Der Fall Lindsay Clancy ist zum Psychogramm eines Milieus geworden, das selbst Kindsmord noch in Selbsterfahrung verwandelt. Unter „Same, Lindsay“ erklären zigtausende Frauen ihre Sympathie und Nähe zu einer Mutter, die ihre drei Kinder tötete. Und machen daraus einen Kult um die eigene Psyche. Es ist der vorläufige Tiefpunkt eines nach unten offenen „white liberal women"-Abgrunds.
picture alliance / AP Photo/Josh Reynolds
Der Prozess gegen Lindsay Clancy nähert sich in Massachusetts seinem Ende. Die Verteidigung hat am Freitag ihre Beweisführung abgeschlossen, die Staatsanwaltschaft begann mit dem Aufruf von Gegenzeugen. In der kommenden Woche sollen dann die Schlussplädoyers folgen. Über eine Tatsache wird dabei nicht gestritten: Lindsay Clancy tötete am 24. Januar 2023 ihre fünfjährige Tochter Cora, ihren dreijährigen Sohn Dawson und den acht Monate alten Callan im Keller ihres Hauses in Duxbury. Sie strangulierte die Kinder mit Fitnessbändern und sprang anschließend aus einem Fenster. Seitdem ist sie von der Hüfte abwärts gelähmt.
Die Geschworenen müssen eine andere Frage beantworten: War Clancy für ihr Handeln strafrechtlich verantwortlich? Ihre Verteidigung führt eine postpartale Psychose an. Ein von ihr aufgebotener forensischer Psychiater erklärte vor Gericht, Clancy sei am Tag der Tötungen psychotisch gewesen und habe eine Stimme gehört, die ihr befohlen habe, die Kinder zu töten. Ein Sachverständiger der Anklage kam zu einem anderen Ergebnis. Er diagnostizierte eine schwere Depression, sah jedoch keine hinreichenden Hinweise auf eine Psychose oder bipolare Störung, die Clancy die Fähigkeit genommen hätten, Recht und Unrecht zu unterscheiden.
Private Paralleljustiz
Das zu klären und in ein Urteil zu gießen, ist eine Frage der Geschworenen und des Gerichts, wo seit Wochen Zeugen gehört und Akten ausgewertet werden. Da online heutzutage jeder Anwalt und Richter in Personalunion ist, ist ein erheblicher Teil von Clancy Schuldfähigkeit überzeugt, will sie teilweise gleich auf dem elektrischen Stuhl oder ohne Umweg in der Hölle sehen. Ein anderer, nicht unerheblicher Teil, besteht fast ausschließlich aus „white liberal women“, die sich unter dem Hashtag „Same, Lindsay“ versammeln und sich mit der Kindsmörderin solidarisieren.
„White liberal women“ ist im amerikanischen politischen Sprachgebrauch eine spöttische Chiffre für ein bestimmtes urbanes, linkes, akademisch geprägtes Milieu: moralisch maximal aufgeladen, therapeutisch dauerbeschäftigt mit der eigenen Befindlichkeit und ständig auf der Suche nach neuen Formen öffentlicher Betroffenheit. Der Begriff zielt auf jene Haltung, in der persönliche Gefühle zum politischen Maßstab werden und demonstrative Empathie zum sozialen Statussymbol.
Unter „Same, Lindsay“ hat sich rund um den Prozess eine jetzt eine absolut groteske Form digitaler Identifikation entwickelt. Frauen filmen sich mit ihren eigenen Kindern auf dem Schoß, im Arm, wiegen Babys vor der Kamera und blenden Sätze aus Clancys Tagebuch ein. Sehr viele weinen dabei. Am Ende steht die Botschaft: mir geht oder ging es ganz genauso, Lindsay. Aus den persönlichen Aufzeichnungen einer Frau, die drei Kinder getötet hat, wird Material für die eigene Selbstdarstellung gezogen.
Als sich weiße Frauen in allen möglichen obskuren und grotesken Situationen wie im Krankenhaus am Totenbett des Großvaters tanzend und mit Untertiteln präsentierten, hat man noch den Kopf geschüttelt, was mit diesen Frauen nicht stimmt. In der aktuellen Debatte um „Same, Lindsay“ und in diesem Ausmaß ist das allerdings nicht mehr möglich.
— I Meme Therefore I Am 🇺🇸 (@ImMeme0) August 20, 2026
Dabei bleibt es längst nicht bei der Aussage, man kenne Erschöpfung oder psychische Krisen nach einer Geburt. Eine Frau veröffentlichte sinngemäß, sie habe eine Nachbarin bitten müssen, ihr Kind zu baden, weil sie selbst befürchtet habe, es zu ertränken. Solche Gedanken werden öffentlich vorgetragen wie Ausweise einer besonderen Mutterschaftserfahrung. Der intimste und erschreckendste Gedanke wird zur Eintrittskarte in eine obskure digitale Gemeinschaft. Andere Frauen filmen sich beinahe lustvoll beim Ausflippen gegen Türen und Gegenstände, beim Schmettern von Eiswürfeln in Badewannen, stellen ihr aufzeichnendes Smartphone neben sich aufs Klo, wo sie auf der Klobrille heulen und danach ihr nebenan stehendes, von dieser Szene verstört dreinblickendes Kleinkind umarmen.
Frauen filmen sich halb aus Fenstern hängend, um Clancys Unschuld zu demonstrieren. Andere erklären ihren damaligen Ehemann Patrick zum eigentlichen Täter. Für eine Beteiligung Patrick Clancys gibt es keine bekannten Belege; er war derjenige, der nach seiner Rückkehr den Notruf absetzte. Eine Nutzerin behauptete sogar, sie habe geträumt, Patrick habe seine Tochter Cora missbraucht, und leitete daraus Unterstützung für Lindsay Clancy ab.
Gerichtsgutachten sind für diese Sorte Wahrheitsfindung unnötiger Formalismus. Manche Nutzerinnen haben Clancy öffentlich zur Siegerin des noch laufenden Prozesses erklärt. Wie sie seinerzeit wussten, dass Amber Heard und Christine Blasey Ford die Reinkarnation der Wahrheitsgöttin sind und ihren Worten ohne jeden Zweifel Glauben zu schenken ist. Andere hingegen bemühen die Astrologie: Clancy sei Löwe, und nach den Regeln der Astrologie könne sie die Tat deshalb nicht begangen haben. Diese Liste an grotesken Auswüchsen ist unendlich lang. Bei Interesse in den Abgründen von TikTok zu besichtigen.
Überbordende Solidarität mit dreifacher Kindsmörderin
Die Dimension ist dabei noch deutlich größer als einige besonders bizarre Videos. Rund um den Fall hat sich eine enorme digitale Öffentlichkeit gebildet. Nach Angaben des „CT Insider“ wurden auf TikTok inzwischen mehr als 164.000 Videos unter dem Hashtag „#clancy“ veröffentlicht; selbstverständlich sind längst nicht alle davon Solidaritätsbekundungen. Auf Facebook versammelt die Gruppe „We Are Lindsay Clancy“ tausende Frauen. Vor dem Gerichtsgebäude demonstrierten in dieser Woche außerdem hunderte Unterstützer, viele von ihnen in pink gekleidet, die dem vorbeifahrenden Van, der Clancy ins Gerichtsgebäude transportiert, mit Händen geformte Herzen zuwerfen. Dieser Anblick sprengt einem schlicht die Schädeldecke weg.
Auch Geld fließt in beträchtlichem Umfang. Ein Spendenaufruf zugunsten von Clancys Eltern hatte bereits Mitte August mehr als 800.000 Dollar gesammelt. Der „Spectator“ berichtete wenige Tage später von einer Summe nahe 900.000 Dollar und mehr als 27.000 Spendern. Ein weiterer von einer TikTok-Nutzerin initiierter Fonds soll ebenfalls mehr als 900.000 Dollar aus fast 30.000 Spenden eingesammelt haben.
Eine postpartale Psychose ist eine schwere Erkrankung. Genau deshalb werden Sachverständige in den Zeugenstand gebeten und streiten anhand konkreter Befunde darüber, ob Clancy darunter litt und welche Folgen dies für ihre strafrechtliche Verantwortlichkeit hatte. Die TikTok-Version benötigt diese Mühe nicht. Dort reicht das eigene Gefühl als Gutachten.
Um Clancy kümmert sich das Gericht. Aber es muss definitiv darüber gesprochen werden, was wir hier gerade darüber hinaus passiert. Frauen stellen sich zu tausenden freiwillig oft mit einer Art Nervenzusammenbruch vor eine Kamera und hinterlassen dauerhaft auffindbare Aufnahmen, in denen sie mehr oder weniger offen schildern, ebenfalls an die Tötung ihrer eigenen Kinder gedacht zu haben. Aussagen, die außerhalb sozialer Medien höchste Besorgnis auslösen würden, werden auf TikTok zum Beweis besonderer Empathie und zur Eintrittskarte in eine digitale Glaubensgemeinschaft.
Mutterschaft kann überfordern, und gerade nach einer Geburt können Frauen psychisch schwer aus der Bahn geworden werden. Rund um Lindsay Clancy wird daraus im Netz inzwischen allerdings eine viel bequemere Geschichte gestrickt: die alleingelassene Mutter, der niemand das Baby auch nur für eine Stunde abnimmt. Nur passt dieses konstruierte Bild nicht zu ihren tatsächlichen Lebensumständen. Ihr Mann arbeitete seit Jahren im Homeoffice. Die Familie beschäftigte eine Nanny, die an drei Vormittagen pro Woche vor allem das Baby betreute und zusätzlich im Haushalt half. Als sich Clancys Zustand verschlechterte, reisten ihre Eltern aus Connecticut für mehrere Tage am Stück an, um bei den Kindern zu helfen; auch Patricks Eltern sprangen ein.
Das macht eine schwere psychische Erkrankung nicht weniger real. Es macht allerdings die soziale Legende, die hier aufgebaut wird, mehr als bemerkenswert (nicht in guter Form), die nun tausende fremde Frauen inzwischen auf Clancys Fall projizieren. Denn selbst eine Frau mit Ehemann im eigenen Haus, bezahlter Kinderbetreuung und regelmäßig einspringenden Großeltern wird nachträglich zum Symbol einer armen Mutter verklärt, die von ihrer Umgebung vollkommen im Stich gelassen wurde. Die Realität verschwindet hinter einer Erzählung, in der möglichst viele Frauen sich selbst wiedererkennen wollen.
Permanente Enthemmung der „white liberal women“
Wenn Ihnen jemand im privaten Kreis eine Mutter erzählt, sie habe ernsthaft daran gedacht ihr Kind zu ertränken – reagieren Sie da mit zustimmendem Nicken oder Weinen oder mit erhobenem Daumen? Nein, Sie würden sich begründete Sorgen um das Wohl des Kindes und das der Mutter machen und Hilfe organisieren. In den sozialen Medien wird dieselbe Aussage zum emotionalen Leistungsnachweis: Seht her, auch ich war so nah am Abgrund, also verstehe ich Lindsay besser als ihr.
Früher hätte schon der Wunsch, als gute Mutter wahrgenommen zu werden, eine solche öffentliche Selbstdarstellung verhindert. Heute besteht für viele die größere Angst darin, überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Lieber präsentiert man sich vor millionen Fremden als Wrack, als für einen Abend im digitalen Nichts zu verschwinden.
Am nächsten Tag supported man das nächste ‚current thing‘ mit vollem Eifer, mit erhobener Faust, tanzend, weinend, nervenzusammenbrechend. Zum Beispiel beim Recht auf Abtreibung/Tötung des Kindes bis kurz vor der Geburt. Beim Gutheißen von Mord an politisch mißliebigen Personen. Beim Ruf nach totaler sozialer Vernichtung von Andersdenkenden. Bei einer unendlichen Abfolge totalitärer, abstruser Ideen, ohne jedes Maß, ohne jede Mitte.
Enthemmung ist das Wort. „White liberal women“ sind dabei die ganz entscheidenden Treiber, in jedem Bereich. Vor allem im Niedergang des Westens.
Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.


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Fräulein Taxidis versteht offensichtlich keineswegs den Hintergrund: De „mentale Dauerkrise“ der sogenannten „emanzipierten Frauen“ speist sich aus deren Orientierungslosigkeit, die sich wiederum durch das Fehlen starker Männerarme, die Frauen halten, ergibt, da Frauen – geschlechtsspezifisch – vor dem Problem stehen, adäquat eine Situation einzuordnen, das der Informatiker Hartmut Danisch gut beschrieb: „Frauen sind Sozial- und Sympathiemaschinen, und sehr viele von denen hat man im Sack, wenn man ihnen schön daherkommt (–) und ihnen die zu ihrem Weltbild passende Story auftischt, egal wie absurd und offensichtlich erfunden. Prinzip Heiratsschwindler. Viele Frauen glauben alles. Warum? Es gibt – ich hatte den vor… Mehr
Die eigentliche Frage lautet: Warum darf so etwas wählen?
Wer sich mit einer dreifach-Mörderin von drei Kindern solidarisiert sollte die gleiche Haftstrafe wie die Mörderin bekommen!
Diese Frauen verrennen sich gegen das Spiegelbild ihrer Herkunft.
Nur wunde Tiere greifen das eigene Rudeln an!
„Männer mögen Welten bauen; es steht und fällt ein Volk mit seinen Frauen“
Friedrich Schiller
Natürlich bringt einen die Mutterschaft oft an die eigenen Grenzen, dass liegt in der Natur der Sache und ist bei fast allen so. Aber doch nicht immer und dauernd, die Liebe zu den eigenen Kindern und die wunderschönen Momente überwiegen doch in den allermeisten Fällen. Warum ist diese Person nicht einfach gegangen oder hat psychologische Hilfe in Anspruch genommen? Warum haben der Ehemann und die Großeltern alle Zeichen, die es mit Sicherheit vorher gab, ignoriert? Nicht bei allen ist der Egoismus so dermaßen ausgeprägt, dass sie (oder er) dann zu solch verwerflichen Taten schreitet. Wenn jemand seine Kinder umbringt und… Mehr
Das ist doch der Bundesstaat, in dem Abteibung über die 24. Woche hinaus legalisiert wurde. Abtreibung über die Geburt hinaus. Das nächste Ziel für Massachusetts?
Diese Entgrenzten können froh sein, dass Tierschutzgesetze – so es sie denn in den USA gibt – nicht für Menschen gilt.
Ich hoffe, diese Welle kommt niemals in der EU an.
Eine egozentrische Bilderbuchsoziopathin wird von anderen Bilderbuchsoziopathinnen darin unterstützt die Opferkarte zu spielen. Selbstbezogenheit und Verantwortungslosigkeit, die zwei Grundpfeiler des modernen Feminismus.
Das erinnert mich an den Ausspruch der Mutter der Protagonistin in „Schokolade zum Frühstück“ und zwar direkt vor ihr, könnte sie sich nochmals entscheiden, würde sie sich gegen Kinder entscheiden. Ich sage ja nicht, man dürfe das nicht denken oder im geeigneten Moment dem Therapeuten anvertrauen, das ist menschlich. Aber wenn sie denn da sind, darf man sie nicht töten und ich denke, das sollte jetzt wirklich jeder verstehen können. Solidarität mit einer Kindsmörderin? Sie hätte sie noch immer zur Adoption freigeben können.
Sie haben das Thema nicht verstanden, Justine N., es geht darum, dass sich hier Frauen mit der Täterin solidarisieren.
Feminismus, liebe Leute. Feminismus.
Ich sage es schon seit über zehn Jahren: Der Gedankeninzest gewisser US-Amerikanischer Ideologien, von Anti-Weißem Rassismus, Klimawahn, bis „Handmaid’s Tale“-LARPender Feministen, wird uns in Zukunft zu extremistischen Strömungen führen, die ganz offen sagen, das Kinder zu bekommen etwas bösartiges sei, etwas „faschistisches“ und deshalb Gewalt bis hin zum Mord (an Abtreibungsgegnern, Neu- und Ungeborenen) legitim seien.
Die feministischen Reaktionen auf Clancy sind auf diesem Langen Marsch der gesellschaftlichen Degeneration die „Letzte Meile“.