Hochstapler Wolfram Weimer bleibt nur deshalb im Amt, weil Buddy Friedrich Merz ihn um jeden Preis hält. Während neue Aktenfunde den Sumpf offenbaren und der Tegernsee-Gipfel tot ist, zeigt sich deutlich, wie tief dieses Amigo-System bis in die höchsten Staatsämter reicht.
IMAGO - Collage: TE
Wolfram Weimer sitzt noch immer im Amt, obwohl sich die Skandale um seine Mediengruppe seit Monaten nicht mehr nur addieren, sondern sich immer weiter zu einem einzigen, belastenden Gesamtbild verdichten. Da sind die Urheberrechtsverstöße bei ‚The European‘, aufgedeckt von Alexander Wallasch, die Unterlassungserklärungen und die staatsanwaltschaftlichen Vorermittlungen. Da sind die aufgeblasenen Reichweiten, die erfundenen oder bestrittenen Medienpartnerschaften und die nachträglich berichtigten Bilanzwerte. Und da ist das Geschäftsmodell der Weimer-Gipfel: politische Nähe, exklusive Vernetzung, Sponsorenpakete und staatliche Förderung in einem Milieu, das sich lange selbst für unantastbar hielt.
In einer funktionierenden Demokratie hätte all das in Summe für mindestens fünf Rücktritte und drei Entlassungen gereicht. Nicht im Deutschland der 2020er Jahre, wo jede politische Scham und jede Hemmung über Bord geworfen wird.
Dass Weimer trotz alldem Kulturstaatsminister bleibt, ist längst nicht mehr nur seine eigene Affäre. Es ist die Affäre des Kanzlers. Friedrich Merz hat sich öffentlich vor seinen hochstapelnden Amigo gestellt und die Vorwürfe gegen seinen Freund und Minister für „falsch“ erklärt. Spätestens seit diesem Satz ist klar: Weimer wird nicht trotz Merz gehalten, sondern durch Merz. Wer das tut, bindet die eigene Autorität an einen Mann, dessen geschäftliches und politisches Umfeld seit Monaten unter Dauerbeschuss steht. Merz hat aus dem Fall Weimer keinen Ministerskandal mehr gemacht, sondern einen Loyalitätstest für das Kanzleramt. Es erhärtet zusätzlich die Frage, wie tief Merz selbst persönlich in dem ganzen Sumpf um Weimer steckt.
Affäre um Seilschaften weitet sich aus
Eine neue WELT-Recherche ist weitaus brisanter, als es der erste Blick vermuten lässt. Auf Basis von mehr als 250 Seiten interner Akten zeigt sie, dass die hessische Staatskanzlei sich von der Weimer Media Group auf eine schiefe Konstruktion einließ, obwohl intern früh festgehalten wurde, dass bereits die rechtliche Grundlage der Förderung unklar sei. Zunächst standen rund 300.000 Euro für den „Frankfurt Finance & Future Summit“ im Raum, obwohl in der Staatskanzlei selbst Zweifel bestanden, ob überhaupt sauber zwischen Zuwendung und öffentlichem Auftrag unterschieden werden könne. Besonders heikel ist die politische Nähe: Schon am 5. März 2025 schickte Weimer dem Chef der Staatskanzlei persönlich eine „Entscheidungsvorlage“ samt angepasster „Financials“ und Programmentwurf. Die Akten belegen zudem, dass die Beziehungen zwischen Weimer und Wiesbaden seit Jahren eng waren – inklusive Schirmherrschaften von Boris Rhein und einer „Tischpartnerschaft Gold“ des Landes bei einer Weimer-Gala 2022. Als die Staatskanzlei später mehr Einfluss auf die Konferenz wollte, reagierte die Weimer-Seite nach Aktenlage mit zusätzlichem Finanzierungswunsch; intern wurde daraufhin festgehalten, das Land Hessen zahle, habe aber „relativ wenig Mitspracherecht“, und Teile der Branche hätten die Speaker-Ansprache gegen Sponsoring als „unseriös“ empfunden. Damit geht es um die dokumentierte Nähe eines CDU-Ministerpräsidentenumfelds zu einem Geschäftsmodell, das selbst die eigene Staatskanzlei am Ende nur noch mit sichtbarem Unbehagen beschreiben konnte.
Toter Gipfel, im Hintergrund strickt das Netzwerk weiter
Das ist der eigentliche Punkt dieser neuen Entwicklung. Die Vorteilsnahme, die sich aus Weimers System aus politischer Nähe, Gipfelformat, Sponsorenpaketen und staatlicher Flankierung ergab, dürfte nicht einfach verschwunden sein, nur weil einige Logos entfernt, einige Namen stiller geführt und einige Konstruktionen formal bereinigt wurden. Im Gegenteil: Seit Merz sich persönlich schützend vor Weimer gestellt hat, drängt sich die Frage auf, ob die politische Schutzfunktion für dieses System inzwischen nicht selbst zum Vorteil geworden ist. Wer einen Minister trotz dieser Gesamtlage noch immer hält, schützt nicht nur eine Person, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit ein ganzes Geflecht von Beziehungen, aus dem politisch, gesellschaftlich oder netzwerkstrategisch permanent weiter Nutzen gezogen wird. Das mag nicht in den alten Prospektsätzen vom „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“ stehen. Aber verschwunden ist diese Logik damit noch lange nicht.
Dann ist da noch der Ludwig-Erhard-Gipfel selbst. Politisch ist dieses Treffen mausetot. Der Nimbus vom „bayerischen Davos“ ist zerfallen, übrig geblieben ist ein komplett ausgedünntes Programm und ein zerbombtes Format, das von seiner früheren Strahlkraft nur noch die Erinnerung verwaltet. Als eine der wenigen bundesweit prominenten Stimmen wird ausgerechnet die gescheiterte Verfassungsrichterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf genannt. Das allein sagt bereits alles über die Lage. Wer früher Weltmarktführer, Kanzlermagnet und Schaltzentrale sein wollte, ist heute froh, wenn überhaupt noch jemand mit bundespolitischem Wiedererkennungswert auf die Bühne steigt.
Schon im Januar hatten etliche Spitzenpolitiker abgesagt. Markus Söder zog sich zurück, mehrere Vertreter aus der Bundesregierung folgten, später sagte sogar Dorothee Bär (CSU) ab, die vorher noch nie Stil oder Distanz gezeigt hat. Niemand mit politischem Instinkt wollte sich in größerer Zahl weiter öffentlich in dieses Umfeld stellen. Selbst dort, wo man Weimer lange laufen ließ, wuchs erkennbar der Wunsch nach öffentlichem Abstand. Wer noch kommt, kommt nicht mehr in ein vorgebliches Kraftzentrum, sondern in eine Restkulisse. Öffentlicher Abstand ist hier allerdings das Stichwort. Hinter den Kulissen laufen die Zirkel weiter.
Bruchpilot Armin Laschet fehlt
Mit Armin Laschet fiel dann auch noch einer der (ebenfalls verbrannten) CDU-Namen aus, die für solche Formate immer noch herumgereicht werden. Der CDU-Politiker hatte sich bei einem E-Scooter-Unfall die Schulter gebrochen. (Wir wünschen gute Besserung.) Das ist für sich genommen eine Nachricht aus der Kategorie Berliner Kuriositätenkabinett. Im Kontext des Tegernsee-Gipfels wirkt selbst das schon fast symbolisch: Einer nach dem anderen verschwindet aus einem Format, das früher mit Dichte, Gewicht und Nähe prahlen wollte und heute froh sein muss, wenn die zweite Reihe überhaupt noch halbwegs vollständig erscheint.
Mit Boris Rhein in Hessen und Markus Söder in Bayern wird zugleich sichtbar, dass diese Weimer-Welt nie nur ein privates Veranstaltungsprojekt war, sondern immer auch von politischen Seilschaften ganz ohne familiäre Bande wie bei den Clintons getragen wurde. In Bayern flossen zwischen 2022 und 2025 nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung rund 700.000 Euro öffentlicher Mittel in den Ludwig-Erhard-Gipfel. In Hessen steht nun ein eigener Deal mit der Weimer Media Group unter dem Scheinwerfer. Rhein und Söder mögen heute unterschiedliche Töne anschlagen, der eine stiller, der andere demonstrativ distanzierter. Aber beide Länderchefs gehören zu jenem Milieu, das die Weimer-Bühnen politisch geadelt, mit staatlicher Aura versehen und damit erst zu dem gemacht hat, was sie jahrelang sein wollten: Schaufenster eines halb offiziellen, halb privaten Machtbetriebs.
In diesem Zusammenhang bekommt auch Söders Vorstoß für Ilse Aigner als mögliche Bundespräsidentin ein eigenes Gewicht. Natürlich ist es formal eine Personaldebatte wie viele andere. Politisch aber kommt der Impuls aus genau jenem bayerischen Umfeld, in dem Weimer über Jahre Rückhalt, Bühne und Milieu bekam. Söder signalisiert Aigner „volle Sympathie und Unterstützung“, sollte sie kandidieren. Das muss man nicht als Plan lesen. Aber man darf es als Ausdruck eines Netzwerks lesen, das seine Figuren weiter nach oben schiebt. Selbst wenn einzelne Positionen kippen, wäre damit aus demselben Kreis weiterhin jemand ganz oben im Staat, mit Zugriff, Ansehen und Anschluss an alles, was in diesen Zirkeln zählt.
Gerade deshalb ist auch Ilse Aigners Name in diesem Zusammenhang alles andere als beiläufig. Denn ausgerechnet auf dem Höhepunkt der bundesweiten Kritik an Wolfram Weimer und dem Ludwig-Erhard-Gipfel sollte seine Ehefrau Christiane Goetz-Weimer durch Ilse Aigner noch mit dem Bayerischen Verfassungsorden 2025 geehrt werden. Der Vorschlag war öffentlich bekannt, die Begründung bezog sich ausdrücklich auf ihre „bedeutenden Beiträge im Verlagswesen“ und ihre Rolle als Initiatorin und Organisatorin des Ludwig-Erhard-Gipfels. Zu diesem Zeitpunkt war die Affäre längst in voller Breite auf dem Tisch: die Debatte über verkaufte Nähe zu Politikern, die Kritik am Geschäftsmodell des Gipfels und die wachsende bundesweite Berichterstattung. Und der Blick auf einen Weimer-Verlag, der herumdruckste aber kaum druckte oder publizierte.
Ilse Aigner oder die letzte Kugel der Weimers
Trotzdem hielt Aigner, bis dahin oft und gerne angepriesener Teilnehmer auf den Weimerschen Tegernsee-Gipfeln, an der Auszeichnung fest. Erst nachdem der Vorgang selbst zum völligen Politikum hocheskaliert war, erklärte Christiane Goetz-Weimer am 20. November 2025, sie werde den Orden „in diesem Jahr“ nicht annehmen, weil sonst zu befürchten sei, dass die Diskussion um die Weimer Media Group und den Gipfel „die gesamte Aufmerksamkeit“ auf sich ziehen würde. Entscheidend ist dabei: Der Bayerische Landtag zog die Ehrung nicht aktiv zurück, sondern sie wurde erst durch den Verzicht der Auszuzeichnenden selbst entschärft. Auch rechtlich blieb eine spätere Annahme ausdrücklich möglich. Das macht den Vorgang in seinem Gesamtzusammenhang politisch so aufschlussreich. Denn er zeigt, wie tief die Bereitschaft reichte, den Tegernsee-Kreis selbst noch inmitten der Affäre mit staatlichem Glanz zu adeln – und sehr hart darauf zu scheißen, wie verheerend dieses Signal in der Öffentlichkeit wirkt.
So sieht die Lage Ende April 2026 aus. Ein Kulturstaatsminister mit völlig beschädigter geschäftlicher Vorgeschichte bleibt nur deshalb im Amt, weil sein Amigo im Kanzleramt ihn hält. Eine neue Recherche öffnet die hessischen Akten und zeigt, dass der Umgang mit Weimers Formaten auch auf Landesebene in große Erklärungsnot führt. Der Ludwig-Erhard-Gipfel ist völlig entkernt, die großen Namen fehlen, die Bühne verdampft, die Aura ist weg. Und aus Bayern kommt zugleich das Signal, dass die gleichen Kreise bereits an den nächsten Hebeln arbeiten. Es gewährt einen Blick in die Mechanik eines politischen Betriebs, der selbst dann noch an seinen dubiosen Figuren festhält, wenn ihre Fassaden längst eingerissen sind. Einen echten Unterschied zum Geflecht um den grünroten Graichen- und Agora-Clan kann man jedenfalls nicht feststellen.

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