VW-Werke Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm auf der Kippe

Es sieht nach keinem Kompromiss, sondern nach einem „Austrocknen“ der Volkswagen-Werke aus – oder „Leerlaufen“, wie das jetzt offenbar in der Vorstandssprache heißt. Garantiert sind dabei heftige Proteste der Belegschaft.

picture alliance / Daniel Kalker | Daniel Kalker

Vier Volkswagen-Werke sollen geschlossen werden. Das plant offenbar der VW-Vorstand, wie die „Wirtschaftswoche“ berichtet. Offiziell bestätigt oder endgültig entschieden ist die Schließung noch nicht. Erst am kommenden Freitag soll der Aufsichtsrat darüber befinden. Betroffen wären die Werke in Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm.

Dem Bericht zufolge hat der Vorstand ein Gesamtkonzept beschlossen, das auch das Ende der Produktion an diesen Standorten vorsieht. Der Aufsichtsrat hat das Konzept jedoch noch nicht gebilligt. Eine offizielle VW-Entscheidung über die Schließung der vier Werke wurde bislang nicht veröffentlicht.

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 Der Konzern erklärt lediglich, vertrauliche Unterlagen des Aufsichtsrats nicht zu kommentieren. Zudem spricht VW nicht von „Schließung“, sondern plant offenbar, den Werken keine Nachfolgemodelle mehr zuzuweisen. Nach dem Auslaufen der heutigen Fahrzeuge würden die Standorte damit „leerlaufen“. Ob sie anschließend vollständig geschlossen, verkauft oder für andere Tätigkeiten genutzt werden, ist noch offen.

Nach Darstellung der Wirtschaftswoche benötigt der Vorstand für die „Errichtung und Verlegung von Produktionsstätten“ die Zustimmung des Aufsichtsrats. Das bloße Auslaufen einer bestehenden Produktion sei dagegen nicht ausdrücklich zustimmungspflichtig. Hochrangige VW-Insider hätten diese Rechtsauffassung bestätigt. Der Vorstand könnte daher versuchen, den Standorten einfach keine neuen Fahrzeuge mehr zuzuweisen.

Die Lage von VW ist dramatisch, das Unternehmen verdient zu wenig Geld, vor allem die Eigentümerfamilien sind nicht mehr gewillt, dem zunehmenden Wertverlust ihrer Beteiligungen tatenlos zuzusehen.

Die Entwicklung verlief bisher in mehreren Stufen

Bereits am 6. Mai berichtete das „Manager Magazin“, Blume habe dem Aufsichtsrat ein mögliches Produktionsende in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm vorgestellt. Ende Juni berichteten das Manager Magazin und der NDR über ein verschärftes Sanierungskonzept. Damals war bereits davon die Rede, die Produktion nach dem Auslaufen der heutigen Modelle vollständig einzustellen.

Am 9. Juli legte der Vorstand dem Aufsichtsrat seinen Umbauplan vor. Für die Werksschließungen fand die Konzernspitze jedoch keine Mehrheit. Die Entscheidung wurde vertagt.

Ende August fanden neun außerordentliche Betriebsversammlungen statt. Blume sagte dabei wiederholt, Werksschließungen seien nicht beschlossen. Innerhalb von sechs bis zwölf Monaten sollten belastbare Perspektiven für die vier Standorte entwickelt werden.

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Ende August fanden neun außerordentliche Betriebsversammlungen statt. Blume sagte dabei wiederholt, Werksschließungen seien nicht beschlossen. Innerhalb von sechs bis zwölf Monaten sollten belastbare Perspektiven für die vier Standorte entwickelt werden.

Am 1. September veröffentlichte die „Wirtschaftswoche“ konkrete Angaben aus dem Aufsichtsratspapier, darunter die Enddaten und geplanten Produktionsverlagerungen. Noch am 26. August hatte Blume versichert, es gebe keine Entscheidung über Werksschließungen. Das interne Konzept weist jedoch bereits exakt aus, wann die Produktion enden und wohin sie verlagert werden soll.

Finanzvorstand Arno Antlitz wurde am 31. August in Hannover deutlicher: Wegen erheblicher Kostenunterschiede zu anderen europäischen Werken sehe VW derzeit keine wirtschaftlich tragfähige Anschlussproduktion für die vier deutschen Standorte. Zugleich versprach er, VW werde alles tun, um Beschäftigung möglichst weitgehend zu sichern.

IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärte: „Mit der IG Metall werden die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm nicht geschlossen.“ Der Vorstand verstoße mit seinen Plänen gegen die Ende 2024 geschlossenen Vereinbarungen. Die Beschäftigten hätten für die Sicherung ihrer Standorte auf Geld verzichtet.

Auch Betriebsratschefin Daniela Cavallo verweist auf den Dezember-Kompromiss von 2024: Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen seien ausgeschlossen worden. „Mit uns wird es keine Werksschließungen geben.“

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Allerdings läuft die unkündbare Beschäftigungssicherung Ende 2030 aus. Die im Vorstandspapier genannten Produktionsenden sind bewusst erst für die Zeit ab 2031 vorgesehen. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, der im kommenden Jahr vor einer Landtagswahl steht, lehnt einseitige Werksschließungen ab, erkennt aber den Sanierungsbedarf an. Er fordert eine „gemeinsame, tragfähige Lösung“, die wirtschaftliche Vernunft und soziale Verantwortung miteinander verbindet.

Niedersachsen hält 20 Prozent der VW-Stimmrechte und verfügt gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern über eine Mehrheit im Aufsichtsrat.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer wiederum bezeichnet Zwickau als produktivstes deutsches VW-Werk und verlangt dessen Erhalt. Gleichzeitig sagt er offen: „Wir sind zu teuer.“ Er schlägt niedrigere Energiekosten, weniger Regulierung und gegebenenfalls längere Arbeitszeiten vor.

Am 3. September soll zunächst das Präsidium des Aufsichtsrats zusammenkommen. Dort sitzen Vertreter der Eigentümerfamilien Porsche/Piëch, der Arbeitnehmer und des Landes Niedersachsen. Ziel ist ein letzter Kompromissversuch.

Am Freitag, 4. September, folgt die entscheidende Sitzung des gesamten Aufsichtsrats. Auf dem Tisch liegen mindestens drei Konzepte:

  • der radikale Sanierungsplan des Vorstands,
  • ein Alternativkonzept der Arbeitnehmer,
  • ein Vermittlungsvorschlag des Landes Niedersachsen.

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Nach Informationen von Reuters sind die Aussichten auf eine Einigung derzeit gering. Die Gespräche zwischen Vorstand, Eigentümerfamilien, Arbeitnehmern und Niedersachsen liefen zwar weiter, doch die Kompromissbereitschaft habe zuletzt abgenommen.

Scheitert Blume erneut im Aufsichtsrat, bleiben drei Möglichkeiten:

  • Der Vorstand verhandelt weiter und sucht neue Produkte oder alternative Nutzungen für die vier Werke.
  • Er lässt die Werke nach 2030 ohne Nachfolgemodelle auslaufen und beruft sich darauf, dafür keine gesonderte Zustimmung des Aufsichtsrats zu benötigen.
  • Er ruft eine außerordentliche Hauptversammlung ein, möglicherweise bereits im Oktober. Dort haben die Arbeitnehmer kein Stimmrecht. Allerdings besitzt Niedersachsen aufgrund des VW-Gesetzes eine Sperrminorität. Ein Versuch, diese über Paragraph 111 Aktiengesetz zu umgehen, würde wahrscheinlich einen jahrelangen Rechtsstreit auslösen, heißt es in einer Reuters-Analyse.

Es sieht nach einem „Austrocknen“ der Werke aus – oder nach einem „Leerlaufen“, wie es nun offenbar in der Vorstandssprache heißt. Heftige Proteste der Belegschaften sind dabei allerdings garantiert.

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