Mathias Brodkorb zerlegt in „Postkoloniale Mythen“ die neue Schuldlehre der ethnologischen Museen. Seine Einwände sind scharf, anschaulich und oft überzeugend. Auch die Gestaltung des Buches ist Teil seiner Argumentation.
Wer heute ein ethnologisches Museum betritt, soll nicht nur fremde Kulturen kennenlernen. Er soll vor allem lernen, sich schuldig zu fühlen. Die Vitrinen werden zu Anklagebänken, die Ausstellungstexte zu Urteilen, die Museumsdirektoren zu Priestern einer historischen Sühnereligion. Der weiße Westen erscheint als ewiger Täter, Afrika als sein zeitloses Opfer. Längst sind die Museen Teil einer „Postkolonialen Theorie“, die gesellschaftliche Wirkung erzeugt. Geschichte wird umgeschrieben mit der Absicht, Europäer und generell „Weiße“ als Rassisten, Zerstörer einer idyllischen Welt und Verantwortliche für die Lage der angeblich Unterdrückten und Ausgebeuteten weltweit darzustellen.
Die Grundannahme der pseudowissenschaftlichen, aber trotzdem die Universitäten und Museen beherrschenden „Postcolonial Studies“ lautet: Mit der formalen Unabhängigkeit der Kolonien endete der Kolonialismus nicht vollständig. Seine Machtverhältnisse, Denkweisen und Bilder wirkten in Sprache, Wissenschaft, Wirtschaft, Museen und internationalen Beziehungen fort. Daraus werden erhebliche materielle und politische Forderungen abgeleitet.
Mathias Brodkorb hält diese Erzählung für eine Geschichtsfälschung. In seinem Buch „Postkoloniale Mythen“ reist er mit dem Leser durch die ethnologischen Museen von Leipzig, Berlin, Wien und Hamburg sowie zur Biennale nach Venedig. Er liest Wandtexte, untersucht Provenienzen, rekonstruiert historische Zusammenhänge und stellt fest: Museen bewahren heute nicht nur Objekte, sie erklären nicht – sie produzieren Moral.
Brodkorbs große Stärke liegt in der konkreten Anschauung. Er verliert sich nicht im Theoriedickicht der Postcolonial Studies, sondern prüft, was aus deren Begriffen geworden ist, sobald sie eine Museumsvitrine erreichen. Er zeigt, was Ausstellungen erzählen – und vor allem, was sie verschweigen.
Ähnlich verfährt Brodkorb mit dem Thron des Bamum-Königs Njoya im Berliner Humboldt Forum, mit den Benin-Bronzen und mit den Verrenkungen des Wiener Weltmuseums, das sich eine koloniale Schuld zuzulegen versucht, obwohl Österreich kein nennenswertes Kolonialreich besaß. Besonders überzeugend ist Brodkorb dort, wo er Ausstellungstexte Satz für Satz mit den historischen Quellen konfrontiert. Dann wird sichtbar, wie aus Auswahl Auslassung und aus Auslassung Manipulation werden kann.
Wir erinnern uns: die Benin-Bronzen wurden von der damaligen Außenministerin Annalena Baerbock an die Nachkommen der kolonialen Unterdrücker zurückgegeben – faktisch aber an den Clan der ursprünglichen Sklavenjäger. Statt im Museum landeten sie im Privatbesitz der reichen Oberschicht Nigerias. Dumm gelaufen – Fakten zählen wenig, wenn Moral exekutiert wird.
Das postkoloniale Grundmuster fasst Brodkorb in drei Behauptungen zusammen: Rassismus sei im Kern eine westliche Erfindung, Sklaverei und Kolonisierung seien ausschließlich Produkte des weißen Westens, und Afrikaner könnten in dieser Geschichte nur Opfer, niemals eigenständige Täter sein. Dagegen erinnert er an den innerafrikanischen und arabischen Sklavenhandel, an afrikanische Eroberungskriege, Menschenopfer und Sklavenhaltergesellschaften. Ebenso verweist er darauf, dass die Abschaffung der Sklaverei wesentlich von europäischen Mächten durchgesetzt wurde – mit erheblichem Einsatz von Soldaten und militärischen Mitteln.
Wer afrikanische Akteure grundsätzlich von Verantwortung freispricht, nimmt sie nicht ernst, sondern behandelt sie erneut paternalistisch: als geschichtslose Wesen, die nur auf Handlungen von Europäern reagieren können. Der alte Kolonialismus sprach Afrikanern die Fähigkeit zur Selbstbestimmung ab; der neue Antikolonialismus spricht ihnen mitunter die Fähigkeit zur Schuld ab. Beides reduziert Menschen auf ihre Hautfarbe.
Brodkorb beschreibt diese Umkehrung treffend als „neo-völkisches Denken“. Denn wo Schuld und Unschuld vererbt, an Abstammung und Hautfarbe gebunden und über Generationen fortgeschrieben werden, kehrt ausgerechnet unter dem Banner des Antirassismus ein ethnisches Kollektivdenken zurück.
Brodkorb untersucht vor allem die populären und musealen Verfallsformen der Postkolonialen Theorie.
Nun macht die Tatsache, dass Afrikaner andere Afrikaner versklavten, den europäischen Sklavenhandel nicht weniger verbrecherisch. Dass das Königreich Benin Sklaven hielt und Menschenopfer praktizierte, legitimiert nicht die britische Plünderung seines Königspalastes im Jahr 1897.
Gerade bei der Restitution muss deshalb jedes Objekt einzeln betrachtet werden: Wie wurde es erworben? Von wem? Unter welchem Zwang? Gelangte es durch Handel, Schenkung, Tausch oder Plünderung nach Europa? Brodkorb hat vollkommen recht, wenn er moralische Pauschalurteile zurückweist.
Etwa hinsichtlich der Sklaverei: Die Zahl der Opfer des transatlantischen Sklavenhandels lässt sich dank umfangreicher Schiffsregister vergleichsweise gut rekonstruieren. Schätzungen über den arabischen, innerafrikanischen oder mediterranen Sklavenhandel seit dem Mittelalter beruhen auf sehr unterschiedlichen Zeiträumen und Quellenlagen. Die Geschichte wird differenziert.
Bemerkenswert ist die ästhetische Gestaltung. Das schmale Hardcover im Format 12 mal 21 Zentimeter wirkt wie ein handlicher Ausstellungskatalog. Auf dem Umschlag steht eine afrikanische Bronze in einer hölzernen Transportkiste, in Packpapier eingeschlagen und mit Schnur verschnürt. Die Schablonenschrift des Titels erinnert an Frachtmarkierungen; am Objekt hängt ein roter Anhänger des Verlags. Das Kunstwerk erscheint zugleich als Museumsstück, Handelsware, Beweismittel und rückgabefertiges Paket.
Das Cover ist damit mehr als Verpackung: Es fasst die Restitutionsdebatte in einem einzigen Bild zusammen. Allerdings liegt darin auch eine unfreiwillige Ironie. Das afrikanische Objekt wird erneut in eine europäische Inszenierung eingespannt – diesmal als Requisite einer Kritik am Postkolonialismus. Es bleibt eingesperrt in einer Kiste und dient einer fremden Erzählung. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht den Umschlag stark.
Auch innen ist das Buch sorgfältig komponiert. Schwarz-weiße Archivbilder, Karten und Abbildungen von Museumsobjekten unterbrechen den ruhig gesetzten Serifentext. Dunkelrote Kapitelauftakte setzen kräftige Akzente, großzügige Weißräume verhindern den Eindruck einer akademischen Bleiwüste. Randständige, teilweise senkrecht gesetzte Bildnachweise sind gestalterisch reizvoll, allerdings nicht immer bequem zu lesen.
Die Bilder dienen nicht bloß der Dekoration. Sie verwandeln das Buch in eine kleine Gegenausstellung: Brodkorb zeigt jene Fotografien, Objekte und Dokumente, die in seiner Argumentation eine Rolle spielen, und erlaubt dem Leser wenigstens teilweise, seinen Blick nachzuvollziehen. Das ist die ästhetische Entsprechung seiner Methode – sehen, vergleichen, misstrauisch werden.
„Postkoloniale Mythen“ ist kein neutrales Geschichtswerk, sondern eine Streitschrift – und als solche ausgesprochen gelungen. Brodkorb zwingt Museen, ihre eigenen Ansprüche auf Wissenschaftlichkeit ernst zu nehmen. Er zeigt, dass gute Absichten keine falschen Behauptungen rechtfertigen und dass historische Gerechtigkeit ohne historische Wahrheit nicht zu haben ist.
Nach der Lektüre wird man Ausstellungstexte anders lesen: langsamer, skeptischer und mit der Frage, welche Teile der Geschichte gerade nicht in der Vitrine liegen. Das ist viel für ein Buch – und mehr, als die meisten Museen ihren Besuchern heute zumuten. Und es ist Teil einer neuen Geschichtsbetrachtung, die einseitige Schuldzuweisung vermeidet.
Schillernd wie sein Buch ist die Person des Autors. Mathias Brodkorb, geboren 1977 in Rostock, ist Philosoph, ehemaliger SPD-Politiker und heute Publizist. Er studierte Philosophie und Altgriechisch und gehörte von 2002 bis 2019 dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern an. Von 2011 bis 2016 war er Bildungs- und Wissenschaftsminister, anschließend bis 2019 Finanzminister des Landes. Bekannt wurde er zuvor als Mitbegründer des gegen Rechtsextremismus gerichteten Projekts „Endstation Rechts“. In seiner Jugend gehörte er kurzzeitig der PDS und deren Kommunistischer Plattform an, wechselte aber 1997 zur SPD. Es ist eine weite persönliche Reise, geprägt von der Bereitschaft, sich immer wieder neuen Erkenntnissen zu stellen und andere abzulegen. Sein Buch ist wie eine Lebensreise zu neuen Erkenntnissen.
Mathias Brodkorb. Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs, zu Klampen Verlag, 272 Seiten, Hardcover, 28,00 Euro





Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
In die Museen gehe ich heute nicht mehr. Die durch den Westen „bearbeiteten“ Museen, sind entweder kindisch oder unwissenschaftlich und ideologisch. So etwas will ich nicht haben. Außerdem haben sie Museen geplündert, damit angebliches Beutegut wieder zurück in die Herkunftsländer käme und dort verschwinden sie dann spurlos.
Ich war gestern im Rautenstrauch Museum in Köln. Vortrag einer Ethnologin (könnte optisch Oma gegen Rechts sein). Total antiweiss, antimännlich und postkolonial. Der Museumsgründer Rautenstrauch war ganz schlimm, hat sogar seine Frau geschlagen. Sie haben vergeblich versucht das Museum umzubenennen (wahrscheinlich nach einem Afrikaner oder so), geht aber rechtlich nicht. Bin nach fünf Sätzen von der rausgegangen. Komplett hasserfüllt die Frau. Die Ausstellungsgegenstände (Indianer, Asien und Afrika, „Indigene“, bin ich auch, indigener Deutscher) waren für mich, mit Ausnahme des japanischen und chinesischen Porzellans, mehr oder weniger Plunder. Ohne die von der Ethnologin so verhassten weissen Männer würden wir immer noch… Mehr