„Ja, habe gerade die Kanüle gelegt, da spritzt jetzt Blut“

Hochstapler Wolfram Weimer taumelt im Spiegel-Interview durch Zahlen, Niederlagen und Merz-Lob, als sei Wirklichkeit nur noch störendes Bühnenbild. Selten hat ein Merz-Amigo im Amt eines Regierungsvertreters den kompletten Realitätsverlust so eitel vorgeführt.

picture alliance/dpa | Christoph Soeder

Wolfram Weimer hat dem SPIEGEL ein Interview gegeben und man fragt sich nach der Lektüre, ob der Mann noch in der Realität lebt oder nur schlicht betrunken war, oder, ob er, wie der Schweizer Schriftsteller Robert Walser sagen würde: „ein wenig so so und la la und vielleicht ein wenig na ja und na-nu dazu“ war, oder ob er nur eine Karriere als Comedian in der Heute-show oder bei Böhmermann anstrebt.

Auf die Frage des SPIEGEL, was die AfD machtpolitisch richtig mache, wütete Weimer gleich los: „Nichts machen die richtig.“ Wie schön kann alles falsch machen sein? Die Union steht in der Sonntagsfrage (INSA) bei 22 Prozent, die AfD bei 29 Prozent. Übrigens die CDU allein ohne CSU zwischen 17 und 18 Prozent und die CSU dümpelt unter 5 Prozent. Die Wahlen in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz wertet Weimer als Erfolg für die CDU und im Grunde als Misserfolg für die AfD. Oder wie es in der Fledermaus heißt: „Wer mir beim Trinken nicht pariert,/Sich zieret wie ein Tropf,/Dem werfe ich ganz ungeniert/Die Flasche an den Kopf!/Und fragen Sie, ich bitte,/Warum ich das denn tu?/’s ist mal bei mir so Sitte:/Chacun à son goût!“ Haben wir Verständnis dafür, der Herr zieht gerade den Smoking an, weil er gleich zum Filmball geht.

Was Weimer wegträllert, ist, dass die CDU in Baden-Württemberg den Wahlsieg gegen die Grünen versemmelte, zwar Zuwächse von 5,6 Prozentpunkte hat, es allerdings geschafft hatte, diese im Wahlkampf runterzudampfen. Die AfD konnte mit Gewinnen von 9,1 Prozentpunkten und mit 18,8 Prozent drittstärkste Partei in Baden-Württemberg mit großem Vorsprung vor der SPD werden, die übrigens gerade eben so noch in den Landtag kam. In Rheinland-Pfalz verlor die CDU 3,3 Prozentpunkte an Stimmen, die SPD sogar 9,8 – die AfD gewann 11,2 Punkte und wurde mit 19,5 Prozent der Stimmen drittstärkste Partei.

Weimer redet sich darauf hinaus, dass es vorher hieß, dass die AfD jetzt mehr als 20 Prozent erreiche, und das dann nicht der Fall war. Klar 19 Prozent sind keine 20 Prozent, da ändern auch Zuwächse von 11,2 Prozentpunkten nichts. In seiner Beweisnot tänzelt Weimer in die Behauptung: Da sei die AfD zwar auch größer geworden, aber politisch spiele das keine Rolle, denn die Mitte habe sich überraschend gut behauptet. „Und sehe ich, es ennuyiert/Sich jemand hier bei mir,/So pack ich ihn ganz ungeniert,/Werf ihn hinaus zur Tür./Und fragen Sie, ich bitte,/Warum ich das denn tu?/’s ist mal bei mir so Sitte:/Chacun à son goût!“

Wer ist Weimers Mitte? Die Grünen? Eine SPD, die die Deutschen unter Naziverdacht stellt? Hat Weimer als stolzer Kulturkämpfer und aufrechter Konservativer sich eigentlich schon zur Behauptung von Bas vom Einheitsbraun geäußert? Die Partei der Grünen, für die Freiheit nur im „wir“ existiert“, ist für Weimer eine Partei der Mitte? Weimer „will Kant“, er meinte vermutlich Hermann Kant und nicht Immanuel Kant. Aber man darf Wolfram Weimer den Eindruck, Mitte zu sein nicht absprechen, wo er sich doch inmitten von Grünen und SPD hinter der Brandmauer aufhält. Es ist halt nur die Mitte zwischen grün und rot. Zumal jeder weiß und sieht, dass die Union die Mitte der Gesellschaft geräumt hat und eine linke Partei geworden ist.

Auch wenn sich Weimer selbst als Konservativer sieht, so nannte man die Funktionäre von der Betonfraktion in KPdSU und SED auch Konservative.

Wenn Weimer sich empört: „Die Instrumente der Desintegration, die Polarisierung, der Hass und die Hetze, ihr Kommunikationsverhalten, ihre inhaltliche Konfiguration – das alles ist destruktiv und abschreckend“, könnte man, wenn man ihm etwas zugutehalten möchte, als Selbstkritik missverstehen. Gleich darauf sagt jedoch der Mann, der so viel über Aufklärung redet, über Toleranz, dass für ihn „die Bekämpfung der AfD ein politisches Hauptziel“ ist. Das liest sich allerdings so, als ginge es nicht um Deutschland, sondern um die Sicherung des Platzes an den Futtertrögen. Zumal man sich an diverse Skandale Weimers erinnert. Wer wie Weimer Kritik an der Regierung, ein anderes politisches Konzept für „zersetzend“ hält, steht weiß Gott nicht auf dem Boden der Demokratie und schon gar nicht auf dem Boden der Aufklärung. Der meint, wie schon gesagt, nicht Immanuel Kant, sondern Hermann Kant.

Das eigentlich verstörende oder belustigende an dem Interview, sieht man über die bramarbasierende Sprache, das rhetorische Talmi, die auftrumpfende Wichtigtuerei hinweg, ist Weimers Sicht auf Deutschland, die nichts mit Deutschland zu tun hat. Obwohl die Regierung nichts zu Wege bringt, mit enormen Mehreinnahmen nicht auskommt, sondern die größte Verschuldung in der Geschichte der Bundesrepublik veranlasste, um letztlich Haushaltslöcher zu stopfen, verkündet Weimer visionär: „Wir stehen am Ende von sieben mageren Jahren, und diese Jahre waren nicht irgendeine Konjunkturdelle, sondern es waren heftige magere Jahre.“ Dass wir am Ende der mageren Jahre stehen und nun, wie Kaiser Wilhelm II. sagen würde, Kanzler Merz uns „herrlichen Zeiten“ entgegenführt, kann Weimer nur halluzinieren. Die letzten sieben Jahren werden besser sein, als die, die mit Merz und Weimer, mit Klingbeil und Bas noch kommen werden.

Fürchte dich nicht, liebes Deutschland, meint Weimer, du bist zwar angeschlagen, liegst halbtot auf dem „OP-Tisch“, doch fürchte dich nicht, Friedrich Merz und Lars Klingbeil und Bärbel Bas und Nina Warken stehen am OP-Tisch und operieren. Natürlich ist für Weimer die Stimmung „nicht super“. Muss man verstehen, wenn der Patient Deutschland auf dem OP-Tisch von Friedrich Merz und Lars Klingbeil und Bärbel Bas und Nina Warken liegt, „da sagen Sie doch auch nicht, super Stimmung, der könnte jetzt aufstehen. Nein, da müssen Sie operieren, Sie müssen heilen, und Sie wissen, der wird auch nächstes Jahr noch nicht wieder rennen können … Das ist in der politischen Kommunikation natürlich ganz schwierig. Machen Sie mal eine Pressemeldung aus dem OP: ‚Ja, habe gerade die Kanüle gelegt, da spritzt jetzt Blut.‘ Das können Sie nicht verkaufen. Da sagen doch draußen alle: ‚Wie ekelhaft! Blut!‘ Wir sind jetzt in der Phase, wo es ernst wird im OP. Und da ist die allgemeine Stimmung nun mal schlecht.“

Dieses schiefe Bild kann man auch als geglückte Wiedervereinigung sehen, der Kulturstaatsminister Weimer beweist Ulbrichts Sprachgefühl und Metaphernsicherheit. Auf die Frage der Journalistin Annamarie Doherr, ob Ulbricht eine Mauer bauen will, antwortete Ulbricht: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen, und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt … äh voll eingesetzt wird. … Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Und über den Sieg im Kampf der Systeme der DDR über die Bundesrepublik gab Ulbricht die Losung aus: „überholen, ohne einzuholen“. Jeo aussichtsloser die Situation, umso absurder werden die Bilder und Metaphern.

Die SPIEGEL-Redakteure, die Weimer, der es wahrscheinlich aus lauter Selbstverliebtheit nicht merkt, nach ihrer Melodie tanzen lassen, fragen in Weimers Bild nach: „Das Problem ist nur, dass im Ärztekollegium inzwischen viele der Meinung sind, dass der operierende Chirurg Friedrich Merz vielleicht besser in der Poststelle arbeiten sollte und nicht am OP-Tisch.“ Doch über diese kleine Schmähung ist der Riesenstaatsmann Weimer erhaben, das denkt doch nur die „Berliner Journalistenblase“. Ganz schön groß die „Berliner Journalistenblase“, hat sie doch inzwischen einen Anteil an der Bevölkerung von 87 Prozent, denn 87 Prozent der Deutschen meinen inzwischen, dass „der operierende Chirurg Friedrich Merz vielleicht besser in der Poststelle arbeiten sollte“.

Was interessieren den Weltmann Weimer, der ohnehin gleich auf dem Weg ist, um den Deutschen Filmpreis in der Arbeitsgemeinschaft wokes Bewegtbild zu verleihen, die deutschen Hinzes und Kunzes, Krethi und Plethi in Deutschland, denn „wenn Emmanuel Macron hier ins Kanzleramt kommt, dann weiß er genau, was für einen Kanzler er vor sich hat. Nämlich einen echten Kanzler. Und dass Deutschland vorher schwach repräsentiert war und jetzt so stark. Fragen Sie die europäischen Regierungschefs: ‚Wie sehen Sie eigentlich Friedrich Merz?‘. Da sagen die alle: ‚Mit hohem Respekt.‘ Vor zwei Jahren waren wir Außenseiter, jetzt haben wir einen Außenkanzler.“ Und aus lauter Respekt vor dem Außenkanzler Merz zogen die Staaten in der UNO die Wahl für den Sicherheitsrat Portugal und Österreich Deutschland vor? Starke Außenwirkung des Außenkanzlers, Deutschlands fast sichere Wahl noch im letzten Moment verhindert zu haben, da kann man Weimer wirklich nicht widersprechen.

Was soll Macron übrigens schon sagen, teilt er doch Merzens Beliebtheitswerte? Gleiche Beliebtheitswerte, gleiche Brüder.

Doch Weimer gelingt in seiner Kabarettnummer noch ein weitaus lustigerer Kracher, denn er spricht von fünf Dingen, die die Regierung in dieser Legislaturperiode noch lösen müsste. Aber keine Sorge, zwei große Probleme sind von dem „echten Kanzler“ Friedrich Merz schon erledigt. Migrationskrise, war da was? „Die Migrationskrise ist politisch so adressiert worden, dass sie als Krisenphänomen gelöst ist.“ In der DDR wurde übrigens das Wohnungsproblem als soziales Problem so adressiert, dass es als Krisenphänomen gelöst war.

Stimmt, Turboeinbürgerung und ein Anstieg der Folgeanträge auf Asyl um 161 Prozent ist auch eine Art der Lösung. Wir bürgern einfach ein. Und, könnte man spotten, warum sollen überhaupt noch Leute aus Syrien kommen, wo doch schon alle Syrer in Deutschland sind und sie solange klagen, dass man sie schließlich dulden muss. Problem adressiert, nicht gelöst. Auch das zweite Problem, das „Gehäuse der Sicherheit“ erlebt gerade Richtfest, denn „wir haben ziemlich geräuschlos die größte Aufrüstung in der Geschichte unserer Generation und einen neuen Wehrdienst beschlossen“. Geräuschlos? Ja, wenn man die Ohren mit Ohropax verstopft oder die Kopfhörer mit dem Lied aus der „Fledermaus“ auf höchste Lautstärke dreht, dann sicher. „’S ist mal bei mir so Sitte:/Chacun à son goût!“

Und die Reform des Staates, der Umbau der Sozialsysteme und den wirtschaftlichen Aufschwung, das alles wird so ein „echter Kanzler“ wie Friedrich Merz mit einem Fingerschnippen erledigen.

Nach diesem Feuerwerk an Pointen gelingt es Wolfram Weimer, dem größten Comedian der Regierung, sogar noch eine Pointe drauf zu setzen, die alle übertrifft: „Ich prophezeie, dass wir in zwei Jahren über ganz andere Werte bei der AfD und in der Mitte der Gesellschaft reden.“ Nicht erst in zwei Jahren, das geht schneller, darf man Wolfram Weimer versichern.

Nachdem der „echte Kanzler“ Friedrich Merz dem Freund Wolfram Weimer in all den Skandalen die Treue gehalten hat, will sich Weimer möglicherweise beim „echten Kanzler“ Friedrich Merz revanchieren. Doch wenn man so sehr das Gefühl für die Wirklichkeit verloren hat, dann könnte leicht der Dankbarkeitsdienst zum Bärendienst werden.

Wie schon der geniale Österreicher Alexander Roda Roda wusste: „In manchen Ländern sind Satiriker überflüssig, die Regierungen machen sich selbst lächerlich.“

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Kommentare ( 42 )

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42 Comments
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jensberndt
1 Monat her

Bei so viel Verweigerung vor der Realität hätte auch Erich Honecker das Interview geben können.

Martin Buhr
1 Monat her

Wieviel Hybris und Selbstverliebtheit zwischen zwei Ohren passen ist immer wieder verblueffend .

Jens Frisch
1 Monat her

Der Kenner weiß: Kant ist der Lieblingsphilosoph britischer Ladies.

Kalmus
1 Monat her

Wenn solche Figuren an der Spitze eines Volkes stehen, dann stimmt mit dem System was nicht. Und mit dem Volk.

Tin
1 Monat her

Nein. In den 80’ern + 90’ern gab es halt nicht soviel Möglichkeiten, sich über politische Abgründe anderswo zu informieren. Man saß auf der Couch und sah Tagesschau und dachte sich, alles ist OK.

Dreiklang
1 Monat her

Solch ein Gespräch entsteht aus einem angetrunkenen Zustand, und die SPIEGEL-Redakteure haben es bemerkt. Das ist erstaunlich, denn im linksgrünen Lager gilt inzwischen das Motto: „Wir müssen die CDU am Leben erhalten, koste es was es wolle, denn sie ist unser wichtigster Bündnispartner“. Aber die Rückfragen ließen deutlich erkennen : Weimer hat nichts anzubieten. Die Groteske wird vollendet, wenn Weimer anfängt, sich auf Kant zu berufen. Vorteil AfD: Die CDU merkt nichts und kann nichts.PS: Dass eine Kanüle gelegt wird und dann das Blut spritzt, das kommt eigentlich nicht vor, es sei denn man hat versehentlich eine Arterie getroffen …

Last edited 1 Monat her by Dreiklang
Montesquieu
1 Monat her

Diese gockelhafte Ignoranz des Juste Milieus mag manchen provozieren

Benedictuszweifel
1 Monat her

Nur damit hier nicht auch wieder die Realität vernebelt wird: Solche Typen wurden immer und immer wieder per freier und geheimer Wahlen von der überwältigenden Mehrheit der Souveräne dieser Republik an die Machthebel gebracht.

Dieter Rose
1 Monat her

Der sollte lieber in sich gehen …

Lars Baecker
1 Monat her

Gab es nicht vor zirka einem Jahrzehnt mal einen Aufschrei, als man nach der Entnahme von Proben auf den Toiletten des Bundestages Kokain nachgewiesen hat?
Wenn man Leute wie Weimer und andere reden hört, scheint sich am Kokskonsum nicht viel geändert zu haben. Im Gegenteil. Soviel Realitätsverweigerung wie heute hat noch keine Politikergeneration an den Tag gelegt. Da müssen bewusstseinserweiternde Substanzen im Spiel sein. Anders ist das nicht mehr zu erklären.