Viel Polit-Prominenz reist dieser Tage mit noch mehr Gratismut nach Sachsen-Anhalt, um „unsere Demokratie“ zu retten und ihre Brandmauer zu verteidigen. Mit dabei sind Robert Habeck und Matthias Miersch. Ihre Auftritte zeigen vor allem die Selbstgerechtigkeit einer politischen Elite, die von den Sorgen der Bürger nichts, aber wirklich überhaupt nichts wissen will.
IMAGO / Wolfgang Maria Weber
Wer in diesen Tagen als Brandmauer-Star etwas gelten will, muss den großen Mut aufbringen, für ein Fotoshooting als Brandmauer-Held in eine ihm womöglich vorher unbekannte Stadt zu jetten. Bitte, keine Details. In Magdeburg stehen am 6. September Landtagswahlen an, 14 Tage später dann in Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin. Möglicherweise sind das letzte Mal so viele Westdeutsche kurz nach der Wende nach Magdeburg gekommen, besonders aus der zweiten und dritten Reihe aus Niedersachsen, um eine Karriere zu starten, von denen sie zuvor nicht einmal zu träumen wagen durften, wenn nicht die Menschen in Leipzig, in Plauen, in Dresden, in Halle, in Magdeburg, in Berlin und in vielen größeren und kleineren Städten der DDR gegen eine bis an die Zähne bewaffnete Staatsmacht auf die Straße gegangen wären.
Jetzt kommen all die Brandmauer-Bewacher, all die Stars und Starlets, Politiker und Politik-Pensionäre, alle, die zwar nicht besonders wichtig sind, dafür aber umso mehr wichtig tun, die Gratismutigen, um sich im großen Kampf um „unsere Demokratie“ der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Magdeburg gibt dafür nur die Kulisse ab. Denn in Magdeburg wird sich, so tröten sie, entscheiden, ob Deutschland zurückfällt in das Jahr 1933, in das Jahr 1925, in das Jahr 1906 oder in das Jahr 1333. Vielleicht sogar, man muss ja immer mit dem Schlimmsten rechnen, in das Jahr 919, als der Sage nach dem Herzog Heinrich dem Vogler oder dem Finker beim Finkenherd in Quedlinburg, während er Singvögel fing, kund wurde, dass er zum deutschen König gewählt worden war. Damit nahm für die Brandmauer-Patrioten Deutschland, mit anderen Worten das Unglück seinen Lauf.
Brandmauer-Medien fabulieren jedenfalls immer hysterischer, dass unsere Demokratie in Deutschland und auch auf Palau zusammenbricht, wenn in Sachsen-Anhalt nicht die SED-Linke mithilfe der verblockparteiten CDU an die Macht kommt. Die dysfunktionalen Eliten glauben wirklich in ihrer ganzen Mediokrität, dass gerade sie die Demokratie retten, dabei müssen sie nur einmal in den Entwurf von Dobrindts Stasi-Gesetz 2.0 und auf die Kommunal-Demokratur in Niedersachsen schauen, um ihren Irrtum zu begreifen. Doch Wahrheit und Irrtum, Wirklichkeit und Ideologie sind für sie keine Kategorien, für sie zählen nur Posten und/oder Prominenz.
Was sich hingegen dem nüchternen Blick jenseits der Idiosynkrasien und Verschwörungstheorien von Brandmauer-Politikern und Brandmauer-Promis zeigt, ist, dass man es lediglich mit einer Landtagswahl, eines sogar kleinen, bevölkerungsarmen Landes zu tun hat. Zweitens treten die wackeren Helden im Scheinwerferlicht nicht für, sondern gegen die Demokratie ein, sind sie Walter Ulbricht näher als Andreas Hermes, Otto Grotewohl näher als Leo Herwegen.
Was aber auffällt, ist die Hybris, die Selbstgerechtigkeit der Demokratur-Darsteller, die Arroganz der Hüllers, Hallervordens, Grönemeyers, Mierschs und Habecks, ihre ganze Wichtigtuerei und ihre ganze Egozentrik. Die häufigste Frage, die Habeck in Magdeburg stellte, war wohl die nach der Uhrzeit, so bleiern langsam verging die Zeit für den ehemaligen Weltpolitiker aus Flensburg, der vor den Bauern floh, deren Minister er einmal war.
Warum glauben ausgerechnet diese Leute, dass gerade sie die Bürger in Sachsen-Anhalt belehren können? Was wissen sie von den Problemen des Landes, vom Leben der Menschen dort – und damit sind nicht die Westprofessoren an den Unis im Land, für die man Stellen und Professuren freigegauckt hat, gemeint – was wissen sie von den Parteien im Land, von ihrem Spitzenpersonal, von deren Programmen? Nichts. Hat mancher von ihnen gewusst, wo Magdeburg liegt, bevor man dorthin fuhr?
Wenn man die Promis, die Stars und Sternchen sieht, in ihrer ganzen angemaßten Bedeutung, dann kommt einem unwillkürlich ein Aphorismus von Franz Kafka in den Sinn: „Sein Ermatten ist das des Gladiators nach dem Kampf, seine Arbeit war das Weißtünchen eines Winkels in einer Beamtenstube.“ Denn die Brandmauer-Medien, die Brandmauer-Politiker und die Brandmauer-Promis unternehmen alles, um eine einfache Landtagswahl in die mythische Schlacht, in den großen und entscheidenden Kampf der Götter unserer Demokratie unter der Führung von Zeus gegen die Giganten, in die Gigantomachie umzudeuten.
Diese Veranstaltungen karikieren sich selbst, zeigen wie überlebt, wie reaktionär Merkels Brandmauer-Hinterlassenschaft ist. Da fährt beispielsweise der Fraktionschef der SPD im Bundestag Matthias Miersch nach Magdeburg. Die ZEIT aus Hamburg nennt es im Rosamunde-Pilcher-Stil eine „Reise ins bedrohte Land“ – Kitsch bis zum Gehtnichtmehr.
Wieso eigentlich bedroht? Bedroht ist nicht das Land, sondern die SPD in ihrer Existenz. Es dürfte kaum noch jemand sich daran erinnern, aber die SPD war einmal eine Arbeiterpartei, eine Partei der Arbeiter, Handwerker und kleinen Gewerbetreibenden. Long, long ago. Die sind jetzt bei der AfD. Warum wohl? Heute ist die SPD die Partei der Queeren und Migranten. Die Genossen haben die rote Fahne gegen die Regenbogenfahne eingetauscht.
Der Wahlkämpfer Miersch traf jedenfalls auf seiner mythischen Reise ins bedrohte Land keinen Arbeiter, keinen Handwerker und keinen Gewerbetreibenden. Der Wahlkämpfer Miersch fuhr nach Sachsen-Anhalt zum neuen Volk der SPD, zur Vielfalt in Einfalt, zu ihren neuen Wählern, zu den „Geflüchteten, Queeren und Suchtkranken“, wie die ZEIT schreibt. Auch nicht dem gefährdeten mitteldeutschen Chemiedreieck galt die Sorge des Genossen Miersch. Der Mann ist schließlich Sozialdemokrat – was gehen ihn da die Arbeiter an? Seine Sorge gilt dem Regenbogencafé, das es vielleicht nicht mehr geben wird, wenn die AfD an die Macht kommt, denn der „Trägerverein des Cafés arbeitet auch mit Landesmitteln“.
Das kleine Sachsen-Anhalt drückt eine Schuldenlast von 24 Milliarden Euro, das sind ca. 11.600 Euro pro Einwohner und damit die höchste Pro-Kopf-Verschudlung aller deutschen Flächenländer. Warum muss ein Café mit Mitteln eines hochverschuldeten Landes unterhalten werden? Schon klar, es ist schließlich kein gewöhnliches Café, das sich um seine Existenz selbst zu kümmern hat wie alle anderen, sondern es ist ein ganz, ganz besonderes, ein Regenbogencafé, wichtiger noch als der Magdeburger Dom, in dem Grönemeyer seine Agit-Prop-Show ablieferte. Agit-Prop geht immer.
Es ist von anheimelnder Rührseligkeit, wenn die ZEIT kitscht, weshalb Matthias Miersch Politik macht, weshalb er nach Magdeburg gefahren ist. Wegen des Regenbogencafés: „Miersch selbst ist schwul. Er spricht öffentlich nicht oft darüber, aber hier und heute scheint es ihm wichtig. In seiner Jugend, sagt der 57-Jährige, habe man Homosexualität in Deutschland nur ‚sehr separiert‘ leben können, aber seit den Neunzigerjahren sei die Gesellschaft offener und toleranter geworden. Und jetzt? ‚Wir erleben ein Rollback‘, sagt er. Aber das dürfe man nicht zulassen. Es gelte, die Vielfalt zu verteidigen.“ Mit „wir“ meint Miersch die Homosexuellen, die Queeren – und mit Vielfalt deren Macht. Regenbogenfahne statt Deutschlandfahne. Sexualität war einmal aus gutem Grund Privatsache, nun machen Queer- und Homosexuellen-Aktivisten Sexualität zur Machtfrage, auch, um Landesgelder für ein Café zu bekommen.
War Miersch in Bitterfeld, in Leuna, in Buna, war Miersch dort, wo sich die Leute Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen? Miersch war in Halle bei jungen Erwachsenen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea. War Miersch in Magdeburg Neu-Olvenstedt, im Kannenstieg mit hoher Arbeitslosigkeit, bei deutschen Arbeitslosen? Nein, Miersch traf sich lieber so von Funktionär zu Funktionär mit Betriebsräten der Deutschen Bahn. In der Vielfalt des Genossen Miersch haben Arbeiter keinen Platz. Andersdenkende werden in der Demokratur des Genossen Miersch nur als „rechter Mob“ gelistet.
Fehlte bis vor kurzem nur noch einer in der Gigantomachie von Magdeburg, Deutschlands Wirtschafts-Ruinator Habeck. Eine der jüngsten Erfolgsmeldungen, die auf Habecks Werk und Reiches Beitrag zurückgehen, lautet: Jeden Monat verliert Deutschland laut Daten des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) im Durchschnitt ca. 15.000 Industriearbeitsplätze. „Mehr als kritisch“ schätzt VW-Chef Oliver Blume die Lage bei Volkswagen ein.
Bild kann sich vor Begeisterung kaum halten, wenn das frühere Willkommenskultur-Blatt titelt, dass Habeck Biergärten füllt, besser hätte Bild geschrieben, dass Habeck das Bierglas füllt, denn so weit her war es mit seinem Auftritt in der Elbestadt nicht. Deshalb muss kräftig geframt werden. Die WELT titelt sogar backfischhaft: „Jetzt greift Robert ‚The Hottest‘ Habeck in den grünen Anti-AfD-Wahlkampf ein“.
Es heißt, 500 Menschen wären in den Biergarten zu Hotte Habeck, sorry, zu „The Hottest Habeck“ gekommen. Das wäre ein satter Zugewinn von 500 Wählern, wenn die, die zu ihm aus ganz Sachsen-Anhalt pilgerten, nicht ohnehin Grünen-Wähler – wie Karin, die „seit Jahren bei ‚Omas gegen Rechts‘ aktiv“ ist – und Parteileute gewesen wären, eher diejenigen, die irgendwann nach der Wende aus Karrieregründen Dazugekommenen, als die schon länger hier Lebenden. Die Grünen leben vor allem von deren Stimmen, vom Universitäts- und Hochschulmilieu in Sachsen-Anhalt, von den Gutverdienenden. Okay, vielleicht waren auch ein paar Leute zu The Hottest Habeck gepilgert, die die Grünen in Sachsen-Anhalt nicht wählen, aber nur weil die grünen Freunde aus Niedersachsen, aus Baerbock-Land in Sachsen-Anhalt nicht wählen dürfen.
Hatte Miersch den Rosamunde-Pilcher-Ton angeschlagen, so besitzt Pilcher noch faustische Tiefe und sprachliche Eleganz im Vergleich zu dem, was sich nun im Bericht des Tagesspiegel in der Soap „Habeck the Hottest“ abspielt: „Der Start ist schon mal typisch Robert Habeck. ‚Ich bin Robert Habeck und ich stehe nicht zur Wahl‘, sagt der frühere Vizekanzler. Ein Seufzen und ‚Oh‘-Rufe gehen durch den Biergarten in Magdeburg. Vor ihm drängen sich die Menschen an 200 Biertischen direkt an der Elbe, viele Kamerateams umringen ihn.“ Habecks intellektuelle Einschätzung seines Publikums spricht allerdings Bände, wenn er ihnen erklären muss, dass nicht er zur „Wahl“ stünde, denn das glaubt er, dass die das glauben. Wozu wäre er denn sonst hier?
Dabei verdient The Hottest mutmaßlich gerade viel bei einer dänischen Investmentgesellschaft, der er hilft, an deutschen Steuergeldern zu partizipieren. Habeck ist eben ein Patriot, er nimmt alles nur von allen. Interviews gibt Habeck nicht einmal „The Hottest“-Tagesspiegel, sondern fragt dauernd nach der Uhrzeit – bloß weg aus Magdeburg. In Magdeburg warteten ja nur maximal 500 Menschen auf ihn, in Dänemark Tausende, allerdings nicht Menschen, sondern Euros, wie man mutmaßt. Denn über sein Salär als Senior Adviser bei Urban Partners mit Hauptsitz in Kopenhagen spricht Habeck nicht. Warum nicht?
Die Spitzen-Kandidatin der Grünen in Magdeburg bekannt für ihre Sachkenntnis, ihr historisches Wissen und für die Subtilität und Eleganz ihrer Argumentation trötete indessen: „Es wird eine Wahl sein, die darüber entscheidet, ob erstmals seit 1945 ein deutsches Bundesland wieder von Faschisten regiert wird.“ Sie muss es ja aus erster Hand wissen.




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein