetzungsfähigkeit des Völkerrechts zur Verhinderung von Kriegen. Die hat es nie gegeben, sondern um das Vertrauen aller Akteure in das Handeln von Staaten. Dieses Reputationsrisiko konnten Putin und Trump nur mit der Aussicht auf einen schnellen Sieg eingehen, der die politische Landkarte dauerhaft zu ihren Gunsten verändert. Dem Rest der Welt wäre kaum etwas anderes übriggeblieben, als das zu akzeptieren.

Beide scheiterten allerdings. Putin und Trump konnten keine Regimewechsel in Kiew und Teheran erzwingen. Ihre militärischen Kalküle waren Ausdruck von Wunschdenken und sie mussten nach diesen Niederlagen mit den Konsequenzen umgehen. Russland wurde von den westlichen Staaten sanktioniert, brauchte Monate, um sich militärisch und wirtschaftlich zu stabilisieren. Die Vereinigten Staaten hatten zwar mit der Ermordung der iranischen Staatsspitze ihr taktisches Ziel erreicht, aber strategisch wurde der Angriff zum Fiasko. Die Stabilität des Regimes war ungebrochen, militärisch konnte es sich behaupten.

Rote Linien

Als politisch isolierte Staaten hätten sich weder die Ukraine noch der Iran behaupten können. Sie wären militärisch ohne die Unterstützung anderer Großmächte chancenlos gewesen. In der Ukraine waren das die Vereinigten Staaten und im Iran Russland und China. Sie wurden nicht in direkte Kampfhandlungen verwickelt, konnten aber mit Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen die Widerstandsfähigkeit ihrer Verbündeten stabilisieren. Es wurde zum klassischen Szenario von Stellvertreterkriegen. An diesem Punkt werden zugleich die Unterschiede erkennbar.

Im Ukraine-Krieg wird zwar häufig vom Versagen der Diplomatie gesprochen, weil ein Kriegsende bis heute nicht zu erreichen war. Aber in einem Punkt konnte man von einem Erfolg reden: Die Vereinigten Staaten und Russland beendeten zu keinem Zeitpunkt die Kommunikation, vielmehr akzeptierten sie die roten Linien des Gegners. Es gab keine direkte militärische Intervention Washingtons zugunsten Kiews, was geheimdienstliche Aktivitäten nie ausschloss. Die Biden-Regierung sorgte mit ihrer Unterstützung für ein Gleichgewicht der Kräfte, aber es gab nie den ernsthaften Versuch, Russland militärisch zu besiegen. Im Gegenzug verzichtete Moskau auf Angriffe auf westliche Nachschublinien oder den Einsatz von taktischen Atomwaffen. So entwickelte sich ein seit vier Jahren andauernder Abnutzungskrieg an einer 1.200 Kilometer langen Frontlinie.

Der Krieg wurde horizontal und vertikal begrenzt. Er blieb auf das Territorium der Ukraine und Russlands begrenzt, die militärischen Mittel entsprachen der konventionellen Kriegsführung. Auch die ökonomischen Folgen hielten sich in überschaubaren Grenzen. Zwar gab es zu Beginn des Krieges Panik an den Energiemärkten, weil die Zukunft russischer Öl- und Gaslieferungen gefährdet schien. Tatsächlich beruhigten sich die Märkte mit der Gewissheit, dass diese nicht in Gefahr waren. Die westlichen Sanktionen waren mit einer Ausnahme weitgehend wirkungslos geblieben. Die betrafen das deutsche exportorientierte Industriemodell, das nicht nur mit steigenden Energiepreisen kämpfen musste, sondern mit Russland ein wichtiger Handelspartner verloren ging. Dessen Zerfall ist keineswegs dem Krieg anzulasten. Die Energiewende und der Staatsinterventionismus waren nicht in Moskau angeordnet worden, um die deutsche Volkswirtschaft in die Knie zu zwingen.

Der Konflikt mit dem Iran verlief bis vor wenigen Tagen in vergleichbaren Bahnen. Es gab zwar schon seit dem Jahr 2024 eine direkte militärische Konfrontation zwischen Israel und dem Iran, die erstmals auch das jeweilige Territorium einbezog. Aber diese Angriffe blieben selbst im sogenannten 12-Tage-Krieg vom 13. bis zum 24. Juni 2025 in einem definierten Rahmen. Die USA beschränkten sich auf einen Angriff auf iranische Nuklearanlagen am Ende des Krieges, der Iran vermied die Ausweitung des Krieges auf seine Nachbarstaaten. Er griff lediglich als Reaktion auf diesen Angriff einen amerikanischen Stützpunkt in Katar an, informierte aber vorher die USA und Katar. Entgegen der landläufigen Meinung handelte der Iran keineswegs irrational, sondern eskalierte in einem überschaubaren Rahmen. Trump beendete diesen Krieg, der trotz der vom Weißen Haus für den 15. Juni in Oman angekündigten Verhandlungen über die Atomproblematik von Israel mit Zustimmung Washingtons begonnen worden war. Trump selbst war Teil dieser Täuschung des Iran über einen möglichen Kriegsbeginn.

Horrorszenario für die Weltwirtschaft

Dieses Muster sollte sich acht Monate später wiederholen. Es fanden vor dem Kriegsbeginn am 28. Februar Verhandlungen in Genf zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten statt. Die letzte Verhandlungsrunde fand zwei Tage vor Kriegsausbruch statt, wiederum mit der Ankündigung einer Fortsetzung in der darauffolgenden Woche. Welche Erfolgsaussichten für einen neuen Atomvertrag bestanden, soll hier nicht diskutiert werden. Dazu gibt es sich widersprechende Hinweise. Allerdings hatte der Iran schon vor Kriegsausbruch seinen Nachbarn mitgeteilt, dass ein amerikanisch-israelischer Angriff sofort mit Angriffen auf amerikanische Stützpunkte in der Region beantwortet wird.

Die Führung des Iran musste das als eine existenzgefährdende Bedrohung betrachten. Die horizontale Eskalation war somit unausweichlich, wenn es den USA und Israel nicht gelingen sollte, das militärische Potential vorher auszuschalten. Das gilt in gleicher Weise für die Schließung der Straße von Hormus. Seit den 1980er-Jahren galt das als ein Horrorszenario für die Weltwirtschaft. Bis zum 28. Februar dieses Jahres schreckte jeder amerikanische Präsident vor einem Angriff auf den Iran zurück, weil die Schließung und die militärische Verteidigung dieser Meerenge im Persischen Golf für den Iran mit vergleichsweise wenig Aufwand zu gewährleisten war. Entsprechende Erfahrungen hatte man schon während des „Tankerkriegs“ in den 1980er-Jahren sammeln können. Allerdings war die Straße von Hormus nie geschlossen worden. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hielten sich nicht zuletzt wegen eines weltweiten Überangebots an Öl in überschaubare Grenzen.

Vierzig Jahre später haben sich die Ausgangsbedingungen in jeglicher Hinsicht verändert. Die Drohnenkriegsführung hat den Luftkrieg revolutioniert, wie der Ukraine-Krieg dokumentierte. Drohnen sind die Luftwaffe kleiner und mittlerer Mächte. Sie sind in der Massenproduktion unschlagbar günstig herzustellen, gerade im Vergleich zur extrem teuren klassischen Luftwaffe, wie sie die USA repräsentieren. In den ersten Wochen dieses Krieges bewies der Iran deren Effizienz. Zudem hat der Iran in den vergangenen Jahrzehnten Kompetenzen in der Entwicklung und Produktion ballistischer Raketen entwickelt.

Die bisher unbestrittene Dominanz der Vereinigten Staaten in der See- und Luftkriegsführung ist damit fraglich geworden. Noch wichtiger sind aber die weltwirtschaftlichen Veränderungen. In den 1980er-Jahren spielte Asien mit Ausnahme Japans keine Rolle in der Weltwirtschaft. Heute ist es nicht nur der größte Energieverbraucher, sondern auch mit Abstand der wichtigste Produktionsstandort der Welt. Entsprechend groß ist deren Abhängigkeit von den Öl- und Gaslieferungen aus den Staaten des Mittleren Ostens. Fallen die weiterhin aus, werden Produktionsstandorte stillstehen. Das reicht von den Mikrochips aus Taiwan bis zu Medikamenten aus Indien.

Damit werden die Lieferketten in einer hochgradig vernetzten Weltwirtschaft bedroht. Ohne die kontinuierlichen Lieferungen aus Asien stehen Produktionsstandorte in Europa und dem Rest der Welt still. Aber das ist noch nicht alles: Mit dem Iran-Krieg fehlen der Weltwirtschaft mehr als zwanzig Prozentpunkte des weltweiten Öl- und Gasangebots. Nur zum Vergleich: In der berühmten Ölkrise von 1973 senkten die damaligen OPEC-Staaten ihre Förderung um monatlich fünf Prozentpunkte, um höhere Preise durchzusetzen. Aber die Staaten im Mittleren Osten sind nicht mehr nur Rohstoffproduzenten, sondern haben ihre Volkswirtschaften diversifiziert. Sie sind zu wichtigen Anbietern in der petrochemischen Industrie geworden. Es fehlt jetzt nicht nur das Flüssiggas aus Katar, sondern auch das dort produzierte Helium. Selbst wenn der Krieg schon heute Abend endete, werden die Folgen allein wegen der Reparatur der beschädigten Anlagen noch lange zu spüren sein.

Hase aus Washington, Igel aus Teheran

Die Finanzmärkte bilden das trotz ihrer hektischen Kursausschläge nur unzureichend ab. Sie funktionieren auf der Grundlage der Risikominimierung und darauf beruhen die Wetten auf den Terminmärkten mit der Erwartung steigender oder sinkender Preise. Solche Risiken sind berechenbar, aber wir haben es jetzt mit Ungewissheit zu tun. Niemand weiß heute, ob in vier Wochen überhaupt noch Öl und Gas in welchen Mengen geliefert wird. Es ist die gleiche Lage wie in der großen Finanzkrise von 2008. Der Kollaps trat ein, als niemand mehr die Werthaltigkeit der hochkomplexen Anleihen der Wall-Street-Banken berechnen konnte. Sie wurden zu einer Black Box im Umfang von hunderten Milliarden Dollar.

Dieser Zusammenbruch der Finanzmärkte wurde zu einer existentiellen Bedrohung für die Realwirtschaft. Die Folgen dieses Kollaps sind hoffentlich noch gut in Erinnerung. Vor allem aber eine Lehre: Eine Katastrophe konnte nur verhindert werden, weil alle Staaten von Washington bis Berlin, von Brasilia bis Tokio, von Moskau über Peking bis Seoul ihr Handeln koordinierten. Das ist heute nicht der Fall, vielmehr verschärfen geopolitische Faktoren die Krise.

Russland ist einer der wichtigsten Öl- und Gasproduzenten der Welt. Es ist auch der einzige Staat, der genügend Kapazitäten hätte, um diesen Angebotsausfall wenigstens abzumildern. Für die Europäische Union ist das von besonderer Dramatik: Sie hat für dieses Jahr das Ende russischer Importe beschlossen. Das führte nicht nur zu desaströsen Konflikten mit den Mitgliedsstaaten Ungarn und Slowakei, sondern es brechen die Alternativen weg, etwa die Flüssiggasimporte aus Katar.

Zugleich kaufen die existentiell bedrohten asiatischen Volkswirtschaften alles auf, was auf dem Markt noch zu bekommen ist. Russland wiederum kann sich seine Kunden aussuchen, die im Gegensatz zu den Europäern langlaufende Lieferverträge abschließen wollen. Wobei die absurdeste Entwicklung darin besteht, dass die Vereinigten Staaten mitten im Krieg Lieferungen nicht nur aus Russland, sondern sogar dem Iran zulassen wollen, um den Zusammenbruch der weltweiten Energieversorgung zu verhindern. Gleichzeitig erreicht fast nichts von ihren langjährigen Verbündeten am Persischen Golf den Weltmarkt, obwohl die mit amerikanischen Stützpunkten verhindern wollten, in eine solche Lage zu geraten. Die einzige Frage ist allerdings, ob noch jemand die Zustimmung Washingtons benötigt, wenn der Iran über die Durchfahrt durch die Straße von Hormus entscheidet. Wenn der Hase aus Washington noch rennt, ist der Igel aus Teheran schon da.

Was jetzt noch hilft?

Die Dramatik hat die Internationale Energieagentur mit Sitz in Paris in einer Stellungnahme deutlich gemacht. Sie wurde nach der Ölkrise von 1973 gegründet, damit die damaligen Industriestaaten auf einen zukünftigen Angebotsausfall koordinierter reagieren können. Es hätte sich aber wohl niemand ein solches Szenario in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen können. In diesen Empfehlungen bleiben keine Wünsche übrig, wenn man ein Freund des Staatsinterventionismus sein sollte. Sie sind weitgehend alternativlos, wenn Öl und Gas nicht mehr nur knapp und teuer, sondern die Lieferungen nur noch den Grundbedarf einer Industriegesellschaft decken können.

Eine Hoffnung gibt es aber: Einen langen Krieg wie zuletzt in der Ukraine kann sich niemand leisten. Schon nach wenigen Wochen gingen bei uns die Lichter aus. Insofern sollte man noch einmal an den Ausgangspunkt dieses Konflikts erinnern. Es ist der seit Jahrzehnten andauernde Atomstreit mit dem Iran. Was aber niemand auf der Rechnung hatte: Der Iran hat mit der Weltwirtschaft einen Sprengsatz in der Hand, der das Risiko einer potenziellen Atommacht weit in den Schatten stellt. Was jetzt noch hilft? Auf die Weisheit der Politiker zu hoffen, diesen Krieg möglichst schnell zu beenden. Es wäre ein Wunder.

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Kommentare ( 3 )

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3 Comments
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Schwabenwilli
1 Stunde her

Also ich sehe da nicht so schwarz.

Dieter Rose
2 Stunden her

Ich setze auf die Weisheit von unserem Herrn Bundeskanzler / unseres Herrn Bundeskanzlers!

Montesquieu
2 Stunden her

Einen besonders motivierten Kriegsteilnehmer haben Sie vergessen: Israel. Und zwar gegen den Iran als auch weitgehend unbeachtet gegen den Liibanon.