VW: Aufsichtsrat bestätigt Kahlschlag

Am Donnerstagabend bestätigte der VW-Aufsichtsrat die Sparpläne des Vorstands. Ab den 2030er Jahren sollen in Deutschland die Produktionskapazitäten drastisch zurückgefahren werden, vier Werke stehen nun auf der Kippe. Der deutsche Wirtschaftsstandort wird stückweise zerlegt.

picture alliance / Caro Kadatz | Caro Kadatz

Am Donnerstagabend billigte der Aufsichtsrat von Volkswagen einstimmig den Zukunftsplan 2030. Die Entscheidung war ursprünglich für den Freitag vorgesehen. Man legt ein höheres Tempo vor, um zu unterstreichen, dass tatsächlich Not am Mann ist, aber auch, dass man die Gefahr erkannt hat und nun das Heft des Handelns wieder in die Hand genommen hat. Symbolik ist alles in diesen Tagen, da der Schaden der Geschäftsstrategie der vergangenen Jahre wie eine klaffende Wunde sichtbar geworden ist.

Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch wertete den Beschluss als Beleg für den Transformationswillen des Konzerns, der mit aller Kraft an der dauerhaften Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit arbeite, wie Pötsch es zum Ausdruck brachte. Dennoch bleibt der Eindruck, dass der Konsolidierungskurs des Konzerns weniger einer Schrumpfung entspricht als vielmehr einem betriebsinternen Kollaps, dem Ausklang einer ökonomischen Ära.

50.000 Stellen weltweit sollen bis Mitte der 2030er-Jahre gestrichen werden. Sozialpläne und Frühverrentungsangebote werden wohl den Löwenanteil bei der Belegschaftsschrumpfung ausmachen. Vom Abbau einer Produktionsüberkapazität von 500.000 Fahrzeugen in Europa war die Rede. Auf den Konzern kommen Umbaukosten von bis zu zehn Milliarden Euro zu. VW stolpert über soziale Hürden, die der Konzern in den guten Zeiten selbst geschaffen hatte – das deutsche Arbeitsrecht verhindert eine situationsgerechte, rasche Anpassung der Konzernstrukturen an die gegebene Lage auf dem Markt und die tatsächliche Wirtschaftskraft des Unternehmens.

Anteilseigner Land umgehen?
VW-Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm auf der Kippe
Für den Standort Deutschland wird es trüb: Die VW-Werke in Emden, Hannover und Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm dürften der Konzernschrumpfung zum Opfer fallen. Hier steht die Entscheidung formell noch aus – bis Ende Juni 2027 will man klären, wie es an den Standorten konkret weitergeht. Ab 2031 bis 2034 liegt keine wettbewerbsfähige Folgebelegung der Werke mehr vor, was darauf schließen lässt, dass sich VW von den Standorten verabschieden wird.

Bemerkenswert: Erst vor wenigen Tagen hatte Konzernchef Oliver Blume bei einem Besuch im Zwickauer Werk betont, der Standort bekomme, wie er sagt, dieselbe Chance wie jedes andere Werk in Europa. Blume verwies allerdings bereits auf die fehlende Rentabilität im Standortvergleich: Die Arbeitskosten dort lägen bei mehr als dem Doppelten vergleichbarer europäischer Standorte, so Blume.

Hier zeigt sich, wo es tatsächlich hakt: Volkswagen ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Zu hohe Arbeitskosten, zu hohe Energiekosten und eine ausufernde Überregulierung verdrängen nicht nur die Autobauer, sondern die Industrieproduktion generell vom Standort Deutschland.

In Wolfsburg herrscht in der Tat Handlungszwang. Vor allem das China-Geschäft ist regelrecht eingebrochen. Insgesamt sank im ersten Halbjahr des laufenden Jahres der Umsatz leicht auf 158,1 Milliarden Euro. Das Problem hierbei: Das operative Ergebnis brach um 11,6 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro ein, auf eine mickrige Umsatzrendite von nur noch 3,8 Prozent. Es ist der ungebrochene negative Trend, der Sorgen macht.

Volkswagen hat also nicht nur ein Absatzproblem, sondern vor allem ein immenses Kostenproblem. Dass dabei möglicherweise sogar Liquiditätsprobleme sichtbar werden, zeigte der Verkauf der Großmotorentochter Everllence, vormals MAN Energy Solutions: Der Konzern gab eine Mehrheitsbeteiligung an den US-Finanzinvestor Bain Capital ab und erzielte dabei einen Erlös von 7,4 Milliarden Euro.

Deutschland schifft ab
Jobverlust-Report August
Volkswagen – und mit dem Konzern der gesamte deutsche Automobilsektor sowie energieintensive Industrien im Allgemeinen – steht mit dem Rücken zur Wand. Wie die Bild unter Berufung auf interne Daten des Volkswagen-Konzerns berichtet, liegen die Fabrikkosten je Fahrzeug im Werk Emden bei 4.850 Euro und damit beim rund 4,5-Fachen des Vergleichswerts im chinesischen VW-Werk Tianjin von 1.078 Euro. Die direkten Personalkosten in der Fertigung betragen demnach 74 Euro pro Stunde gegenüber zwölf Euro in Tianjin – ein Faktor von gut sechs.

Besonders sichtbar werden die Fehler der Vergangenheit beim Blick auf die Arbeitsproduktivität. In Emden entstehen rechnerisch 29 Fahrzeuge je Beschäftigtem und Jahr, in Tianjin 51,3. Das entspricht einer um rund 77 Prozent höheren Fahrzeugzahl pro Kopf. Auch der Krankenstand fällt im internen Vergleich drastisch auseinander: In Emden liegt er bei 10,5 Prozent, in Tianjin bei 1,0 Prozent. Diese Zahl ist mehr als ein personalpolitisches Problem für den internen Betriebsablauf.

Hat die Abwärtsspirale, in die der Konzern und die ganze Branche geraten sind, möglicherweise bereits Spuren in der Arbeitsmoral hinterlassen? In jedem Fall ist gerade diese Ziffer interpretationsbedürftig, da sie so unmittelbar ins Auge sticht.

Über die Folgen des deutschen Kernenergieausstiegs und der fortgesetzten Klimaregulierung ist an dieser Stelle oft genug gesprochen worden. Zusammengenommen entsteht der Eindruck eines ideologisch bedingten ökonomischen Suizids einer saturierten Gesellschaft, die sich ihres Erfolgs gewiss war – und nun mit ansehen muss, wie ihre industrielle Substanz, der Motor der Prosperität, zwischen überhöhten Energie- und Arbeitskosten, wachsender Regulierung und dem gnadenlosen globalen Wettbewerb aufgerieben wird.

Volkswagen ist zum Opfer der zunehmenden politischen Zentralplanung und der Durchtränkung der Konzernlandschaft mit ökologischer Ideologie geworden. Man lernt nun: Korporatismus und das Vertrauen auf politische Steuerung zahlen sich auf lange Sicht nicht aus. Am Ende kommt es, wie es immer kommt: Die Zeche zahlen andere – nämlich Mitarbeiter und Investoren, die auf die Zukunft des Autobauers vertraut hatten.

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Kommentare ( 75 )

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75 Comments
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Robert Tiel
1 Monat her

Der Abstieg begann mit der Gründung des IPCC. Mit der willkürlichen Festlegung eines CO2-Wertes, der so lange runtergeschraubt wurde, bis klar war, dass das bei VW nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Es wurde ein ausgewiesener Experte für Katalysatoren aus der kommunistischen Ex-DDR mit kurzem Draht zur Kanzlernden nach San Diego geholt. In San Diego wurde dann auch – natürlich rein zufällig – der „Schummel“ entdeckt. In der Folgezeit wurde meiner Erinnerung nach ein Topjurist aus den USA bei VW zur Kontrolle installiert. Die Entscheidung von Diess, sich nur noch auf e Autos zu konzentrieren, war mE nur der letzte… Mehr

Last edited 1 Monat her by Robert Tiel
Nibelung
1 Monat her

Da hat aber der Ministerpräsident in verklausulierter Sprache anderes wiedergegeben, was sich laufend wiedersprochen hat, gepaar mit sozialistischen Kampfparolen, nach dem Motto, vorwärts Kameraden, wir müssen zurück, währen, während nun der Wahlmann der Haupteigner was anderes ankündigt und damit die Verzweiflung eines Ministerpräsidenten bestätigt. Dieser kann trotz bestehender Tatsachen der Besitzverhältnisse und Entscheidungsbefugnisse beider Seiten nicht viel machen kann, wenn die Eigner intern anderes wollen und den letzten Hebel der Veräußerung ankündigen könnten,wo sie dann deren Aktienpaket übernehmen müßten und die Verantwortung mangels fehlender Interessenten auf ihrer Seite liegen würde. So wird das ganze vertagt um die Gemüter zu beruhigen… Mehr

Karl Moritz
1 Monat her

….und das alles freiwillig , einer fixen Idee wegen . Einmalig in der Welt .

gnomen est omen
1 Monat her

Das ist nur der Anfang vom, ziemlich schrecklichen, Ende.
In 15 Jahren ist Deutschland das Armenhaus Europas. Bedeutet natürlich auch das Ende der EU. Gottseidank , hätte ich beinahe geschrieben.

DerVoluntaer
1 Monat her

„In Emden entstehen rechnerisch 29 Fahrzeuge je Beschäftigtem und Jahr, in Tianjin 51,3. Das entspricht einer um rund 77 Prozent höheren Fahrzeugzahl pro Kopf. Auch der Krankenstand fällt im internen Vergleich drastisch auseinander: In Emden liegt er bei 10,5 Prozent, in Tianjin bei 1,0 Prozent.“ Hat Jemand noch Fragen ? Ne vergesst einfach mal dieses Standort und Fretscher gebashe. Alles richtig aber hier liegen die Grümde wo anders was auch gut an einem Preisvergleich zwischen einem Tesla Model3 und einem VW ID3 Neo aufzeigen. VW ID.3 (Neo): Gehört zum Kompaktsegment. Die Einstiegsversionen starten bei etwa 34.000 bis 36.000 Euro. Tesla… Mehr

DDRforever
1 Monat her

Die BRD zerfällt und da weiss ich Rat. Eine Demo gegen Rechts und immer weiter Rot Grün. Der BRD Wähler macht das schon.

Rainer Schweitzer
1 Monat her
Antworten an  DDRforever

Erst recht in Berlin. Dort wohnten zu DDR-Zeiten ja schon eine große Menge Partei- und Regierungs-Bonzen samt Anhang, allein schon wegen der Nähe des KdW.

Ohanse
1 Monat her

Die Börse sieht es positiv.

Uferlos
1 Monat her

Opel mit seinen schlecht ausgelasteten Werken Rüsselsheim und Eisenach und Ford in Köln, lt.AMS mit nur 20 % Auslastung, kommen noch obendrauf.
Anfang der 2030er Jahre werden die geburtenstarken Boomer als Käuferschicht stark abnehmen, die Geburtenstärksten Jahrgänge sind dann Ende 60 bis Mitte 70.

Karl Schmidt
1 Monat her

Es geht nicht um Ökologie. Das ist ein Narrativ, denn die Fakten zeigen das exakte Gegenteil: Der Co-2-Ausstoß ist durch die grüne Planwirtschaft gestiegen und gerade nicht gesunken. Gas ist an die Stelle von Kernkraft getreten. Daraus ist mehr Emission von CO-2 entstanden und nicht weniger. Das Narrativ kaschiert eine Umverteilung von unten nach oben an speziell grüne Profiteure. Auch hier sollte man nicht zu umständlich formulieren: Die Arbeitnehmer sollen mit Lohnverzicht die Kosten für den überteuerten, politisch angeordneten und marktwirtschaftlich nicht tragfähigen Zufallsstrom aufbringen. Weniger Lohn beim Arbeiter bedeutet mehr Profit beim grünen Giervolk. Jeder zahlt zudem über die… Mehr

Phil
1 Monat her
Antworten an  Karl Schmidt

Ein Sozialstaat mit jährlich wiederkehrenden Ausgaben von 1/3 des BIP ist nicht nachhaltig, der Klimabetrug und die vermeintliche Energiewende sind da einfach noch der letzte Nagel im Sarg. Man braucht sich nicht ernsthaft die Frage zu stellen, was der Produktion und Industrie in Europa den Rücken gebrochen hat und das war mitnichten der grüne Betrug, die Migration oder der Krieg gegen Russland, sondern der Sozialstaat für welchen die politischen Mittel für Diebstahl, Umverteilung und Inflation erst geschaffen werden mussten. Haben Diebe und Betrüger erst mal eine Masche raus, wird diese auch für weitere „Geschäfte“ verwendet. Der Staat und sein domestiziertes… Mehr

Will Hunting
1 Monat her

3,8 % Rendite. Da könnte das Finanzamt schon fast die Gewinnabsicht in Frage stellen.