Mit Heiner Koch und Heiner Wilmer melden sich kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zwei katholische Bischöfe zu Wort. Sie verweigern sich dem Dialog mit dem Bürger und fechten einen Kampf gegen einen Feind aus, der nur in ihrer Fantasie existiert.
picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
„Migranten stören nicht“, lässt der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt verlauten. Im Interview mit der FAZ rät er dazu, dass Bürger im Hinblick auf ihr Wahlverhalten „ihr Gewissen schärfen“ sollen, Vorschriften könne die Kirche nicht machen. Der Subtext ist eindeutig: Mit gutem Gewissen kann niemand AfD wählen.
Am selben Tag äußert sich auch Heiner Koch, Erzbischof von Berlin. Er setzt noch einen drauf: Ja, man müsse das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden, denn es gehe „um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen.“ Die Liebe Gottes sei mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar.
Dieser Satz zeigt beispielhaft die argumentative Misere, in die sich Kirchenobere ohne Not hineinmanövriert haben. Dass der katholische Glaube mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar ist, ist eine Binsenweisheit.
Der imaginierte Feind
Mit der impliziten Behauptung, dies sei, wofür die AfD steht, erübrigt sich natürlich jegliche weitere Diskussion. Da es jedoch der Mehrheit der AfD-Wähler nicht um völkischen Nationalismus geht, bedeutet die Aussage nichts weniger als eine umfassende Ablehnung von Dialog und um die Weigerung, Probleme und Sorgen der Bevölkerung wahrzunehmen, geschweige denn ernst zu nehmen.
Lieber also ringen die Bischöfe mit einem gewaltigen „Strohmann“ – mit einer AfD, die so nur in ihren Köpfen existiert, mit Argumenten, die niemand aufwirft, mit Ansichten, die so gut wie niemand tatsächlich hat. Und sie wundern sich wahrscheinlich ehrlich darüber, dass ihre Worte, wo sie noch gehört werden, maximal auf Häme, zumeist aber auf Desinteresse stoßen.
Nun ist Weltabgewandtheit durchaus eine christliche Tugend. Weltfremdheit ist es nicht. Eine derartige Ignoranz gegenüber dem gemeinen Volk würde wohl jedem barocken Fürstbischof die Schamesröte ins Gesicht treiben.
Mit der kategorischen Weigerung, krisenhafte Phänomene, die die AfD anspricht, gleichfalls zu benennen, verspielt die Kirche auf verantwortungslose Weise ihre Autorität in moralischen Fragen.
Das gilt bei weitem nicht nur bezüglich der Migration. Das Versagen der Amtskirche wird an dieser Stelle aber besonders deutlich, weil hier die Lieblosigkeit, mit der Leidtragenden begegnet wird, in besonders krassem Widerspruch zur postulierten Nächstenliebe steht.
Selektive Empathie
Denn während Nächstenliebe, Güte, Menschenwürde beschworen werden, springt jedem außerhalb der kirchlichen Echokammer ins Auge, wie selektiv diese angeblich universalen Begriffe angewendet werden: Gelten sie für Vergewaltigungsopfer von abgelehnten Asylbewerbern? Nein. Für die in Stade hingerichteten Sozialarbeiter? Nein. Für die 17-Jährige, die beim Baden in Sardinien von einem Migrantenboot kurzerhand überfahren wurde? Nein. Für Liana, Maria, Philippos, Leo, Ann-Marie und ihre trauernden Angehörigen? Nein. Ihr Leid hat sich abstrakten Schlagworten unterzuordnen: Haltung, Demokratie, Werte. Ihre Namen fallen nie. Sollte ein Anschlag so verheerend ausfallen, dass man etwas dazu sagen muss, werden die Verursacher des Leids nicht genannt.
Auf klare Worte an Zuwanderer, sich an Recht und Gesetz zu halten, hofft man ebenso vergeblich wie auf mahnende Worte an die regierenden Politiker, ihre Verantwortung wahrzunehmen und sich für das Wohl des Volkes einzusetzen. Nein, die Kritik trifft stets und ausschließlich diejenigen, die sich nicht anders zu helfen wissen, als ihre Hoffnung auf eine Partei zu setzen, die als einzige derzeit noch nicht bewiesen hat, dass sie die Verhältnisse verschlimmern möchte. Das ist ungerecht, und die Menschen spüren das.
Ein Satz wie „Migranten stören nicht“ ist nicht nur von blasierter Herablassung – auch gegenüber Migranten selbst –, sondern zu einem maximal ungünstigen Zeitpunkt platziert, wenn zugleich aller Augen auf die Exklave Ceuta gerichtet sind, wo das Leben der Menschen von einem Tag auf den anderen umgekrempelt wurde. Ein Mindestmaß an Empathie sollte genügen, um die Dramatik der Situation zu erfassen.
Verlorene Schafe als Kollateralschaden
Ebenso ist es eine befremdliche Haltung für einen Bischof, die Abwendung von Gläubigen von der Kirche als hinzunehmenden Kollateralschaden des Demokratieschutzes zu verbuchen. Sein Vorgesetzter, Jesus Christus, verglich seine Aufgabe mit der eines Hirten, der 99 Schafe allein lässt, um das verlorene zu finden. Weil ein Bischof in diesem Amt nachfolgt, trägt er einen Bischofsstab – angelehnt an den Stab eines Hirten.
Wenn die Bischöfe ihre eigenen Aussagen ernst nähmen und das Seelenheil von AfD-Wählern in Gefahr sähen, müssten sie alles tun, um diese zurückzugewinnen, und sich nicht damit begnügen, zu beteuern, man wolle niemanden bevormunden – was man dann ja doch tut.
In zweifacher Weise stehen Worte und Handeln der Bischöfe damit dem Zeugnis ihres eigenen Glaubens entgegen. Dass ein solcher Glaube nicht überzeugt, ist wenig verwunderlich.
Spaltung statt Brückenbau
Den größten Bärendienst erweisen Bischöfe wie Wilmer und Koch damit nicht zuletzt denjenigen, denen sie dienen wollen: Viele Migranten stören niemanden. Gerade die aber stören sich sehr wohl an einer Migrationspolitik, die sie einem Pauschalverdacht aussetzt, ihnen die Integration erschwert und nebenbei auch ihr Leben bedroht.
Dass die Kirche gegen Rechtsextremismus und Rassismus die Stimme erhebt, ist richtig. Sie ist dazu verpflichtet, dies zu tun. Sie ist aber genauso dazu verpflichtet, gegen illegale Einwanderung, migrantische Gewalt, Islamisierung oder politische Gewissenlosigkeit zu predigen. Wenn sie die Perspektive des Glaubens in die Politik tragen will, kann sie nicht an unbequemer Stelle diesen Glauben verraten, sondern muss ihn auch da verkünden, wo sie mit Zeitgeist, Staat und Obrigkeit in Konflikt gerät.
Neben echter Blindheit und mangelndem Einblick in die realen Zustände im Land mag hier auch durchaus Eigennutz eine Rolle spielen: Wer vom Staat alimentiert wird, mag diesem sicher nicht allzu deutlich widersprechen. Und wem mit den Migrationsströmen Gelder für eigene caritative Unternehmungen zufließen, mag vielleicht gar nicht so sehr die sowohl für Einheimische als auch für Zuwanderer grausame Realität des Schlepperwesens anprangern, Entwurzelung und Entfremdung gleichermaßen als existenzielle Probleme kenntlich machen.
Dabei vermag die Kirche sich hier sehr wohl sehr klar zu positionieren: Der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah spricht immer wieder Klartext, zeigt auf, dass Massenmigration die Würde der Zuwanderer verletzt, warnt vor der Selbstaufgabe der Europäer und der Zerstörung Europas. Ein Afrikaner spricht aus, was Deutsche nicht zu denken wagen – und wozu so manchem deutschen Bischof vielleicht tatsächlich eine Perspektive, die über einen kleinbürgerlichen Horizont hinausgeht, fehlt.
So macht ein Teil des deutschen Episkopats kurz vor dem Wahlsonntag noch dem letzten Zweifler deutlich, dass wohlgefällige Phrasen der Kirche wichtiger sind als sein Wohlergehen, dass seine berechtigten Sorgen ihn zum rechtsextremen Menschenfeind und Ausländerhasser machen, und dass sich gerade die Kirche, die an der Seite der Schwachen stehen soll, für die Opfer politischen Versagens nicht interessiert.
Vor diesem Hintergrund können sich AfD-Abgeordnete wie Hans-Thomas Tillschneider, kulturpolitischer Sprecher der AfD-Landtagsfraktion, absurdeste Ausfälle leisten. Der Wahlkampf, den die katholische Kirche für die AfD macht, wiegt sämtliche Aussetzer auf Seiten der Partei auf.



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