Zwischen Orbán und Selenskyj ist der Bruchpunkt erreicht

Immer wilder geht es zu zwischen Ungarn und der Ukraine: Drohungen, wirtschaftlicher Druck und nun sogar ein gestoppter ukrainischer Geldtransport. Wessen Geld? Warum?

picture alliance / SvenSimon

Der ungarische Wahlkampf tritt in seine Endphase. Von außen betrachtet könnte man meinen, es gehe gar nicht um den Kampf zweier Parteien, sondern zweier Länder: Ungarn und die Ukraine. Der Ton zwischen ihnen hat den Bruchpunkt erreicht, die Rethorik ist fast kriegerisch. Kaum vorstellbar, dass die Beziehungen zwischen diesen beiden Regierungen jemals wieder repariert werden können.

Zunächst eine kleine Chronologie. Am 27. Januar stoppte die Ukraine die Transitlieferungen russischen Erdöls an Ungarn und die Slowakei, weil die „Druzhsba” (Freundschaft) Pipeline bei einem russischen Dronenangriff beschädigt worden sei. Seither wurden die Lieferungen nicht wieder aufgenommen.

Ungarn und die Slowakei werfen der Ukraine vor, die Lieferungen weiterhin zu blockieren, obwohl die Pipeline inzwischen repariert sei. Hierzu ging Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán an die Öffentlichkeit, mit Satellitenfotos, die beweisen sollen, dass die Schäden behoben sind (viel sieht man nicht, Schäden aber auch nicht).

Beide Länder wandten sich an die EU, damit sie, ihrer rechtlichen Pflicht entsprechend, in dieser Notlage einschreite, um die Energiesicherheit ihrer beiden Mitgliedsländer zu gewährleisten. Notlage? Die EU liess sich erstmal Zeit, bevor sie entwortete, dass es keine Notlage gebe. Schließlich verfügten beide Länder über strategische Ölreserven.

Immerhin forderte sie danach die Ukraine auf, die Reparaturarbeiten zu beschleunigen, worauf Präsident Selenskyj erwiderte, das gehe leider nicht. Auch eine Inspektion der angeblichen Schäden durch EU-Experten und/oder Vertreter der Slowakei und Ungarns will die Ukraine nicht zulassen.

Als Reaktion stellten Ungarn und die Slowakei ihre Diesellieferungen an die Ukraine ein. Der Treibstoff wird aus dem russischen Öl hergestellt, das nun nicht mehr kommt. Elf Prozent des ukrainischen Dieselimports kommen aus diesen beiden Ländern. Die Slowakei stellte ihre Notstromlieferungen für die Ukraine ein. Ungarn blockiert den bereits grundsätzlich abgeklärten 90-Milliarden Euro-Kredit der EU für die Ukraine (in Wahrheit geschenktes Geld, die Ukraine wird es nie zurückzahlen). Die Slowakei hat angekündigt, sich Ungarns Veto anzuschliessen, falls Selenskyj nicht sehr bald wieder Öl fliessen lässt.

Der drohte daraufhin Orbán, ohne ihn beim Namen zu nennen, mit seinen „Soldaten”: „Ich werde meinen Soldaten seine Adresse und Telefonnummer geben, und dann werden sie in ihrer Sprache mit ihm sprechen.”

Orbán beorderte das Militär an „kritische Infrastruktureinrichtungen”, um sie „vor ukrainischen Sabotageakten” zu schützen.

Am 5. März landete Orbán einen Wirkungstreffer: Ungarische Anti-Terror-Kommandos (TEK) stoppten einen ukrainischen Geldtransport an der M0 Autobahn auf dem Weg von Wien nach, angeblich, Kiew, verhaftete dessen sieben bewaffnete Begleiter, und beschlagnahmte das Geld: Neun Kilo Goldbarren, 40 Millionen Dollar und 35 Millionen Euro in bar.

Warum Antiterror-Einheit? Vermutlich deswegen, weil einer der sieben festgenommenen Männer Gennadiy Kuznetsov war, der frühere Antiterror-Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Gegen ihn gab es nach ukrainischen Medienangaben mehrere Verfahren wegen Untreue und Korruption. Offiziell war er, wie auch die anderen sechs Ukrainer, als Angestellter der ukrainischen Oschadbank unterwegs. Die Bank erklärte, es handele sich um einen routinemäßigen Geldtransport zwischen Banken (Raiffeisen Bank und Oschadbank). Die Männer wurden noch am selbenTages des Landes verwiesen.

Die ungarische Steuerbehörde ermittelt wegen Geldwäsche. Und Orbán selbst suggerierte, es sei womöglich Geld für die Opposition gewesen: Das Geld sei womöglich deswegen über Ungarn transportiert worden, um es dort irgendjemandem zu geben. Unverhohlen deutete er an, die Ukraine kaufe womöglich ungarische Politiker und Medienschaffende. „Ich will wissen, woher das Geld kommt, und in wessen Taschen es wandert.” Der Regierungschef betonte, der kürzeste Weg von Wien nach Kiew führe über Polen. Und tatsächlich, es sind 125 Kilometer und gut eine Stunde Fahrzeit weniger.

Am 9. März wurde dem Parlament im Eilverfahren ein Gesetzentwurf vorgelegt, um den Behörden mehr Befugnisse zu geben bei den Ermittlungen.
Die Oschadbank fordert ihr Geld zurück, aber Fidesz-Fraktionschef Máté Kocsis, der den Gesetzentwurf einbrachte, verkündete, dass das Geld bis zum Ende der Ermittlungen – also sicher bis nach den Wahlen – beschlagnahmt bleibe.

Der ungarische Wahlkampf hat damit sein entscheidendes Thema: Wie auch immer man die Geschichte wendet, sie beschäftigt die Fantase der Menschen, suggeriert eine finanzielle Unterstützung der Opposition durch eine ausländische Macht, setzt zugleich die Ukraine unter Druck (Öl her, sonst geben wir das Geld nicht zurück) und sendet die Botschaft, dass Fidesz sich nicht einfach herumschubsen lässt.
Forrtsetzung folgt: Fraktionschef Máté Kocsis hat die Enthüllung brisanter „Dokumente” in der Affäre in Aussicht gestellt.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 17 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

17 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Leroy
1 Stunde her

Ich glaube Selenski hat vergessen, dass Orban der beste Freund von Donald ist. Beim nächsten Besuch in Washington gibt´s eine echte Ohrfeige.

St.Elmo
1 Stunde her

Wenn die Piple wirklich so beschädigt wäre, wie Selenski behauptet, würde er zulassen das die Experten aus Ungarn und der Slowakei sich das anschauen, denn es gibt ja keinen Grund die Experten die Pipline nicht anschauen zu lassen, ausser das Selenski nicht die Warheit sagt.
Und wenn die Pipline wirklich beschädigt ist würden Ungarn und die Slowakei sicherlich gerne bei der Repartur helfen.

Europafriend
1 Stunde her

S. kämpft nicht für sein Land, sondern für seine Oligarchie und Putin freut sich. Kann man seinem eigenen Volk eigentlich noch mehr schaden?

November Man
1 Stunde her

Man kann nicht ausschließen, das dieses Geld in dem Transport, das Geld war, das Selensky für seine negative Beeinflussung und Einmischung in den ungarischen Wahlkampf gegen Orban erhalten sollte.
Bei der EU und Selensky weis man nie. Beide sind hoch korrupt und höchst unseriös.

Maja Schneider
2 Stunden her

Selenskyj tanzt allen auf der Nase herum, sein System hat offensichtlich nichts an Korruptionslust eingebüßt, und wir alle sollen für die Ukraine verzichten und die westlichen Werte hochhalten! Welche bitte? Und Uschis Ziel ist nach wie vor die Entfernung Orbans aus dem Präsidentenamt, schau`mer mal, dann sehn wir schon! Es sind wahrhaft spannende Zeiten, aber nicht im Positiven!

Reinhard Schroeter
1 Stunde her
Antworten an  Maja Schneider

Eine ältere Schranze aus der westdeutschen Provinz , kann einfach nicht genug bekommen von einem Maffiosi aus Kiew. Die glaubt tatsächlich, das genau so einer , der bedeutet jünger ist als sie, ihre immer offensichtlicheren und immer peinlicheren Avancen , erwidert. Von der Pfizer bestätigt eindeutig das Klischee der gealterten Frau, die glaubt mit einem dubiosen und schmierigen Gigolo , noch einmal einem zweiten Frühling erleben zu können, wenn sie ihn nur auskömmlich dafür bezahlt . Es wäre ihr gegönnt , wenn es sich um Ihr eigenes Geld handeln würde . Ist es aber nicht, es ist das Geld der… Mehr

dienbienphu
2 Stunden her

Ist nicht mindestens so verdächtig, dass das ein ganz regulärer Lieferwagen war laut der Fotos. Kein Geldtransporter. Oder macht man das so? Da ist den Ungarn ein Coups gelungen. Ich bewundere das Land, seine Regierung und siene Leute richtig. Es ist eigenartig, nicht? Einst galten sie als ‚rückständig‘. Heute machen sie uns was vor. Ob Ungarn, Tschechische Republik, Polen oder Slowakei.

Last edited 2 Stunden her by dienbienphu
Michael Palusch
2 Stunden her

„weil die „Druzhsba” (Freundschaft) Pipeline bei einem russischen Dronenangriff beschädigt worden sei“
Kleine, jedoch nicht ganz unmaßgebliche Korrektur: „…beschädigt worden sein soll.“

Last edited 2 Stunden her by Michael Palusch
BeastofBurden
1 Stunde her
Antworten an  Michael Palusch

So wie im Artikel geschrieben, ist es richtig. Indirekte Rede: man zitiert, ohne sich die zitierte Aussage zu eigen zu machen.

prague
2 Stunden her

Herr S. ist nicht gewöhnt dass nicht alle parrieren, wenn es was fordert, dann kriechen sie alle. Da muss der Herr Orban bestraft werden. Dem Selenski glaube ich kein Wort.

Raul Gutmann
2 Stunden her

…es gehe gar nicht um den Kampf zweier Parteien, sondern zweier Länder: Ungarn und die Ukraine.

Falsch!
Vielmehr geht es um den Hegemonieanspruch der globalistischen EU gegen die Selbstbehauptung der europäischen Völker.
Letzerer wird zwar in den EU-„Sonntagsreden“ hervorgehoben, doch im Tagesgeschäft der EU nach Kräften bekämpft.
Schon vor Jahren hieß es: Wäre die EU eine deutsche Partei, müßte sie das deutsche Bundesverfassungsgericht als verfassungsfeindlich erklären.

Adorfer
2 Stunden her

Sehr, sehr gut, wenn es einmal öffentlich ausgesprochen wird: Ein EU 90-Milliarden-Kredit an die Ukraine ist reine Verarsche (`tschuldigung).
Das Geld ist weg. Das ist schon mal sicher. Wer sollte es zurückzahlen wollen (von können mal gar nicht zu sprechen).?
Bleibt die Frage, wohin geht das Geld und wer steckt es sich ein? Von unserer volldemokratischen Politik werden wir es NIE erfahren. Wobei, es ist ja nicht weg, es hat nur jemand anderes.