Dort die Schildkröte, hier der Hase

China rüstet militärisch, technologisch und geistig auf. In Deutschland singen sie derweil »Wir wollen kein CO2!« … während Arbeitsplätze verloren gehen. Dort Weltmachtstreben, hier selbst auferlegte Strafen.

Sheng Jiapeng/China News Service/VCG via Getty Images
DF-17 Rakete bei der Parade in Peking zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China am 1. Oktober 2019

Der Hase hatte die Schildkröte verspottet, woraufhin die Schildkröte ihn zum Wettrennen aufgefordert hatte. Wir kennen ja die Geschichte, auch wenn wir nicht aus ihr lernen. Der Hase nimmt die Herausforderung an, und sie laufen beide los. Der Hase führt Kunststückchen für die Zuschauer vor, schlägt Purzelbäume und veralbert die Schildkröte, diese aber geht beharrlich einen Schritt nach dem anderen, bis schließlich – wir haben es geahnt! – der Hase erschöpft zusammenbricht und die Schildkröte als erste und einzige über die Ziellinie geht. Ich muss dieser Tage immer wieder an Äsops Fabel denken.

Einsatz von Humankapital

Die Volksrepublik China feiert aktuell den 70. Jahrestag ihrer Gründung. China feiert, unter anderem, mit einer Militärparade, auf der 15.000 Soldaten, 160 Flugzeuge und fast 600 Panzer und Waffensysteme (siehe etwa welt.de, 1.10.2019) die militärische Stärke Chinas sinnlich greifbar machen – und dazu kommen noch besonders interessante Schaustücke:

Chinas Militär führte bei der Parade auch eine neue Hyperschallrakete vor, die offenbar alle Raketenschutzschilde der USA und deren Verbündeten überwinden kann. (welt.de, 1.10.2019)

Man erinnere sich: China arbeitet ja nicht nur an Waffensystemen und beschäftigt sich nicht nur mit Militärparaden – letzteres tut ja immerhin auch Nordkorea. 2011 wurde berichtet, dass China die Weltbank als größter Kreditgeber der Welt überholt hat (n-tv.de, 18.1.2011), und da wird sich Nordkorea eher schwer tun. Vor allem aber: Früher erzählte man sich Geschichten vom Weihnachtsmann, dessen Elfen am Nordpol die Spielzeuge basteln – heute wissen wir, dass diese »Elfen« in chinesischen Fabriken arbeiten, und die Smartphones auch für Deutschlands Jungsozialisten löten, kleben und schrauben. Im Text »Künstliche Intelligenz und Mäusespeck« habe ich skizziert, wie China plant, den Rest der Welt inklusive die USA beim Zukunftsthema Künstliche Intelligenz abzuhängen. Wenn man abschätzen will, wie ernst es China damit meint, kann man ja beim neuen Flughafen in Peking vorbeischauen – und mit den Chinesen über Berlin lachen, wenn auch bitter (siehe welt.de, 25.9.2019).

Zwei Risse überlagern sich
Die USA in ihrer schwersten Krise
Und was lesen wir derweil aus Deutschland? Wir lesen jetzt, dass Carola Rackete (die Seenotrettungs-Kapitänin, welche jüngst Migranten nach Europa brachte, siehe auch »Mit Flipflops auf der Mauer, mit Unbekannten auf dem Meer«), sich jetzt im »Klimaschutz« verdingt. Ist ja auch ungefähr dasselbe, ob man Menschen aus Afrika nach Europa holt, wo sich ihr CO2-Fußabdruck vervielfacht (Deutschland 8,88t, Marokko 1,57t, Syrien, 1,42t, Niger 0,09 – alle Angaben Stand 2016, laut Wikipedia), oder ob man gegen CO2-Ausstoß protestiert. Warum ziehen all die gelangweilten Töchter im Öko-Aktivismus aus gutem Hause nicht gesammelt in die Demokratische Republik Kongo? Dort werden nur 0,03 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr produziert, das Gewissen dürfte dort also so rein sein wie die Luft, und »demokratisch« ist es dort auch, es steht ja im Namen, und was im Namen steht, das ist immer wahr – siehe »DDR« und »Antifa«.

Bei YouTube finden wir das Video der Klimastreik-Bühne in Münster, auf der ein Chor deutscher Damen verschiedener Altersklassen hüpfend in Jeans und Polyesterjacken singt: »Wir wollen kein CO2 mehr!« Ich muss leider wiederholen: Ich sehe keine Brücke zwischen denen, die so etwas für »normal« halten, und denen, die es nicht tun.

China baut seine militärische Kraft aus, entwickelt Zukunftstechnologien mit dem für China typischen Einsatz von Humankapital – in Deutschland wird derweil herumgehüpft und extra laut gesungen, um das Leid der Messeropfer und das Wehklagen über den Abbau von Arbeitsplätzen zu übertönen (aktuell etwa: »Opel beantragt monatelange Kurzarbeit am Stammsitz«, focus.de, 1.10.2019; »Springer baut Jobs ab…«, finanzen.net, 30.9.2019; siehe auch »Mit ›Klimaschutz‹ und Wirtschaftskrise kommt nun der große Stellenabbau«, tichys-einblick.de, 1.10.2019).

Auf Jutebeuteln

Ich weiß nicht, was Menschen in Deutschland antreibt, sich heute zu dieser und morgen zu jener Selbstzerstörung treiben zu lassen. Manche Leute behaupten, dass ein gewisser George S. in den vergangenen Jahren viele Millionen Dollar in Organisationen gepumpt hat, die heute hinter dem »Klimastreik« stehen (siehe newsbusters.org, 26.9.2019), doch selbst wenn das stimmen sollte, ist die Frage nicht geklärt, an welchen suizidalen Trieb der Menschen die Botschaften dieser NGOs andocken können.

Stand der Dinge
Mit "Klimaschutz" und Wirtschaftskrise kommt nun der große Stellenabbau
Es hat in der Geschichte immer wieder religiöse Bewegungen gegeben, die es zum Teil ihres Rituals gemacht haben, sich selbst Qualen und Strafen aufzuerlegen; man kennt sie etwa unter dem Stichwort »Flagellanten« (siehe Wikipedia). Kinogänger kennen ein Beispiel aus dem Film Da Vinci Code (siehe YouTube – vorsicht, brutal), Freunde des gepflegten Humors kennen ein anderes von Monty Python, da mit Brettern vor dem Kopf (siehe YouTube – vorsicht, lustig). Bürger des tolerantesten Deutschlands aller Zeiten kennen das Flagellantentum auch vom Ashura-Fest (es gibt Bilder aus Bonn, die man finden kann, doch für den Moment verlinke ich hier welt.de mit Bildern von rund um den Globus).

Ich weiß nicht, was diese Menschen treibt, die sich selbst bestrafen wollen, gerade heute, wo sie doch wissen können, dass sie dadurch zuerst andere stärken, welche die neuen Deutschländerwerte eher belächeln – diese anderen machen sich ja auch inzwischen offen lustig über Deutschland. Glauben die wirklich, das Betreiben unprofitabler Windräder (für die die Natur zerstört wird, wohlgemerkt) und die Jobs in Genderseminaren und Propaganda-NGOs werden die Zerstörung der Wirtschaftskraft aufhalten können?

Öko-Aktivisten erinnern an einen jener Wundergläubigen, der sich von der Klippe wirft im festen Glauben, sein Gott würde ihn noch retten. Erst wenn die letzte Fabrik geschlossen und das letzte Kraftwerk stillgelegt ist, werdet ihr merken, dass man auf Jutebeuteln keine Hashtags tweeten kann.

Wie bei Aesop

Wir müssen die Fabel vom Hasen und der Schildkröte neu erzählen, in gleichem Geist, aber erweitert.

Der neue Hase ist nicht nur absurd überheblich, wie bei Aesop, sondern auch nur betrunken an seinem eigenen Moralin, mit der Aufmerksamkeitsspanne eines Hamsters auf Energydrink und dem Weitblick einer Eintagsfliege in der Abenddämmerung. Die neue Schildkröte ist derweil einen Meter hoch und eine Tonne schwer, und sie ist auch gar nicht so langsam, wie man meinen könnte.

Das ist das neue Rennen zwischen West-Hase und Fernost-Schildkröte – der Hase spielt verrückt und wird von NGOs geradezu rasend gemacht, die Schildkröte lernt von dem, was der Hase früher richtig und klug machte, doch sie ignoriert und belächelt seinen aktuellen Irrsinn, und geht stur ihren Weg.

Der Süden Europas vor dem Kollaps
Flüchtlingsdeal: Erdogan verlangt einen Nachschlag
In der Fabel schläft der Hase zwar erschöpft ein, aber er erwacht vom Jubel der Zuschauer, als die Schildkröte übers Ziel geht. Das ist die Stelle, an der die Metapher heute nicht greift. Auch heute schon gibt es in den Nationen, für die hier der Hase steht, einzelne Menschen, die nicht schlafen, die seit Jahren davor warnen, »blöd umherzuhüpfen« (metaphorisch wie buchstäblich), doch mächtige Kräfte, teils aus dem Ausland mitfinanziert, verhöhnen, marginalisieren und übertönen die Mahner – die Schildkröte aber, eine Tonne schwer und mit spannenden neuen Waffen auf dem Panzer, stapft weiter.

Noch nicht aufzugeben

Man möchte ja dem ganzen Land zurufen: Seid nicht der Hase! Hört auf, wie irregeworden umherzuspringen, berauscht euch doch nicht dauernd an der Moral, die euch Staatsfunk und zynische NGOs einschenken! Seid lieber wie die kluge Schildkröte und geht euren Weg, einen Schritt nach dem anderen, und habt den Mut, stark zu sein und lieber »Nein« zu sagen, wenn »Ja« zu sagen euch schwächen würde. Ja, man möchte dem Land zurufen, sich selbst noch nicht aufzugeben, doch man wird nur schwer anbrüllen können gegen die Klebers, Restles, Böhmermanns, Reschkes und wie sie alle heißen.

Ich kann nur mir und den anderen kleinen Leuten sagen: Sei wenigstens du selbst nicht der Hase, lerne lieber von der Schildkröte!

Die Schildkröte geht einen Schritt nach dem anderen – und sie trägt ihren Innenhof immer mit sich.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf dushanwegner.com.

Dushan Wegner (geb. 1974 in Tschechien, Mag. Philosophie 2008 in Köln) pendelt als Publizist zwischen Berlin, Bayern und den Kanaren. In seinem Buch „Relevante Strukturen“ erklärt Wegner, wie er ethische Vorhersagen trifft und warum Glück immer Ordnung braucht.

Anzeige
Unterstützung
oder

Kommentare ( 35 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

35 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Alexis de Tocqueville
1 Jahr her

Super, Herr Wegner.

der_chinese
1 Jahr her

Auch mir fehlen immer häufiger die Worte um die Geschehnisse in meiner Heimat zu beschreiben oder zu erklären, zu allererst mir selber. Neulich hat ein Youtuber, eine von FUNK finanzierte Youtuberin auseinandergenommen, bei dem Video ging es um einen Vorschlag(im Bundestag), die Mehrwehrtsteuer von Tampons zu senken. Nach ein wenig Rechnerrei kam man auf einer Ersparnis von nicht ganz 40euro, über das gesammte leben. Zitat einer Interviewten „Man redet ja lieber über Flüchtlinge als über tatsächliche Probleme.“ vollkommen verblendet, es wird hier impliziert 40euro über das ganze lebenverstreut wären wichtiger als über die Flüchtlingsproblematik zu reden. Prost! Der Zug ist… Mehr

Stephan M. Schulz
1 Jahr her

Vielleicht bin ich ein Phobiker, Nein, bin ich wirklich nicht. Aber ich sage: China strebt seit langem die Weltherrschaft an. Wirtschaftlich, militärisch und gesellschaftlich. Wir Deutschen tragen unseren Teil nur allzu gern dazu bei. Auch, weil wir nicht dagegen halten. Deutsche Wirtschaftsunternehmen geben freiwillig Ihre Technologien preis, wenn sie in China mit neuen Produktionsstandorten neue „Märkte“ erschließen wollen. Dann sonnen wir uns in unserer (fast) makellosen -aber letztlich kurzlebigen- Außenhandelsbilanz mit ihren enormen Exportübeschüssen. China übernimmt dagegen immer mehr Technologieunternehmen in Deutschland bzw. sichert sich dort Mehrheiten. Umgekehrt ist das unmöglich. Auch deshalb, weil es kein Deutscher je gefordert hat.… Mehr

Alexis de Tocqueville
1 Jahr her
Antworten an  Stephan M. Schulz

Nö, keine Panik. Weltherrschaft ist die Sache der Chinesen nicht. Dominanz vielleicht. Jedenfalls nicht einmal Hegemonie, außer an geostrategischen Schlüsselstellen. China ist schon immer introvertiert gewesen. Das ist so sehr Teil der chinesischen Kultur, wie die Borniertheit zum Deutschen gehört. Einmal haben sie eine Flotte gebaut, die damals mit Abstand größte der Welt, sind ein bisschen gesegelt und kamen schnell zurück. Flotte eingemottet, das wars. China betrachtet sich selbst als den Mittelpunkt der Welt. Irgendwo steht da sogar eine alte Säule rum, die die Mitte der Welt anzeigt. Und je weiter davon weg, umso barbarischer wird die Welt. Noch nie… Mehr

H. Priess
1 Jahr her

de Tocqueville Danke so sehe ich es auch. Der Unterschied der chinesischen Methode zur westlich Kapitalistischen ist, sie denken strategisch und langfristig während unsere Wirtschaft auf kurzfristige Gewinne getrimmt ist. Die Chinesen wollen auch keine Ideologie verbreiten, das wäre für sie auch hinderlich, sie wollen die Reccourcen anderer Länder nutzen ohne sich dabei in politischen und kulturellen Machtspielchen zu verlieren. Bis jetzt ist mir kein Land bekannt, welches sich über die Chinesen beschwert.

Gisela Fimiani
1 Jahr her

Wenn man eine Demokratie geschenkt bekommt, in der man jahrzehntelang verwöhnt wurde, bedurfte es des erwachsen Werdens nicht. Heute sehen wir, wie kindische Menschen, die, weil sie die Voraussetzungen und die Bedeutung einer freiheitlich bürgerlichen Gesellschaft nie verstehen mussten, an kindische Utopien glauben.

benali
1 Jahr her

„Ich weiß nicht, was Menschen in Deutschland antreibt…“

Vielleicht ist das die Antwort:

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken
Verderblich ist des Tigers Zahn
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn…

Judith Panther
1 Jahr her

Wir sind gerade Zeugen, wie ein Teil des deutschen Volkes „Erweiterten Suizid“ begeht während der andere Teil, der mit dran glauben muß, sich die Haare rauft und sich fragt, was mit denen nicht stimmt. Nur die Kombination aus Stockholm-Syndrom und Masochismus als Folge eines Schuldkonfliktes könnte m.E. erklären, wie es möglich ist, daß eine Horde Irrsinniger den Untergang ihrer eigenen Nation bejubeln, ihre eigene Vernichtung welcome-heißen, daß sie es nicht erwarten können, dem alttestamentarischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn …“ in einem furiosen Finale jetzt endlich auch ein „Volk um Volk“ hinzuzufügen.

Oblongfitzoblong
1 Jahr her

Danke für dieses schöne Bild der beiden Staaten. Während Deutschland vor lauter Anmaßung und Hybris kaum noch geradeaus laufen kann, erledigen andere Länder, wie z.B. China und die USA ihre Hausaufgaben. Realität ist nur eine Chimäre für unsere Regierung, der Kantersieg der Bayern bei Tottenham wird das deutsche „Selbstbewusstsein“ in ungeheure Höhen heben, und wir haben schließlich unsere Genderforschung!

Karl Napf
1 Jahr her

Wenn schon Deutschland mit einem Hasen verglichen wird, dann aber ist das ein Hase, dem man das Fell abgezogen hat und dem ein Lauf fehlt. Mehr an Leistung zeigen wir gerade nicht.

Eloman
1 Jahr her

Ich würde gerne mal wissen, ob auch Gelder aus China an die Selbstzerstörungs-NGOs gehen, so wie früher der KGB die „Friedensbewegung“ finanziert hat.

Alexis de Tocqueville
1 Jahr her
Antworten an  Eloman

So kommt unsere Entwicklungshilfe zurück.

Gerd M
1 Jahr her

Man möchte manchmal gar nicht glauben, dass wirklich real ist was hier passiert und was für unglaublich dumme ferngesteuerte Menschen es gibt, aber es ist real. Beängstigen.